Literatur hörbar erleben

Literatur hörbar erleben

Die beiden Autoren Christine Berger und Felix Mennen haben 2005 das Projekt „Hörbar Berlin“ ins Leben gerufen. An über 30 Hörstationen kann man sich heute kostenlos MP3-Player ausleihen und Literatur von Berliner Schriftstellern anhören.

Ich sitze in einem gemütlichen Café auf der Schönhauser Allee Ecke Danziger Straße. Durch die große Fensterfront beobachte ich die vielen Menschen, die aus dem U-Bahnhof Eberswalder Straße herausströmen und sich in alle Richtungen verteilen. Eine angenehme Männerstimme ertönt aus den Kopfhörern des CD-Players und erzählt die Kurzgeschichte Der Rempler von Michael André Werner. Wie passend, denke ich, während ich einen Schluck von meiner Heißen Schokolade trinke, diese Typen begegnen einem in Berlin doch fast jeden Tag: Gehetzte Großstädter, die sich während der Rushhour rücksichtslos an den anderen Fahrgästen vorbeidrängeln und zum Zug eilen, als wäre es der letzte, der sie an ihr Ziel bringen kann. Mehr lesen

Ein Baum der Erinnerung

Ein Baum der Erinnerung

Ein Gastbeitrag von Svenja Hoch

In der Reihe unserer Lieblingsbücher hat sich litaffin diesmal einen Gastbeitrag geangelt. Svenja Hoch schreibt über die Suggestivkraft der Erinnerung, heitere Poesie und tieftraurige Melancholie in Diese Liebe von Robert Cotroneo.

Edo hat das, wovon viele bibliophile Menschen wohl träumen: einen eigenen Buchladen. Er sagt „man müsse sich den Buchladen wie eine Apotheke vorstellen. Für die Leiden am Dasein.“ Zusammen mit seiner Frau Anna, die eigentlich Lehrerin ist, führt er das Geschäft. All das ändert sich, als Edo eines Morgens erwacht und sich an nichts mehr erinnert: nicht an die Koordinaten des Badezimmers im eigenen Haus, nicht an den besten Freund, nicht an die Kinder und auch nicht an Anna. Gab es zuvor nur ein „Wir“, das in der buchstabengefüllten Stille des Buchladens seinen Ausdruck fand, so lebt Edo jetzt allein in einer Welt, die ihm in jedem Winkel nur Unbekanntes bietet, dem „Land des Ungesagten“.

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Was kann ein Buch? Tree of Codes von Jonathan S. Foer

Was kann ein Buch? Tree of Codes von Jonathan S. Foer

Gerade erst haben wir euch einen Ausblick gegeben, welche technischen Trends den Literaturbetrieb in Zukunft verändern werden. In aller Munde ist natürlich das ebook, das bereits seinen Siegeszug antritt oder demnächst antreten wird. Aber jede Bewegung bringt gleichzeitig ihre Gegenbewegung hervor oder wie mein ehemaliger Philosophieprofessor zu sagen pflegte: Alles ist dialektisch.

Jonathan Safran Foer, amerikanischer Bestseller-Autor und Multitalent, macht mit seinem neusten Werk Tree of Codes vor, was mit einem Buch aus Papier alles möglich ist. Mehr lesen

Knechte, Mönche, Banditen

Knechte, Mönche, Banditen
Gerhard Falkner © A.P. Englert

Gerhard Falkner ist Lyriker, Dramatiker, Essayist und Übersetzter. Sein erster Gedichtband so beginnen am körper die tage erschien 1981, seine neue Monographie Kanne Blumma ist im November 2010 im ars vivendi Verlag erschienen. Litaffin sprach mit ihm über die Entwicklung des Literaturbetriebs in den letzten Jahrzehnten, über schlecht ausgebildete Buchhändler, schrumpfende Kulturredaktionen und Lektorate, die zunehmend unter Druck stehen.

Litaffin: Du hattest dich von 1984 bis 1996 aus dem Literaturbetrieb zurückgezogen und keinen Gedichtband mehr veröffentlicht. Warum?

Gerhard Falkner: Das hatte viele Gründe, die ich inzwischen unendlich oft dargelegt habe. Eine der vielen Antworten lautet: Die Kommunikationsmöglichkeiten werden immer dichter und anspruchsvoller. Mit ihrer Hilfe verschaffen sich Autoren eine Präsenz im Literaturbetrieb, die nicht mehr notwendigerweise durch eine Qualität des Textes abgedeckt sein muss. Wichtig ist nicht, was drin ist, sondern was drauf steht.

Hinzu kommt, dass die  kontemplativen Phasen, also die Phasen des „Reifens sprachlicher Ideen“, die in der Dichtung stets eine besonders große Rolle gespielt haben, immer knapper und enger werden.

Ich glaube, dass der Literaturbetrieb Literatur inzwischen eher wirksam verhindert als befördert und nur noch diese komischen Podiumsautoren heranzüchtet, deren einzige besondere Eigenschaft es ist, dass sie weder Fisch noch Fleisch sind und die Kunst beherrschen, während des Redens beliebig lange nichts zu sagen.

Womit ich nicht behaupte, dass keine Literatur entsteht. Diese entsteht aber nicht weil, sondern obwohl und oft, bevor sie im größeren Stile bemerkt wird.

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Blogrundschau#1: Literatur 2.0 oder: Themen, die uns 2011 beschäftigen

Blogrundschau#1: Literatur 2.0 oder: Themen, die uns 2011 beschäftigen

Von Sarah Ehrhardt und Lisa Heyse

In einer neuen Serie wagt litaffin einen Blick über den virtuellen Tellerrand und durchstreift für euch die schier unendlichen Weiten der literarischen Blogosphäre. Einmal monatlich werden zukünftig an dieser Stelle die besten Funde kondensiert und geordnet vorgestellt.

Statt der üblichen Best-of-2010-Listen soll zu Beginn des neuen Jahres ein Blick in die Zukunft gewagt werden. Welche Themen werden Autoren, Verleger und Leser 2011 beschäftigen? In welchem Maße beeinflussen neue Technologien unser Kauf- und Leseverhalten? Wie könnte digitales Verlegen zukünftig aussehen? Mehr lesen

Drehbuchautoren sind Handwerker

Drehbuchautoren sind Handwerker

(c) Thomas Huber

Alexander Dydyna ist mit 26 Jahren vielleicht der jüngste Drehbuchautor fürs Kino. Mit seinem Debüt, dem von Literatur inspirierten Film Goethe!, den er zusammen mit Christoph Müller und Philipp Stölzl schrieb, schaffte er es von ‚zero to hero’. Grund genug für Litaffin, einmal nachzufragen.

Litaffin: Was braucht ein guter Kinofilm?

Alexander Dydyna: Wenn ich deutsche Filme schauen will, habe ich oft diese riesige Hemmschwelle, weil ich Angst habe, gelangweilt zu werden. Vielleicht habe ich auch Angst, dass der deutsche Filmemacher es sich zu einfach macht und sich zu sehr als Autor sieht: Man hat mehr das Gefühl, dass er das Handwerk vernachlässigt und dabei das Publikum vergisst, weil er Kunst schaffen will, seine eigene Weltsicht mitteilen möchte – und nicht unterhalten. Die Amerikaner machen das zuweilen wirklich gut. Also die sind ja so schlau, die sagen: Wir machen Entertainment, das einem so ein bisschen was mit auf den Weg gibt. Filme, die auf der emotionalen Ebene total gut funktionieren, schaut man sich lieber an.

Litaffin: Macht das bereits der Drehbuchautor? Schreibt er vor, wie etwas wirken soll bzw. muss? Mehr lesen

Geschichten in Jurten: Der zehnte Berliner Wintersalon

Geschichten in Jurten: Der zehnte Berliner Wintersalon

Der zehnte Berliner Wintersalon hat seit Donnerstag seine Jurten geöffnet und lädt ein zum kurzen Eintauchen in eine gänzlich unstädtische Welt.

Über drei Jurten stolpern hastig eilende Geschäftsmänner und Touristen aus aller Welt zur Zeit im Innenraum des Sony Centers. Drei runde Zelte, die bereits von außen symbolisieren, dass sie dorthin eigentlich nicht gehören, sich nicht einreihen mögen in den ansonsten so futuristisch anmutenden, hohen Gebäudekomplex. Und tatsächlich entführt einen das Betreten eines dieser in Relation winzig anmutenden Konstrukte in eine gänzlich andere Atmosphäre.

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Nachrichten aus Brasilien

Nachrichten aus Brasilien

Chico Buarque zeigt die brasilianische geschichtliche Erfahrung aus einer großartigen Perspektive, die den Abstand zwischen Literatur und Gesellschaft verringert.

Im November 2010 stürmte die brasilianische Polizei Vila Cruzeiro, eine der größten Favelas in Rio de Janeiro, mit einem Großaufgebot an Polizisten, Hubschraubern und Panzern. „Vila Cruzeiro gehört wieder zum Staat“, ließ der Vizechef der Polizei nach dem Einsatz verlauten – was so klang, als ob Vila Cruzeiro irgendwann nicht mehr zum Staat gehört hätte. Die Kollision zwischen Drogenhändlern und Polizei ist auf keinen Fall etwas Neues. Neu ist, dass die Angriffe live übertragen werden, um das Gefühl von Ordnung und Sicherheit herzustellen, und nicht zuletzt um die Macht der Regierung zu demonstrieren. Natürlich ist das Schönfärberei, die die soziale Probleme missachtet, und die Ursachen des Drogenhandels nicht erkennt. Wer die Augen davor verschließt, wird große Schwierigkeiten haben, die heutige Lage in Brasilien zu begreifen. Aber was haben solche Ereignisse mit Literatur zu tun? Mehr lesen

Zadig
Die Französische Buchhandlung in Berlin-Mitte

ZadigDie Französische Buchhandlung in Berlin-Mitte

Von „Another Country“ aus reisen wir gleich weiter in frankophone Gefilde und besuchen diesmal die Buchhandlung „Zadig“ in Berlin-Mitte. Zwischen Neuer Synagoge und Oranienburger Tor befindet sich seit nunmehr sieben Jahren einer der Berliner „hot spots“ französischer Kultur. Mit Litaffin sprach Patrick Suel, der Inhaber, über Voltaire, Houellebecq, die Konkurrenz und das Jahr 2011.

Litaffin: Patrick, welche Idee steckt hinter der Namenswahl? Warum der Bezug zu Voltaires Erzählung Zadig ou la destinée?

Suel: Zunächst einmal hat Voltaire als Franzose auch einen Bezug zu Berlin – er lebte und publizierte ja eine Weile am Hof von Friedrich II. Der Name Zadig ist mehrdeutig: im Arabischen steht er für Wahrheit, im Hebräischen für Gerechtigkeit, er verkörpert die Idee der Aufklärung. Weder Voltaire noch die Figur Zadig sind Vorbilder für mich, aber auf intellektueller Ebene sind sie interessante Charaktere. Manchmal frage ich mich auch, ob Zadig nicht eigentlich ein schrecklicher Name für eine Buchhandlung ist, denn die Figur in Voltaires Erzählung macht viel Furchtbares durch. Doch am Ende zählt, dass er sich diesen Dingen stellt (und als Sieger aus dem Kampf hervorgeht). Das ist doch eine gute Philosophie!  Mehr lesen