“The future of reading is not reading.”
Litflow. Für die nächste Literatur.

Der Thinktank für die nächste Literatur hat getagt. Am Freitag und Samstag trafen sich im Berliner Theaterdiscounter die Mit-, Vor- und Querdenker des internationalen Literaturbetriebs, um über die Umwälzung der Buchbranche zu sprechen. Oder vielmehr: um die Umwälzung der Branche weiterzudenken. Es wurde auch Zeit, denn endlich einmal wurden bereits laufende Entwicklungen nicht als Bedrohung abgetan, sondern im Kollektiv und mit Freude weitergesponnen.

 

Vorweg: Wir hatten eigentlich nicht geplant, am Freitag von 13 bis 21:30 Uhr auf den mehr oder minder bequemen Bänken des Theaterdiscounters zu sitzen und dem Thinktank beim Denken zuzusehen. “Mal reingucken” wollten wir in die vielversprechende Diskussion um die Digitalisierung in all ihren Auswüchsen; wir waren neugierig auf das, was uns dank des offenen Konzepts der Veranstaltung erwarten würde. Und wir blieben bis zum Ende – denn litflow erwies sich als guter und nicht zu viel versprechender Titel für das Ineinandergreifen unterschiedlicher Gedanken zum Thema – glücklicherweise jenseits der ermüdenden Debatte um das “Problem” print vs. digital. Zwar wurde selten eine Idee zu Ende gedacht, umso inspirierender war aber die schnelle Folge der einzelnen Präsentationen.

Eine Viertelstunde hatten die neun Experten des Thinktanks Zeit, um ihre Ideen und Projekte der Reihe nach vorzustellen, anschließend wurde in der Runde über Tragfähigkeit und mögliche Konsequenzen des jeweiligen Entwurfs diskutiert. Ganz klar definiert waren die Spielregeln dabei offenbar nicht: Die Vorträge reichten von Präsentationen bereits realisierter Projekte über unterschiedlich mutige Prognosen bis hin zu (noch) sehr realitätsfernen Szenarien.
Streng genommen tat einzig Kathrin Passig das, was litflow-Organisator Stephan Porombka in seiner Einleitung ankündigte: eben wirklich rumspinnen und ein Szenario  entwerfen, welches – denkt man die Digitalisierung einige Jahre weiter – Sinn machen könnte. Ihr Konzept eines gentle reader, wie ihn sich jeder Autor nur wünschen (bald: kaufen) kann, schlägt verschiedene Optionen vor, wie Autoren den immer unmittelbarer werdenden Kontakt zum Leser für sich selbst (und nur für sich selbst!) möglichst angenehm gestalten können: Service-Leistungen von besonders attraktiven Facebookfans bis hin zu Lesern aus Fleisch und Blut (Premium-Dienstleistung!), die den Autoren bei Veranstaltungen immer wieder mit dessen Lieblingsschriftstellern vergleichen, können erworben werden. Abgedreht, vielleicht zynisch, in jedem Fall ganz im Sinne der Veranstaltung.

Überhaupt war die Beziehung zwischen Autor und Leser an diesem Tag eines der größten Themen. Social Reading, neue Formen der Interaktion sowie sich dadurch auflösende Hierarchien spielten u.a. auch in den Vorträgen von Bob Stein (von dem auf litaffin hier schon einmal die Rede war) und – wenn auch auf anderer Ebene – Rita Bollig von Bastei Entertainment eine Rolle. Stein brachte fiktionales Erzählen und Erleben mit Computerspielen in Verbindung. World of Warcraft sei nur ein Beispiel dafür, dass die Zukunft der Fiktion nicht unbedingt im einsamen Leseprozess einer dicken Monographie liegen muss: “You could get lost together.” Rita Bolligs  Präsentation hingegen gab angenehm konkrete Einblicke in Marketing-, Verwertungs- und Vertriebstrukturen multimedial angelegter Textformen. Das Projekt coffeeshop (ich nenne es mal ‘interaktive e-chick-lit’, auch wenn es diese Kategorie vielleicht nicht gibt) wurde zwar von einigen belächelt, aber uneingeschränkt bewundert für die Vielzahl an Wegen, die zugunsten von Partizipation und Verfügbarkeit eingeschlagen werden. Hier wird immerhin (und laut Bollig mit Erfolg) ausprobiert, wovon andere (wenn überhaupt) nur reden.

So vielfältig wie die Teilnehmer des Thinktanks waren letztlich auch die Blickwinkel, aus denen die digitalen Entwicklungen in der Branche betrachtet und weitergedacht wurden. Während Caroline Drucker von Etsy Deutschland in der Entwicklungsphase von Texten ansetzt und Feedback-Schleifen zwischen Autor, Verlag und Leser vorschlägt, bevor das Projekt in seiner (vielleicht nie) endgültigen Fassung auf den Markt kommt, wenden sich Elisabeth Ruge von Hanser Berlin (barrierefreies Lesen für “print disabled people”) und Larry Birnbaum (Narrative Science, eine Software, die automatisch journalistische (?) Texte generiert) auch moralischen Fragen des digitalen Schreibens, Lesens und Verlegens zu.

Als Anregung, ein wenig auch aus Faulheit und v.a., weil ich nicht in der Lage bin, das was hängengeblieben ist, einigermaßen kohärent zusammenzufassen, hier einige schöne Zitate aus den Vorträgen und Gesprächen am Abend und Folgetag:

  • “All of us want to believe that the big change is gonna happen while we’re here… and it may not.” (Bob Stein)
  • “If you can define a world that people want to spend 20 or 30 hours a week in, why isn’t that, in a sense, a form of fiction where the artist has to find the world but the readers are writing the narrative?” (Bob Stein über Computerspiele und neue Literatur)
  • “Das Schlimme ist ja, dass sogar die Leser, die genau so sind, wie man sie sich wünscht, ja auch wahnsinnig anstrengend sind. [...] Auch der perfekte Leser ist ein Ärgernis.” (Kathrin Passig)
  • “The future of writing is pointing. The future of reading is not reading.” (Kenneth Goldsmith, Künstler und Kritiker)
  • “A writer in the future will not be judged by the text that they create, they will be judged by the programm that they write, ok? [...] Writing is the easy part, content is easy, content is everywhere. There is no need to generate any new content.” (Kenneth Goldsmith)
  • “Can the next novel be written in a an iterative cycle?” (Caroline Drucker)
  • “Da, finde ich, liegt eine riesige Chance [...], dass wir begreifen, dass dieses Digitale eine enorme Bereicherung darstellen kann und dass man sich da vielleicht auch auf eine gesellschaftliche Verpflichtung einlassen sollte und nicht immer nur wie in einer Bastion durch die Schlitze guckt [...].” (Elisabeth Ruge über barrierefreies Lesen)
  • “Ich finde es als Verlag total gut – und gerade auch von den Literaturagenten kommt da viel zu wenig – wenn Autoren kommen und sagen: ‘Das ist mein Inhalt, und ich denke den so und so und so und passe ihn auf bestimmte Medien an.’” (Rita Bollig im Gespräch mit Matthias Gatza)

Wer nicht da war, hat zwar viel verpasst, kann aber zum Glück alle Vorträge und Gespräche auf litradio.net nachhören.

pixelstats trackingpixel

Tags: , , , , , , , , , , , , ,
Kommentare zu diesem Artikel abonnieren.

1 Antwort

  1. Das klingt wirklich spannend. Wie hat sich denn Kathrin Passig den gentle reader genau vorgestellt? War das wirklich rein zynisch gemeint oder hat Sie dahinter einen Nutzen gesehen?