Gruppe B | Land 1

Einst wurde an einem Orte ein Mensch gedtötet und blieb lange Zeit unbestattet liegen. Endlich fand man ihn und begrub ihn in dem Dorfe, welchem er angehörte. Einige Zeit nachher bemerkten die Bewohner dieses Dorfes, dass ihnen ihre Eier, Hühner, Ziegen und Schafe abhanden kamen, und sie wussten sich das nicht zu erklären.

Als nun ihr Priester einmal Nachts nach der Kirche ging, sah er, wie ein Teufel aus dem Grabe jenes Ermordeten stieg und in die Ställe der Leute einbrach; auch begab sich derselbe vor das Haus der Wittwe und rief hier gerade so, wie jener, als man ihn tödtete, gerufen hatte: „O ich Armer! Warum ermordet ihr mich? Menschen werde ich dafür verschlingen!“ Der Priester benachrichtigte seine Gemeinde von dem, was er gesehen und gehört hatte. Da nahm ein Greis das Wort und sprach zu den Bewohnern des Dorfes: „Der Teufel, welcher aus dem Grabe steigt, ist niemand anderes, als jener Ermordete, welcher zum Wampyr geworden ist. Wie derselbe damit angefangen hat unsere Eier und unser Vieh zu verzehren, so wird er nachher auch seine Verwandten verschlingen und endlich uns alle. Wir müssen also dem vorbeugen. Wie ihr wisst, verlassen die Wampyrn. Sonnabends ihre Gräber nicht. Wir müssen nun vor allem einen an einem Sonnabend Geborenen ausfindig machen und ihm das Grab des Wampyrs zeigen. Der wird schon wissen, was er zu thun hat.“

Die Bauern folgten dem Rathe des Alten, machten einen am Sonnabend Geborenen ausfindig und trugen ihm die Sache vor. Derselbe sprach zu ihnen: „Siedet zwei Kessel voll Essig, härtet einen Bratspieß im Feuer und haltet eine Axt, einige scharfe Messer und einen Mantel in Bereitschaft. Am Sonnabend vor Sonnenaufgang bringen wir alle diese Gegenstände an das Grab des Wampyrs.“

So geschah’s. Am Grabe angekommen wusch sich das Samstagskind zuerst Gesicht und Hände in Essig. Darauf nahm er den Mantel, befestigte ihn dem Grabe gegenüber an einem Baumstamme und faltete ihn so, dass man glauben konnte, es sei ein Mensch darin eingehüllt. Nun ergriff er die Axt und fing an das Grab zu öffnen. Und der Wampyr unten in der Erde hörte das und stöhnte und drohete, indem er rief: „Wer ist das? Ich werde ihn verschlingen.“ Jener aber entgegnete: „Erst will ich dich ans Tageslicht ziehen, dann verschlinge mich.“

So ward denn der Wampyr ausgegraben. Es war eine große, wohlgenährte Gestalt, von blühendem Aussehen und mit wild rollenden Augen. Zornig wandte er sich an den am Sonnabend Geborenen und sprach: „Wer hat mich verrathen?“ – „Der dort drüben,“ antwortete jener, „der an dem Baume lehnt.“ Er hatte kaum diese Worte gesprochen, da war der am Baum befestigte Mantel mit einem Male verschwunden: der Wampyr hatte seine Flammen auf ihn ausgehaucht und ihn verbrannt. Nun aber packte das Samstagskind den Wampyr, schnitt ihm den Leib auf, nahm das Herz heraus, durchstach es mit dem Bratspieß, warf es in den einen der beiden mit Essig angefüllten Kessel und zerkochte es. Dann goss er den Essig ins Grab auf den Wampyr, warf auch die Axt nebst allen übrigen gebrauchten Gegenständen hinein und schüttete es wieder zu. Hierauf wusch er sich die Hände und ging mit den übrigen fort. Und nun war der böse Geist von dem Orte verschwunden.

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Gruppe A | Land 3

Sie streifte durch die Beete und der süße reiche Duft stieg empor; und sie pflückte eine Hand voll Blumen. Dann kam Duty und sah sie an, mit seinen weißen, klar definierten Gesichtszügen. Da hörte sie auf zu sammeln, aber sie ging zwischen den Blumen davon, lächelnd, und mit gefüllten Händen.

Dann kam Duty noch einmal, mit seinem noch immer weißen Gesicht, und schaute sie an; aber sie, sie drehte den Kopf von ihm weg. Schließlich sah sie sein Gesicht, und sie ließ die schönste der Blumen, die sie in den Händen hielt, fallen, und ging still davon.

Wieder kam er zu ihr. Und sie stöhnte, und ließ ihren Kopf sinken, und ging zum Tor. Aber als sie hinausgehen wollte, sah sie zurück auf die sonnenumfluteten Blütengesichter, und schluchzte vor Kummer. Dann ging sie hinaus, und hinter ihr schloss sich das Tor für immer; doch in der Hand hielt sie noch einige der Knospen, die sie gesammelt hatte, und ihr Duft war sehr süß in der einsamen Wüste.

Aber er war ihr gefolgt. Und wieder stand er vor ihr, mit seinem noch immer weißen, todesgleichen Gesicht. Und sie wusste, wozu er gekommen war: sie öffnete ihre Hand, und ließ die Blüten fallen, die Blüten, die sie so sehr geliebt hatte. Und ohne sie ging sie weiter, mit trockenen, schmerzenden Augen. Dann kam er zum letzten Mal. Und sie zeigte ihm ihre leeren Hände, die Hände die nun nichts mehr hielten. Doch er blickte sie weiter an. Dann schließlich öffnete sie ihr Mieder und holte eine einzelne kleine Blüte hervor, die sie dort versteckt hatte, und sie legte sie in den Sand. Sie hatte nun nichts mehr zu geben, und sie ging davon, und der graue Sand umwehte sie.

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Gruppe A | Land 2

Einmal kämpften die Zauberer von Tecpatán mit denen von Ostuacán, die auch Tzapasnos-Quiubay genannt wurden. Die Zauberer von Ostuacán beschlossen, Tecpatán zu zerstören, und alle Einwohner wollten sie im Wasser des Totopac Flusses, der am Rand der Stadt vorbeifließt, ertränken.
Sie schickten also einen Pujpatzá hin, einen Alligator, der sich aufblähen kann. Der Pujpatzá legte sich quer über das Flussbett und schwoll und schwoll, bis er so groß wie ein Gebirge war. Da stieg das Wasser immer mehr an, bis es in die Stadt geflossen kam, und die Menschen zu ertrinken drohten. Und niemand wusste, wie das zu erklären sei, denn von einem Pujpatzá hatten sie noch nie etwas gehört.
Die Zauberer von Tecpatán schickten Tiere aus, die sollten schauen, ob solch ein Alligator nicht auch eine schwache Stelle habe. Aber sie fanden nichts dergleichen. Die Eidechse, der kleine Fisch und die Enten gingen zu ihm hin und vermochten nichts zu entdecken. Auch sie hatten noch nie etwas von einem aufschwellenden Alligator gehört.
Da kam der Krebs und stieg ins Wasser. Er spazierte über die Felsen, und die Strömung trieb ihn gegen den Pujpatzá hin. Mit seinen Zangen tastete er das Tier Stück für Stück ab, bis er eine weiche Stelle gefunden hatte. Und es war die Stelle, wo die Hände und Füße beginnen, die Achseln.
Der Krebs war zufrieden und machte kehrt und sagte es den Zauberern. Und diese sprachen: „Wir wollen Feuer-Iguanas machen und so den Alligator töten.“
Zu dieser Zeit bauten die Leute von Ostuacán, die auch Tzapasnos-Quiubay genannt werden, eine gewaltige Mauer, so dass die Leute von Ostuacán nicht nach Tecpatán gehen konnten, und die Leute von Tecpatán nicht nach Ostuacán. Die Leute von Tecpatán gruben Furchen in den Fels nahe dem Platz, der heißt El Azufre, wo schwefelhaltiges Wasser aus dem Boden tritt, und schleuderten die Feuer-Iguanas von dieser Stelle gegen die Mauer, um sie zu zerstören. Man berichtet: als die Feuer-Iguanas an die Mauer stießen, sei diese von den Tieren wie eine Feder aufgehoben und fort getragen worden.
Nur ein kleiner Teil der Mauer ist stehen geblieben, und da sind heute noch Blutspritzer zu sehen. Danach setzte man die Feuer-Iguanas gegen den Alligator ein. Da man seine schwachen Stellen nun schon kannte, fiel es nicht schwer, mit ihm fertig zu werden. Die Überschwemmung hatte ein Ende. Die Stadt war gerettet.

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Gruppe A | Land 1

Hauste da auf seinem Schlosse unweit des Fleckens Thilhouze der Herre von Valesnes, der ein gar gebrechlich Weib sein eigen nannte. Die enthielt ihm, war’s nun Laune, war’s ob ihrer Hinfälligkeit, jahraus jahrein jene Freuden vor, die doch jedes Ehegelöbnis in sich schließt. Allerdings war er aber auch ein abstoßend schmutziger Kerl, der nur an die Jagd dachte und daheim unausstehlich war wie Ofenqualm. Zudem war er seine geschlagenen sechzig Jahre alt; aber die Natur verteilt ihre Gaben ohne hinzuschaun, ob einer blind, verwachsen oder häßlich ist. Und wie das Sprichwort sagt: „Jedes Töpchen findet sein Deckelchen“, so schaute auch der Herre von Valesnes allenthalben nach Töpflein aus, die er decken könnte und ging solchermaßen auch oft auf die Schürzenjagd. Jungfräulein allerdings waren kaum aufzutreiben, aber nach endlosem Suchen und Spüren ward ihm doch eines Tages zugetragen: in Thilhouze lebe eine alte Weberswitwe, deren Mädel, ein Ding von sechzehn Jahren, ein wahrer Schatz sei, ihrer Mutter immer am Rocke hinge, bei ihr schlafen und arbeiten müsse und vor plumpen Witzen der Dorfburschen, und gar vor deren Handgreiflichkeiten sorglich behütet sei. Doch hätten die beiden jetzt nichts zu nagen und zu beißen, lebten bei einem armen Verwandten und wüssten kaum, mit welchem Lumpen sich kleiden, geschweige womit im Winter heizen. Und während die Tochter zur Jungfrau erblühe, verkäme die Mutter im Elend, einzig bedacht auf des Mägdleins Jungfernschaft wie ein Alchemist auf seine Schmelztiegel.

Da sich das alles bestätigte, benutzte der Edelmann eine Gelegenheit, wo er eingeregnet war, trat in die Hütte, wo die beiden spannen, und ließ vor allem Holz holen, um sich beim Feuer zu trocknen. Inzwischen setzte er sich auf einen Schemel und beschaute im Dämmerlicht der Hütte die Reize der Jungfrau von Thilhouze: ihre kräftigen roten Arme, ihre festen Vorbauten, die ein kühles Herz deckten wie Bastionen, ihre wuchtigen runden Hüften, alles war so verlockend frisch wie ein Frosttag, jugendlich wie Maigrün, und im ganzen besehen überaus appetitlich und lecker. Dabei schaute sie mit ihren blauen Augen gar bescheiden drein, und wenn man ihr gesagt hätte: „Komm, lass mich deine Liebe kosten“, so hätte sie gewisslich in aller Unschuld gefragt: „Aber wie denn?“ So ward denn auch dem Edelmann gar kitzlich zu Mute und beim Hinschauen renkte er den Hals wie ein alter Affe beim Nüssestehlen. Das sah die Mutter wohl, doch hielt sie fein ihren Mund, da er in der Gegend allmächtig war. Als nun das Feuer brannte, hub der Jägersmann an und sagte zu der Alten: „Ha, das heizt ein wie die Äuglein Eures Mädels.“

„Leider“, meinte jene, „machen die unsere Suppe nicht wärmer.“

„So tut sie zu meiner Frau als Kammermädchen, dafür würden wir Euch gern täglich zwei Bündel Holz liefern.“

„Was nützt das Feuer, wenn nichts zu kochen da ist.“

„Vier Metzen Korn im Jahr sollt Ihr auch haben.“

„Wohin damit? Ich habe weder Topf noch Kasten.“

„Gut, gut“, rief der Jungfernjäger, „Ihr sollt Schränke, Töpfe, Kessel und noch ein gutes Bett obendrein bekommen.“

„Das wird im Regen faulen“, seufzte die Alte, „denn ich habe kein Haus.“

„So sollt Ihr auch zeitlebens das Häuslein haben, wo einst mein Jägermeister wohnte.“

„Sapperlot!“ rief die Alte und ließ den Spinnrocken fallen, „Ist das wahr? Und was wird mein Mädel haben?“

„Es ist wahr, und Euer Mädel kriegt seinen Dienstlohn.“

„Ach, gnädiger Herr, wenn Ihr nicht meiner spottet, so wollte ich bitten, solches beim Notare zu bestätigen.“

„Aber bin ich nicht Edelmann? Mein Wort genügt!“

„Da will ich auch nichts wider sagen; aber ich liebe meine Tochter über alles und gestern noch sagte der Pfarrer, dass wir unsere Kindlein allezeit hüten müssen.“

„Gut, gut! Also lasst den Notar rufen.“

Bald kam ein alter Holzhacker angewackelt, der gut und gerne einen Vertrag aufsetzte und von dem Edelmanne unterzeichnen ließ – mit einem Kreuze, denn dem Herrn von Valesnes war die Kunst des Schreibens fremd. Und als so alles verbrieft und versiegelt war, hub dieser an: „Also, Mutterchen, nun sind Eure frommen Sorgen ob Eurer Tochter Jungfernschaft behoben?“

„Freilich, denn der Pfarrer sagte: ‚bis sie selbst vernünftig sind‘, und meine Tochter ist überaus vernünftig.“

Und zu dieser sagte die Alte: „Marie Ehrlein, deine Tugend ist dein höchstes Gut. Dorten, wo du nun hingehst, werden ihr alle nachstellen, und der gnädige Herr vornweg. Aber du weißt nun was sie wert ist und darum hab wohl acht und sorge, dass du sie nur daran gibst, wenn du zuvor sicher im ehelichen Fettnäpfchen sitzt, sonst bist du verratzt.“

„Jawohl, liebe Mutter“, sprach die Jungfrau und dann verließ sie die Hütte und trat bei der Edelfrau in Dienst, die mit ihr wohl zufrieden war.

Als man in der Nachbarschaft hörte, wie hoch die Jungfernschaft der Thilhouze im Preise stand, da wurden die Hausmütter inne, dass die Tugend doch ein recht profitlich Ding sei, und waren fortan eifrig besorgt, dass ihrer Töchter Jungfernschaft blühte und gedieh. Leider war ihr Mühen just so riskabel wie die Zucht von Seidenraupen; denn auch Jungfernschaften sind empfindliche Werte und gehen gar leicht drauf. Immerhin gab’s einige Mägdelein, die in den Klöstern für Jungfrauen gehalten wurden, doch mag ich nicht meine Hand dafür ins Feuer legen, da ich es nicht nach Vervilles trefflichem Rezepte nachprüfen konnte. Kurz, Marie Ehrlein befolgte ihrer Mutter weise Ratschläge und war für keinerlei Versprechungen des Edelmannes zu haben, und als er anfing, handgreiflich zu werden, da fauchte sie wie eine wilde Katze und schrie: „Ich sag’s der gnädigen Frau!“ Und so kam es, dass der Wackere nach sechs Monaten noch nicht auf die Kosten des ersten Holzscheites gekommen war. Je mehr er drängte, umso widerborstiger wurde sie, und einmal antwortete sie auf seine zärtliche Frage kurz: „Wenn Ihr mich drum gebracht habt, werdet Ihr sie mir ersetzen?“ Ein andermal: „Und wenn ich so viele hätte, wie Löcher im Sieb, Ihr kriegtet nicht eine, denn Ihr seid mir zu hässlich!“

Dem Edelmanne dünkte jedes ihrer Worte lichtester Tugendseim und wenn er so durch den Rock und sonsten ihre runden Reize sich abzeichnen sah, dann wuchs seine Greisenliebe noch beträchtlich. Um ihr aber alle Ausreden abzuschneiden, ließ er eines Tages seinen alten Schaffner holen, der seine siebenzig und etliche alt war, und erklärte ihm, er müsse sie verheiraten, um sich sein altes Fell wärmen zu lassen, und Marie Ehrlich sei dazu just die rechte. Dem Schaffner, der sein ruhiges Auskommen hatte, schien es gar nicht lockend, Pflichten zu übernehmen, denen er sich entwachsen glaubte, aber sein Herr setzte ihm auseinander, dass er ihm einen Gefallen damit täte und sich um sein Weib nicht zu kümmern brauche. Und so biss der Schaffner denn in den sauren Apfel. Marie Ehrlein aber ließ sich am Verlobungstage vor allem eine gehörige Mitgift verschreiben, die sie über den Verlust ihrer Jungfernschaft trösten sollte; und als dann so alle Bedenken aus dem Wege geräumt waren, gab sie dem Edelmann auch die Erlaubnis, sie nach vollzogener Trauung so oft heimzusuchen, als er nur könne.

Das ließ sich der Herre gesagt sein und kaum war die Hochzeit aus und sein Weib im Bette, da schlüpfte er schon in das Zimmer, darinnen wie in einem Schmuckkästlein die Perle ruhte, für die er Holz, Renten, Korn, Haus und seinen Schaffner drangegeben hatte. Um kurz zu sein: die Jungfrau von Thilhouze war wirklich wunderschön, wie er alsbald beim sanften Scheine des Kaminfeuers feststellen konnte: wie er sie so lecker und jugend-duftend im Bett liegen sah, reute ihm sein Geld nicht. Und da er sich den königlichen Bissen nicht länger versagen wollte, so hub er flugs an mit erfahrener Hand in dem Buche ihrer jugendlichen Schönheit zu blättern. Aber da nun geschah es, dass er aus übergroßem Eifer plötzlich den Zusammenhang verlor, mitten im Verse zu stammeln anfing und endlich kläglich stecken blieb. Worauf das Mägdelein in aller Unschuld meinte: „Mich dünkt, hier wäre etwas mehr Schwung recht am Platze!“

Dieser Satz sickerte bald durch und Marie Ehrlein wurde, ich weiß selbst nicht wie, darob berühmt. Denn heute noch spricht man bei uns von einer ‚Jungfrau von Thilhouze‘, wenn man eine Ehefrau meint, die so ist, wie ich – sie Euch nicht wünschen möchte, dafern Ihr nicht geborene Stoiker seid!

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