Lektüre der Longlist bis zum 08.10. – Ein Selbstversuch Teil V

Kurz bevor dieser Selbstversuch nun sein zwangsläufiges, offizielles, trauriges Ende nimmt, denn heute um 18.55Uhr wird der Gewinner des diesjährigen Deutschen Buchpreises gekürt, möchte ich doch nochmal aus meiner Versenkung auftauchen und zwei Shortlisttitel präsentieren.

„Robinsons blaues Haus“ von Ernst Augustin, der uns mitnimmt, einen Robinson dieser Welt zu begleiten.
Wenn man heutzutage strandet, dann strandet man nicht mehr an einer einsamen Insel, wie Defoes Robinson. Die Gestrandeten findet man in den größten Menschenmassen, in den Städten und bei Aldi an der Kasse. Wer erinnert sich noch an den Typen, der heute in der Bahn neben ihm saß? Wer kann das Gesicht vom Späti-Mann beschreiben, der schon das ein oder andere Mal den Abend gerettet hat? Wird schwierig…

Augustins Robinson ist einer, der die Anonymität sucht, er ist der mittelgroße Typ, mit dem durchschnittlichen Gesicht, weder schön noch hässlich, die Haare sind wohl aschblond, oder braun und irgendwie so normal lang. Er ist der, mit dem man wohl schon fünf Mal auf der gleichen Party war, den man aber immer wieder aufs Neue nach seinem Namen fragt. Er lebt in den Besenkammern dieser Welt, in Nischen und dunklen Kellern, Geld ist für ihn nur eine Zahl. Er existiert einfach, ist da, aber gleichzeitig auch nicht, es ist wie mit diesen Bäumen, die im Wald umbrechen. Wenn im Wald ein Baum umbricht und keiner ist da, der es hört, macht es dann ein Geräusch? Dieser Mensch existiert also, aber eigentlich gibt es niemanden der ihn wahrnimmt, existiert er dann wirklich?

Ja, ein ganz reizendes Buch ist das, was der Herr Augustin da geschrieben hat und er entlässt uns mit einem großen Fragezeichen: Man stelle sich vor, man könnte sein Leben mit einem Klick löschen und es kommt die obligatorische Frage: Wollen Sie diese Datei wirklich unwiderruflich löschen? Wollen wir, auch wenn wir nur der Typ in der Bahn sind oder die Tante, die gerade für 16,83€ bei Aldi ihren Wocheneinkauf gemacht hat?

Zu guter Letzt nun, endlich und heißersehnt „Indigo“ von Clemens J. Setz und, ich kann es mir nicht verkneifen es mit zu erwähnen: gestaltet und gesetzt von Judith Schalansky und das sieht man!
Bevor ich zum Inhalt komme dies vorne weg: Dieses Buch ist einfach mal die harmonischste Verbindung von Medium und Objekt. Bei tausenden Titeln, die ja quasi jeden Monat die Buchhandlungen überschwemmen, ist es ganz klar, dass die Hersteller dieser Welt sich einfach nicht für jeden Titel so viel Mühe geben können, wie Frau Schalansky es bei diesem Buch getan hat. Von der Covergestaltung bis zum Satz ist das Buch perfekt mit dem Text abgestimmt. Das Prinzip: „Das Kleid des Buches ist der Einband; der Schutzumschlag ist nur sein Regenmantel,“ was sie von Jan Tschichold übernommen hat, findet auch hier wieder seine Anwendung. Es wäre auch eine Schande, den an einen Leitz-Ordner erinnernden Einband hinter einem schnöden Papierumschlag zu verstecken!

Nun aber genug davon, eins, zwei Worte seien noch zum Inhalt gesagt. Ein von der Presse viel zitiertes Bild, was im Buch immerhin auch drei Mal wiederholt wird, ist die Mutter, die sich auf ihr Kind übergibt. In der Tat ein Bild, dass man nicht so schnell vergisst, und was die Wirkung der „Indigo“-Kinder auf ihre Umwelt eindrucksvoll beschreibt. Ihre Anwesenheit macht krank und führt bei allen, die sich in ihrer Nähe aufhalten zu Kopfschmerzen, Übelkeit, Erbrechen bis hin zu Hautekzemen, deshalb werden sie von ihren Eltern in ein abgelegenes Internat gebracht, an dem der Mathelehrer Clemens J. Setz unterrichtet. In einem zweiten Handlungsstrang wird das Leben von Robert, einem „ausgebrannten“ Indigo beschrieben. Ausgebrannt heißt, er hat seine Wirkung auf die Außenwelt verloren. Man merkt schnell, dass das Indigo-Syndrom, nicht das einzige Problem ist, dass Robert hat, wie den meisten anderen Betroffenen ist es ihm zum Beispiel auch nicht möglich Empathie zu empfinden. Außerdem befinden sich in diesem Buch eine Reihe von Dokumenten, auf die der Mathelehrer Setz bei seiner Recherche zu „Indigo“ gestoßen ist.

Alles in allem, lässt sich die Handlung nicht linear wiedergeben, da sie nicht linear ist. Dieses Buch ist ein Sammelsurium aus zwei Geschichten, die des Mathelehrers und Roberts und den besagten Dokumenten, außerdem kommt auch Batman ab und an zu Wort. Wer schon immer wissen wollte, wo die Maus mit dem Ohr auf dem Rücken begraben ist, was aus der einsamsten Telefonzelle der Welt geworden ist und wo die Männer hin gehen, die vom Zigarettenholen nicht wiederkehren, der kommt wohl an diesem Buch nicht vorbei. Und um zum Abschluss nochmal richtig pathetisch zu werden: Für mich bei dieser Longlist der einzige Titel, der es verdient hätte, den Buchpreis zu gewinnen!

Dies ist nun also das Ende des Selbstversuchs. Alle, die auch schon mal vor hatten die Longlist zu lesen sei an dieser Stelle gesagt: Dieses Vorhaben bedarf einer Menge Zeit und nein, ich glaube die Verlage machen es nicht mit Absicht wenn sie so verdammt dicke Bücher mit ca. 500 Seiten einreichen. Auch wenn es nahezu unmöglich ist 20 Titel in knapp zwei Monaten zu lesen, wenn man noch einen Beruf und ein Privatleben hat, alle diese Titel sind es wert gelesen zu werden, deshalb werden auch in Zukunft noch die restlichen Titel hier vorgestellt werden.

Die Sache mit „dem besten deutschsprachigen Roman“ ist nichts desto trotz fragwürdig. Ist das Beste das, was die meisten lesen würden und somit das zugänglichste Buch? Sollte nicht eher das beste Buch, dasjenige sein, das dem Leser neue Denkstrukturen eröffnet und ihn rausholt aus seinem Trott? Sollte dieser Preis nicht Büchern eine Plattform geben, welche vom Otto Normalverbraucher vielleicht als „zu schwierig“ abgehakt würden, nun aber doch zur Hand genommen werden, weil sie einen Preis gewonnen haben und der Leser feststellen darf: So schlimm war’s gar nicht! Tja, nüchtern betrachtet, wird wohl der erste Punkt den Ausschlag geben, schade eigentlich…

Ernst Augustin
Robinsons blaues Haus
erschienen bei: C.H. Beck
319 Seiten, 19.95€

Clemens J. Setz
Indigo
erschienen bei: Suhrkamp Verlag
479 Seiten, 22.95€

PS: Guckt Euch bitte unbedingt noch diesen tollen Blog zum Buch an: http://indigo.suhrkamp.de/
Dort findet Ihr unter anderem ein ganz tolles Interview mit Judith Schalansky und Clemens J. Setz. Sehr zu empfehlen!

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2 Antworten

  1. Ein sehr spannender Selbst-Versuch, vielleicht gibt es ja nächtes Jahr eine Wiederholung? Auch die Fragen im letzten Absatz geben Anlass zum Nachdenken. Sowohl die Longlist als auch der daraus resultierende Gewinner sind definitiv fragwürdig, denn es geht immer auch um die Frage, welches Buch sich am besten verkaufen wird. Deshalb wird es wohl leider auch in der Zukunft so sein, dass man auf der Longlist eher bekannte Autoren und fast immer nur die großen Verlage finden wird…

  2. Ich glaube, die Jury hatte mit 162 Titeln ein ähnliches Pensum zu absolvieren…in diesem Sinne dir und den 7 Mitgliedern Respekt für eure Arbeit!
    Ich denke auch, dass die Zugänglichkeit der einzelnen Bücher durchaus eine Rolle spielen könnte, geht es doch dem Deutschen Buchpreis doch darum, nachhaltige Aufmerksamkeit fürden jewieiligen Roman, abder auch das Lesen als solches zu wecken. Mit einem Thema und Buch, das potenziell auf ein breites Interesse stößt und viel Identifikationspotenzial bietet, ist dieses Ziel eventuell leichter erreichbar.
    Auch die Kriterien, die ein Buch zum “BESTEn deutschsprachige Buch” machen, fänd ich interessant.
    Die genauen Abstimmungsmodalitäten für die Festlegung der Longlist, der Shortlist sowie des Geinners/der Gewinnerin am Ende, sind mir auch nicht ganz transparent.
    Trotzdem möchte ich daran glauben, das nicht (nur) absatzmarktorientierte Faktoren eine Rolle spielen. Dass bei drei Suhrkamp-Titeln auf der Shortlist doch (wieder) ein Jung und Jung Titel gewonnen hat, kann ja eventuell als gutes Zeichen gedeutet werden.