Warum man junge Literaturzeitschriften nicht lesen kann

Ich bin die Zielgruppe. Ja, ich interessiere mich für junge Literatur, ja, ich entdecke gerne Abseitiges und Ungewöhnliches, und ja, ich will JETZT schon lesen, wer nächstes Jahr den Open Mike gewinnt und übernächstes Jahr seinen ersten Roman veröffentlicht. Also greife ich zu Literaturzeitschriften. Die von der Sorte jung, innovativ und experimentell, versammelt unter junge-magazine.de.

Sie tragen klangvolle Namen wie “BELLA triste”, “sprachgebunden”, “lauter niemand” oder “Krachkultur”, sie werden von ambitionierten Machern in Bremen, Hildesheim, Leipzig und Berlin herausgegeben und sie erleben begeisterte Zustimmung in den Feuilletons. Jedoch: Spaß macht das Lesen der jungen Literaturzeitschriften nicht.

Zunächst einmal ist da das Layout. Mit allem hatte ich gerechnet, nicht aber mit einem Hang zum Minmalistischen, zu mehr oder weniger trockenen Bleiwüsten. “Wir sind schlichter als schlicht”, scheinen “EDIT” und Konsorten zu rufen, “kein unnötiger Firlefanz, hier steht der Text im Mittelpunkt.” Text im Mittelpunkt, schön und gut, aber muss das aussehen wie “Sinn und Form Reloaded”? Nimmt man sich nicht damit die Möglichkeiten einer Zeitschrift?

Mühsam ist das Lesen. In jedem Magazin finde ich etwa ein bis zwei Texte, denen ich etwas abgewinnen kann. Zum Großteil finde ich keinen Zugang, als verberge sich ihr Sinn hinter einem schweren dunklen Vorhang der Intellektualität. Da gibt es den literarischen Essay, dessen Potential hier angeblich ausgeschöpft wird (mich ERschöpft das eher), da gibt es experimentelle Dramen, Gespräche und Monologreihen – Formen, die nirgendwo sonst zu lesen sind (zu Recht?), da gibt es Kurzprosa und Gedichte, die bestimmt etwas wichtiges zu sagen haben – mir aber nicht. Besonders anstrengend bei all dem: die permanente Reflexion des eigenen Schreibens, die fühlbar in den meisten Texten mitschwingt.

Bin ich überhaupt das Zielpublikum? Sind nicht doch eher elitäre Zirkel gemeint, geheime Kreise des Literaturbetriebs, zu denen der durchschnittliche Literaturinteressierte einfach keinen Zugang hat? “Es wäre falsch”, schreibt die “EDIT” im Editorial des aktuellen Hefts, “die Texte dieser Ausgabe als ‚schwierig’ abzutun, als würden sie nicht den Anspruch erheben, verstanden werden zu wollen.” Möglich, dass die Texte diesen Anspruch haben – ich kapituliere.

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Über Franziska Schramm

Jahrgang 1985, Studium der Kommunikationswissenschaft und der Literaturwissenschaft (B.A.), seit 2009 Studium der Angewandten Literaturwissenschaft (M.A.).
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26 Antworten

  1. Liebe Leserin von Literaturzeitschriften! Du bist auf jeden Fall die Zielgruppe… Und daher würde ich gerne wissen, wie für dich eine ideale Literaturzeitschrift aussehen sollte? Welche Art von Texten sollten vorkommen? Welche Autoren? Welche Themen -- wenn nicht Metapoetik?

    Und könnte es nicht sein, dass der grafische Minimalismus der Zeitschriften (Edit ja eigentlich nicht unbedingt, sie drucken auch Kunststrecken) dem doch eher geringen finanziellen Spielraum solcher Zeitschriften geschuldet ist?

  2. Sinn uns Form Reloaded. Sehr schön!

    Metapoetik interessiert ja leider nur Leser, die selbst mit oder an Texten arbeiten. Damit bleibt man unter sich. Das ist schade und fast ein wenig abgehoben.

    Wer zum Lesen animiert, kann dann auch auf weitere Förderungsmöglichkeiten schielen.

    Aber das ist natürlich alles recht vage.

  3. Vor allem würde ich mir wünschen, dass von Seiten der Zeitschriften ein wenig offener mit Inhalten im Internet umgegangen wird. Mehr Leseproben und weniger Selbstbeweihräucherung in Form von Pressestimmen etc.

    Wenn alte Ausgaben vergriffen sind, und man sich trotzdem zu fein ist, um ein PDF zur Verfügung zu stellen, und sich damit seiner Leserschaft noch mehr verschließt, dann kann ich das einfach nicht nachvollziehen. Lust auf Lesen macht mir das nicht. Ich will (für teilweise bis zu 10€/12€) keine Wundertüte bestellen, von der mir am Ende vielleicht ein Text gefällt.

  4. Natürlich sind die jungen Literaturzeitschrift immer in ihrer Existenz bedroht. Daher ist das minimalistische Layout vermutlich auch dem fehlenden Geld zu schulden. Ausgerechnet die Edit ist aber ein interessantes Beispiel: Zum 50. Jubiläum ist die Edit in neuem Layout erschienen -- und mir erscheint es noch “bleiwüstiger” als das zuvor. Ist das eine Art von Ästhetik, die für Kinder der bunten Medienwelt einfach fremd erscheint? Läuft das (bewusst) unseren Sehgewohnheiten entgegen?

    Ich würde mir Literaturzeitschriften wünschen, die ich einfach gerne in der Hand halte, mit Texten, die mir zugänglich sind. Welche Autoren ich mir wünschen würde? Keine Ahnung, im Idealfall lerne ich sie ja erst durch die Literaturzeitschrift kennen : )

    Gibt es hier denn keine Liebhaber, die eine Literaturzeitschrifte empfehlen könnten? Im deutschsprachigen Raum soll es mehr als hundert Literaturzeitschriften (http://de.wikipedia.org/wiki/Liste_deutschsprachiger_Literaturzeitschriften) geben -- eigentlich müsste man früher oder später fündig werden.

  5. Vorschlag:einen litaffin-Preis für die beste Literaturzeitschrift ausschreiben! Erst die Vorschläge sammeln, dann alle abstimmen lassen! Der Gewinner erhält eine litaffin-Layout-Beratung. ;)

  6. Also ich bin auch nicht SO wahnsinnig am schreibschreiben interessiert. mir kommt das immer so vor, wie beim hiphop, wo man nur indem man sagt, dass man jetzt die krassesten rhymes von allen hat, denkt, man hätte sie damit schon vorgeführt. bizarr. dieses poetikgesülze nimmt einfach groteskeske formen an, jeder emailfurz oder statuskommentar wird schon als diskurs verkauft (aber zum thema lyrikdiskurs steigere ich mich jetzt nicht rein! nein, nicht.) … und für die poetikfragerei gibt es entsprechende magazine (Intendenzen bspw.)

    ich kann so richtig (aus leserleidenschaft) KEINE literaturzeitschrift empfehlen, jede hat vor- und nachteile: vielleicht probiert ihr ma den “poet”(poetenladen) ohne gewähr allerdings.

    noch zwei namen:
    taschentiger (trash -- underground, bisher 1 heft, für trash-fans eine echte empfehlung), belletristik (bisher 9 hefte oder so -- sehr hübsch!!! die textauswahl ist allerdings nicht immer zu genießen)

    ansonsten schließ ich mich dem artikel fast uneingeschränkt an. zumal ich nikolas argument, das design hätte mit mangelnden finanziellen mitteln zu tun, nicht teilen kann, denn bspw. die bella triste ist (mir) einfach zu wenig literaturdesign und zuviel designdesign -- klar -- das muss eh nunmal jeder selbst wissen, was er/sie mag.

    die “lose blätter” sache war toll, schlicht und gut!

    aber: keine angst, es wird immer wieder neue hefte/magazine geben, neue ansätze, neue feind- und freundbilder.

    mein tipp: selbst eine gründen, alles anders, endlich besser machen :)

  7. @tom: was ist denn bitte literaturdesign und designdesign? ich persönlich empfehle noch das forum der 13, http://www.forum-der-13.de/, ein literaturblog aus der zeit, als man noch gar nicht über blogs geredet hat. manchmal nervig, aber oft auch voller wundersamer texte und fotos in einem absolut simplen design. wie einst ein architekt zu mir sagte: schön muss nicht teuer sein -- da geb ich dir also auch recht, tom.

  8. Nein -- es tut mir nicht leid, das ich einem Artikel von jemanden, der sich angeblich fuer Literatur -- also Inhalte interressiert und diesen gleich mit dem Markgeschrei beginnt -- “Ich bin die Zielgruppe” -- nichts abgewinnen kann. Kritik an Form und Inhalt von Literaturzeitschriften finde ich ja ganz toll -- aber wenn man(n) oder Frau sich selber nicht entbloedet daherzugestehen, das sie mit den meisten Texten -- also wohl dem Inhalt -- eh nichts anfangen kann, weil sich sich ihr Sinn hinter einem schweren dunklen Vorhang der Intellektualität verberge (was fuer ein gottverdammt inflationaerer Umgang mit diesem Wort in einer Zeit, wo Fussballspieler als solche bezeichnet werden), mag ich derlei Kritik nicht mehr allzuernst nehmen. Mag ja sein, das du zur “Zielgruppe” gehoerst, das bedeuted aber nicht, das du Sie bist. Das sind doch meines Erachtens nach eher Leute, die sich beim Lesen, weil Sie eben lesen, seltener “intellektuell” ueberfordert als unterfordert sehen, und dort Ihre Kritik auch anbringen. Ich empfehle eine schmucke Handtasche mit dem coolen Logo “Literaturzeitschrift” drauf -- da magst du dann reinpacken -- was dich nicht ueberfordert und empfehle mich in diesem Sinne.

  9. hehe, ich dachte schon, nikola wär die metroproletin :)

    dennoch: die befremdung, die viele der jungen und alten magazine im “echten” leben auslösen, dieser abwehr impuls, den darf man schon thematisieren, herr prolet :)

    zumal dieser impuls MIR nicht fremd ist, ich aber durchaus interessiert bin, auch “schwierige” (herrgottnocheins!) texte und konzepte wahrzunehmen. am schwierigen ist ganz grundsätzlich (literarisch wie auch heftlich) unerläßlich: dass es lohnt, sich dem auszusetzen!

  10. Wenn der Pöbel die Literatur nicht versteht, mag der Pöbel bittschön draussen bleiben, wenn´s recht ist.

  11. Es gibt so wenig den Pöbel, wie die Literatur. Und deshalb gibts ja zum Glück auch Meinungen und Diskussionen. Danke, die Herren, für eure.

  12. Also ich war ziemlich froh, dass ich die 50er-Ausgabe der EDIT heute am Bonner Hauptbahnhof kaufen konnte.

    Dass diese Ausgabe wegen des Jubeljahres vielleicht gerade etwas (mehr) den Fokus Richtung Text rückt, ist möglich und wäre logisch, aber kein Grund, Federhandschuhe zu sehen. Die bisherigen Ausgaben, die ich habe, sind in meinem Augen nicht steril oder bleiern; die aktuelle auch nicht. Aber das ist jetzt Meinungsbockspringen.

    Nur hat jede Literatur-Zeitschrift eben ein eigenes Konzept und eine eigene Ästhetik. Ob die mit meinen Vorstellungen Händchen halten können oder mögen, muss ich eben herausfinden. “Seine” Zeitschrift für Gegenwartsliteratur lässt sich genau so finden, wie man “seine” Tageszeitung findet.

    Wenn Du auch andere Ausgaben der EDIT gesehen hast, um sagen zu können, dass Du damit nicht unbedingt unter der Dusche stehen magst, nun, dann ist das leider so.

    Ich lese jedoch zum einen nur etwas von der aktuellen Ausgabe der EDIT, zum anderen eben nichts weiter von den Magazinen, die noch eingangs erwähnt werden.

    Was ist mit denen denn, wenn Du von “und Konsorten” sprichst? Gerade BELLAtriste oder [sic] zum Beispiel geben doch schon mal illustratorisch das, was Du ad hoc bei einer Zeitschrift (aber für alle?) monierst. Hier wird mir schlicht nicht klar, wie und warum Du per se alle ‘jungen’ Magazine flugs verbal rasierst, wenn ich zu den anderen Heften keine näheren Angaben und Auslassungen habe. Mitunter hast Du aber auch nur ungünstig gekürzt oder ich steh’ auf dem Weinschlauch.

    Und weg vom schnöden Paintball der Optik: Dass sich Texte mit Intellektualität gegen ihr Verstehen wehren (wie manche mit Händen und Füßen gegen ein Photo ankämpfen, um nicht die Seele zu verlieren), sich (einem) bewußt verstellen wollen oder dass gar die Autoren/Autorinnen möglichst solange die Fußnoten bei Wikipedia collagieren, bis hoffentlich nur der “elitäre Zirkel” weiß, dass wieder ein Freimaurer-Special bei “Galileo Mystery” lief, halte ich -- mit Verlaub und bei aller blödelhaften Übersteigerung -- zumindest anteilig für Quark.

    Wenn Du gerne entdeckst, wie Du schreibst, und nicht portionierte Wohl-bekomm’s-Häppchen mit schmeckt-immer-jedem-Glutamat konsumieren möchtest (was ich nicht glaube), dann musst Du leider manchmal auch am Vorhang ziehen und Dir einen Zugang verschaffen, notfalls die Türe eintreten. So einem etwas nicht gleich aufgeht, ist das weder ein finales k.o.-Kriterium für einen selbst, noch für einen Text.

    poetenladen.de oder fixpoetry geben Dir gelöst davon aber auch die Möglichkeit, schon einmal einige Autoren anzulesen, um auch so schon einmal zu schauen, wem Du an dem Lippen hängen magst und wem nicht.

    Und klar, nicht immer ist man gewillt dazu, einen Text zu dechiffrieren, wenn er sich auf Abhieb chiffriert zeigt oder nur so erscheint. Bei einem poetologischen Essay kann man als Leser, der Nurleser ist, sein und bleiben will (oder AutorIn, der/die ungern in Eingeweiden liest), einfach nur den Bahnhofszug pfeifen hören. Das völlig okay und da gebe ich Dir Recht: solche Texte sind dann wirklich von x für y bis z.

    Nikola Richter hat übrigens (ernst oder unernst) einen schönen Vorschlag gemacht: Zeitschriften sammeln und einen eigenen Preis ausloben. Why not?

    Und: Willst Du wirklich eine Zeitschrift, bei der jeder Text ein Kopfnicken verursacht? Ich würde ein solches Blatt nicht wollen. Nee.

    Dann nicht vergessen: KAZZE -- blätter für bild und text, Kalliope, Carpe-Plumbum und wie sie alle heißen.

  13. ** der letzte Satz ist reingerutscht und gehört zu den vielleicht zu sammelnden Zeitschriften bei “why not”

  14. Wo liegt denn nun eigentlich der Kern ihrer Kritik, in den Texten, den grausligen, oder in der Aufmachung der Magazine, die ja nun wirklich sehr unterschiedlich sind. (und bitte nennen sie wenn, dann doch alle wenigstens als Quellenangabe und zur Bildung einer eigenen Meinung)

    Also, dass das Lesen von neuer und hochwertiger Lyrik und Prosa Spaß machen muss, ist mir neu. Lustempfinden hat ja auch immer mit Sensitivität zu tun. Sie müssen ja nicht literarisch geschult sein, das jedoch eine Bildungserfahrung auch durchaus Spass, ich sage lieber Vergnügen, bereiten
    kann, das ist eigentlich sehr wohl vielen Menschen möglich, die sich einlassen können.

    Die jungen Literaturmagazine sind ein Sprachrohr für zumeist ungehörte Autoren. Sie sollen experimentieren mit der Sprache, sie benutzen bis zur Unkenntlichkeit, sie sollen sich voll darauf einlassen, die Grenzen ausloten, das Sprach-Körperliche verlassen können usw. Ich finde es hochinteressant, mit welcher Leichtigkeit dies oft geschieht. Ich habe allerdings auch nicht das Bedürfnis nach Vollbefriedigung, mir “gefällt” immer mehr als ein Text.

    Verständnis liegt im Auge des Betrachters. Schreiben ist eine bildende Kunst. Annäherung ist das Ziel.
    Wollen wir den Literaten vorschreiben, in einen GrinseKanon einzusteigen, unentwegt Lust zu evozieren (zu erwecken)? Es gibt im übrigen reichlich Lesebühnen, auf denen das pointierte Schreiben total angesagt ist. Die LitMags aber sind eine Plattform für ein sprachgebundenes Verständnis von Literatur. Sie müssen durchaus nicht Adorno lesen, wenn es der Precht Ihnen besser besorgt.

    Als Redakteurin eines solchen Magazins jedoch sehe ich mich aufgefordert, solch journalistisch unqualifizierte Entwertungen einer offensichtlich nicht zur Zielgruppe gehörenden “Franziska” zu kommentieren. Kann es sein, dass Sie lesen, wie sie auch schreiben? Das würde einiges erklären. Dennoch freue ich mich über die PR. Bitte senden Sie mir einen ausführlich begründeten und tiefgehend recherchierten, kritischen Beitrag zu und wir veröffentlichen dies gern auf unserer Webseite

    http://www.lauter-niemand.de

    oder kommen Sie gern als Praktikantin mal vorbei, natürlich unbezahlt, wie wir alle, und packen mal richtig mit an.

    Guten Abend, gute Nacht.

    Im Übrigen hoffe ich auf dieser Webseite auch noch bessere Beiträge zum Thema “Literatur erleben” zu lesen. Ich bin gespannt und verzichte auf einen eigenen Artikel der von hier aufs Ganze schlösse.

  15. Und noch ein Zusatz, zu den “geheimen Kreisen des Literaturbetriebs”, den “elitären Zirkeln”:

    Jeden (!) Sonntag Abend gibt es das lauter niemand literatur Labor, offen für Alle. Eigene Texte mitbringen und vorlesen, diskutieren oder zuhören, Einblicke in die “Szene” erhalten, Wein, Bier oder Wasser an der Bar mit den Autoren der Hauptstadt trinken.

    in der Fehre6
    Einlass ab 20:30 Uhr

    Fehrbelliner Straße 6 in Berlin Mitte
    (U2 + Tram Rosa-Luxemburg-Platz)

  16. Vieleicht mag manch eine/r meinen, die Autorin des -- wohl nicht ganz unabsichtlich provokativen -- Artikels habe sich zu weit aus dem Fenster gelehnt, da sie zwar ihre Meinung kundtut, diese aber, ganz in der Manier eines nicht eben kleinen Teils der sog. “jungen” Literatur, gerade nicht durch die dialektische Herleitung zu einer Synthese formt, sondern vielmehr eine ganz persönliche, subjektive, gar -- hört hört! -- innerliche Sichtweise zum Ausdruck bringt.
    Wer sich weit aus dem Fenster lehnt, begibt sich nicht nur in die Gefahr hinauszufallen, er/sie hat hat zuweilen auch den besseren Ausblick.

    Im Übrigen ist niemand gezwungen, Literaturzeitschriften zu lesen, wenngleich dies den Auflagen sicher gut täte. Daneben aber gibt es keinen Anlass, alles, was sich selbst für neue und hochwertige Literatur hält, auch für sich persönlich so einzuordnen. Denn auch scheinbar objektive Kriterien sind doch nur Folge einer vielfältigen Determination aus Zeitgeist, Ab- oder Anlehnung an Schon-Da-Gewesenes, Umfeld, Erfahrung und so weiter.

    “Also, dass das Lesen von neuer und hochwertiger Lyrik und Prosa Spaß machen muss, ist mir neu.” Das verrät natürlich vieles in puncto (Literatur-)Ästhetik, nein: wirft doch eher neue Fragen auf: Was ist neu? Was ist hochwertig? Und vor allem: Was ist Spaß?

    Tatsächlich kann dieser sowohl darin liegen, was unter dem als Schimpfwort verunglimpften Begriff der Unterhaltung verstanden wird, als auch ebenso gut in einer smoothen Bildungserfahrung. Perfekt für meinen Geschmack ist es dann, wenn sich beide Faktoren verbinden lassen -- deshalb “lassen”, weil sie es keineswegs immer von sich aus tun. Manchmal muss man sie dazu zwingen und manchmal lässt dies der Text nicht zu. Dann lege man seine Literaturzeitschrift zur Seite, nehme sich stattdessen das Buch, das man sich besorgt hat, weil man ungefähr weiß, was einen erwartet. In der Tat sind Literaturzeitschriften dagegen dem ähnlich, was viele von uns aus der Kindheit kennen: Wundertüten. In denen war allerdings meistens sich dreist als Spielzeug ausgebender Müll drin. Den ZeitschriftenmacherInnen jedoch darf man so viel Idealismus zutrauen, dass sich in ihrem Produkt nichts dreist als etwas ausgibt, das es mitnichten ist. Hier steckt Literatur drin, in einer Verpackung, die vielleicht fürwahr weniger bunt ist als jene der pandemischen Wundertüten. Dass dahinter, hinter der optischen Schlichtheit -- oder Eleganz oder Postpostmoderne oder so Zeugs -- ernstzunehmendes Programm steckt, ist anzunehmen, nimmt man die Zeitschriften seinerseits ernst. Allerdings wird mir hier von beiden Seiten zu viel Wert auf Äußerlichkeiten gelegt. Es ist Literatur. Der Text zählt! Dachte ich…oder?

    Jedenfalls bleibt wohl das Lesen von Literaturzeitschriften -- old, new or middle school -- solange ein Nischen- wie der fragwürdige Genuss von Boulevardmedien ein Massenphänomen bleibt. Es scheint allerdings, dass manch ein Nischendasein selbst gewählt ist. So viel ist dann auch richtig: hermetische Literaturliteratur, WILL sie überhaupt massenhaft gelesen werden oder ist sie nicht vielmehr aus einer Notwendigkeit entstanden, der der/die AutorIn nun Geltung verschaffen will. Nur wer will das lesen…

    …, wenn es nicht von Thomas Mann ist?

  17. Ich bin sowieso dafür, das Wort “Unterhaltung” in Bezug auf die Literatur zu enttabuisieren. Damit ist nicht gemeint, dass das Lesen von “neuer und hochwertiger (auch das ein Terminus, über den man jetzt streiten könnte…) Lyrik und Prosa” sowie überhaupt von literarischen und von mir aus auch metapoetischen Texten “Spaß” machen muss. Nein, natürlich soll man sich als Leser durchaus auch anstrengen müssen und nicht alles am Silbertablett serviert bekommen. Ja, ich will “schwierige” Literatur. ABER: Ich möchte für diese Anstrengung auch entlohnt werden, sei es durch gute Unterhaltung, sei es durch irgendeine Form von Erkenntnissgewinn. Ein Text muss mir etwas geben können. Solche Texte, die sich weigern, diesen Leseranspruch mitzudenken und nur sich selbst und ihre Un-Dechiffrierbarkeit beweihräuchern finde ich schlichtweg, sagen wir es ruhig so, arrogant.

    Und ach ja: Es ist nichts Verwerfliches daran, wenn einer wie Precht (oder was eben gerade die Bestsellerliste rauf und runter über die Ladentische geht) die Leute zum Bücherkaufen und Lesen bringt. Sie lesen, immerhin!

  18. pöbel und gesocks oioioi !!!

    Antwort von Ninjamann am 25. Feb 2010 um 22:25

    Der Tom Bresemann hat Recht! Auch von mir -- alles Pöbel und Gesocks
    von den ganzen Blogs!

    Oi oi oi!

  19. Eine junge Literaturzeitschrift ist jung weil sie nicht alt ist. Junge gehen einem ziemlich auf die Nerven, weil sie wirklich nichts richtig machen. Dass junge Leute gerne unter sich bleiben ist ein Problem und was sie treiben macht welche, sie sind faul und lernen das Falsche von den falschen Leuten. Manche sogar bei den Großeltern. Sie müssen halt noch erwachsen werden. Dann kommen sie in den Literaturbetrieb, haben keine Pickel mehr und sind auch sonst recht schön zum anschaun. Sie machen nur noch Freude und wenn sie schreiben, dann schreiben sie oft plötzlich anders. Geld gibt’s aber dafür in der Regel auch nicht. Zum Glück findet man hin und wieder auch wohlerzogene junge Menschen, die gleich wissen, wo es im Leben lang geht. Gut so. Die machen nur keine Literaturzeitschriften, schon gar keine jungen und auch keine Literatur, schon gar keine neue.

  20. Ein halbstündiger Beitrag im Schweizer Radio DRS2 zum Thema Literaturzeitschriften: http://bit.ly/86SEFP
    Im Interview: Martin Zingg, Literaturkritiker und ehemaligem Herausgeber der Zeitschrift “Drehpunkt”, und Jan Valk, Herausgeber des Literaturmagazins “sprachgebunden” und Mitbegründer des Netzwerks “Junge Magazine”. Ersterer ordnet darin die Inhalte von Literaturzeitschriften und deren Stellenwert zwischen dem Feuilleton und dem gedruckten Buch ein, die in diesen Medien (meistens) keine Möglichkeit hätten, abgedruckt zu werden. Von beiden seien die Zeitschriften in einigen Fällen jedoch auch abhängig (Das Feuilleton thematisiert von Zeit zu Zeit Literaturmagazine und sorgt somit für Aufmerksamkeit; Verlage übernehmen bei einigen Zeitschriften den Druck und/oder den Vertrieb). Die Literaturzeitschrift, so Zingg, öffne die Schubladen der Autoren und Autorinnen, sei deren Laufsteg und Dunkelkammer. Der Schweizer Literaturkritiker weist auf die außerordentliche Verbindung/Verbundenheit zwischen einzelnen Literaturzeitschriften und deren Herausgebern hin und konstatiert: “Es ist klar, dass Literaturzeitschriften irgendwann einmal am Ende sind und [...] Neue entstehen.” Für Zingg ist die Kombination von Text und Bild interessant und spannend, jedoch keine Folge der allgemeinen Medialisierung. Für Jan Valk sei der Einsatz von Bildern ebenfalls kein Mittel zum Zweck, keine reine Illustration des Geschriebenen. In seinem Magazin, eine Literaturzeitschrift, darüber hinaus mit journalistischen Inhalten, ginge es um das Herausstellen von Schnittstellen von Text und Bild.
    Ein hörenswerter Beitrag mit den ‘speziellen’ Schwerpunkten “Schweizer Literaturzeitschriften” und der Zeitschrift “sprachgebunden”.

    Auf diesen Radiobeitrag bin ich aufgrund des Newsletters (Literatur im Radio und Fernsehen) von “bluetenleser” gestoßen.

  21. Schaut euch doch mal http://www.fangmagazin.eu an, das finde ich ein gut gemachtes junges Literaturmagazin -- mit ansprechendem Layout und kurzen Texten!

  22. Ui, wie schön, ein Kommentar zu einem ganz alten Artikel! Danke für den Link! Leider ein bisschen unübersichtlich, die Seite. Vermutlich ist das Programm? Nach 10 Minuten stöbern wusste ich immernoch nicht, ob das nun ein gedrucktes Heft oder ein reines Onlinemagazin ist… Schade!

  23. Nach einmal googlen: in dem aktuellen Artikel auf http://litheart.de/ steht, Print wird geplant.

    P.S.: Google hat mich auch zu deinem Artikel geführt, da ich mich grad ein wenig bei den jungen Magazinen umschaue. Und du hast schon recht: das meiste ist unlesbar und meiner Meinung nach in fast allen Fällen spießig und altbacken. Diese Fang-Seite empfand ich da als positive Überraschung!

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