Merkwürdige Ästheten

Merkwürdige Ästheten

Leif RandtLeif Randt machte dieses Jahr mit seinem Debütroman „Leuchtspielhaus“ sowie als Gewinner des MDR-Literaturpreises auf sich aufmerksam. Litaffin sprach mit dem 26-jährigen über exzessive Jugendliche, Generationentexte und die Romantik von Schreibschulen.

Litaffin: Auffällig in deinen Texten ist die Sehnsucht der Figuren nach Regelhaftigkeit. Du schreibst über avantgardistische, aber trotzdem schematisierte Lebensstile. Ist das die „neue Jugend“?

Randt: Meine Figuren sind meistens merkwürdige Ästheten und eher Stoffel als harte Partyköpfe. Interessant ist, dass scheinbar viele gerne lesen, wie extrem wild und exzessiv Jugendliche sind. Und das sind sie teils ja auch. Aber vieles, was erzählt und ausgelebt wird, bedient auch nur die leicht kitschigen Projektionen von älteren Leuten. Aber wer weiß? Vielleicht gibt es in der echten Welt tatsächlich mehr harte Partyköpfe als so nachdenkliche Oberflächenjungs, wie ich sie beschreibe. Mehr lesen

So geht das! Angela Leinen erklärt Wie man den Bachmannpreis gewinnt

So geht das! Angela Leinen erklärt Wie man den Bachmannpreis gewinnt
die offizielle Jury Die offizielle Jury

Pluspunkte erhält der Autor beim Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt, wenn er Nagetiere, Raumfahrt, Leistungssport oder Stoffservietten in seinem Text vorkommen lässt. Minuspunkte gibt es für Markennamen, Clowns, Hunde, die in der Ferne bellen und eine Waffe, die knapp außerhalb der Reichweite liegt. Das sind allerdings nicht die Kriterien der offiziellen, dieses Jahr unter anderem aus Meike Feßmann, Hubert Winkels und Burkhard Spinnen bestehenden Jury, vielmehr handelt es sich um einen kleinen Auszug der Kriterien für einen alternativen Preis. Die Autoren des Blogs Riesenmaschine vergeben dieses Jahr zum dritten Mal den Automatische Literaturkritikpreis der Riesenmaschine.
Angela Leinen schrieb bei dessen Kriterienliste mit und beschäftigt sich darüber hinaus seit Jahren mit den Texten und Jurydiskussionen des Bachmannwettbewerbs. In ihrem neuen Buch Wie man den Bachmannpreis gewinnt nennt Leinen natürlich keinen todsicheren Weg zum Literaturpreis, sondern filtert vielmehr gängige Mittel und Klischees aus den vergangen Texten heraus und wägt diese ab. So resümiert sie über das Schreiben zum Thema DDR: Der Reiz sei hier, dass das Leben unter politischer Unterdrückung eines der großen Themen ist, aber das Risiko „für Westautoren: Protektionismus. Für Ostautoren: Ostalgie“. Mehr lesen

„Ich habe die Nase voll“: Angeekelt vom Literaturbetrieb

„Ich habe die Nase voll“: Angeekelt vom Literaturbetrieb
Altmodische Optik, brisanter Inhalt.

In Italien bloggt ein gefrusteter Lektor aus dem Nähkästchen.

Es ist bewunderns- und auch ein bisschen beneidenswert. Der Blick ins Ausland zeigt: Literatur kann auch im Internet ein polarisierendes Thema sein. Der Freitag berichtete kürzlich über den französischen Literatur-Blogger Pierre Assouline, dessen Beiträge auf dem Blog „La république des livres“ oft mehrere hundert Kommentare hervorrufen. Ein großer Provokateur sei er, und es ist diese Art des Schreibens, die sich auch in Italien als Erfolgsrezept herausgestellt hat.

Es begann alles Ende April auf dem Blog mit dem besagenden Titel „La vera editoria“ („das wahre Verlagswesen“): Unter dem Schutzmantel der Anonymität schreibt dort ein angeblicher Insider, laut Selbstbeschreibung Lektor fortgeschrittenen Alters mit langjähriger Erfahrung in bekannten Verlagshäusern. Als selbstständiger Talentscout hat er dem Literaturbetrieb zwar noch nicht den Rücken gekehrt, doch die Mechanismen hat er gehörig satt – weshalb er nun virtuell „Dampf ablassen” muss. Mehr lesen

Literatur-Nobelpreisträger Saramago ist tot

Literatur-Nobelpreisträger Saramago ist tot

Er zählt zu den bedeutendsten und meistgelesenen europäischen Schriftstellern. Er war der erste Portugiese, der den Literaturnobelpreis erhielt. Er provozierte gerne, legte sich mit der katholischen Kirche sowie mit der Regierung an. Im Alter von 87 Jahren verstarb José Saramago am Freitag auf Lanzarote.

„Saramago lebt wie er schreibt; genauso integer und hellsichtig wie in seinen Büchern ist er im täglichen Leben“, bemerkte die kolumbianische Romancier Laura Restrepo einmal und lobte den „deutlichen Abdruck der Humanität“, der sowohl aus der Person Saramagos als auch aus seinen Büchern spreche. So souverän wie mit dem Leben hielt es dieser auch mit dem Tod: „Meine Ruhe und meine Gelassenheit haben mir geholfen, den Tod als etwas ganz Natürliches zu betrachten, gegen den man sich allerdings wehren sollte. Man darf nicht resignieren und die Tatsache des Sterbens einfach akzeptieren“, antwortete er nach schwerer Krankheit – er litt an Leukämie – in einem Interview vor zwei Jahren auf die Frage, wie er dem Tod gegenüber stehe. Im Angesicht des Todes besann er sich dann doch wohl eher auf die Gelassenheit. „Er hatte eine ruhige Nacht verbracht. Nachdem er normal gefrühstückt und sich mit seiner Frau unterhalten hatte, begann er sich schlecht zu fühlen und verstarb kurz darauf“, wie die spanische Zeitung La Vanguardia unter Berufung auf seine Familie meldete. Gekämpft, das hatte er hingegen sein Leben lang.

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Gegen den Sprachmatsch

Gegen den Sprachmatsch

57 Gedichte, neun Poeten, sieben Sprachen: Das Poesiefestival Berlin eröffnete mit babylonischem Sprachgewirr.

Ein wenig ist es, als hätten sich hunderte von Menschen in einem Raum versammelt, um gemeinsam unter der Bettdecke zu lesen. Unzählige Lämpchen brennen im Dunkel des Studios in der Akademie der Künste, es herrscht konzentrierte Stille. Auf der Bühne steht Yang Lian, der etwas liest, was nach „tjodee sijun tschauschu“ klingt. Es könnte Bahnhof heißen. Oder auch „Auf asphaltiertem Meer ist ein Vogel in den Lüften so weiß wie eine arme Seele“.

Nicht umsonst heißt dieser Abend „Weltklang. Nacht der Poesie“. Alle geladenen Dichterinnern und Dichter lesen in ihrer jeweiligen Muttersprache – ohne Untertitel, ohne Simultanübersetzung. Damit wendet sich die Veranstaltung gegen den „Sprachmatsch“, wie er beim Grand Prix zu hören gewesen ist, erklärt Moderatorin Luzia Braun, gegen das immergleiche Englisch, das die Sprachunterschiede einebnet wie eine Dampfwalze.

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Litaffin-WM 2010: Wir tauschen den Ball gegen das Buch!

Heute ist es soweit: die Fußball-Weltmeisterschaft in Südafrika beginnt. In den kommenden vier Wochen kommen 32 Länder aus allen Winkeln der Erde in den Stadien zusammen, um mit- und gegeneinander zu spielen. Mit einem Ball. Bis am Ende einer gewinnt und einen goldenen Pokal bekommt.

Dass man für eine spannende WM aber weder einen Fußball noch einen Pokal braucht, beweisen wir mit unserer LITAFFIN-WM 2010, die natürlich pünktlich zum ersten Anpfiff in Johannesburg hier auf dem Blog startet.

Wir stellen 32 Texte aus allen bei der Fußball-WM vertretenen Ländern hier online. Keine Sorge, wer mitmachen möchte, muss nicht hunderte Seiten lesen: die Auswahl reicht vom kurzen Gedicht bis zum Romanauszug, überschreitet aber nicht die Länge von drei Seiten. Und denn seid ihr gefragt: über Abstimmungen bei Doodle entscheidet ihr, welche Texte weiterkommen – und wer am Ende zum Litaffin-Weltmeister 2010 gekürt wird!

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Gruppe H | Land 4

Dämmerung senkte sich auf das fruchtbare Tal. Die grauen, hohen Baracken in Culuco glichen denen der an­deren Campos. Von weitem wirkten sie beinahe schön, bei näherer Betrachtung jedoch waren sie eng und schmutzig. Zu ebener Erde lagen die Schuppen und die Essräume, über deren wackligen Tischen Fliegen summten. Jede Ba­racke war in sechs Behausungen abgeteilt, die ein Korridor an der Vorderseite miteinander verband. Eine eiserne Stiege führte zum Eingang hinauf. An der Hinterfront be­fand sich vor jedem Raum eine schmale Holztreppe. In den kleinen, niedrigen und verräucherten Küchen stank es nach Fett, Esswaren und Schweiß.

Maximo Luján und der ehemalige Bauer Martin Samayoa kamen völlig erschöpft in Culuco an. Ihre Gesichter waren von der stechenden Sonne gerötet, die Füße schmerzten von den Strapazen des Weges, die Augen glühten wie im Fieber, und ihre Kehlen waren ausgedörrt.

Der Giftarbeiter Luján wohnte in der dritten Baracke, im zweiten Raum links. Er nahm Samayoa mit hinein. Martin blickte sich um und sah zwei Feldbetten, drei Hängematten und ein paar Holzkisten, die als Stühle dien­ten. An den Wänden hingen mehrere Messingkanister, einige Koffer, verschiedene Buschmesser, ein paar abge­nutzte Spaten, sowie schmutzige, vom Saft der Bananen­stauden und vom Grau des Giftes bespritzte Männersachen und Frauenkleider.

Auf dem Fußboden lagen Zeitungen, Zeitschriften, Fla­schen, Kleidungsstücke, Blechdosen, Bindfaden und Lum­pen bunt durcheinander. Wie alle anderen Räume war auch dieser viel zu eng, genügte lediglich einer Person, aber es wohnten sieben Menschen darin. Besser gesagt, sie schliefen dort, denn sie kamen ja nur des Nachts in diesem Loch zusammen, nachdem sie von Sonnenaufgang bis Son­nenuntergang auf den Fincas geschuftet hatten.

„Das hier ist meine Hängematte“, sagte Maximo Luján zu seinem Gefährten. „Leg dich hinein und ruh dich ans. Wenn der Aufseher Benitez von der Arbeit kommt, werde ich mit ihm reden. Er ist ein gewalttätiger Hitzkopf, sehr schwierig zu nehmen, aber mit mir hält er Frieden. Ich arbeite oft für ihn als Sekretär.“

„Dann kann er wohl nicht einmal seinen Namen schrei­ben?“

„So ist es in etwa.“

„Und weshalb ist er Aufseher?“

„Man sieht, dass du vom Leben in den Campos nicht viel Ahnung hast. Aber du wirst bald Gelegenheit haben, es kennenzulernen. Aufseher kann man auf verschiedene Weise werden. Der schnellste und sicherste Weg ist die Empfehlung eines guten Freundes, der in der Politik etwas zu sagen hat. Ansonsten muss man großes Glück haben oder den Gringos die Stiefel lecken. In den Campos ist alles vertre­ten. Du findest viele aufrechte, charakterfeste Peones, die den großen und kleinen Chefs als Vorbilder dienen könn­ten, du findest aber auch widerwärtige und verabscheuungswürdige Typen. Auch bei den Aufsehern gibt es einige vernünftige Kerle, die uns Peones noch als Menschen an­sehen, es sind aber nur wenige, mein Freund. Die meisten von ihnen spielen sich schlimmer auf als die ausländischen Chefs.“

„Und wie steht’s mit diesem Benitez?“

„Den wirst du schon noch kennenlernen.“

Plötzlich erschütterten Schritte die Dielen der Baracke. An der Tür erschien ein junger braungebrannter Indio von gedrungener Gestalt und mit kräftigen Muskeln. Luján wandte sich an ihn:

„Warum arbeitest du heute nicht, Amadeo?“

„Ich habe frei bekommen, weil der Schlauch meiner Spritze geplatzt ist.“

Während Amadeo zu Samayoa hinübergrüßte, nahm er den Gürtel mit dem Revolver ab und legte ihn unter das Kissen eines der Feldbetten.

„Hast du heute wieder Fieber gehabt?“

„Heute nicht. Im Ambulatorium haben sie mir Chinin ge­geben. Mir summen die Ohren, aber ich vermute, das Sumpffieber wird etwas eingedämmt.“

Das Pfeifen einer Lokomotive durchschnitt die unbe­wegliche Stille des Nachmittags. Der Zug rollte näher, und durch die geöffnete Tür sahen die drei Männer die Ma­schine wie ein lärmendes schwarzes Ungeheuer vorbeifah­ren. In der Luft blieb eine dichte Rauchfahne hängen, die der leise Wind in phantasievolle Figuren zerriss, die sich dann allmählich im durchsichtigen Blau des Firmaments auflösten.

Die starke Hitze war verflogen und Windstöße, warm wie Frauenlippen, trugen den Duft der Früchte von den Plantagen herüber. Das Klopfen eines Pumpenmotors ver­mischte sich mit dem heiseren Bellen eines Traktors, der eine Ladung Stangen von der Bahn in die Pflanzung schleppte und dabei dichte Staubwolken aufwirbelte.

Die Landschaft, die sich wie ein grünes Tuch ausbreitete und von endlosen Pfaden durchzogen wurde, geriet in Be­wegung und verlor die Ruhe der glühenden Tagesstunden. Es war, als verliehe ihr eine unsichtbare Hand Leben und Kraft. Langsam, in gleichmäßigen Schritten, kam der Abend mit seinen Windfächern und veränderte das Himmelsant­litz, dessen Azurblau einzelne, wie Alabasterblöcke wir­kende Wolkenfelder bedeckte. Ein goldener Feuerschein brach sich an den fernen Gipfeln der Gebirge von Sulaco und Nombre de Dios, die sich im Süden und im Norden parallel zu dem blühenden Aguán-Tal erstreckten. Übermütig kreischende Vogelschwärme schossen über die Pflan­zungen, um den Eichkätzchen die reifen, in goldenen Trau­ben wachsenden Bananen streitig zu machen.

Das Motorengeräusch einer Giftpumpe brach ab wie das Stöhnen eines müden Ochsen, tiefes Schweigen lag über den Pflanzungen. Bald begann nun das Leben und Treiben in den Baracken. Die Frauen regten sich unermüdlich in den Küchen, und mit apathisch eintönigen Schritten ström­ten die Arbeiter auf den Wegen und Pfaden nach Culuco. Es waren Stangensetzer, Bewässerungsarbeiter, Unkraut­hacker, Giftspritzer, Bahnarbeiter. Alle sahen müde und erschöpft aus, ihre schmutzigen Kleider waren verschwitzt, ihre Gesichter und Arme von der Sonne verbrannt. Diese Menschen stammten aus den verschiedensten Gegenden des Landes. Es waren Weiße, Indios, Mestizen und Schwarze; Salpeterarbeiter vom Golf von Fonseca, Tabakarbeiter aus Copán, Hirten aus den Ebenen von Olancho, Farbige und Zambos aus Colón und von der Moskitoküste; Talbewoh­ner, Gebirgler, Küstenleute, Städter; Soldaten, ehemalige Kaufleute, Arbeiter und Landstreicher; Analphabeten und Intellektuelle. Mitgerissen vom Strudel, waren sie allein oder mit ihren Familien gekommen, der Zufall hatte sie hier unter dem sternenlosen Himmel der Hoffnungslosig­keit zusammengeführt, damit sie die Kraft ihres Körpers und ihres Lebens für wenige Münzen verkauften und sich ohne Atempause in fortwährendem Kampf das harte, schwarze Brot verdienten, das ihnen die Bananengesell­schaft bot.

Wie eine Flutwelle näherte sich das Stimmengewirr dem Campo. Rufe, Gelächter und Flüche ertönten, getragene, sehnsüchtige Melodien, wehmütig wie die Seele des Indios, klangen auf, im Campo erwachte das Leben.

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Gruppe H | Land 3

In einem Dorfe von la Mancha, dessen Namen ich mich nicht entsinnen mag, lebte unlängst ein Edler, einer von denen, die eine Lanze auf dem Vorplatz haben, einen alten Schild, einen dürren Klepper und einen Jagdhund. Eine Olla, mehr von Rind- als Hammelfleisch, des Abends gewöhnlich kalte Küche, des Sonnabends arme Ritter und freitags Linsen, sonntags aber einige gebratene Tauben zur Zugabe verzehrten drei Vierteile seiner Einnahme. Das übrige ging auf für ein Wams vom besten Tuch, Beinkleider von Samt für die Festtage, Pantoffeln derselben Art, ingleichen für ein auserlesenes ungefärbtes Tuch, womit er sich in den Wochentagen schmückte. Bei ihm lebte eine Haushälterin, die die Vierzig verlassen, und eine Nichte, die die Zwanzig noch nicht erreicht hatte, zugleich ein Bursche, in Feld- und Hausarbeit gewandt, der sowohl den Klepper sattelte als auch die Axt zu führen wußte. Das Alter unsers Edlen war an den Funfzigern. Er war von frischer Konstitution, mager, von dürrem Gesichte, ein großer Frühaufsteher und Freund der Jagd. Es gibt einige, die sagen, daß er den Zunamen Quixada oder Quesada führte – denn hierin findet sich einige Verschiedenheit unter den Schriftstellern, die von diesen Begebenheiten Meldung getan –, obgleich es sich aus wahrscheinlichen Vermutungen schließen läßt, daß er sich Quixana nannte. Dies aber tut unserer Geschichtserzählung wenig Eintrag; genug, daß wir in keinem Punkte von der Wahrheit abweichen.
Es ist zu wissen, daß obgenannter Edler die Zeit, die ihm zur Muße blieb – und dies betrug den größten Teil des Jahres –, dazu anwandte, Bücher von Rittersachen mit solcher Liebe und Hingebung zu lesen, daß er darüber fast die Ausübung der Jagd als auch die Verwaltung seines Vermögens vergaß; ja, seine Begier und Torheit hierin ging so weit, daß er unterschiedliche von seinen Saatfeldern verkaufte, um Bücher von Rittertaten anzuschaffen, in denen er lesen möchte; auch brachte er so viele in sein Haus, als er deren habhaft werden konnte. Unter allen schienen ihm keine so trefflich als die Werke, die der berühmte Feliciano de Silva verfertigt hat, die Klarheit seiner Prosa und den Scharfsinn seiner Perioden hielt er für Perlen, fürnehmlich wenn er auf Artigkeiten oder Ausforderungen stieß, als wenn an vielen Orten geschrieben steht: Das Tiefsinnige des Unsinnlichen, das meinen Sinnen sich darbeut, erschüttert also meinen Sinn, daß ich über Eure Schönheit eine vielsinnige Klage führe. Oder wann er las: Die hohen Himmel, die Eure Göttlichkeit göttlich mit den Gestirnen bewehrt, haben Euch die Verehrung der Ehre erregt, womit Eure Hoheit geehrt ist. Mit diesen Sinnen verlor der arme Ritter seinen Verstand und studierte, die Meinung zu begreifen und zu entwickeln, die Aristoteles selbst nicht enthüllt und begriffen hätte, wenn er auch bloß darum auferstanden wäre. Er war nicht sonderlich mit den Wunden zufrieden, die Don Belianis austeilte und empfing, denn er gedachte, daß, wenn ihn auch die größten Meister geheilt hätten, ihm dennoch kein Antlitz übrigbleiben und sein Körper nur aus Narben und Malen bestehen könne. Doch gab er darin dem Autor Beifall, daß er sein Buch mit dem Versprechen eines unzuvollendenden Abenteuers beschließt, und oft kam ihm der Gedanke, die Feder zu ergreifen und es genau und wörtlich, wie jener versprochen, fortzuführen; auch hätte er es ohne Zweifel getan, wenn ihn nicht größere und anhaltende Gedanken abgehalten hätten. Es traf sich, daß er oft in Streit mit dem Pfarrer seines Dorfes geriet – der ein gelehrter Mann war und zu Siguenza graduiert –, wer von beiden ein größerer Ritter sei, ob Palmerin von England oder Amadis von Gallia. Aber Meister Nicolas, der Barbier desselbigen Ortes, meinte, daß keiner dem Ritter des Phoebus gleich sei, oder wenn sich einer mit ihm messen dürfe, so sei es Don Galaor, der Bruder des Amadis von Gallia, denn dessen Art und Weise sei für alle Fälle gerecht: denn er sei kein zimpferlicher Ritter noch eine solche Tränenquelle wie sein Bruder, auch sei er in Ansehung der Tapferkeit ebensogut beschlagen.
Kurz, er verstrickte sich in seinem Lesen so, daß er die Nächte damit zubrachte, weiter und weiter, und die Tage, sich tiefer und tiefer hineinzulesen; und so kam es vom wenigen Schlafen und vielen Lesen, daß sein Gehirn ausgetrocknet wurde, wodurch er den Verstand verlor. Er erfüllte nun seine Phantasie mit solchen Dingen, wie er sie in seinen Büchern fand, als Bezauberungen und Wortwechsel, Schlachten, Ausforderungen, Wunden, Artigkeiten, Liebe, Qualen und unmögliche Tollheiten. Er bildete sich dabei fest ein, daß alle diese erträumten Hirngespinste, die er las, wahr wären, so daß es für ihn auf der Welt keine zuverlässigere Geschichte gab. Er behauptete, Cid Ruy Diaz sei zwar ein ganz guter Ritter gewesen, er sei aber durchaus nicht mit dem Ritter vom brennenden Schwerte zu vergleichen, der mit einem einzigen Hiebe zwei stolze und ungeschlachte Riesen mitten durchgehauen habe. Besser vertrug er sich mit Bernardo del Carpio, weil er bei Roncesvalles den bezauberten Roland umgebracht, indem er die Erfindung des Herkules nachgeahmt, der den Antaeus, den Sohn der Erde, in seinen Armen erwürgte. Viel Gutes sagte er vom Riesen Morgante, der, ob er gleich vom Geschlechte der Riesen abstammte, die alle stolz und unumgänglich sind, sich allein leutselig und artig betrug. Über alle aber ging ihm Reinald von Montalban, besonders wenn er ihn sah aus seinem Kastell ausfallen, rauben, was er konnte, wenn er dann sogar das Bild des Mahomed von jenseits des Meeres entführte, welches ganz golden war, wie es die Geschichte besagt. Er hätte, um dem Verräter Galalon nach Lust Tritte geben zu können, gern seine Haushälterin und, als Zugabe, auch seine Nichte weggeschenkt.
Als er nun mit seinem Verstande zum Beschluß gekommen, verfiel er auf den seltsamsten Gedanken, den jemals ein Tor auf der Welt ergriffen hat: nämlich es schien ihm nützlich und nötig, sowohl zur Vermehrung seiner Ehre als zum Besten seiner Republik, ein irrender Ritter zu werden und mit Rüstung und Pferd durch die ganze Welt zu ziehen, um Abenteuer aufzusuchen und alles das auszuüben, was er von den irrenden Rittern gelesen hatte, alles Unrecht aufzuheben und sich Arbeiten und Gefahren zu unterziehen, die ihn im Überstehen mit ewigem Ruhm und Namen schmücken würden. Der Unglückliche stellte sich vor, daß er mindestens zum Lohn seines tapfern Arms als Kaiser von Trapezunt würde gekrönt werden, und mit diesen schönen Gedanken, angefrischt von seiner seltsamen Leidenschaft, dachte er nun darauf, seine Entwürfe in Ausübung zu setzen. Zuerst begann er damit, einige Waffenstücke zu reinigen, die er von seinen Urgroßvätern geerbt und die, gänzlich mit Rost und Staub bedeckt, vergessen in einem Winkel lagen. Er putzte und schmückte sie, so gut er konnte; er sah aber gleich, daß ein wesentliches Stück mangelte, daß er nämlich keinen Visierhelm, sondern nur eine Pickelhaube vorfand; aber seine Erfindsamkeit half dem ab, denn er verfertigte aus Pappen etwas wie einen halben Helm, das, mit der Pickelhaube verbunden, den Anschein eines vollständigen Helmes gewann. Es ist wahr, daß, um zu erproben, ob er stark genug sei, die Gefahr eines Kampfs auszuhalten, er sein Schwert zog und zwei Hiebe auf ihn führte, aber schon mit dem ersten das wieder vernichtet hatte, was er in einer Woche gearbeitet. Ihm gefiel die Leichtigkeit nicht, mit der er sein Werk zerstört hatte, und um sich vor dieser Gefahr zu sichern, arbeitete er es von neuem, fügte inwendig einige Eisenstäbe so an, daß er mit der Tüchtigkeit zufrieden war, und ohne eine andre Probe zu machen, hielt er sich für überzeugt, daß dieser der trefflichste Visierhelm sei.

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Gruppe H | Land 2

Es war ein leerer und müßiger Sonntagnachmittag.
José Pedro hatte sich für ein gutes Stündchen hingelegt, um zu schlafen, aber kaum hatte er die Augen geschlossen, als ein Klopfen an der Tür ihn wieder munter machte.
»Herein!«
Totón erschien: »Pascual und Bruno sind hier, Patrón. Sie bringen einen Brief und zwei Kisten.«
José Pedro fuhr hoch; dies war eine Nachricht, der er gerne seine Siesta opferte. Er riss den Umschlag auf und fand darin einen Lieferschein: 6 Peadbody-Karabiner, 200 Schuss Munition Kaliber 9.
José Pedro sprang aus dem Bett und rief von der Türschwelle aus den jungen Männern zu: »Hierher! Bringt es hier herein!«
Er sah ihnen zu, wie sie im hellen Sonnenschein am Ende des Gartens das Maultier entluden. Dann stellten ein verschnürtes Paket und zwei schwere Kisten auf die Bank, die sich längs der ganzen Galerie erstreckte.
»Na, dann wollen wir uns die Pívoris mal anschauen!«
»Die was, Pascualote?«
»Na, die Pívoris! Nennt man die Dinger nicht so?«
»Peadbodys. ›Píbodi‹ spricht man das aus.«
»Ach, ist doch egal.«
Unter allerlei Späßen kramten sie die Karabiner aus der Kiste, betasteten und untersuchten sie, ihr Stolz war offensichtlich. Der soldatische Instinkt, der in jedem Chilenen steckte, erkannte sofort die Handhabung und den Mechanismus der Karabiner.
Als Bruno mit einem der Gewehre ins Freie zielte, huschte im grellen Sonnenlicht ein Schatten davon.
»Was war das denn?«
»Das war Cachafez, Patrón.«
»Wir haben ihn mitgebracht, damit Sie ihn sich mal ansehen.«
»Ist er von der Sorte, die wir brauchen?«
»Jawohl! Für die Wache.«
José Pedro bemerkte eine stämmige Gestalt, die sich mit eingezogenen Schultern hinter der alten Weide versteckte.
»Hey! Komm mal her!«
Cachafez trat hervor. Ein gebräunter junger Mann ohne besondere Merkmale, außer seinen Zähnen, die sich als zahlreich und auffällig weiß offenbarten. Wenn man ihn ansprach, wendete er den Kopf zur Seite und grinste. Er stand im Rufe, unerschrocken und in mancherlei Kniffen bewandert zu sein. José Pedro erinnerte sich an ihn. Cachafez – das war doch der kleine Bengel, der mit einem Strick in der Hand umherzog und damit Hunde und Katzen lassierte, und, so sagte man, manchmal sogar kleine Vögel.
José Pedro war zufrieden.

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