Experience is wasted on the old


Es mag – bei allem Hauen und Stechen, das alle Branchen prägt– noch vereinzelt Inseln der Seligen geben. Weder ich noch die meisten Kollegen, mit denen ich spreche, bewohnen eine. Im Lauf des vergangenen Jahrzehnts ist, von Zeitungskrise zu Zeitungskrise, der Platz für Literatur allein in meiner Zeitung um die Hälfte geschrumpft. Wichtige geistes- und sozialwissenschaftliche Werke kommen nur noch sporadisch vor.

Was also, und wir müssen dabei gar nicht weiter von Journalismus sprechen, wenn der Mut, mit dem Sie sich in die Zukunft stürzen, nichts weiter wäre als Unvernunft? Wenn der Druck, den ich als Journalist erlebe, von Lektoren großer Verlage als genauso verheerend beschrieben werden könnte? Wenn Ihr Vertrauen darauf, ein
Auskommen im Literaturbetrieb zu finden, sich schon rein wirtschaftlich als Illusion entpuppt? Wenn der Idealismus oder sein Anhauch, den Sie bei vielen Journalisten, Lektoren und Organisatoren zu Recht als Antriebsquelle vermuten sollten, von einer Branche bedroht wird, die unter Ideen nur noch Geschäftsideen versteht?

Gregor Dotzauer am 26.10.2009 im Literarischen Colloquium Berlin
©Kathrin Unterberg

Keine Angst: Ich habe nicht vor, die Rollen umzudrehen. Sie brauchen nicht mich zu ermuntern. Ich kenne mein unverschämtes Glück, mit etwas Geld zu verdienen, das mich mit allem beschäftigt, was ich bin oder dafür halte, und ich hege die Absicht, es noch eine Weile zu genießen. Nicht weniger ist mir bewusst, inmitten welch verschwenderischen kulturellen Reichtums wir nach wie vor leben: in einer quicklebendigen, von offiziellen wie informellen Infrastrukturen gleichermaßen zusammengehaltenen Szene. Beschenkt mit rund 80 000 jährlichen Neuerscheinungen, der größten Preisdichte der Welt und internationalen Stipendienprogrammen, die auch den entferntesten Literaturen Gehör verschaffen.

Das Lied vom Verfall, das meistens darauf beruht, dass einer die Zeit, in der er lebt, nicht mehr versteht, klingt erst einmal wenig überzeugend. Wobei eine antikapitalistische Gardinenpredigt, verbunden mit gezielten Ausfällen gegen ein paar besonders ahnungslose Betriebsexemplare, die das Gewerbe zu Grunde richten, indem sie mit der literarischen Wurst nach dem ökonomischen Schinken werfen, erstens immer etwas Befreiendes hat und zweitens eine Reihe guter Gründe finden würde.

Um das Buch als solches ist mir, auch wenn Kochbücher und Reiseführer bereits stückchenweise im Netz zerflattern, wo praktische Informationen gut aufgehoben sind, eigentlich nicht bang. Gleich, ob es künftig
gedruckt, auf dem Smartphone oder auf Apples lange angekündigtem E-Reader unter die Leute kommt, der Lesen vielleicht sogar mit einer neuen Hipness ausstattet – es wird zwischen Dan Brown und Sven Regener sein Publikum finden. Und wenn sich neue Formen bilden, die Text, Film und Computerspiel miteinander reagieren lassen und alte Gattungsgrenzen auflösen, ist dagegen erst einmal nichts einzuwenden.

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Über Lina Kokaly

Lina Kokaly hat litaffin mitgegründet. Sie schrieb u.a. auch für den Tagesspiegel, die zitty, DRadio Wissen und die Neue Zürcher Zeitung. Mittlerweile ist sie Hörfunk- und Fernsehjournalistin bei Radio Bremen und hat ihren Autorenposten hier für die neuen Studierenden geräumt.