Zwischen Trauer und Euphorie – ein Gespräch mit Marie Luise Knott über das Übersetzen

Sie hat lange als Verlagslektorin gearbeitet, ist Journalistin, Autorin (zuletzt erschien „Verlernen. Denkwege bei Hannah Arendt“), Herausgeberin,  Übersetzerin, Vorstandsmitglied des Deutschen Übersetzerfonds und gab im Sommersemester 2011 ein Seminar zum „Literarischen Übersetzen“ an der Freien Universität. Sie selbst bezeichnet sich als Nachdenkerin über das Übersetzen. Höchste Zeit für ein Gespräch mit Marie Luise Knott über die Branche, die Position des Übersetzens und den Umgang mit einer wirklich schlechten Übersetzung.

litaffin: Als Übersetzerin und als Vorstandsmitglied des Deutschen Übersetzerfonds haben Sie direkten Einblick in die Lebensbedingungen des Übersetzers. Hat sich seine Position in den letzten Jahren verbessert oder verschlechtert?

Marie Luise Knott: In den letzten zwanzig Jahren hat sich die Situation erheblich verbessert. Auch die Qualität der Übersetzungen ist immer besser geworden. Ich habe allerdings den Eindruck, dass die Situation in den letzten zwei, drei Jahren stagniert. Nach all den Prozessen zur Stärkung der Position des Übersetzers hört man vermehrt: Jetzt reicht es aber! Das Entscheidende ist doch der Autor! Auch werden Übersetzer nun wieder weniger in Rezensionen, auf dem Buchcover oder im Umschlagtext erwähnt. Aber ich glaube, dass das Bewusstsein der Übersetzer der Qualität und Bedeutung ihrer Arbeit heute entspricht. Sie wissen, was sie können, und sagen das auch, und sie gehen selbstbewusst mit den zu übersetzenden Texten und mit ihrer eigenen Arbeit um.

Finanziell ist die Situation sehr unterschiedlich: Manche können vom Übersetzen leben, vor allem, wenn sie an den Verkäufen beteiligt sind und die Bücher sich gut verkaufen. Andere sitzen teilweise jahrelang an großartigen Projekten, doch verdienen tun sie nicht viel. Sie müssen versuchen, mit Stipendien und Preisen über die Runden zu kommen.

litaffin: Meinen Sie, Verlage könnten den Übersetzern mehr zahlen, etwa indem sie Gelder aus dem Marketingbereich zugunsten der Übersetzung abziehen?

Knott: Man sollte bedenken, dass bei der Veröffentlichung eines dicken Buches zunächst einiges Geld in die Übersetzung investiert werden muss. Aber in einigen Fällen könnten die Verlage schon deutlich mehr für die Übersetzungen zahlen. Man sieht ja, dass die Verlage sechsstellige Summen ausgeben können, um die deutschsprachigen Rechte eines Buches im Ausland einzukaufen. Da könnten sie auch die Übersetzer entsprechend finanziell besser ausstatten. Eher als Marketing- und Übersetzungskosten gegeneinander auszuspielen, könnte man angesichts der absurden Summen, die teilweise für den Einkauf gezahlten werden, die Übersetzer stärker berücksichtigen.

litaffin: Was raten Sie heute angehenden Übersetzern: Sollen sie sich voll und ganz auf das Übersetzen konzentrieren oder es sich allmählich als zweites Standbein aufbauen?

Knott: Ich glaube, kaum etwas ist so verschieden wie der Werdegang von Übersetzern. Wenn man wirklich als Übersetzer arbeiten will, muss man dran bleiben – aber das tut man dann auch automatisch. Und dann bedarf es natürlich immer eines Quäntchens Glück, dass man im richtigen Moment einen Auftrag bekommt, der einem genau liegt, dass man auf den Lektor oder die Lektorin trifft, die ein offenes Ohr hat, dass man in ein Übersetzerseminar geht, wo man vielleicht die nötige Unterstützung findet. Jedes Buch ist eine Begegnung und so ist das mit dem Übersetzen teilweise auch. Es gibt ja auch kaum einen Beruf mit so viel Quereinsteigern.

litaffin: Die Übersetzerin Leila Chammaa sagt: „Übersetzen ist brutal.“ Stimmen Sie zu?

Knott: Als brutal würde ich es nicht bezeichnen, eher würde ich von einer Trauer sprechen, weil man nicht allen Aspekten des Originals gerecht werden kann. Gleichzeitig gibt es aber den Spaß und die Freude darüber, dass das Werk auch im eigenen Land und in der eigenen Sprache ankommt. Diese Freude hat etwas Euphorisches. Also: Traurigkeit und Euphorie!

litaffin: Kann etwas unübersetzbar sein? Ist eine schlechte Übersetzung besser als gar keine?

Knott: Man sagt ja, wirklich großartige Literatur lässt sich auch durch schlechte Übersetzungen nicht kaputt machen. Aber ich glaube, dass schlechte Übersetzungen gute Prosa stumpf machen können. Der Roman „Schicksallosigkeit“ von Imre Kertész zum Beispiel wurde Mitte der 1980er Jahre in der DDR übersetzt und kaum beachtet. Als er dann in der BRD in einer guten Übersetzung („Roman eines Schicksallosen“) erschien, ist diese sofort aufgefallen. Ohne den Transport ins Deutsche wäre Kertécz wahrscheinlich nie so bekannt geworden. Da kann man sehen, was Übersetzungen bewirken.

litaffin: Können und wollen Sie eigentlich überhaupt noch übersetzte Bücher lesen oder fällt Ihnen sofort auf, wenn die Übersetzung holprig klingt?

Knott: Man leidet natürlich manchmal, weil man den Blick des Übersetzers nicht immer ausschalten kann. Es kommt immer wieder vor, dass ich vor Ärger Bücher nicht weiterlese, weil die Übersetzungen gar zu schlecht sind. Ich lese französische und manchmal englische Literatur im Original. Aber sonst? Wir brauchen die Übersetzungen und beim Lesen einer tollen Übersetzung bin ich jedes Mal beglückt und schreibe das auch in den Rezensionen. Oder ich schreibe dem Übersetzer, wenn ich ihn kenne.

litaffin: Sie übersetzen gerade den im Herbst in Deutschland erscheinenden Comic „Chapeau, Herr Rimbaud!“ aus dem Französischen – was ist anders, wenn man einen Comic übersetzt?

Knott: Es ist vielleicht vergleichbar mit der Untertitelung eines Films. Die Worte müssen in jeder Szene genau sitzen und natürlich mit den Bildern in einer gewissen Spannung stehen. Ich bin gerade dabei, meine eigene Übersetzung so zu überarbeiten, dass die Worte gut in die Sprechblasen passen und auch ein Gleichgewicht von Wort und Bild auf der Seite herrscht – auch damit nicht oben zu viel und unten zu wenig steht. Man stellt sich beim Übersetzen eines Comics ja ganz andere Fragen: Wie sieht das geschriebene Wort auf der Seite aus? Sind die Sprechblasen-Texte klar, zupackend und für den Leser sofort eingängig?

litaffin: Sie waren lange Lektorin. Was ist anders im Lektorat als beim Übersetzen?

Knott: Der Lektor schaut anders auf den Text als der Übersetzer. Der Lektor, der Programm-Lektor, fragt sich zunächst ja: Was möchte ich veröffentlichen, was passt ins Programm? Der Lektor ist eigentlich der erste Leser, der ideale erste Leser, wenn man so will, weil er das Buch ja ausgewählt hat und sich mit aller Kraft dem vom Übersetzer geschaffenen Text widmet. Der Übersetzer ist im Benjaminschen Sinne der Nachautor. Der Übersetzer schaut länger und eindringlicher in den Text hinein, er schaut sozusagen von innen, der Lektor von außen; er bekommt ja den literarischen Text als fertigen Korpus – wie eine Skulptur.

Im besten Falle herrscht zwischen Lektor und Übersetzer ein sehendes Vertrauen. Wenn beide voneinander wissen, was sie können, ist das Verhältnis extrem produktiv.

litaffin: Zu Ihrem beruflichen Selbstverständnis: Was sind Sie hauptberuflich – Publizistin, Herausgeberin oder Übersetzerin?

Knott: Ich bin schon lange keine hauptberufliche Übersetzerin mehr, aber immer wieder damit beschäftigt. In einem Kapitel meines „Verlernen“-Buches geht es um die Frage, was das Übersetzen im Denken anstiften kann. Ich leiste es mir, das zu übersetzen, was mich besonders interessiert.

Als Lektorin – ich war in den 1980er Jahren mit politischen Sachbüchern betraut – musste ich den Überblick darüber haben, was in diesem Feld programmatisch passierte, ich hatte das Gefühl, Resonanzkörper für ein öffentliches Interesse zu sein. Das wollte ich irgendwann nicht mehr. Ab und zu bekomme ich wieder Lust, etwas in diese Richtung zu unternehmen, eine kleine Buch-Reihe aufzubauen… Aber im Moment habe ich vor allem eigene Projekte.

litaffin: Welches Buch haben Sie am liebsten übersetzt, was können Sie litaffin-Lesern ans Herz legen?

Knott: Mein liebstes Buch, das ich übersetzt habe, ist „Haarscharf am Leben“ von Jean Vautrin. Im Original hieß es „La Vie Ripolin“, das bedeutet so etwas ähnliches wie „Das Herbol-Leben“. Sie sehen, wie schwierig allein schon die Übersetzung des Titels ist!

Photo © privat

Das Interview führten Markus Streichardt und Leonie Langer.

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Über Leonie Langer

Leonie Langer: hat in Münster Germanistik und Anglistik studiert und ist nach Aufenthalten in Paris und London zum Masterstudium nach Berlin gekommen. Was sie liest: am liebsten Romane, und da querbeet alles von Alfred Andersch bis Juli Zeh.

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