Geschichten aus dem “Ich-Kabuff“ Die Autorenwerkstattstatt mit Rainald Goetz Teil III

„Herr Goetz, ich habe schlecht geträumt. Von Ihnen. Sie trugen einen blauen Fahrradhelm. Falsch herum.“, erzählt ein Teilnehmer der Autorenwerkstatt als Begründung, warum seine Hausaufgabe 18 Seiten lang geworden ist. Gefragt war nur eine halbe. Rainald Goetz lacht. Heute ist die zweite Sitzung seines Seminars. Wieder ein Samstag, wieder 11 Uhr morgens, wieder Laserkraft 3D. Das gleiche Lied wie letzte Woche. Endlosschleife. „Das muss sein“, sagt Goetz, verrät aber nicht warum.

Er springt vom Stuhl. Auf dem steht er wöchentlich, um virtuose Tafelbilder zu malen. Ich frage mich, ob er weiß, dass man Tafeln meist in der Höhe verstellen kann, oder ob das bei diesem Exemplar gar nicht geht? Kurz überlege ich, ob ich ihn darauf hinweisen sollte, enscheide mich jedoch dagegen. Ich glaube, ein Rainald Goetz braucht seine Bewegung.

„Ich habe mal versucht, das ein bisschen zu ordnen“, sagt er und deutet auf das Tafelbild. „Ordnung ist bei mir Notwehr.“

 

„War jemand von Ihnen letzte Woche im Theater?“, fragt er. Einige Studierende melden sich und erzählen von den Stücken, die sie gesehen haben: Faust-Marathon, Der Märtyrer, Das Käthchen von Heilbronn, Kill your Darlings. Goetz rät dazu, unbedingt ein Theaterstück von Strindberg anzuschauen. „Die Psyche dieses Mannes ist ein Ich-Kabuff. Er versucht immer wieder auszubrechen aus diesem Raum.“ Damit sind wir beim Thema der heutigen Sitzung: Ich.

Das Mädchen mir gegenüber sitzt im Schneidersitz auf ihrem Stuhl. Ihre schwarzen Ballerinas mit Schleifchen stehen darunter, parallel zueinander. Sie blättert in Andreas Maiers Ich. Wir sprechen über seine Frankfurter Poetik-Vorlesung und über den Börsengang von facebook. „Man kann nur über das eigene Ich etwas wissen“, lesen wir in Andreas Maier. „Stimmt nicht“, findet Goetz. „Durch alltägliches Sich-in-Andere-hineinversetzen, durch Empathie kennen wir auch die Anderen.“ Und vielleicht auch dank Mark Zuckerberg? Es ist das Ich – viele Ichs – mit dem facebook handelt. „Das Ich ist die Kapitalexistenz, die da angezapft wird, auf die gewettet wird, mit der Gewinn erzielt wird.“

Dem Ich gegenüber steht immer die Institution. Goetz verehrt Institutionen, rät aber auch zu maximaler Skepsis. „Wenn sich das Ich einer Institution anschließt, wird es diese Institution. Den Beruf, den man wählt, man wird dieser Beruf“, sagt Goetz, der mal Psychologe werden wollte.

Das Ich ist die Seele, der Kern der Schreibexistenz. Man sollte sie nach außen offen halten und erforschen, was innen vor sich geht. „Herauszufinden, was das Gefühl ist, bevor es heißt, was es ist, darum geht es beim Schreiben.“ Was bin ich für ein Typ? Was kann ich gut? Wovor laufe ich weg? „Das ist die Grundhaltung des Ichs: Wie ist es? Oh Gott! Wäre schön, wenn es anders wäre.“ Wenn das Ich ein Defizit hat, muss man es ändern. „Was das Ich aus sich selbst nicht macht, wird das Ich nicht werden.“ Denn das Ich ist schwach. „Das Ich n’existe pas, ist aber troztzdem da.“ Komplizierte Sache.

Das eigene Ich erforschen kann man zum Beispiel durch Lyrik-Konsum: „Vom Gedichtelesen, lernt man, wie man selber tickt“, sagt Goetz. „Wie klingt die eigene Innenmelodie? Sie klingt bei jedem anders. Lyrik ist gleichzeitig so weit außen und so weit innen. Goetz rät uns dazu, so viele Gedichte wie möglich zu lesen: „Strindberg dauert drei lange Tage im Bett. Lyrik dauert drei Minuten. Lesen Sie Steffen Popp. Er ist der Beste. Ich lese fünf Zeilen und bin beeindruckt.“

Silvae (gelichtet)

Das Harz läuft aus den Bäumen, wie gewohnt

stehen die Wälder, hölzern und grün

vor meinem Fenster, und überall auf der Erde

wo kein Feld ist, kein Garten

                                                                    kein Haus wie das meine.

Manchmal ein Tier, an der Blattunterkante

eine rehbraune Schießscheibe mit wenigen

Treffern vom Vorjahr –

                                                         zwei uralte Pferde

ziehn Holz aus dem Windbruch, mit der Dunkelheit

kommen die Jäger, man sieht ihre gelben

                                                          Turnschuhe leuchten.

(Steffen Popp, Quelle: lyrikline.org)

Ein weiteres Mal rät Goetz uns dazu, so viel zu lesen, wie wir nur können. „Geistige Aktivität ist Vorraussetzung fürs Schreiben… Man kann gar nicht genug in Büchern versinken. Zeitungsartikel kann man analysieren: Wo wird Geschwätz referiert? Wo wird ein Gedanke mitgeteilt? Ein Text kann nicht gut sein, ohne einen neuen Gedanken.“ Man muss wissen, in welchem gegebenen Sprachraum der eigene Text antritt, wie Sprache klingt. Sprache, die sich ständig ändert.

Dabei geht es bei jeder Lektüre um die Frage: Womit kann ICH etwas anfangen? „Weil ich ein fundamental wirrer Geist bin, kann ich auch mit Andreas Maier soviel anfangen“, erzählt Goetz. Ein Studierender liest eine Stelle aus Kapitel 4 vor. Goetz lacht sich kaputt: „Ist doch herrlich!“, schwärmt er. „Das ist doch offensichtlicher Schwachsinn. Aber wir wissen, was er meint.“

Nach der Mittagspause hält Goetz ein Buch in die Luft. „Diese Gegenstände werden verschwinden,“ sagt er. „Die Gegenständlichkeit als Träger von Ideen befindet sich auf einer Abschiedstour.“ Dann erzählt er uns, dass es ein Buch gibt, das er bereits mehrfach gekauft hat und über das er sich immer wieder freut, wenn er irgendwo eine neue Ausgabe entdeckt. From A to B and back again von Andy Warhol ist das Buch, um das es geht. „Freude an der Unterschiedlichkeit des Gleichen“ nennt Goetz seine Sammelleidenschaft. Damit sind wir bei unserer Hausaufgabe. Die bestand unter anderem darin, die Austellung „Am Rande der Vernunft“ im Kupferstichkabinett zu besuchen und in einem Text die Wirkung der Radierungen auf das Ich zu beschreiben. Gerade bei dieser Kunstform lässt sie sich erkennen, die Unterschiedlichkeit des Gleichen. „Da gibt es zum einen die Originale, dann die Bilder im Katalog und ich habe sie auch schon im Internet gesehen.“

Satyren und Nymphen, Eulen und Schlangen, Magier, Mischwesen, Kerker, Türme, Zugbrücken, Ruinen, Zerfall. Die Bilder sind gruselig, erinnern an düstere Märchenbücher… Während ich weiter durch die Austellung gehe, verwandelt sich Grusel in Neugier. Aus anfänglicher Beklemmung wächst Abenteuerlust. Ich möchte durch Giovanni Battista Piranesis Tempel der Sybille in Tivoli laufen, Efeuranken zur Seite schieben, auf moosbewachsene Trümmer und über krorrige Wurzeln klettern. Auch diese Bilder wirken bedrohlich, doch es ist eine Art Nervenkitzel, wie ich ihn aus Kindertagen kenne, als ich und meine Freunde heimlich durch fremde Gärten geschlichen sind. Wir wussten, dass wir nicht hier sein sollten, jeden Moment konnte ein schimpfender Erwachsener auftauchen. Das machte die Expedition aufregend. Der Reiz des Verbotenen kitzelt Neugier größer als Angst.

„Warum wollen Sie Schriftsteller werden?“ Gegen Ende der Sitzung wirft Goetz die Frage in den Raum, die wir eigentlich alle beantworten können müssten. Trotzdem schwebt das Fragezeichen eine Weile im Raum, bis es von der ersten Antwort getroffen wird: „Um die Stimmen in meinem Kopf aussprechen zu lassen“, sagt jemand. „Um Gedanken zu fassen und zu sortieren“, ist eine andere Antwort. Weitere Gründe sind ein großes Mitteilungsbedürfnis, kreative Freiheit und der geringe Materialwiderstand im Vergleich zu anderen Künsten. „Als Reaktion auf die Welt“, sagt der nächste Studierende. „Zerstörung!“ ruft einer. „Es ist sehr gut, wenn man ein destruktives Talent hat“, sagt Goetz dazu. „Ich versuche schon seit meiner Kindheit eine Geschichte zu schreiben“, erzählt jemand. „Man muss aufhören etwas zu versuchen und anfangen, etwas zu tun“, schlägt Goetz vor. Und dann sagt er etwas, dass mich an meiner eigenen Eignung als Schriftstellerin zweifeln lässt: „Wenn man nicht ein von Grund auf asozialer Mensch ist, ist es schlecht mit dem Schreiben.“ Laut Goetz sollte man Freude am Alleinsein haben, nicht mit Menschen zusammen sein müssen, seine Ruhe haben wollen.

Nein, das bin absolut nicht Ich. Nachdenklich gehe ich nach Hause. „Ich sage nur banale Dinge hier“, sagt Rainald Goetz in meinem Kopf. „Aber man muss sie ganz ernst nehmen.“

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Über Insa Kohler

1986 in Oldenburg geboren. Sitzt und spricht. Erstes meist beim Schreiben. Zweiteres auch gerne im Stehen. Auf Bühnen bei Poetry Slams im ganzen Land und im Aufnahmestudio bei der Arbeit fürs Radio. Außerdem studierst sie Angewandten Literaturwissenschaft, lebt meistens in Berlin, applaudiert nicht im Flugzeug und teilt heimlich durch Null. Mehr gibt es hier: http://insakohler.wordpress.com/
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5 Antworten

  1. Sehr gut. Danke für den Bericht!

  2. Super! Aber das Gedicht finde ich ganz schrecklich kitschig. Dass das der Goetz gut findet??? Komisch.

  3. Andreas Maier!

  4. Oh je! Wie konnte das passieren? Danke, Schlaumaier, wird sofort geändert.

    Ja, Herr Goetz ist ein Popp-Fan… Kitsch hin oder her. :)

  5. Steffen schreibt keinen Kitsch. Steffen beobachtet und setzt Dinge zusammen. Selbst das Pathos ist zusammen gesetzt.
    Und das Goetz seine Gedichte mag, ist schon aus einer Art von Mentalitätsübereinstimmung einsichtig.