Wes Brot ich ess, dess Lied ich sing!

Wes Brot ich ess, dess Lied ich sing!

Gerhard Falkner ist Lyriker, Dramatiker, Essayist und Übersetzter. Im Januar erschien der erste Teil dieses Interviews, in dem er das schillernde Wesen des Literaturbetriebs diskutiert. In Teil II bietet Falkner einen Blick auf den heutigen Zustand der Literaturkritik im Zusammenspiel mit dem Markt für Literatur.


Litaffin: Man gewinnt den Eindruck, dass die Probleme, die den Literaturbetrieb betreffen, aus dem Mitmachen entstehen – dem Mitmachen der Buchhandlungen, Verlage und der Autoren selbst. Es wächst der Druck, Bestseller zu propagieren, Autoren zu inszenieren. Berufseinsteiger in den Literaturbetrieb arbeiten meist monatelang in schlecht bezahlten Praktika oder Volontariaten. Was ist Ihre Einschätzung der Lage?

Mehr lesen

Verortung der Gegenwart – Ulrich Peltzers Poetikvorlesung

Verortung der Gegenwart – Ulrich Peltzers Poetikvorlesung

Das Sprechen über Literatur ist dann faszinierend, wenn es intensiv und weitsichtig geschieht, wie zu Beginn des Jahres an vier aufeinander folgenden Dienstagen in Frankfurt. Im Rahmen der dortigen Poetikdozentur skizzierte der Schriftsteller Ulrich Peltzer unter dem Titel Angefangen wird mittendrin ein Literaturverständnis, das Literatur als Teil einer Liaison mit der Gegenwart niemals zu einem Ende kommen lässt. Dankbarerweise für alle, die nicht anwesend sein konnten, ist nun im S. Fischer Verlag unter gleichem Titel Peltzers Poetiktext erschienen.

Seit Ingeborg Bachmann mit ihrer Vorlesung Probleme zeitgenössischer Dichtung 1959/ 1960 in Frankfurt den Anfang machte, kamen über die Jahre in mehreren Städten eine Vielzahl von Vorlesungen hinzu, die (wenn man es so will) auch als eine Art Kanonisierung verstanden werden können. Peltzer steht 2011 am Ende eines Jahrzehnts, das in gewisser Hinsicht eine kleine Wende in dem Genre der Poetikvorlesung vollzog. Mehr lesen

L’amour nègre – der neue Roman von Jean-Michel Olivier

L’amour nègre – der neue Roman von Jean-Michel Olivier

Moussa wird in einem armen Dorf in Afrika geboren. Mit ungefähr 12 Jahren verkauft sein Vater ihn gegen einen LCD-Breitbild-Fernseher an ein amerikanisches Schauspielerpaar. Von den neuen Eltern erhält er einen anderen Namen: Adam. L’amour nègre, schwarze Liebe, der neue Roman von Jean-Michel Olivier, erhielt den Prix Interallié. Er handelt von Moussas Wanderung rund um die Welt.  Moussa-Adam rettet seine ebenso adoptierte Schwester Ming vor einer Vergewaltigung. Als er sie schwängert, vertrauen seine Eltern ihm einen anderen Kinostar an. Mit ihm fliegt Adam auf dessen private Insel in Ozeanien. Ein katastrophaler Brand zerstört nicht nur alles auf der Insel, sondern auch die Freundschaft mit diesem Schauspieler und er muss fliehen. Sein Weg führt ihn über Asien in die Schweiz.

Die Suche nach dem verlorenen Paradies, nach dem Lebenssinn und der eigenen Identität erscheint sinnlos. Jenseits des moralischen und kulturellen Verfalls des Abendlands findet sich der Ich-Erzähler in einem globalen durch Kameralichtern beleuchteten Nicht-Ort, wo alle Unterschiede zwischen Völkern und Ländern und Gebräuchen und Menschen gelöscht werden. Was übrig bleibt, ist lediglich Stereotyp und Klischee. Überall wird die gleiche Musik gehört, dieselben Marken konsumiert, sogar die Gefühle und die Illusionen sind in der von Olivier erschaffenen Welt ähnlich. Die fünf Kontinente sind in fünf Kapiteln vertreten: Afrika und Elend; Amerika und große, moderne Städte; Ozeanien und viele Inseln; Asien und sexueller Tourismus; Europa und alter Charme. Aber eigentlich gibt es keinen Ort, an dem man glücklich sein kann. Man bekommt das Gefühl, eine populäre Zeitschrift zu lesen, wo alle Geheimnisse des privaten Lebens der Hollywoodstars enthüllt werden.

Sprachlich ist der Roman sehr direkt; seine kurzen Sätze lesen sich schnell, als ob das dynamische Tempo des modernen Lebens auch das Schreiben beeinflusst hätte. Vielleicht wollte der Autor damit den Ich-Erzähler mit einer Art Naivität prägen, die laut der französischen Presse manche Ähnlichkeiten mit Voltaires Candide haben soll. Es ist Zeit, dass Jean-Michel Oliviers sechs Romane endlich auch in Deutschland erscheinen.

Weitere Informationen auf der Seite des Verlags L’âge d’homme.

In eigener Sache: Litaffins erster Geburtstag im Buchhändlerkeller

In eigener Sache: Litaffins erster Geburtstag im Buchhändlerkeller

Der Geburtstagskuchen

Ein Beitrag von Caitlin Hahn und Sarah Ehrhardt

Am Samstag wurde abgerockt und abgetanzt, als alle Litaffinen zusammenkamen, um ein ganzes Jahr bloggen, kommentieren und Literatur erleben zu feiern.

Der Buchhändlerkeller war geschmückt mit großen roten Ballons und glitzernden Sternen, an den Wänden prangten zahlreiche Autorenportraits und Berlin-Fotos – perfekt für eine echte litaffine Fete.

Natürlich musste am Anfang etwas gesagt werden. Studiengangskoordinatorin Dorothee Risse und Litaffin-Mitgründer Dennis Grabowsky und Franziska Schramm haben wohl im Namen aller Anwesenden gesprochen, als sie denjenigen dankten, die den Erfolg von Litaffin ermöglichten. Ohne die vielen Menschen, die mitgemacht haben, wäre litaffin nicht das Blog, das es heute ist!

Um so richtig in Stimmung zu kommen, wurde ein kleines, aber sehr feines Rahmenprogramm mit Musik und Literatur organisiert. Anabelle Assaf bezauberte mit ihrer wunderbaren Stimme und spielte am Klavier unter anderem Songs von Joni Mitchell, Leonard Cohen und sogar ein eigenes Lied. Dennis und Franziska boten Erzählungen dar, die abwechselnd dunkel, lustig und romantisch daher kamen. Begeisterter Applaus bewies, dass nicht nur die Texte geschätzt wurden, sondern auch die Bühnenpräsenz der beiden überzeugte.

Schließlich wurde das Licht gedimmt, die Musik aufgedreht und die Bar geöffnet, die Lesebühne verwandelte sich zur Tanzfläche. Eine bunte Mischung aus neuen und alten Litaffinen, Dozenten, Freunden und Interviewten feierte zusammen den ersten Geburtstag unseres Blogs. Wir danken denjenigen, die diese tolle Party auf die Beine gestellt haben und natürlich allen, die Litaffin täglich lesen, pflegen und genießen. Auf viele weitere spannende Jahre!

Fotos kann man sich hier anschauen!

Foto: © Sarah Ehrhardt

Kreuzberg durch die Webcam – Eine Lesung mit Iris Hanika

Kreuzberg durch die Webcam – Eine Lesung mit Iris Hanika

Wenn man einen Autor bzw. eine Autorin kennenlernen will, muss man meistens eine Lesung besuchen. Diesmal ging es anders herum: Die Autorin Iris Hanika hat unsere Lehrveranstaltung an der FU besucht und über sich und ihre Texte gesprochen.

Im Rahmen des Seminars Poetische Topographie oder wie lässt sich die Stadt beschreiben? des Gastprofessors David Wagner an der Freien Universität Berlin besuchte uns Iris Hanika. In der Veranstaltung geht es hauptsächlich um die Beschreibung Berlins durch die Darstellung des alltäglichen Lebens, so wie das etwa eine Webcam aufzeichnen würde. Genau das tat auch die Kolumne Webcam der Berliner Seiten der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, indem sie für knapp drei Jahre einen anderen Blick auf Deutschlands damals noch neue Hauptstadt warf. Mehr lesen

Do it yourself – Bücher selbst verlegen

Do it yourself – Bücher selbst verlegen

Früher machten es berühmte Schriftsteller, dann nur noch größenwahnsinnige Studenten, die ihre Magisterarbeit an den Mann bringen wollten – und heute? Selbstverlegte Bücher landen zwar selten in der Buchhandlung, geschweige denn auf der Bestsellerliste, aber das Internet mit Dienstleistern wie epubli und Books on Demand eröffnet völlig neue Perspektiven des Self-Publishing. Wie einfach ist es tatsächlich, sein Buch selbst zu verlegen? Wo lauern Tücken?

Ein Buch selbst zu verlegen, das bedeutet, es auf eigene Rechnung und unter dem eigenen Namen zu vervielfältigen und zu vertreiben, ist keine neue Idee. Seit dem 18. Jahrhundert Mehr lesen

„Ich bin kein Prallerzähler“ – David Wagner im Interview

„Ich bin kein Prallerzähler“ – David Wagner im Interview

Ein Interview von Markus Streichardt und Leonie Langer

David Wagner ist Schriftsteller, Absolvent und Gastdozent der Freien Universität Berlin. Grund genug, mit ihm über den schriftstellerischen Einstieg, seine bisher erschienenen Titel, geplante Buchprojekte und Berlin als Inspirationsquelle zu sprechen.

Litaffin: Sie sind momentan als Gastdozent an der FU Berlin tätig, wo Sie früher selbst Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft studiert haben. Wie fühlt es sich an, als Schriftsteller, der die meiste Zeit über allein am Schreibtisch sitzt, plötzlich vor 40 jungen Studierenden zu „dozieren“?
Mehr lesen

Ein Jahr auf hoher See: Happy Birthday, litaffin!

Ein Jahr auf hoher See: Happy Birthday, litaffin!

SegelbootSeit einem Jahr gleitet litaffin.de auf den großen und kleinen Wellen des Literaturbetriebs, erkundet unbekannte Bücherinseln, kommentiert, fragt nach und schippert durch die Untiefen der Berliner Kulturmeere. Über 100 Berichte, Kommentare und Interviews sind dabei zustande gekommen – und der Kompass zeigt weiterhin „Volle Literatur voraus!“

Ein Beitrag von Nora Böckl und Franziska Schramm

Im Oktober 2009 saßen etwa 20 Studierende im Seminar „Schöne Neue Onlinewelt“ und Dozentin Nikola Richter stellte die Gretchenfrage: „Was lest ihr im Netz?“ Onlineauftritte großer Tageszeitungen, Perlentaucher, Spiegel Online, das fiel uns ein. Aber Blogs? Literaturblogs? Komplette Fehlanzeige. In den kommenden Wochen sollte sich das von Grund auf ändern: Wir beschäftigten uns sowohl theoretisch als auch ganz praktisch mit dem Internet und seinen Phänomenen, tauchten ein in die Welt von Twitter, Facebook und Co., nahmen Nachhilfe in  Sachen WordPress und konzipierten schließlich: unser eigenes Blog.

Worüber wir bloggen wollten, war relativ schnell klar: Literatur. Wesentlich länger brauchte es, um zu entscheiden, welchen Kurs wir einschlagen sollten, um als Blog unverwechselbar zu werden. Wir hatten den Anspruch, nicht nur Bücher zu rezensieren, sondern auch rund um das Büchermachen zu berichten; die Inhalte unseres Studiums – womit wir uns beschäftigen und was uns bewegt – sollten Thema werden. Im Januar 2010 ging es dann los: Mit E-Books und dem Google Books Settlement, mit Lesebühnen, Lyrik und Literaturzeitschriften, mit Wunderkindern, literarischen Fräuleinwundern und wunderbaren Büchern.

Plötzlich waren wir online, hatten Follower und Fans und eine neue „schöne“ Welt tat sich auf, die wir mit Faszination (und vielleicht auch einer gewissen Portion Skepsis) beobachteten. Als die Klickzahlen zeigten, dass es mehr Besucher auf unserer Seite gab als Studierende in unserem Studiengang, waren wir begeistert. Aus Seminarrahmen heraus entstand eine freie Redaktion, die das Projekt seitdem am Laufen hält. Von saisonalen Schwankungen mal abgesehen, sind etwa 15 Studierende mit an Bord – litaffin ahoi! Meist treffen wir uns einmal im Monat, tauschen Neuigkeiten aus, besprechen Themen und überlegen uns, wo es hingehen soll mit unserer Fahrt.

Dass wir nun den ersten Geburtstag feiern, macht uns ein klein wenig stolz – und gibt uns die Gelegenheit, so richtig die Korken knallen zu lassen:  Am Samstag, den 19.02. im Buchhändlerkeller (Carmerstr. 1, Charlottenburg) ab 21 Uhr!

Wer litaffin nicht von Anfang an miterlebt hat, ist eingeladen im Archiv zu stöbern und Altes neu zu entdecken. Hier ein kleines, sehr subjektives Best Of:

Was war euer Lieblingsartikel? Worüber würdet ihr euch einen Bericht wünschen? Anmerkungen, Lob und Glückwünsche willkommen!

Foto: ricardodiaz11 (cc, flickr.com)