A Poem for Dinner

Wie wird ein Text sinnlich erfahrbar? Wie schmecken Worte? Anhand dieser Fragen entwickelte das Kollektiv »kaboom« seine neue Konzeptreihe A Poem for Dinner. In der Kreuzberger Wildeküche ging alles um die Pfläumchen in William Carlos Williams Gedicht This is just to say und wir haben mitgeschlemmt. Ein Abend in Bildern.

A Poem for Dinner in der Kreuzberger Wildeküche am Spreewaldplatz © Sofie Mörchen
A Poem for Dinner in der Kreuzberger Wildeküche am Spreewaldplatz © Sofie Mörchen

This is just to say. Nur damit du Bescheid weißt.

Wie ein kleiner Zettel am Kühlschrank liest sich William Carlos Williams‘ Gedicht, in dem das lyrische Ich gesteht, die Pflaumen aufgefuttert zu haben. Einfach so, obwohl es sich sogar sicher ist, das jemand anderes sie im Kühlschrank für ein besonderes Frühstück aufbewahrt haben könnte. Schnell werden Erinnerungen wach: an hungrige Mitbewohner*innen oder appetitgetriebe Geschwisterkinder, die den Kühlschrank plündern und sich das sprichwörtliche Sahnehäubchen aussuchen:

Verzeih mir
sie waren herrlich
so süß
und so kalt

Das Kollektiv »kaboom«: Carolin Schmidt & Margaret Schlenkrich © Sofie Mörchen
Das Kollektiv »kaboom«: Margaret Schlenkrich & Carolin Schmidt © Sofie Mörchen

Nicht so in der  vegan-vegetarischen Kreuzberger Wildeküche, die als erstes von insgesamt vier Restaurants Williams Gedicht-Gericht auf die Karte setzt. Hier gab es am Freitag genügend Pfläumchen für alle gespannten und (kultur-)hungrigen Gäste, die beim Kick-Off-Event des Formats A Poem for Dinner dabei waren. Die Idee, ein Gedicht zu kochen, stammt vom Kollektiv »kaboom«, bestehend aus der Literaturwissenschaftlerin Carolin Schmidt und der Szenografin Margaret Schlenkrich:

„This is Just to Say“ ist als Notiz des Alltags verfasst worden und eröffnet trotz einem Minimum an Worten ein Maximum an Bedeutungsebenen. Kann diese Klarheit und dieser Witz in ein Gericht übersetzt werden? Es gilt, die Sinne der Gäste zu erweitern und die Grenzen dessen zu testen, was Literatur, was Sprache, sein kann.

In der Wildeküche gab es zum Auftakt ein ganzes Menu, um Williams Gedicht-Pflaumen zu schmecken

Die Wildeküche am Spreewaldplatz © Sofie Mörchen
Die Wildeküche am Spreewaldplatz © Sofie Mörchen

Aperitiv: Honig Thymian Pflaumen Smash

Gin | Honig | Thymian | Pflaume | Eiswürfel © Sofie Mörchen
Gin | Honig | Thymian | Pflaume | Eiswürfel © Sofie Mörchen

Vorspeise: Honig Chili Pflaume

Honig | Ziegenkäse | Chili | Lavendel | Nüsse © Sofie Mörchen
Honig | Ziegenkäse | Chili | Lavendel | Nüsse © Sofie Mörchen

Hauptspeise: „Hühnchen“ und gegrillte Pflaumenspieße

"Hühnchen" | Pflaume | Kräuter © Sofie Mörchen
„Hühnchen“ | Pflaume | Kräuter © Sofie Mörchen

Nachspeise: Zimtparfait mit warmen Pflaumen

Zimt | Pflaume | Parfait © Sofie Mörchen
Zimt | Pflaume | Parfait © Sofie Mörchen

Die kleinen Köstlichkeiten sind schnell vernascht

Leere Teller, zufriedene Gäste © Sofie Mörchen
Ein Gruß in die Küche: Es hat uns sehr gut geschmeckt © Sofie Mörchen

Ein Dinner-Gedicht-Gericht

Ein kleines Alltagsgedicht, lauschige Atmosphäre, gutes Essen, nette Gäste. So war das A Poem for Dinner in der Wildeküche.

Ein Gedicht zum Abendessen. Ein so kleines und feines Stück Literatur, das sich mit einem Haps vernaschen lässt. Sicherlich steht die sinnliche Erfahrung im Vordergrund des Dinner-Gedichts. Die Idee, Literatur in ungewohnten Räumen und mit neuen Sinnen erfahrbar zu machen, glückt auch in der Umsetzung. Es ist ein herrliches Format für alle, bei denen gutes Essen und gute Literatur zu einem gelungenen Tag dazugehören.

*Unter dem Motto #freethetext erwecken Carolin Schmidt und Margaret Schlenkrich Texte zum Leben. Mit ihrem Kollektiv »kaboom« schreiben sie Textfassungen für den Raum und suchen den Austausch mit anderen Kreativen: „Die Prozesshaftigkeit von Kunst steht im Vordergrund“.

Noch bis zum 16. Januar ist das A Poem for Dinner Teil der Wildeküche-Karte. Danach servieren drei weitere Kreuzberger Restaurants ihre essbaren Visionen zum Gedicht: Das St. Bart, die Schwarze Heidi und der Kreuzberger Himmel. Weitere Informationen und alle Termine gibt es hier.
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Leonie Hohmann

„Kein Feuer, keine Kohle, kann brennen so heiß als […]“das Herz der gebürtigen Essenerin (Jahrgang ’94) für Literatur, Theater, Tanz, Musik und Großstadtluft. Nach dem Grundstudium in Bochum rief sie das dicke B. an der Spree, wo sie seit 2017 Angewandte Literaturwissenschaft studiert.

[Zitat entnommen: Volkslied, anonym, 18.Jh.]

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