Ein Buch für … Männer?

Ein Buch für … Männer?

Der etwas andere Bildungsroman geht in die dritte Runde

Felix Holm ist der Wilhelm Meister des Unterhaltungsromans. Wofür Goethes Aufklärungsheld allerdings nur zwei Bände brauchte, benötigt Matthias Keidtels Holm derer schon drei: seinen Platz im Leben zu finden. Das nimmt aber nicht Wunder, ist der inzwischen Enddreißiger aus Berlin-Rudow doch ein schwerer Fall – und alles andere als aufgeklärt in vielerlei Hinsicht. Er ist pedantisch und rational bis zur Irrationalität, wägt alle seine und nicht zuletzt die Handlungen anderer nach deren Übereinstimmung mit der bundesdeutschen Rechtsordnung ab und ist überhaupt ein weltfremder Zeitgenosse. Er ist das uncoole Abbild des modernen Mannes, der seinen Lesern das entspannte Gefühl gibt, doch mehr drauf zu haben als es ihm eine testosteronstrotzende Männermedienwelt zuweilen suggeriert.

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Das Ende des Buches, wie wir es kennen?!

Das Ende des Buches, wie wir es kennen?!
Buch
Es knisterte so schön…
Quelle: jugendfotos.de/nopey.

„Es gibt keine Bücher mehr. Es gibt Datensätze mit unendlichen Möglichkeiten. Wir haben trotzdem immer weiter gemacht. Haben Messe gemacht. Jedes Jahr.“
Vergangenen Samstag prophezeite Elmar Krekeler, Leiter der „Literarischen Welt“ und Alfred-Kerr-Preisträger, in seinem Editorial „Willkommen zur Buchmesse 2040“ den Untergang des gedruckten Buches, und damit auch das Ende der Verleger, wie wir sie kennen. Nennen wir es nicht Prophezeihung, nennen wir es Warnung – noch sind wir nicht so weit. Mehr lesen

Buchmesse, wir kommen!

Buchmesse, wir kommen!

Wir sind auf der Leipziger Buchmesse, denn wir machen „was mit Büchern“. Was sich aber genau hinter dem Masterstudiengang „Angewandte Literaturwissenschaft“ verbirgt, erklären wir euch beim Karrieretag „Buch und Medien“. Unseren Stand findet ihr am Freitag, den 19. März, im Congress  Center. Kommt vorbei, wir beantworten all eure Fragen!

Wir Litaffine, die Macher dieses Blogs, treiben auf der Messe ebenfalls unser Unwesen. Wir führen Interviews,  lauschen bei Lesungen, schwingen unser Tanzbein, essen mit anderen Twitterern zu Mittag und und und… Erkennen könnt ihr uns an kleinen litaffin-Buttons. Wir freuen uns über Gespräche mit anderen Studenten, Bloggern, Twitterern und Was-mit-Büchern-machenden-Menschen!

Abrechnung mit Helene Hegemann

Der Verband Deutscher Schriftsteller sorgt sich um das Urheberrecht: Kurz vor der Leipziger Buchmesse wurde eine Petition veröffentlicht, die eine uneingeschränkte Beachtung des Urheberrechts fordert, und von namhaften Autoren wie Sibylle Lewitscharoff, Günter Grass, Christa Wolf und Günter Kunert unterzeichnet wurde. Das merkwürdige an dieser „Leipziger Erklärung zum Schutz geistigen Eigentums“: Der Name Helene Hegemann fällt kein einziges Mal – und doch liest sich diese Erklärung wie eine Abrechnung mit der Autorin und ihren Unterstützern im Literaturbetrieb. Der Ton ist anklagend bis vorwurfsvoll belehrend, die Forderung eindeutig: Plagiate verdienen keinen Preis.

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Grandios! Bolaños 2666 in der Schaubühne

Grandios! Bolaños 2666 in der Schaubühne

Àlex RigolaJeder im Publikum wusste, dass man nun, da das Stück zu Ende war, klatschen musste. Doch die meisten zögerten, es fiel schwer, man konnte gar nicht genau in Worte fassen, was da gerade geschehen war, was man fühlte, was man fühlen sollte. Doch von vorne. Als sich vergangenen Samstag um kurz vor 20 Uhr das ausverkaufte Studio der Berliner Schaubühne füllte, wussten viele nicht, was sie erwarten würde. Die einen, die Bolaño nicht gelesen haben, waren dankbar über die Einführung in 2666 durch den katalanischen Regisseur und Direktor des Teatro Lliure in Barcelona Àlex Rigola (Foto). Die anderen, die schon das Glück hatten, dieses Buch gelesen zu haben, fragten sich, was aus dem umfangreichen Werk gezeigt wird und wie man das umsetzen könnte. Keine leichte Aufgabe, die sich Rigola da vorgenommen hatte, nicht umsonst hat Juan Villoro 2666 als totalen Roman und vielleicht erste große Saga der globalen Literatur bezeichnet. „Da gebe ich ihm absolut recht“, sagt Rigola, „und es ist das beste Buch, das in den letzten 20 Jahren geschrieben wurde. Man kann ihm aber nicht gerecht werden, nicht nur wegen des Umfangs. 2666 ist mein bestes Stück, aber das Buch ist noch besser.“

Damals hatte er nach etwas Besonderem gesucht. Es sollte eine richtige Show werden, nichts Gewöhnliches. Durch einen Freund, der ständig davon gesprochen hat, ist Rigola schließlich auf das Buch aufmerksam geworden. „Ein Jahr habe ich mit dem Dramaturg Pablo Ley daran gearbeitet. Wir haben Szenen ausgewählt, die eine gewisse Spannung erzeugen, und bestimmte Erfahrungen von Figuren, die sich für eine Adaption eignen. Doch das Wichtigste, das was mich am meisten faszinierte, war die Fähigkeit des Menschen, Dinge zu ignorieren, einfach wegzuschauen. Das ist es auch, was Bolaño zeigen will: Jedes Problem auf der Welt ist unser Problem. Also lasst uns nicht wegschauen!“ Mehr lesen

GONZO AFFAIR vs. AIREN MAN

Der literarische Nachtclub „Hardcover“ geht nach seinem Start im Dezember in die zweite Runde: Im ersten Teil des Abends lesen Andreas Leupold und Johann Jürgens, Schauspieler des Maxim Gorki Theaters, aus »Screwjack« von HUNTER S. THOMPSON sowie aus »Rum Diary«. Anschließend präsentiert Deef Pirmasens den Autor AIREN, der durch den Wirbel um Helene Hegemanns „Axolotol Roadkill“ bekannt wurde. Ein Special Guest wird einige Passagen aus dem am 27. März erscheinenden Roman „I am  Airen Man“ lesen. Im Anschluss gibts Party mit Mirko Hecktor (Mjunik Disco/Dontstop).

Freitag, 12. März 2010 ab 20:00 im WMF, Klosterstraße 44, Berlin-Mitte.

Veranstaltungstipp – Die drei Amerikas in Berlin

Veranstaltungstipp – Die drei Amerikas in Berlin

Heute startet zum zehnten Mal das FESTIVAL INERNATIONALE NEUE DRAMATIK der Berliner Schaubühne – kurz: F.I.N.D. Wie immer gibt es einen thematischen Schwerpunkt, dieses Mal sind dies die drei Amerikas. Einerseits natürlich anlässlich des 200. Jubiläums der Unabhängigkeit spanischer Kolonien von Feuerland bis Mexiko, andererseits weil das Problem der Identitätsfindung zu sozialen, ökonomischen und kulturellen Konflikten führt, die in Lateinamerika offen ausgetragen werden und diesen Kontinent stark prägt, was sich entsprechend auch in der Literatur und dem zeitgenössischen Theater zeigt.

Das Programm des F.I.N.D. kann sich mehr als sehen lassen. Sogar Rafael Spregelburd wird anwesend sein und, heute beginnend, an vier Abenden jeweils um 22:30 Uhr eine szenische Lesung zu seiner Theaternovela Bizarra präsentieren. Stattfinden wird das Ganze in einem ehemaligen Fitnessstudio am Adenauerplatz, wobei die große Glasfront, die den Blick auf die Stadt erlaubt, als Bühnenbild fungieren wird. Gelesen wird jeweils nur ein Auszug und Spregelburd wird so einführen, dass man auch mal die eine oder andere Lesung verpassen kann. Außerdem wird mit Paranoia der dritte Teil seiner „Heptalogie des Hieronymus Bosch“ aufgeführt. Das vorherige Stück Die Panik, das ich im Badischen Staatstheater damals gesehen habe, war wirklich großartig. Paranoia wird da mit Sicherheit in nichts nachstehen.

Besonders interessant für Liebhaber lateinamerikanischer Literatur (und nicht nur für diese) dürfte eine weitere Lesung sein, die am Samstag stattfinden wird. Bolaños 2666, erschienen im Hanser Verlag, dürfte inzwischen wohl jedem ein Begriff sein. Es ist nicht nur ein sehr dickes und sehr erfolgreiches, sondern auch ein wirklich hervorragendes, beeindruckendes Buch, aber leider auch Bolaños letztes. Àlex Rigola, der weltweit der Einzige ist, der über die Aufführungsrechte verfügt (und deshalb ebenfalls anwesend sein wird), hat daraus eine 5-stündige Theaterfassung gemacht. An der Schaubühne wird eine Kurzfassung dieses Stückes in Form einer inszenierten Lesung präsentiert, auf die man mit Sicherheit gespannt sein darf.

Elegante Sprachtänzerin und visionäre Erfinderin: Sibylle Lewitscharoff erhielt den Berliner Literaturpreis 2010

Elegante Sprachtänzerin und visionäre Erfinderin: Sibylle Lewitscharoff erhielt den Berliner Literaturpreis 2010

Als Vladimir Nabokov seinem Verleger die Lolita erläuterte, bemerkte er, man werde im Manuskript ohne Zweifel eine Reihe von Wörtern finden, die nicht im Webster aufgeführt seien – noch nicht; in kommende Auflagen würden sie zweifellos aufgenommen. Dass Sibylle Lewitscharoff normalerweise keine solchen Hinweise in Bezug auf ihr Werk gibt, ist nur auf die deutschen Verhältnisse zurück zu führen, kennen die doch keinen Webster. An sprachlicher Erfindungskraft und Originalität mangelt es Sibylle Lewitscharoff nämlich durchaus nicht. Ihr „sprachlicher Gestus ist ein geistreiches Parlando, eine virtuose Rhetorik, getragen von schrägem Witz und abgründigem Humor. Abgefeimte Scheelsucht und funkelnde Heilsgewissheit gehen in diesen Prosawerken die verrücktesten und unterhaltsamsten Verbindungen ein“, um es in den Worten der Begründung für die Auszeichnung der Jury  (Sigrid Löffler, Ulrich Janetzki, Ulrich Khuon, Norbert Miller und Oliver Lubrich) zu sagen. Mit der in Berlin lebenden Sibylle Lewitscharoff erhielt gestern im Roten Rathaus also eine große Sprachkünstlerin den mit 30.000 Euro dotierten Berliner Literaturpreis. Dass Berlin in kultureller und gerade auch literarischer Hinsicht viel zu bieten hat, muss da nicht noch extra betont werden. Der regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit tat dies in seiner Funktion als Hausherr im Berliner Rathaus trotzdem. Berlin habe sich nicht nur als Verlagsstadt etabliert – welch passender Hinweis auf Lewitscharoffs Verlag Suhrkamp – sondern würde mit dem Berliner Literaturpreis auch einen der bedeutendsten Preise Deutschlands vergeben. In der Tat kann sich die Liste der Preisträger der letzten Jahre mit Herta Müller, Durs Grünbein, Ilija Trojanow, Ulrich Peltzer und der Dramatikerin Dea Loher sehen lassen. Beim anschließenden Empfang im Wappensaal war Lewitscharoff jedoch nicht viel von der Bürde der großen Namen ihrer Vorgänger anzumerken. Nahezu vergnügt streifte sie umher, plauderte mal mit diesem, mal mit jenem. Mit der Auszeichnung ist im Übrigen auch die Berufung auf die Heiner-Müller-Gastprofessur für deutschsprachige Poetik an der Freien Universität Berlin verbunden. Mit Herta Müller hatte 2005 eine spätere Literaturnobelpreisträgerin diese Funktion inne. Wer weiß, mit wem es die Studenten dieses Jahr zu tun bekommen…

Ein Buch für Frauen

Ein Buch für Frauen

Alan Bennett, das ist der Autor, der auf Fotos immer entweder auf einem Fahrrad sitzt oder ein Schwein an der Leine führt. Und er hat den Bestseller „Die souveräne Leserin“ geschrieben. Einmal ein Foto von ihm gesehen, kommt man nicht umhin, sich das Muttersöhnchen in „Ein Splitter im Zucker“, der ersten Geschichte im neuen Buch, genau so vorzustellen. Fast schon rassistisch, da so typisch britisch. Typisch britisch scheinen alle Figuren in dem nun in Deutschland erscheinenden Geschichtenband „Ein Kräcker unterm Kanapee“. Die Hauptfiguren sind selbstbewusste Frauen. Der Leser liest ihre Monologe, nur ergänzt durch knapp gehaltene Regieanweisungen. Das ist erstmal hochgradig komisch (eine Schauspielerin, die sich nicht scheut, sich auch mal auszuziehen, eine Pfarrersgattin, die wirklich nicht geschickt ist im Arrangieren von Blumen, aber prima Messwein stibitzen kann, und eine Mittesiebzigjährige, die einfach gründlicher putzt, als ihre Haushaltshilfe) und schlägt dann jedes Mal um: Vera lernt im hohen Alter noch einen Kavalier kennen und lässt sich dieses unerwartete Glück bestimmt nicht von ihrem Sohn madig machen, dem dieser Mann nicht ganz koscher ist. Miss Ruddock weiß, was Recht und Unrecht ist und schreibt ihre Beschwerdebriefe und Doris ist eben beim Putzen gestürzt, sie wird es schon wieder auf die Beine schaffen.

Eins ist allen Frauen wichtig, sie wollen keine Hilfe, sie kommen alleine zurecht. Aber die Figuren unterlaufen sich in ihren Gedankengängen selbst, der Leser meint die Damen durchschaut zu haben, über einen Wissensvorsprung zu verfügen und doch liest er lediglich ihre Gedankenströme. Jede der sehr unterhaltsamen sechs Momentaufnahmen verfügt über ihren ganz eigenen Kipppunkt, an dem das überlegene Lachen dem Leser im Hals stecken bleibt und plötzlich das zuvor noch so gönnerhafte Mitleid in wahres umschlägt.