„Ich mach das hier aus Liebe“ – Sarah Kuttner moderierte die Vorstellung dreier guter Büchern

„Ich mach das hier aus Liebe“ – Sarah Kuttner moderierte die Vorstellung dreier guter Büchern

Die TV-Moderatorin Sarah Kuttner sprach Donnerstag Abend im Roten Salon mit drei Autoren des Kein & Aber Verlags: Michael Ebmeyer, Robert Seethaler und Markus Feldenkirchen

Ebmeyer, Seethaler und Feldenkirchen © Edward B. Gordon (http://www.gordon.de)

Im Roten Salon an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz ist wirklich alles rot: Wände, Sessel, Decke, Vorhänge und das Licht. Es ist warm, eigentlich stickig. Berlin-Mitte trifft sich.
Der Kein & Aber Verlag lud Donnerstag Abend zur Author’s Bar um drei viel versprechende Titel ihres Herbstprogramms vorzustellen. Michael Ebmeyer und Robert Seethaler hatten sich in der Vergangenheit bereits beweisen können, der Spiegel-Autor Markus Feldenkirchen debütierte mit dem Roman Was zusammen gehört.
Sarah Kuttner moderierte den Abend und das ist bekanntlich, was sie auch am besten kann. Bereits bevor die Anfrage kam, ob sie durch den Autorenabend leiten möchte, habe sie zwei der drei Bücher gelesen und sei daher voreingenommen begeistert von allen drei Titeln: „Ich mache das hier aus Liebe, also wirklich aus reinem Herzen und eben nicht nur dem schnöden Mammon wegen.“
Man war nett zueinander, es gab keine kritischen Fragen, man schätzte sich, duzte sich. Kuttner rief die Herren nacheinander per Vornamen zum Vorlesen auf. Jeder las – alle konnten das – ungefähr eine halbe Stunde, dann gab es ein paar Fragen von der Moderatorin. Das Publikum hatte so gut wie keine.
Drei Bücher für einen Abend – erstaunlicher Weise war das nicht zu viel. Es wirkte eher… effektiv. Bei den vorgestellten Texten handelt es sich nicht um große Romane, aber auch eben nicht um klitzekleine. Ebmeyer hatte schon früh mit den Erzählungen Henry Silber geht zu Ende beeindruckt und auch Landungen scheint kunstvoll komponiert. Kuttner lobte, dass der Autor für jede der drei Generationen, die nacheinander vorgestellt werden, eine eigene Sprache gefunden hat. Die Handlung beginnt 1869 mit Friederike Soltau, die in Bremerhaven ein Schiff besteigt, um nach Argentinien auswandern, wo sie hofft, nicht mehr von ihrem Schatten verfolgt zu werden und ihre Familie, dass Friederike weniger sonderbar wird. Hundert Jahre später besucht Udo den alten Familienbesitz und muss sich mit der Vergangenheit auseinander setzten. Und im dritten Teil, in dem Udos Sohn nach Argentinien reist, gibt es dann nach Kuttner eine „gute, richtig hote“ Sexszene.
Seethalers Roman Jetzt wirds ernst schildert das Erwachsenwerden eines Provinzlers, der gerne Schauspieler wäre: Eindimensional erzählt, aber durchaus komisch.
Jetzt wirds ernst und der Roman Was zusammen gehört von Feldenkirchen haben gemeinsam, dass in beiden Büchern das seltene Wort „Fleischkonservenfabrik“ auftaucht, wusste Kuttner. Zusammen gehören, im Sinne des Titels, Victoria und Benjamin. Die beiden hatten als Jugendliche eine Affäre und schreiben sich nun als einsame Erwachsene Briefe. Das weckt in Benjamin neuen Lebensgeist, denn bisher war sein größtes Problem, dass sein Chef ihn nicht auf dem Handy erreichen konnte, wenn er in der Tiefgarage war.
Das Beste an dem Abend war, dass trotz der prominenten „Musikfernsehtante“, so Kuttner selbst, auf der kleinen Bühne eindeutig nicht die Personen, sondern ihre Bücher im Vordergrund standen.

Matinee über Vögel – Jonathan Franzen und seine Leidenschaft


Das Brecht-Haus und das Museum für Naturkunde hatten zu einer Lesung der ganz besonderen Art geladen: Jonathan Franzen erzählte über seine Leiden-schaft als Vogelbeobachter und darüber, was das mit dem Schreiben zu tun hat.

Es war doch sehr erstaunlich, wie viele Besucher sich am vergangenen Sonntagmorgen im Hörsaal 7 der Humboldt-Universität einfanden, um sich von Jonathan Franzen erklären zu lassen, warum „Vögel gewissermaßen das bessere Ich der Dinosaurier sind“ und was im Allgemeinen so faszinierend daran sei, jenes Federvieh stundenlang zu beobachten. Anwesend waren vermutlich mehr Kenner der Ornithologie als Kenner des Oeuvres des amerikanischen Bestsellerautors. Die im Anschluss gestellten Publikumsfragen zumindest waren sehr speziell, wollten doch einige wissen, ob Herr Franzen bereits die Kraniche in Berlin gesehen habe oder um welche Vogelart es sich bei der sich im Central Park ausbreitenden handle. Die Antwort kam prompt: eine amerikanische Variante des Rotkehlchens.

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Reden wir mal über Geld: Auch in der Buchbranche verdienen Frauen weniger als Männer

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MünzenWer glaubt, mit der Gleichberechtigung in Deutschland sei schon alles okay, muss bei diesen Zahlen kräftig schlucken: Frauen in der Bundesrepublik verdienen im Schnitt 23% weniger als Männer. Das bedeutet konkret: 2009 lag ihr Bruttostundenverdienst bei 14,90 Euro, der der männlichen Beschäftigten bei 19,40 Euro. Die Buchbranche trägt zu dieser traurigen Statistik das ihrige bei.

Einen Anhaltspunkt dafür, wie es um die Arbeitssituation in der Buchbranche bestellt ist, gibt die Studie „MehrWert“, die im Auftrag des Vereins Bücherfrauen e.V. durchgeführt wurde. Mehr als 1.200 angestellte und freiberufliche Beschäftigte aus Verlagswesen, Zwischen- und Sortimentsbuchhandel haben sich an der Onlineumfrage beteiligt und Auskunft über Ausbildung, Arbeitsbedingungen und Gehalt gegeben. Das ernüchternde Ergebnis: Frauen verdienen bis zu 25% weniger als ihre männlichen Kollegen. Hier einige Details aus der Studie:

  • Familie: Kinder werden bekanntlich als Karrierehemmnis Nummer Eins betrachtet. Frauen müssen während der Schwangerschaft pausieren und arbeiten danach oft in Teilzeit. Wirklich erstaunlich ist jedoch, dass 70 % der Befragten kinderlos sind. Das heißt, die Gehaltsunterschiede lassen sich nur bedingt mit dem Argument „Familie“ erklären. Bei denjenigen Befragten, die jedoch Kinder haben, zeigt sich ein bekannter statistischer Effekt: Bei Frauen wirkt sich Elternschaft negativ auf Gehalt und Einkommen aus – bei Männern dagegen positiv. Mehr lesen

Ein Buch, das niemand geschrieben hat
Nino Haratischwili: Juja


„Ich wurde ins Leben gefickt.“ So so …, aber wer nicht?

Am Anfang steht Verlust. Auch in Nino Haratischwilis Roman Juja: „Ich war ein EMBRYO und wusste alles. Ich wurde ins Leben gepresst und vergaß mein Wissen. Ich wurde ins Leben gefickt. Man entnahm mir mein Wissen. Ich will Rache.“ So lauten die ersten Zeilen von Juja; sie gehören Jeanne Saré, einer jungen Frau mit weißer Haut, etwas zu langen Armen und sich abzeichnenden Rippen, mit einem starren Gesicht, das leblose Lippen, eine kleine Nase, hohe Wangenknochen und tiefe, sumpfgrüne Augen unter einer breiten Stirn beherbergt. So sieht ein Mädchen aus, das aufgebrochen war, „um die Welt zu beenden.“ Angeblich. Ein Mädchen, das apokalyptisches Gedankengut in poetischen Zeilen fixiert, aus denen Einsamkeit und Verzweiflung ebenso laut herausschreien wie eine tiefsitzende, unerfüllte Sehnsucht nach – Liebe, Leben? So schreibt ein Mädchen, das ihr Dasein gegen den Tod eintauscht. Angeblich. Jeanne Saré soll in den 1950er Jahren in Paris gelebt haben, bis sie sich im Alter von 17 Jahren am Gare du Nord vor einen Zug warf. Ihre Schriften gelangten knapp 20 Jahre später an die Öffentlichkeit, wo sie 14 Frauen in den Freitod führten. Weil diese sich wiedererkannten in der Weltverlorenheit des jungen Mädchens, um das sich angesichts der wenigen Informationen zu ihrer Person ein Mythos rankte. Und „einen Mythos hinterfragt man nicht. Deswegen ist es ja auch ein Mythos“, so der Verleger von Sarés Texten.
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Verlagslektorat heute
Eine Außenansicht – Teil II

In einer dreiteiligen Serie beschäftigt sich Litaffin mit der Geschichte, der Entwicklung und dem Status Quo des Verlagslektorats.
Teil II: Lektor vs. Produktmanager – Eine Hierarchie oder „Was bist du wert?“

Es gibt Lektoren, die beim Wort Produktmanagement die Nase rümpfen und es als Modebegriff abtun. Wenn sie über diesen Bereich ihrer Arbeit sprechen, gleicht es in vielen Fällen einer Klage, die von „Das ist alles zu viel und mir bleibt kaum Zeit für’s Lesen“ bis zu „Produktmanagement, das ist nicht meine Aufgabe, ich bin ein Lektor und das heißt lesen“ reicht. Mir fällt auf, dass dabei stets eine Wertung mitschwingt: Textarbeit ist gut, Produktmanagement ist schlecht. Diese Hierarchie bildet das Grundgerüst der Kontroverse, die Rollen sind verteilt. Das entsprechende Tabu wäre demnach der Lektor, der Produktmanagement-Aufgaben mindestens genauso interessant findet wie die Text- und Autorenarbeit. In den Augen vieler Lektoren wäre das wahrscheinlich kein „richtiger“ Lektor mehr. Aber warum eigentlich? Warum soll das Produktmanagement weniger wert sein als die Text- und Autorenarbeit? Warum ist die Schnittstellenarbeit rund um das Projekt Buch so ungeliebt? Mehr lesen