Er kam, las und schwieg.
Christian Kracht in der Kulturkirche Köln

Das Publikum ist erleichtert. Da sitzt er, leibhaftig, auf der Bühne und streift sich scheu die blonden Haare aus dem gebräunten Gesicht. Nach all den geplatzten Auftritten ist Christian Kracht immerhin zur lit.COLOGNE nach Köln gekommen, um aus seinem neuen Buch Imperium vorzulesen. Mehr aber auch nicht. Fotos sind verboten, Fragen ebenfalls. Daran muss sich selbst Moderator Hubert Spiegel halten. Das Ende vom Lied: Kracht ist und bleibt eine unnahbare Kunstfigur. 

Die Kulturkirche in Köln-Nippes ist bis auf den letzten Platz besetzt – kaum verwunderlich in Anbetracht der seltenen Auftritte des Schweizer Schriftstellers und der brisanten Vorgeschichte seines aktuellen Buches. Die Stimmung ist irgendwie feierlich, man passt sich der sakralen Umgebung an. Blaue Spots beleuchten das Kirchenschiff, am Eingang wird Wein und Kölsch ausgeschenkt, einige Gäste kauen auf trockenen Brezeln herum.

Punkt 21 Uhr betritt Kracht hinter dem FAZ-Journalisten Hubert Spiegel den Altarraum. Ein großer Auftritt ist es nicht. Eher unangenehm berührt nimmt er Platz, nickt höflich in die Runde und schweigt. Spiegel übernimmt das Reden, begrüßt, liest Überschriften aus den Feuilletons vor und sinniert kurz über Sinn und Zweck von Krachts Imperium. Fragen hatte Kracht sich vorher verbeten. Nur seine Mimik kommentiert das Gesagte, oft runzelt er, wie es scheint, die Stirn. Dabei steht Spiegel seine Berufsneugier ins Gesicht geschrieben: Nur ein winziger Kommentar von Kracht, ein Satz zur Diskussion um die Rassismusvorwürfe, eine klitzekleine Stellungnahme. Aber der Schweizer lächelt freundlich und schweigt. Er weiß, was alle von ihm wollen, und er weiß, dass es auch weitergeht, wenn er nichts sagt. Und vor allem weiß er, das Feuilleton zu provozieren. Das war schon immer so. Etwa als er 2008 in der Sendung „Druckfrisch“ behauptete, der Grund für seinen neuen Wohnsitz Buenos Aires sei unter anderem sein Wunsch, in die Politik zu gehen und dann die Falkland-Inseln zurückzuerobern, notfalls mit Gewalt.

Es ist beeindruckend, wie Kracht durch Ironie und Widerspruch gekonnt und konsequent aus sich eine geheimnisvolle, sich jeglicher Beurteilung entziehende Kunstfigur gemacht hat. Fast scheint es ein Spiel für ihn zu sein. Dazu macht der schmale Weltenbummler sich rar und aus seiner genauen Biografie ein Geheimnis, auch hält er sich weitestgehend vom klassischen Literaturbetrieb fern. Und selbst wenn er daran teilnimmt, ist er nicht wirklich da, so wie an diesem Abend in der Kirche. Nach der Einleitung durch Hubert Spiegel sagt Kracht kurz „Hallo“, bedankt sich bei einem im Publikum sitzenden Professor aus Auckland und beginnt zu lesen. Zwei lange Episoden, dann ein kurzes „Danke“ und weg ist er. Applaus vom leicht irritierten Publikum. Der Vorhang öffnet sich ein weiteres Mal, Kracht kehrt zurück, leibhaftig, kommt herunter von der Bühne, geht hinter dem bereitgestellten Tisch in Deckung und signiert. Obwohl ihm der stille Rückzug vermutlich lieber gewesen wäre.

Foto: © flickr.com creative commons/jhalstein

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1 Antwort

  1. Dass der Autor offensichtlich durch einen Herrn Spiegel in jenen Abend eingeleitet wurde, hat trotz allem aber auch seinen subtilen Reiz…