David gegen Goliath

Überall in Deutschland werden zunehmend kleine Buchläden durch große Ketten verdrängt. Überall? Nein! Im Kölner Stadtteil Nippes leistet ein Buchgeschäft Widerstand, nachdem die Mayersche Buchhandlung eine Filiale in der Nachbarschaft eröffnet hat.

Schon von weitem erkennt man den Nippeser Buchladen an seiner dunkelgrünen Markise. Er hebt sich ab von den anderen Geschäften auf der Neusserstraße. Innen lädt ein großer, länglicher Tisch voller Neuerscheinungen zum Stöbern ein. Dahinter steht ein Mitarbeiter und sortiert Bücher in ein Regal ein mit der Aufschrift „Wir empfehlen!“. Markus Felsmann ist Buchhändler und leitet die Abteilung Belletristik/ Hardcover. Dass die Mayersche-Buchhandlung nur ein paar Meter weiter eine Filiale eröffnet hat, sieht er nicht als Bedrohung an: „Ich bin sehr zuversichtlich. Die fahren schließlich ein völlig anderes Konzept als wir.“

Ein Viertel wehrt sich

Den Buchladen Neusserstraße gibt es schon seit Anfang der 80er Jahre. Er ist mit dem Viertel verwachsen und prägt das kulturelle Leben vor Ort. Beim alljährlichen Lesemarathon am Welttag des Buches versammeln sich dort Nachbarn, Freunde und Literaturinteressierte, um aus ihren Lieblingsbüchern vorzulesen. Der Laden veranstaltet außerdem zahlreiche Autorenlesungen und kooperiert mit der Kulturkirche Köln.

Der von Dorothee Junck geführte Buchladen ist aus dem Nippeser Alltag kaum noch wegzudenken. Umso mehr trifft der Zuzug des Filialisten aus der Innenstadt auf Unverständnis. Empörung verbreitet sich unter den Anwohnern. „Die Mayersche hat nichts in den einzelnen Vierteln zu suchen. Hier wollen wir den lokalen Einzelhandel unterstützen“, klagt eine Anwohnerin. Diese Stimmung zeigte sich bereits bei der Eröffnung der Mayerschen-Filiale im November letzten Jahres. Laut Kölner Stadtanzeiger verweigerte die Kneipe ums Eck das Catering, der Kabarettist Heinrich Pachl den Auftritt. In diesem lebendigen, multikulturellen und traditionsreichen Viertel lebt der kölsche Klüngel. Viele Anwohner solidarisieren sich daher mit dem Buchladen und reagieren nach dem kölschen Motto „Man kennt sich, man hilft sich“.

Genauso findet man im „Veedel“ (Kölsch für „Viertel“) aber auch pragmatische Ansichten, denn das Gesetz „Zeit ist Geld“ herrscht auch in Nippes. „Ich gehe immer dahin, wo was vorrätig ist und ich nicht extra etwas bestellen muss“, gibt eine Studentin zu. Dabei hinterlegt der Laden sogar bestellte Bücher im Kiosk nebenan oder im benachbarten Gasthaus „Zum Kornbrenner“, die dort nach Ladenschluss abgeholt und später bezahlt werden können.

Persönlichkeit statt Masse

Mit der Sortimentsfülle und den Kapazitäten einer Buchhandels-Kette können Markus Felsmann und seine Kollegen nicht mithalten. Umsatzeinbußen verzeichnet der Buchladen in Nippes allerdings bislang noch nicht. Markus Felsmann ist sich sicher, dass das auch so bleiben wird: „Wir haben tolle Kunden, die uns über viele Jahre hinweg treu gewesen sind und uns auch weiterhin treu bleiben werden.“

Die Hände legen die Mitarbeiter des Buchladens trotzdem nicht in den Schoß. Auch wenn das Vertrauen in die bisherige Kundschaft da ist, wirbt das Team aktiv für seinen Laden. „Wir wollen in der Öffentlichkeit darüber aufklären, welche Bedeutung ein individuelles Buchhandelskonzept hat, und dass es im Sinne einer literarischen Vielfalt wichtig ist, das zu unterstützen“, sagt Markus Felsmann.

Die Mitarbeiter des Buchladens haben eine Kampagne ins Leben gerufen. Der Slogan „Es gibt viele Buchhandlungen, aber nur einen Buchladen“ soll das Alleinstellungsmerkmal betonen. Ein Plakat mit einzelnen Fotos der zwölf Mitarbeiter pflastert die Eingangstür. Der klassische Beruf des Buchhändlers wird darauf hervorgehoben: „Wir kaufen unsere Bücher alle selbst ein und wählen im besten Sinne für Sie unser Sortiment aus.“ Auf der liebevoll gestalteten Homepage des Ladens rufen sie die Anwohner dazu auf, ihre Kaufentscheidung bewusst zu treffen. Jeder soll für sich beurteilen, ob die Mayersche-Buchhandlung eine Bereicherung für das Viertel darstellt. Der Preis ist durch die Buchpreisbindung nicht ausschlaggebend. Für das Buchladen-Team zählen andere Kriterien, die sich wie eine Kampfansage gegen den Nachbarn lesen lassen: Individualität statt Mainstream, Persönlichkeit statt Masse, Bestenliste statt Bestsellerliste.

Alles für die „Famillisch“

Schräg gegenüber, wo vorher noch der Netto-Discounter war, befindet sich die Mayersche-Filiale. Schilder auf der Glasfront werben mit Rabatten und Niedrigpreisen für Aktionsartikel. Gleich rechts an der Eingangstür steht die Spiegelbestseller-Liste. Eine weinrote, mit Sofakissen-Applikation gemusterte Tapete umrahmt die Bücher. Man erkennt sofort die Zugehörigkeit zur Aachener Kette: Die dunkelbraune Holzverkleidung der Regale, der Einheitslook der Sessel, das grelle Licht. Doch der Laden unterscheidet sich von den unübersichtlichen, mehrstöckigen Geschäftsstellen im Zentrum. Er ist klein und schlauchförmig, wirkt gemütlich. Die Rubrikbezeichnungen der einzelnen Regale sind mit einer geschwungenen Schreibschrift versehen, teilweise sogar auf Kölsch. So wird die Familiensparte unter „Famillisch“ zusammengefasst. Der Veedel-Charakter wird hier ins Verkaufskonzept integriert und sorgt für Wohlfühlatmosphäre für groß und klein.

Kerstin Ternes ist die Filialleiterin. Sie wirkt sehr sympathisch und strahlt. „Es läuft sehr gut. Für uns ist Nippes ein sehr lukrativer Standort.“ Dann ergänzt sie schnell mit Blick in Richtung Buchladen Neusserstraße: „Aber den anderen geht es auch gut. Wir nehmen uns hier nichts gegenseitig weg.“ Es wirkt wie eine Rechtfertigung, denn sie kennt die kritischen Stimmen gegen ihre Buchhandlung.

Düstere Prognosen

Doch ein Blick in die Branchenpresse zeigt: Den Filialisten geht es wirtschaftlich nicht zwangsläufig besser, nur weil sie mehr Kapazitäten haben als kleine Läden. Laut Börsenblatt wird nur noch jedes zweite Buch über den klassischen Sortimentsbuchhandel verkauft, die Tendenz ist fallend. Die zunehmende Bedeutung des Direktversands über das Internet wird gerade für die großen Läden zur Bedrohung. Anfang nächsten Jahres muss eine Thalia-Filiale mitten in der Kölner Innenstadt schließen. Und das, obwohl Thalia die umsatzstärkste Kette ist, gefolgt von der DBH (Deutsche Buchhandelsholding), zu der Hugendubel und Weltbild gehören, und der Mayerschen Buchhandlung. Um ein regionales Phänomen handelt es sich dabei nicht. Schon Ende März trennte sich auch Hugendubel von seiner Berliner Flaggschiff-Filiale in der Tauentzienstraße, nahe Kurfürstendamm und Gedächtniskirche. In beiden Fällen haben sich die Zweigstellen als zu groß erwiesen, die hohe Miete dieser Top-Lagen können die Unternehmen nicht länger stemmen.

Kleine und große Buchläden ziehen vielmehr am gleichen Strang angesichts des medialen Umbruchs. Vielleicht sind es am Ende aber sogar die kleinen Buchläden, die sich durch Kundennähe, Beratungsqualität und Profilierung durchsetzen und neben Amazon bestehen können. Der Buchladen Neusserstraße kennt jedenfalls seine Vorzüge und ist nach wie vor bereit für die Konkurrenz. Eingeschüchtert ist hier niemand. „Wir sind gespannt und freuen uns auf die nächsten Monate“, sagt Markus Felsmann. Im Laden verschenken sie Treue-Buttons mit der Aufschrift „I love my buchladen neusserstraße“.

 

Foto: © Paula Niemeier

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Über Irina Bester

1987 in Berkeley geboren, kommt aus Köln. Sie studierte Komparatistik und Politik in Bonn und anschließend den Master "Angewandte Literaturwissenschaft" in Berlin. Seit Juni macht sie ein Volontariat im Lektorat bei Palmedia Publishing Services.

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