Blogrundschau#1: Literatur 2.0 oder: Themen, die uns 2011 beschäftigen

Von Sarah Ehrhardt und Lisa Heyse

In einer neuen Serie wagt litaffin einen Blick über den virtuellen Tellerrand und durchstreift für euch die schier unendlichen Weiten der literarischen Blogosphäre. Einmal monatlich werden zukünftig an dieser Stelle die besten Funde kondensiert und geordnet vorgestellt.

Statt der üblichen Best-of-2010-Listen soll zu Beginn des neuen Jahres ein Blick in die Zukunft gewagt werden. Welche Themen werden Autoren, Verleger und Leser 2011 beschäftigen? In welchem Maße beeinflussen neue Technologien unser Kauf- und Leseverhalten? Wie könnte digitales Verlegen zukünftig aussehen?

Die Einstimmung in das Thema liefert Mr. Rails utopischer – oder viel eher augenzwinkernd dystopischer - Entwurf eines Siegeszugs des eBooks über das herkömmliche Buch. Aber keine Angst: Spätestens 2024 wird es heißen: The empire (retro)book strikes back!

Der Artikel ist einer der wenigen, die sich in deutschsprachigen Blogs zum Thema e-Publishing finden lassen. Es ist nicht überraschend, aber trotzdem auffallend, dass die interessantesten, weil auf Erfahrungen basierenden Beiträge, aus dem englischsprachigen Raum stammen. Einen Einblick in ihre ganz persönlichen Erfahrungen und Einschätzungen mit eBooks geben verschiedenste Personen aus der Verlagsbranche in einer Zusammenstellung von The Literary Platform, einer spannenden Seite über den experimentellen Umgang mit Literatur und neuer Technologie.

Ans Herz legen möchten wir euch einen Artikel über Social Reading von Booksquare-Bloggerin Kassia Krozser. Denn die Etablierung der unterschiedlich interaktiven eBooks eröffnet nicht nur neue Formen des Social Writing (ein Beispiel dafür ist der interaktive Roman “The Mongoliad” von/um Neal Stephenson), sondern verdeutlicht und fördert gleichermaßen die (genuin) soziale Komponente das Lesens. Wer liest, so Kroszer, möchte das Gelesene kommentieren und sich mit anderen darüber austauschen. Wird Lesen zu einer Online-Aktivität, könnten die kurzen Bleistiftnotizen am Seitenrand endlich auch andere Leser sehen und kommentieren. Es verändere sich am Leseverhalten also nichts grundlegend. Vielmehr entstehe für Verlage und andere Unternehmensformen die Herausforderung, den Austausch so zu organisieren, dass er keinen Mehraufwand für die Leserschaft bedeute, die schon jetzt viele, aber unterschiedliche soziale Plattformen nutze. Um hier eine gute Lösung zu finden, gilt es laut der Autorin, flexibel zu bleiben, sich auch mal zurückzulehnen und vor allem auf eines zu achten: Die Bedürfnisse der Lesenden, die sich über ein gutes Buch schon austauschen werden.

Auf Futurebooks, einer Webseite des Londoner Institut if:books für die Zukunft von Autoren und Lesern im digitalen Zeitalter, treibt Chris Meade die Vorstellung vom Social Reading auf die Spitze und stellt die These auf, die Gesellschaft bewege sich zunehmend from publication to conversation. Ein Video zum zum Thema Screen Technology zeigt, wie Konversation in Zukunft aussehen könnte:

http://www.youtube.com/watch?v=g7_mOdi3O5E

Und es bleibt social: Zum Auftreten von Verlagen auf facebook, twitter & Co äußert sich Online-Managerin Wibke Ladwig gegenüber dem Projekt “Verlage der Zukunft” positiv. Im (nicht nur die Literaturbranche betreffenden) firstmedia-Blog  von Medienberater Frank Huber hingegen fragt man sich, ob social media weiterhin so rasant wachsen werden wie bisher oder ob das Bedürfnis nach zuverlässigen, gefilterten Informationen ohne ökonomische Hintergedanken nicht überwiegen und dem Boom schließlich ein Ende setzen wird.

Weiterhin viel diskutiert werden zwei der prominentesten Entwicklungen im Bereich des digitalen Verlegens und Lesens: google ebooks und das iPad.
Google ebooks (zunächst als google editions geplant) ist seit Anfang Dezember letzten Jahres in den USA online, geplant ist für 2011 auch der Start in Deutschland. Mit einem, das muss man ihnen lassen, liebevoll gemachten Video und einem eigenen Blog wird die Werbetrommel gerührt: “Google eBooks is all about the choice: from what you want to read, where you want to shop to how you want to read.”
Nach den Vermutungen des letzten Jahres, das iPad könne dem ebook zu seinem Durchbruch verhelfen, fragen sich jetzt das firstmedia-Blog und die Verlage der Zukunft: Wird das iPad zum Retter der Verlage oder ist es einfach nur gnadenlos überhypt? In welchem Verhätnis stehen Nutz- und Unterhaltungswert?

Drei Ideen, wie Nutzen und Unterhaltung verbunden werden können, zeigt das “Future of the Book” Video von IDEO:

http://www.youtube.com/watch?v=BU2hcMZaR70

Wir können uns nicht entscheiden, ob wir NELSEN oder ALICE zuerst ausprobieren würden.
Aber was sagt ihr? Welches Konzept für ‘near-future books’ überzeugt euch?

Grafik © Gerd Altmann/graphicxtras / PIXELIO, www.pixelio.de

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Über Lisa Heyse

Lisa Heyse ist nach ihrem Studium der Kulturwissenschaft und Germanistik in Bremen zu den Angewandten Literaturwissenschaftler und Litaffinen gestoßen. Nebenbei arbeitet sie als freie Lektorin, Gutachterin für Kinder- und Jugendbücher sowie Moderatorin und organisiert ein europäisches Literaturfestival in Kiel.
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4 Antworten

  1. Vielen Dank euch beiden für die schöne Übersicht!

    Als kleine Ergänzung:

    Einige Features von NELSEN und Co sind in der iPad App “libroid” von Jürgen Neffe schon angelegt (das Drehen, um zu neuen Ebenen zu kommen beispielsweiße): http://libroid.com/die-idee/

    Eine Rezension dazu findet sich hier: http://bit.ly/gVYdsU

    Das kann ich mir für Sachbücher tatsächlich sehr gut vorstellen. Bei Belletristik hingegen weniger..

  2. Also das Konzept Nelsen ist ja in gewisser Weise schon realisiert worden. Unzählige Blogbeiträge und Zeitungsartikel werden im I-Net durch Kommentare verbessert und mit weiterführenden Links versehen. Das ist zuweilen sehr hilfreich, anderseits besteht die Gefahr eines information overflow und man wünscht sich ausgefeilte Filter, die die Spreu vom Weizen trennen. Das Konzept Alice wiederum wird wohl als erstes bei digitalen Kinderbüchern eingesetzt werden. Wenn die Entwicklung dazu führt, dass Kinder und Erwachsener mehr lesen, ist es einen Versuch wert…

  3. Interessante Übersicht!

    Ich kann mir COUPLAND für die nahe Zukunft auch ganz gut vorstellen, weil es sich fast nahtlos an facebook anschließt bzw. sich darin integrieren lässt. Die Leselust an Infos über die Aktivitäten von Freunden und Bekannten im Netzwerk besteht ja schon, daher wäre das lediglich so etwas wie eine Spezifizierung des facebook-Konzepts auf Literatur.

    Am spannendsten finde ich persönlich ALICE; ich kann mir das auch gut bei Kinderbüchern vorstellen, allerdings überfordert die Technik (noch!) die Zielgruppe. Für Jugendbücher wie „Twilight“ könnte das jedoch der absolute Renner werden. Man stelle sich tausende von Teenagern vor, die alle sehnsüchtig auf eine Nachricht von Edward auf ihrem iphone warten… :)

  4. ALICE finde ich eigentlich total abschreckend. Beim Lesen will ich meistens doch eher meine Ruhe haben und nicht ständig von irgendeinem Glimbimpf (wie man bei uns in Franken sagt) abgelenkt werden. Mit einer Ausnahme: Kennt jemand von euch noch die “Knickerbockerbande”? Hab ich in meiner Kindheit verschlungen, weil es am Ende jedes Kapitels ein Rätsel gab, das man lösen musste. Damals gab es noch Lochkarten, die man über eine Kombination von Buchstaben legen müsste, um die richtige Lösung entschlüsseln zu können. So was funktioniert mit nem gut gemachten E-Book natürlich noch in ganz anderen Dimensionen… und da wär ich dann dabei…