Archiv für August 2011

Markus Streichardt

Bauer-300x251Banker investieren bekanntlich in Goldbarren und Aktienpakete. Geisteswissenschaftler hingegen in Bücher. Gern schaffen sie sich ein weiteres Billy-Regal an, um die Bildungsbürgertapete fortführen zu können. Randbemerkung: Auch das ist möglicherweise ein Grund, warum das eBook hierzulande bisher ein Nischendasein fristet. So mancher Bibliophile mehrt und hortet nicht nur sein Wissen, sondern trägt auch zur Altersvorsorge bei, indem er sich das Buch signieren lässt.

Wer kennt sie nicht, die immer gleich aussehenden Herren, die die Lesung eine halbe Stunde früher verlassen, um als Erstes mit fünf oder zehn Exemplaren am Signiertisch zu stehen. Auf eine persönliche Widmung wird bewusst verzichtet, könnte dies doch die beabsichtigte Wertsteigerung schmälern. (weiterlesen …)

Dennis Grabowsky

Wie gebannt saß ich vor dem Fernseher, mit offenem Mund, weit aufgerissenen Augen. Kaum traute ich mich zu atmen. Ich konnte einfach nicht glauben, was da auf dem Bildschirm vor sich ging. An Lachen war gar nicht zu denken. Ich konnte alles so genau verstehen, wie ich noch nie etwas verstanden hatte – und doch war ich ganz aus dem Häuschen, dass so etwas möglich war. Dabei waren es doch einfach nur eine Skatrunde oder ein Konzertbesuch, was dort gezeigt wurde.

An mein genaues Alter kann ich mich nicht mehr erinnern. Aber ich spüre noch heute die Faszination, die mich fesselte, als ich zum ersten Mal in meinem Leben mit Loriot in Berührung gekommen war. Von da an sollte er noch oft meinen Lebensweg kreuzen, wie er so vielen von uns in ihrem Alltag immer wieder begegnet ist. Und das wird er weiterhin. Manchmal ist sogar Pathos angebracht, um mit Kleist zu sprechen: „Nun, o Unsterblichkeit, bist du ganz mein!“

Alle Lobeshymnen sind längst gesungen. Und sie werden jetzt wieder folgen. Wie diese hier. Sie können nur unzureichend das ausdrücken, was Loriot vielen Menschen wirklich bedeutet hat, wie viele seiner Formulierungen in den Alltag eingegangen sind und allen ein lächelndes Einverständnis geschenkt haben. Was ist große Literatur, wenn nicht Loriot?
Ich selbst traf Bernhard Victor Christoph-Carl von Bülow gemeinsam mit der kongenialen Evelyn Hamann als kleiner Junge auf der Berliner Premiere eines seiner beiden Kinofilme. Loriot war da, ein älterer Herr, der in allen Generationen seine Groupies hatte und den man sich zum Großvater wünschte. Erneut begegnete er mir zur Immatrikulation an der FU Berlin, zu der er die Willkommensrede hielt. Letzte Zweifel an der Wahl des Studiums waren wie weggeblasen. Wo Loriot ist, da ist man richtig, dachte ich.

Er soll, so lauten die Geschichten, ein penibler und strenger Arbeiter gewesen sein, streng zu anderen wie zu sich selbst. Anders aber ist diese Qualität komischer Kunstfertigkeit nicht erreichbar. Alles muss stimmen: Timing und Mimik, Requisite und Maske, Gestik und Wort – und Musik, die Loriots große Leidenschaft war. Seine Sketche und Texte sind Kompositionen, bei der jeder Ton exakt dort gesetzt ist, wo er hingehört. Und doch haftet dem allen eine unglaubliche Leichtigkeit an, die nicht nur einen kleinen Jungen ganz baff vor dem Fernseher staunen lässt. Und in diesem einen Fall hatte er dann doch fast Unrecht: „Ich lasse mir doch von einem Fernsehgerät nicht vorschreiben, wo ich hinsehen soll!“ Wenn Loriot auf diesem Gerät erscheint, dann stellt sich die Frage erst gar nicht.

Loriot ist tot. Seiner Familie gilt unsere Anteilnahme.

Elena

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Ein Artikel von Elena Klug und Johannes Schüller

Das Internationale Literaturfestival Berlin (ilb) gab letzten Mittwoch einen Vorgeschmack auf die diesjährige Programmgestaltung: Der chinesische Flüchtling Liao Yiwu stellte  Für ein Lied und hundert Lieder – ein Bericht aus chinesischen Gefängnissen im Haus der Berliner Festspiele vor. Der Roman thematisiert die brutalen Realitäten der vierjährigen Haftzeit, zu der der Autor wegen des Gedichts Massaker verurteilt wurde.

Es begann doch alles etwas chaotisch mit Begrüßungsworten und Einführungen, deren Redner allesamt versäumten sich vorzustellen. Die Verwirrung wurde erst nach 45 Minuten von Moderator Tilman Spengler mit seiner charmant-brummigen Art gelöst. Rückwirkend stellte er den Künstlerischen Leiter des ilb, Ulrich Schreiber, Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller und die chinesische Autorin und Übersetzerin ins Deutsche, Tienchi Martin-Liao, vor. (weiterlesen …)

Leonie Langer

PortraitMLK-199x300Sie hat lange als Verlagslektorin gearbeitet, ist Journalistin, Autorin (zuletzt erschien „Verlernen. Denkwege bei Hannah Arendt“), Herausgeberin,  Übersetzerin, Vorstandsmitglied des Deutschen Übersetzerfonds und gab im Sommersemester 2011 ein Seminar zum „Literarischen Übersetzen“ an der Freien Universität. Sie selbst bezeichnet sich als Nachdenkerin über das Übersetzen. Höchste Zeit für ein Gespräch mit Marie Luise Knott über die Branche, die Position des Übersetzens und den Umgang mit einer wirklich schlechten Übersetzung.

litaffin: Als Übersetzerin und als Vorstandsmitglied des Deutschen Übersetzerfonds haben Sie direkten Einblick in die Lebensbedingungen des Übersetzers. Hat sich seine Position in den letzten Jahren verbessert oder verschlechtert?

Marie Luise Knott: In den letzten zwanzig Jahren hat sich die Situation erheblich verbessert. Auch die Qualität der Übersetzungen ist immer besser geworden. (weiterlesen …)

Franziska Schramm

Wundert Te1Enhanced ebooks gleichen derzeit noch großen multimedialen Wundertüten: Es summt und tüdelt, blinkt und glitzert. Die Verlage packen erst mal alles rein, was geht: Da gibt es Audiokommentare und Gewinnspiele, Rätselspaß und Videomaterial, Skizzen und Karten, Lexika und Stichwortverzeichnisse. Doch die Zukunft des enhanced ebooks liegt sicherlich im Weniger statt im Mehr.

Ken Folletts “Sturz der Titanen” und “Cagot” von Tom Knox waren sicherlich die aufregendsten enhanced ebooks der letzten Monate. Für die Verlage waren diese Projekte auch große Spielwiesen, auf denen ausprobiert wurde, was überhaupt technisch machbar ist. Gleichzeitig kam es auch darauf an, den Agenturen und Autoren zu zeigen: Wir können’s! Die Devise lautet: Zusätzliches Material ist das Sahnehäubchen auf dem Buch.

Erinnert ihr euch noch, als ihr den ersten Hidden Track eures Lebens auf einer CD entdeckt habt? Oder zum ersten Mal auf einer DVD die Deleted Scenes gesehen habt? Das gewisse Extra macht Spaß, für den Bonus gibt man gerne Geld aus. Das weiß die Bravo, die früher immer diese todschicken Tattoos beiliegen hatte, das weiß die Neon, die gerne mal “Unnützes Wissen” aufs Cover klebt, das weiß die Firma Kellogs, die kaum eine Frühstücksflocke ohne Plastikfigur verpackt. Und wir Konsumenten haben uns längst daran gewöhnt. (weiterlesen …)

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