SuB, SaB, RuB und RaB
Der Stapel ungelesener Bücher oder: Die stille Reserve


Stapelweise ungelesene Seiten

Mein SuB und ich, eine unendliche Geschichte. Ein bisschen wie dreckiges Geschirr in der Spüle führt er mir jeden Tag vor Augen, was ich irgendwann einmal lesen wollte und müsste, wenn ich könnte – wären da nicht 100 andere Verlockungen. Ich träume davon, ihn eines Tages zu besiegen. Die Chancen stehen schlecht.

Zeig mir deinen SuB und ich sage dir, wer du bist!

Als ich neulich im Internet nach Literaturblogs suchte, fielen mir immer wieder drei Buchstaben ins Auge. Die Literaturblogger dieser Welt beschäftigt ein Phänomen, das alle Leser wohl nur zu gut kennen: der Stapel ungelesener Bücher, kurz: der SuB. Mit erstaunlicher Hingabe und großer Dokumentationsfreude wird alles geordnet, was nur darauf wartet, gelesen zu werden – alphabetisch, nach Dringlichkeit oder nach Dauer des Verweilens unter Artgenossen. Jeder scheint eine ganz persönliche stille Reserve zu haben, auf die ganz nach Bedarf zurückgegriffen werden kann. Auch in Literaturforen wird diskutiert, wer den Schönsten, Größten und Anspruchsvollsten hat. Frei nach dem Motto: Zeige mir deinen SuB und ich sage dir, wer du bist. Hier zählt nicht, was man gelesen hat, sondern was man nicht gelesen hat. Je mehr, desto besser. Manche Blogger berichten gar von ganzen RuB, Regalen ungelesener Bücher. Für Parallelleser und Buchabbrecher lohne sich übrigens auch das Anlegen eines SaB – so können ANgelesene Bücher besser von UNgelesenen unterschieden werden. Vom imaginären SuB, dem langen Wunschzettel aller Bücher, die man so gerne lesen möchte, aber noch nicht besitzt, will ich hier gar nicht erst anfangen.

Das ewige Wachsen

Ich schaue auf den kleinen Stapel Bücher neben meinem Nachttisch, durchforste mein Regal nach weiteren ungelesenen Büchern und stelle fest, dass mein SuB im Vergleich zu den Zahlen im Netz doch noch recht überschaubar ist. Genau 30,7 cm ist er hoch, nur 16 Titel, aber bunt gemischt: Von Virginia Woolf und Flaubert über Thomas Mann und Simone de Beauvoir bis hin zu Tim Binding und Herta Müller ist alles dabei.

Ich versuche mich zu erinnern: Wo kommen all diese Bücher her, und warum habe ich sie nicht gelesen, bevor wieder neue dazukamen? Annie Proulx’ Schiffsmeldungen etwa habe ich vor Jahren geschenkt bekommen – sicher ein gutes Buch, aber irgendwie gab es immer bessere. Mrs. Dalloway: auch so ein Klassiker den man immer mal lesen wollte. Wollte. Und vorsichtshalber hat man ihn auch schon mal gekauft, als wüsste man nicht, dass da noch mindestens zehn andere Juwelen der Weltliteratur ein trostloses Dasein im SuB fristen. Dann wären da noch die Erzählungen von Ralf Rothmann, Rehe am Meer – die hatte eine Freundin mir vor drei Jahren empfohlen. Und das Cover, das war ja auch so hübsch, musste ich kaufen. Und noch dieses Sachbuch, Skandal. Die Macht öffentlicher Empörung, das hatte mich auch mal brennend interessiert. Es interessiert mich immer noch, nur scheinbar nicht mehr ganz so brennend. Gott allein weiß, warum ich es damals nicht gleich gelesen habe. Wahrscheinlich ein Zeitproblem. Tim Bindings Cliffhanger gab mir meine Mutter mit den Worten „Lies’ das mal“. Und zack, ab auf den SuB damit, Michel Houellebecqs neuester Roman liegt da auch schon, aber den lese ich bald, ich schwöre!

Und so läuft es ewig weiter, das unendliche Spiel. Manche Bücher verweilen nur kurz im SuB, andere liegen so lange dort, dass man irgendwann auch das letzte bisschen Interesse an ihnen verliert. Das Problem: Der SuB wächst immer schneller, als er schrumpfen kann. Immer. Seinen SuB zu killen, würde ein utopisch hohes Maß an Disziplin erfordern. Und dann ist da noch die Sache mit dem „richtigen Moment“. Man muss schon „in der Stimmung“ sein – nicht jedes Buch kann zu jedem Zeitpunkt ohne Probleme gelesen werden. Und ein möglichst hoher SuB garantiert für alle Gefühlslagen das passende Buch. Ha!

SuB-Abbau-Methoden

Und doch: In Foren wird diskutiert, welche Methode die effektivste sein dürfte, um das SuB-Wachstum unter Kontrolle zu bekommen, als gelte es, einen Kampf zu gewinnen. Das Verhältnis von Wachsen und Schrumpfen könnte z.B. einfach umgekehrt werden, indem man immer mehr alte Bücher liest, als neue kauft. Je nach aktueller SuB-Höhe schwanken die Zahlen von 2:1 bis 10:1. Puh. Um das zu schaffen, wird empfohlen, sich monatelang Ohren und Augen zuzuhalten, um jeglichen Input zu vermeiden. Ein besonders radikaler User schlägt da gleich lieber den totalen Verzicht – a.k.a. „Buchfasten“ – vor: Dabei wird so lange kein neues Buch gekauft, bis der Stapel abgearbeitet ist – in seinem Fall also mindestens bis 2014. Praktischer wäre es, eine untere Grenze (von z.B. zehn Büchern) festzusetzen, die nie überschritten werden darf. Alternativ könne man auch einfach versuchen, die Konzentration auf andere Konsumgüter zu lenken, statt immer mehr Bücher anzuhäufen. Userin X schlägt Schuhe vor.

Ich seufze und starre meinen SuB an. Morgen ist Heiligabend. Ich ahne Schlimmes. Mindestens drei gewünschte und höchstwahrscheinlich noch einmal genau so viele ungeplante Neulinge werden nach den Feiertagen ganz oben auf dem SuB landen und Mrs. Dalloway für mindestens weitere drei Jahre in den Schatten stellen. Aber ihr Moment wird schon kommen, ganz sicher. Ist ja doch auch ganz schön, so ein SuB.

Bild: © Sarah Ehrhardt

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8 Antworten

  1. Sarah, herrlich! Ich überlege gerad, ob ich mir nicht mal einen SiwB bauen sollte -- einen Stapel immer wieder gelesener Bücher…

  2. Zur Vermeidung eines schlechten Gewissens und weil ich den Anblick meines SuB nicht länger ertragen konnte, habe ich die bisher ungelesenen Bücher einfach zwischen die gelesenen gestellt. Ich hege die Hoffnung, dass ich in ein paar Jahren Erstere von Letzteren nicht mehr zu unterscheiden vermag bzw. mir einbilde, alle gelesen zu haben. ;)

  3. Gute Strategie! Ich persönlich vermeide ja einen SaB, indem ich Bücher, die ich nur angelesen habe, wenigstens bis zum Ende durchblättere -- das beruhigt mein schlechtes Gewissen auch ungemein! ;)

  4. Ich verfahre wie Markus! Jedoch funktioniert diese Möglichkeit der Verdrängung nur bedingt. Denn spätestens wenn der nette Besuch augenaufreißend und kopfschüttlend die Frage stellt: “Boaaaa, hast du die alle gelesen????” schaue ich nicht mehr aufs Regal, sondern betreten auf den Boden und erzähle leise räuspernd von meinem SuB.

  5. …aber die Klappe muss man ja zum Glück trotz eines großen SuB nicht halten:
    http://www.amazon.de/%C3%BCber-B%C3%BCcher-spricht-nicht-gelesen/dp/3442155576/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1293120091&sr=8-1

    Antwort von Markus am 23. Dez 2010 um 18:37

    So machens die Profis… Hehe. Allerdings sollte man das Buch nicht auf den Titel reduzieren, bietet es doch vor allem Einsichten über den Literaturbetrieb, die Meinungsentstehung und Meinungsmache…

  6. Was ich mache: ich lese halt mehrere ehemalige SuBs gegenseitig, komm halt leider nie zu Ende und so bleiben sie leider im literarischen Fegefeuer…

    super Artikel, Sarah!

  7. Habe den Artikel jetzt erst gelesen und bin begeistert. Und fühle mich jetzt weniger schlecht, weil es offensichtlich vielen so geht…