Von der Möglichkeit zur Flucht

Ach, hätte ich sie doch nicht gelesen, die Feuilletongeister, die jedem anderen Buch nur einen kümmerlichen Platz in kurzen Rezensionsnotizen zugestehen. Die Skandalerzeugnisse der zeitgenössischen Literatur, die die Öffentlichkeit auf einmal wieder auf die Sprengkraft von Büchern aufmerksam machen, Katalysatoren erhitzter Debatten sind, Verlage reich und glücklich machen und das Geplänkel weinseliger Abendgesellschaften zu einer intellektuell anmutenden Diskussionskultur anregen.

Jetzt sollte man meinen, die in meinem Freundeskreis einziehende Buchclubkultur sollte mir als Literaturstudentin Grund zur Freude bereiten. Schließlich sind selbst die Gespräche junger Akademiker nicht selten von persönlichen Banalitäten beherrscht. Doch hält sich ein Thema erst einmal wochenlang in den Kulturteilen der überregionalen Printmedien, macht auch vor Vertreten der audio-visuellen Kulturkritik nicht mehr halt und wird schließlich noch von einem wahlweise prominenten, jungen, achselbehaarten, polemischen, jüdischen, nymphomanischen- im besten Falle alles vereinenden- Zugpferd angetrieben, kommt auch der Maschinenbaustudent auf der Suche nach den aktuellen Bundesligatabellen nicht mehr an den reißerischen Titeln der Feuilleton-Schöngeister vorbei.

Schweinische Artikelüberschriften wie „Oh Muschilein!“ oder Wortmonster wie „Germany’s Next Autoren-Topmodel“ sind Schuld daran, dass ich bestimmte Bestseller einfach nicht mehr ignorieren kann, ob ich möchte oder nicht. Vampirtrilogien oder Reiseberichte prominenter Komiker kann ich mit Kommentaren wie „neokonservativer Kleinmädchenschund“, „hat meine Oma auch gelesen und war ganz begeistert“ quittieren und genüsslich auf meinem hohen Ross sitzen bleiben, während sich die Diskussion wieder seichteren Themen zuwendet.

Doch Büchern, die wirkliche Skandale auslösen, kann man sich nur schwer entziehen. Auf einmal reden alle davon. Oder besser darüber. Denn was ein richtiger Skandal ist, dessen Lebenszyklus beschränkt sich nicht auf eine Diskussion, auf das simple Spiel von Pro und Kontra. Stehen zu Beginn noch literarische Qualität oder inhaltliche Relevanz zur Diskussion, erschöpft sich der literaturkritische Schlagabtausch irgendwann in Meta-Diskussionen über Plagiatsvorwürfe, Marketingeffekte von Tabubrüchen, Persönlichkeitsrechte , Antisemitismus, Pornographie oder Atheismus . Die Halbwertszeiten dieser Skandale verlängern sich durch die sich daraufhin anschließende Post-Meta-Diskussion: Was soll der ganze Hype, wird dann gefragt. Warum der ganze Hype, wird philosophiert. Ignoranz ausgeschlossen. Wer sich nach ein paar Wochen vom Boom distanzieren will, schreibt darüber, warum alle drüber schreiben müssen. Selbst in der Abkehr gibt es kein Entkommen.

Spätestens jetzt sollte ich eine Meinung haben, kann ich mich doch schon lange nicht mehr durch den Verweis auf vermeintliche Trivialität retten. Es wird Zeit, die intellektuellen Steigbügel zu finden, um von meinem hohen Ross herunterzusteigen.
Sollte ich es trotzdem nicht schaffen, das vielbesprochene Buch in kürzester Zeit zu lesen- sei es weil der Dussman-Büchertisch leer, weil ausverkauft ist, was eine gute Ausrede wäre aber leider nie vorkommt; sei es weil mein innerer Widerstand sich einfach nicht zu einer Einsicht behypen lässt- habe ich nur zwei Möglichkeiten:

1) Ich finde die Steigbügel tatsächlich nicht, falle unsanft von meinem hohen Ross und lande unweigerlich im Schlamm der überspielten Ahnungslosigkeit, von dem
ich mich durch wahlloses Herbeizitieren des Feuilletonmachtkampfes leider nur schlecht reinwaschen kann.
2) Ich bleibe im Sattel einfach sitzen, ändere die Trabrichtung und greife nach einem Buch in meinem Regal, das ich schon längst einmal lesen wollte. So entfliehe ich dem Teufelskreis von Meinung, Gegenmeinung und sich selber eine Meinung bilden, durch antizyklisches Lesen. Vielleicht würde sich dabei sogar die verspätete Lektüre eines älteren Skandalwerkes lohnen. Es hätte den Vorteil, mit einer gewissen Gelassenheit an dieses Werk herangehen zu können. Was nicht alle lesen, muss ich nicht zwangsläufig kommentieren. Womöglich komme ich dabei sogar noch in den Genuss eines richtig guten Buches. Dann kann ich eventuell sogar überraschend mit einem längst vergessenen Zitat glänzen. Natürlich nur, wenn ich möchte.

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