Gruppe C | Land 4

Das Unverweste Herz

Man gräbt ein Grab für jemand, der jüngst dem Tod erlag,
das Antlitz eines Jünglings tritt plötzlich an den Tag.
Die Totengräber stehen voll Grau’n, sie atmen nicht,
die minder Zagen heften ihr Aug‘ auf dies Gesicht.
Wohl fände schön ein jeder die hohe Stirne hier,
wenn eine düst’re Wolke nicht lagerte auf ihr;
schön wären diese Lippen und schön die Züge auch,
wenn nicht darüber schwebte des Missmuts trüber Hauch.
Der Leib zerfällt zur Asche, vom Hauch der Luft zersetzt,
es bleibt vor den Erstaunten das Herz nur mehr zuletzt.
Es schlägt, von warmem Leben durchflutet, noch zur Stund‘,
als schlüge es im Busen noch lebend und gesund.
Sie fragen, wer im Grabe zuletzt die Ruhe fand –
ein Heil’ger war’s, der siegreich dem Moder widerstand!
Ein Grabstein stand daneben, den niemand angeseh’n,
man deckt ihn los vom Moose, darauf die Worte steh’n:
dass Dobroslav, den Sänger, bedecke dieser Stein,
ihn, der so süss besungen der Liebe Qual und Pein,
der Lieder, vielgefeiert, gedichtet auf sein Lieb,
aufs schöne, stolze Fräulein, das ungerührt verblieb.
Doch als sie einen anderen zum Liebsten sich erkor,
schwang sich aus seinem Herzen fortan kein Lied empor;
er klagte weder Menschen noch Gott sein herb Geschick,
kein Strahl hellt auf sein Antlitz, kein Nass trübt seinen Blick.
Er lebte minder heilig als ledig jeder Pflicht,
empfing die heil’ge Beichte, die letzte Ölung nicht.
Nein, Heiligkeit konnt‘ nimmer ihn gegen Moder fei’n,
sie sagen all‘, es könne sein Herz dies nimmer sein!
Es ist das Herz des Sängers! Bemerkt ein Greis hierzu,
denn wär’ es eines Heil’gen, so gäb’ das Blut ihm Ruh’.
Nicht Heiligkeit – ihn schützte manch ewiger Gesang,
den er in tiefstem Herzen getragen jahrelang.
Lasst uns sein Herz erschließen und lasst es liegen frei,
bis dieser Tag zu Ende, die erste Nacht vorbei.
Bis neu erscheint die Sonne nach kühlem Morgengrauen,
im Tageslichte wieder, lasst es uns dann beschauen.
Umfächelt sei’s von Lüftchen, es falle Tau darauf.
Was Sonne, Mond und Sterne in wechselvollem Lauf
an Träumen ihm gegeben entschwebe himmelwärts.
Ist es indes geschwunden – bestatten wir das Herz.
So ward das Herz erschlossen; die Nacht, den Tag so hin
lag’s unterm freien Himmel, als hell der Tag erschien
nach kühlem Morgengrauen zerging’s so ganz und gar
wie Schnee im Lenz das gar nichts davon zu bergen war.

Wähle (D)einen Favoriten im Viertelfinale USA gegen Slowenien »

Die Viertelfinalpaarungen der litaffin-WM 2010 lauten wie folgt:

1 | Uruguay aus Gruppe AArgentinien aus Gruppe B
2 | USA aus Gruppe CSlowenien aus Gruppe C
3 | Niederlande aus Gruppe ENeuseeland aus der Gruppe F
4 | Portugal aus der Gruppe GElfenbeinküste aus Gruppe G

zurück zur Übersicht Gruppe C »

Gruppe C | Land 3

USA

Wir also vorwärts und auf den Fußspitzen weiter geschlichen, den kleinen Weg hinunter, der unter den Bäumen hin nach der Rückseite des Gartens führt, mußten aber den Kopf gewaltig bücken, daß uns die Zweige nicht kitzelten. Gerade als wir an der Küchenthüre vorüber wollen, muss ich natürlich über eine Wurzel stolpern und hinfallen, wodurch ein kleines Geräusch entsteht. Jetzt heißt’s still liegen und den Atem anhalten! Miß Watsons Nigger Jim saß an der Thüre, wir konnten ihn ganz gut sehen, weil das Licht gerade hinter ihm stand. Er steht auf, streckt den Kopf heraus, horcht eine Minute lang und sagt dann:

„Wer’s da?“

Dann horcht er wieder und da, jetzt schleicht er sich auf den Zehenspitzen heraus und steht gerade zwischen uns, ich hätte ihn zwicken können, wenn ich gewollt hätte. Er steht und wir liegen still wie die Mäuse und so vergehen Minuten und Minuten. An meinem Fuß fängt’s mich zu jucken an, kratzen kann ich nicht. Jetzt juckt’s am Ohr, dann am Rücken, gerade zwischen den Schultern, es ist zum toll werden! Warum’s einem nur immer juckt, wenn man nicht kratzen kann oder darf! Darüber hab ich oft nachgedacht seitdem. […] Endlich sagt Jim:

„He da, wer’s da? Ich mich lassen tot hauen, ich haben was gehört! Aber Jim sein nicht so dumm! Jim sitzen hier hin und warten!“

Und damit pflanzt er sich gerade zwischen mich und Tom auf den Boden, lehnt den Rücken an einen Baum und streckt die Beine aus, daß das eine mich beinahe berührt. Jetzt beginnt mein Juck-Elend von neuem. Erst die Nase, bis mir die Thränen in den Augen stehen, ich wage nicht zu kratzen, dann allmählich jeder Körperteil, bis ich nicht weiß, wie ich still halten soll. Fünf, sechs Minuten geht das Elend so weiter, mir scheinen’s Stunden. Ich zähle schon elf verschiedene Orte, an denen mich’s juckt. Gerade, als ich denke, nun kannst du’s aber nicht mehr aushalten, höre ich Jim tief aufatmen, dann schnarchen und – ich bin gerettet.

Tom gab mir jetzt ein Zeichen, er schnalzte leise mit den Lippen, und wir krochen auf allen Vieren davon. Vielleicht zehn Fuß weit entfernt hielt Tom an und flüsterte mir zu, er wolle Jim zum Spaß am Baum festbinden. Ich sagte nein, ich wollte nicht, daß er aufwachte, Lärm schlüge und man dann entdecken würde, daß ich nicht im Bett sei. […]

[…] nun rannten wir eilig den Pfad hinunter und kletterten den steilen Hügel hinter dem Hause hinauf. Tom erzählte, daß er Jim mit einem Strick an den Baum gebunden habe und seinen Hut an einen Ast oben gehängt, und daß der Kerl immer weiter geschlafen und sich nicht gerührt. Späterhin behauptete Jim steif und fest, er sei behext gewesen in dieser Nacht und war sehr stolz auf sein Abenteuer und wenn die andern Nigger von ihrer Bekanntschaft mit Hexen erzählten, zuckte Jim verächtlich mit den Schultern und trumpfte alle mit seinem Erlebnis ab. Ja, Jim war stolz auf seine »Hexen«, und wurde ordentlich berühmt deshalb.

Tom und ich standen endlich ganz oben auf dem Hügel und konnten gerade ins Dorf hinunter sehen und da blinkten noch drei oder vier Lichter, wahrscheinlich bei Kranken oder dergleichen. Und die Sterne über uns blitzten nur so und drunten zog der Strom dahin, so breit, so breit und ohne Laut und furchtbar großartig. Wir rannten dann auf der andern Seite den Hügel hinunter und fanden Joe Harper und Ben Rogers und noch ein paar Jungens, die auf uns warteten. Ein Boot wurde losgemacht und wir ruderten den Fluß hinunter, bis dahin, wo der große Einschnitt im Ufer ist. Dort legten wir an.

Wir kletterten auf ein dichtes Buschwerk zu und nun ließ Tom uns alle schwören, das Geheimnis nicht zu verraten und zeigte uns ein Loch im Hügel, mitten in den Büschen drin. Wir steckten die Lichter an und krochen auf Händen und Füßen hinein. Es ging ungefähr 200 Meter in dem engen Gange fort, bis sich eine Höhle aufthat. Tom tastete an den Wänden umher und verschwand auf einmal unter einem Felsen, wo niemand eine Öffnung vermutet hatte. Wir folgten ihm durch einen schmalen Gang, bis wir in einen Raum gelangten, ungefähr wie ein Zimmer, nur etwas kalt feucht und dumpfig, und da blieben wir dann. Tom hielt nun eine feierliche Ansprache und sagte:

„Hier wollen wir also eine Räuberbande gründen und sie ‚Tom Sawyers Bande’ nennen. Jedermann, der beitreten will, muß einen Eid schwören und seinen Namen mit Blut unterzeichnen!“

Jedermann wollte denn auch und so zog Tom einen Bogen Papier aus der Tasche, auf den er einen furchtbaren Eid geschrieben hatte, den er uns jetzt vorlas. Darin stand, daß jeder Junge treu zur Bande halten müsse und niemals deren Geheimnisse verraten dürfe bei Todesstrafe. Wenn irgend jemand irgend Einem von uns irgend etwas zu Leid thäte, müsse Einer das Racheamt übernehmen, den man dazu erwähle, und er dürfe nicht essen und nicht schlafen, ehe er den Beleidiger und seine ganze Familie getötet und ein blutiges Kreuz jedem in die Brust geritzt habe, was das Zeichen der Bande sein solle. Und niemand außer uns dürfe dies Zeichen benutzen und wenn er es doch thäte, solle er gerichtlich belangt und wenn dies nichts helfe, einfach getötet werden. Wenn aber einer aus der Bande die Geheimnisse verrate, werde ihm der Hals abgeschnitten, der Körper verbrannt und die Asche in alle vier Winde zerstreut, sein Name dann dick mit Blut von der Liste gestrichen, ihn auszusprechen bei Strafe verboten und er selbst solle vergessen sein für immer und ewig.

Wir alle fanden den Eidschwur prächtig und fragten Tom, ob er ihn ganz allein aus seinem eignen Kopf gemacht habe. Er sagte ja, zum größten Teil, aber einiges habe er auch in alten Piraten- und Räuberbüchern gefunden und jede ordentliche Bande, die Anspruch darauf machen wolle, anständig zu sein, schwöre einen solchen Eid.

Jetzt meinte einer, man solle doch auch die Familie töten von den Jungens, die das Geheimnis verrieten. Tom sagte, das sei eine gute Idee, nahm ein Bleistift und korrigierte es noch hinein in den Eidschwurbogen. Da meinte Ben Rogers:

„Ja, aber, hört einmal, wie ist denn das? Dort, Huck Finn,“ dabei zeigte er auf mich, „hat doch gar keine Familie nicht – wen sollen wir denn da töten?“

„Er hat doch auch einen Vater,“ sagte Tom Sawyer.

„Den hat er wohl, aber wo ihn finden? Früher lag er doch manchmal betrunken in der Straße, aber seit einem Jahr hat ihn niemand gesehen hier herum!“

Nun berieten sie hin und her und hätten mich beinahe ausgestoßen, denn jeder, so sagten sie, müsse jemanden zum töten haben, was dem einen recht, sei dem andern billig, und so saßen sie und überlegten und ich heulte beinahe, so schämte ich mich. Da fiel mir plötzlich Miß Watson ein, und ich bot ihnen die zum töten an, das leuchtete ihnen ein und alle riefen:

„Das geht, die ist recht dazu, Huck kann eintreten!“

Dann nahmen wir Alle Stecknadeln, stachen uns in die Finger und unterzeichneten unsern Namen mit unsrem ‚Herzblut’, wie Tom sagte.

„Nun,“ meinte jetzt Ben Rogers, „auf was soll unsere Bande sich hauptsächlich verlegen?“

„Auf weiter nichts,“ versetzte Tom, „als Raub und Mord und Totschlag!“

„Wen sollen wir denn berauben? Häuser – oder Vieh – oder –„

„Unsinn!“ schrie Tom, „Das nennt man diebsen und stehlen, nicht rauben und plündern! Wir wollen keine Diebe sein sondern Räuber! Das ist viel vornehmer! Räuber und Wegelagerer! Wir überfallen die Postkutschen und Wagen auf der Landstraße, mit Masken vor dem Gesicht und schlagen die Leute tot und nehmen ihnen Uhren und Geld ab!“

„Müssen wir immer alle tot hauen?“

„Gewiß, das ist am einfachsten. Ich hab’s auch schon anders gelesen, aber gewöhnlich machen sie’s so. Nur einige schleppt man hie und da in die Höhle und wartet, bis sie ranzioniert werden!“

„Ranzioniert? Was ist denn das?“

„Das weiß ich selber nicht, aber so hab ich’s gelesen und so müssen wir’s machen!“

„Ho, ho, das können wir ja nicht, wenn wir nicht wissen, was es ist!“

„Ei zum Henker, wir müssen’s eben! Hab ich dir nicht gesagt, daß ich’s gelesen habe? Willst du’s anders machen, als es in den Büchern steht, und alles untereinander bringen?“

„Oh, du hast gut reden, Tom Sawyer, aber wie in der Welt sollen wir die Burschen ‚ranzionieren’, wenn wir nicht wissen, wie man’s macht? Das ist’s, was ich wissen will! Wie, zum Beispiel, denkst du dir’s eigentlich?“

„Ich – ich weiß nicht, aber ich denke, wenn wir sie behalten, bis sie ranzioniert sind, so wird das heißen, bis sie tot sind!“

„Das läßt sich hören, das begreife ich, aber warum hast du das nicht gleich gesagt? Natürlich behalten wir sie, bis sie zu Tode ranzioniert sind. Aber Last werden sie uns machen genug und genug, uns alles wegfressen und dabei immer auskneifen wollen!“

„Wie du schwatzest, Ben! Wie können sie auskneifen, wenn einer immer Wache steht, der bereit ist, sie niederzuschießen, wenn einer nur den Finger krumm macht?“

„Einer, der Wache steht? Das ist gut! Das freut mich! Also soll einer die ganze Nacht dastehen, ohne zu schlafen und sie bewachen? Das ist eine gräßliche Dummheit. Warum nimmt man da nicht sofort einen Knüttel und ranzioniert sie, wenn sie hierher kommen?“

„Weil’s so nicht in den Büchern steht, darum! Ich frag dich, Ben Rogers, willst du alles den Regeln nach thun oder nicht? Darauf kommt’s an! Ich glaube, die Leute, welche die Bücher schreiben, wissen besser, wie man’s macht, als du! Denkst du, sie könnten von dir etwas lernen? Noch lange nicht? Und drum wollen wir die Bursche genau so ranzionieren, wie’s da angegeben ist und nicht ein bißchen anders!“

„Schon recht, mir liegt nichts dran, ich sage aber, es ist gräßlich dumm so. Sollen wir die Weiber auch töten?“

„Ben Rogers, wenn ich so dumm wäre wie du, hielt ich lieber den Mund! Die Weiber töten! Wer hat je so etwas gehört oder gelesen! Nein, die werden in die Höhle geschleppt und man ist so höflich und rücksichtsvoll gegen sie, als man kann. Nach einer Weile verlieben sie sich dann in einen und wollen gar nicht mehr wieder fort.“

„Gut, damit bin ich einverstanden! Bald werden wir die ganze Höhle voll Weiber haben und voll Kerle, die auf’s ranzonieren warten, so daß am Ende kein Platz mehr für die Räuber da sein wird. Ich seh’s schon kommen! Aber mach nur weiter, Tom, ich bin schon still!“

[…]

Ben Rogers sagte, er könne nicht viel loskommen, nur an Sonntagen und wollte deshalb gleich nächsten Sonntag anfangen. Aber die Jungens meinten alle, am Sonntag schicke sich so etwas gar nicht und so ließen wir’s sein. Sie machten aus, so bald als möglich wieder zusammen zu kommen und dann einen Tag zu bestimmen. Hierauf wählten wir noch Tom Sawyer zum Hauptmann und Joe Harper zum Unterhauptmann der Bande und brachen dann nach Hause auf.

Ich kletterte wieder auf’s Schuppendach und von da in mein Fenster, gerade als es anfing Tag zu werden. Meine neuen Kleider waren furchtbar schmutzig und voller Lehm und ich war hundemüde.

Gruppe C | Land 2

Sonett 17

Du hast, mein Dichter, alle Macht zu rühren
An Gottes äußersten und letzten Kreis
Und aus des Weltalls breitem Brausen leis
ein Lied zu lösen und es hinzuführen
Durch klare Stille. Deine Heilkunst weiß
Ein Gegengift zu finden, dessen Kraft
Seihst Aufgegebene noch rätselhaft
Zu retten scheint. Gott gab dir das Geheiß
Dieses zu tun, so wie er mir befahl
Zu tun nach deinem Wort. Was soll ich sein:
Vergangnes oder Kommendes, dass dein
Gesang es grüße oder es beweine?
Ein Schatten, der dich mahnt an Palmenhaine?
Ein Grab, dabei du ruhst? – Du hast die Wahl.

zurück zur Übersicht Gruppe C »

Gruppe C | Land 1

Fast einen Monat lang befand man sich bereits unterwegs. Während dieses ganzen Monats zog der tapfere Tartarin von Siedelung zu Siedelung durch die große vom Cheliff durchflossene Tiefebene, immer auf der Suche nach den Löwen, die sich durchaus nicht finden lassen wollten; nach allen Richtungen durchstreifte er das grausige und seltsame französische Algerien. Hier vereinigen sich die Düfte des alten Orients mit Kasernendunst und Absinthgeruch, halb Abraham, halb Zuave, halb Märchenstück, halb Hanswurstiade, wie eine Seite aus dem alten Testament, erzählt vom Sergeanten La Ramée oder dem Unteroffizier Pitou.

Welch seltsames Schauspiel für den, der Augen hat, zu sehen. Ein wildes, zugrunde gehendes Volk, das wir zu zivilisieren meinen, indem wir ihm alle unsere Laster beibringen. Die brutale Willkür und unbeschränkte Macht märchenhafter Paschas, die sich mit vieler Würde der Bänder des Kreuzes der Ehrenlegion bedienen, wenn sie sich schneuzen, und die wegen eines Ja oder eines Nein ihre Untertanen auspeitschen lassen. Die gewissenlose Rechtsprechung von Kadis mit großen Brillen, die, als echte Heuchler vor dem Koran und dem Gesetze, von nichts träumen, als vom 15. August [Geburtstag Napoleons I.] und der an diesem Tage zu erhoffenden Beförderung, und dabei ihre Urteilssprüche, wie Esau sein Recht der Erstgeburt, für ein Linsengericht oder für gezuckerten Koußkouß verkaufen.

Da sieht man liederliche und dem Trunke ergebene Kaids, die sicher ehemals Stiefelputzer bei irgendeinem früheren General Jussuf oder Achmed waren, und die nun mit eingeborenen Wäscherinnen Champagnergelage feiern und Hammelbraten schlemmen, während draußen vor ihren Zelten der ganze Stamm schon mit dem Hungertode ringt und den Hunden die Reste von der Tafel des Herrn streitig macht.

Ringsumher Landstrecken, die brach liegen, von der Sonne verbrannte Wiesen, kahles Gestrüpp, Kaktus- und Pistazien-Dickichte, wo Getreide in vollen Ähren stehen sollte. Die Kornkammer Frankreichs! Eine Kornkammer ohne Korn, aber voll von Schakalen und Ungeziefer aller Art. Fortwährend trifft man auf verlassene Siedelungen, aussterbende Stämme, die auf der Flucht vor dem Hunger umherirren und ihren Weg mit Leichen bezeichnen. Hin und wieder kommt man an ein französisches Dorf, dessen Häuser nur noch Trümmerhaufen gleichen, dessen Felder unbestellt sind, eine Beute der Heuschreckenschwärme, die alles mit Stumpf und Stiel auffressen – die Ansiedler selbst sitzen in den Schenken, trinken ihren Absinth und schwatzen klug über allerhand Reformprojekte und über die Verfassung.

Das alles hätte, wie gesagt, Tartarin sehen können, wenn er sich die Mühe gegeben hätte; er hatte aber nichts anderes als seine Löwen im Kopfe; so marschierte denn der Mann aus Tarascon immer weiter, sah nicht nach rechts und nicht nach links, sondern hatte das Auge hartnäckig auf jene Ungeheuer seiner Einbildung gerichtet, die sich durchaus nicht blicken lassen wollten.

Da der Schattenspender sich nun einmal nicht aufklappen ließ, und da die Bouillontafeln nicht weich zu bekommen waren, so war die Karawane gezwungen, früh und abends in den Lagern der Stämme einzukehren.

Unsere Jäger wurden, dank des Käppi des Prinzen Gregor, überall mit offenen Armen aufgenommen. Sie wohnten stets bei den Häuptlingen, deren sonderbar eingerichtete Residenzen großen, weißen, fensterlosen Bauernhöfen glichen, wo man in buntem Durcheinander türkische Nargilehs und Möbel aus Mahagoniholz fand, Teppiche aus Smyrna und Moderateurlampen, Truhen aus Zedernholz, gefüllt mit türkischen Zechinen, und Stutzuhren mit Figuren im Stile Louis Philipps. Überall veranstaltete man zu Ehren Tartarins die glänzendsten Feste. Ihm zu Ehren paradierte die waffenfähige Mannschaft jedes Stammes; es wurde dabei viel geschossen, und die weißen Burnusse leuchteten im hellen Sonnenglanz. Wenn dann genügend Pulver verknallt war, kam der gute Häuptling und präsentierte seine Rechnung… Das nennt man arabische Gastfreundschaft.

Und immer noch keine Löwen! Nicht mehr Löwen als auf dem Pont-Neuf in Paris.

Trotzdem ließ der Tarasconese aber den Mut nicht sinken. Immer weiter drang er tapfer nach Süden vor und brachte seine Zeit damit hin, die Gebüsche zu durchsuchen, stieß mit dem Gewehrlaufe an die Zwergpalmen und machte, so oft er an einem Dickicht vorbeikam: „Ksch! Ksch!“ Abend für Abend ging er dann, bevor er sich schlafen legte, ein bißchen auf den Anstand, so zwei bis drei Stunden. Verlorene Mühe! Kein Löwe zeigte sich!

Als jedoch die Karawane eines Abends, etwa um die sechste Stunde, ein Pistazienwäldchen durchzog, in dem dicke, von der Hitze fast betäubte Wachteln im Grase hin und herhüpften, glaubte Tartarin – ganz leise, ganz entfernt, vom Winde nur eben herübergetragen – jene Töne zu hören, denen er daheim in Tarascon so oft gelauscht, hinter Mitaines Menagerie.

Zuerst wollte der Held seinen Ohren kaum trauen. Aber im selben Augenblick wiederholte sich das Brüllen; es war noch immer weit entfernt, aber deutlicher zu unterscheiden. Als nun ringsum in den Gehöften die Hunde zu bellen anfingen, begann auch das Kamel, von furchtbarer Angst gepackt, zu zittern, so daß die Konserven und die Waffenkisten erklirrten.

Es konnte nun kein Zweifel mehr sein. Es war ein Löwe! Schnell, nur schnell auf den Anstand! Keine Minute war zu verlieren!

In nächster Nähe befand sich ein alter Marabut, die kleine Grabkapelle eines muhammedanischen Heiligen. Seine weiße Kuppel war weithin sichtbar; die großen gelben Pantoffeln des Verstorbenen standen in einer Nische über dem Eingange, und eine Menge dem Toten gewidmeter Gegenstände hingen an den Wänden: große Stücke Burnus, Goldfäden, rote Haare usw.

Hier brachte Tartarin seinen Prinzen und sein Kamel unter, während er selbst sich nach einem Platz zum Anstand umsah. Prinz Gregor wollte ihn begleiten, aber der Tarasconese wies ihn zurück. Ganz allein wollte er dem Löwen gegenübertreten. Jedenfalls aber bat er Seine Hoheit, sich nicht zu entfernen, und übergab ihm der Vorsicht halber seine mit Wertpapieren und Banknoten gefüllte, dicke Brieftasche – aus Furcht, sie könnte von den Klauen des Löwen vernichtet werden.

Nachdem diese Vorsichtsmaßregel getroffen war, begab sich der Held auf seinen Posten.

Etwa hundert Schritte von dem Marabut verschwamm in den Schleiern der Dämmerung ein kleiner Lorbeerhain an einem fast ganz ausgetrockneten Bach. Hier legte sich Tartarin in den Hinterhalt. Vorschriftsmäßig ließ er sich auf ein Knie nieder, nahm das Gewehr in die Hand und stieß mit stolzer Bewegung sein großes Jagdmesser vor sich in den Sand.

Die Nacht brach herein. Die Abendröte wich einem violetten Schatten, dieser wurde zu einem dunklen Blau, bis endlich vollständige Dunkelheit herrschte.

Unten, zwischen den Kieseln des Baches, leuchtete wie ein Handspiegel eine kleine Wasserlache. Hierhin kamen die gelben Bestien zur Tränke. Am Abhang des jenseitigen Ufers konnte man undeutlich die hellen Spuren verfolgen, die ihre breiten Tatzen durch die Pistazien getreten hatten. Ein leiser Schauder überlief den Jäger, als er diese unheimliche Spur bemerkte. Man bedenke aber auch, was eine Nacht mitten in Afrika bedeutet: wie da ringsum das Getier gespenstig fliegt und kriecht, Äste knacken, wie man die leisen Schritte auf Raub ausgehender Tiere hört, wie von weitem das Geheul der Schakale herübertönt und wie oben am Himmel, ein bis zweihundert Meter über der Erde, große Züge von Kranichen vorüberziehen, deren Geschrei sich wie das kleiner Kinder anhört, die man erwürgt – man bedenke das, und man wird zugeben müssen, daß dabei auch dem Beherzten der Mut schwinden kann. Und so geschah es Tartarin. Sein ganzer Mut war wie mit einem Schlage zum Teufel gegangen. Dem armen Mann klapperten die Zähne. Und auf dem Stichblatt seines im Erdboden steckenden Jagdmessers klirrte und klapperte der Lauf seines gezogenen Gewehres wie Kastagnetten.

Übrigens, wer will ihm das auch verübeln? Es gibt eben Abende, an denen man sich nicht so recht aufgelegt fühlt, und wo würde denn das besondere Verdienst des Helden liegen, wenn er überhaupt nicht wüßte, was Furcht ist? Offengestanden! Ja, Tartarin hatte Furcht! Er fürchtete sich, seitdem er sich auf den Anstand begeben hatte. Nichtsdestoweniger hielt er eine Stunde, zwei Stunden lang aus – aber auch der Heroismus hat seine Grenzen. Ganz in seiner Nähe, im Bett des fast ausgetrockneten Baches, hörte der Tarasconese plötzlich das Geräusch von Schritten und das Rollen von Steinen. Da hielt er es nicht länger aus. Furchtbar erschrocken sprang er auf, feuerte auf gut Glück seine zwei Schüsse in die Nacht hinein und lief, so schnell ihn seine Füße tragen konnten, nach dem Marabut; und sein Messer ließ er im Sande stecken, gewissermaßen als Wahrzeichen der fürchterlichsten Angst, die jemals das Gemüt eines Löwenbezwingers ergriffen hat.

„Zu Hilfe! Prinz – der Löwe!“

Tiefes Schweigen ringsum.

„Prinz! Prinz! Wo sind Sie denn?“

Der Prinz war nicht da. An dem weißen Gemäuer des Marabut warf allein das Kamel mit seinem Höcker im Mondlicht einen höchst seltsamen Schatten. Der Prinz Gregor hatte es vorgezogen, sich aus dem Staube zu machen und die Brieftasche mit den Banknoten mitzunehmen.

Seit einem Monat hatten Seine Hoheit nur auf eine günstige Gelegenheit dazu gewartet.

Am Morgen nach diesem so abenteuerlichen und auf so tragische Weise endenden Abend erhob sich unser Held ziemlich früh von seinem Lager. Als er die unumstößliche Gewißheit erlangt hatte, daß sowohl der Prinz als auch sein ganzes Geld auf Nimmerwiedersehen entschwunden waren, als er sich allein in dieser kleinen, weißen Grabkapelle sah – verraten, bestohlen, verlassen, mitten im wilden Algerien, ganz allein mit einem dummen einhöckerigen Kamel. […]

zurück zur Übersicht Gruppe C »

Gruppe B | Land 4

Unser aller hatte sich eine unwillkürliche Freude bemächtigt. Wir fühlten zu tief, dass dieser Tanz die Welt unserer Liebe und unserer Wünsche darstellte.
So fand auch ich mich samt meiner Erwählten bald in einem Karree mit Don Segundo zusammen. Das wurde ein »Gato« mit Anspielungen
Als die Musik schwieg, sagte ich mit heller Stimme mein Verslein:

»Einem Morgenstern als Führer
Bin ich diesmal nachgegangen
Um zu dem geliebten Mädchen
In den Ballsaal zu gelangen.«

Wir machten eine Drehung nach rechts und stampften eine Tanzfigur. Ruhig erwartete ich die Antwort, die auch nicht auf sich warten ließ:

»Von der Liebe konnt’ ich leider
Noch bis heute nicht viel wissen;
Wenn du darin so gelehrt bist,
Wirst du sie mich lehren müssen.«

Nun kam die Reihe an Don Segundo. Er tanzte auf seine Nachbarin zu und drohte mit scheltender Stimme:

»Eins, zwei, drei,
Und eins dazu sind vier;
Liebst du mich nicht mehr,
Dann töte ich mich hier.«

Nachdem die darauf folgende Runde getanzt war, antwortete die stattliche Doña Encarnación, gleichgültig die Schultern hebend:

»Eins und zwei und drei,
Mir ist das einerlei.«

Unter Scherzen und Schmeicheleien nahm das Spiel seinen Fortgang. Wir tanzten noch einen »Triunfo« und einen »Prado«, und in der Hitze verwirrte ich mich immer mehr mit meinem Mädchen in Anspielungen, die uns erlaubt schienen, weil wir sie einander in Reimen zuwarfen.
Mein schwarzbraunes Schätzchen war entschieden das lustigste Mädel vom ganzen Fest. Und da im Morgengrauen ein gewisses Verlangen nach erholsamer Ruhe sich bei uns bemerkbar machte, ließ ich mich selbstvergessen immer tiefer in ihre blitzenden Augen sinken. Ihre vollen Lippen lachten zärtliche Antwort.

Ein bisschen verwirrt, sowohl durch meine eigene Dreistigkeit wie durch ihre stumme Einwilligung, nahm ich mir vor, sie beiseite zu ziehen. Ich lud sie ein, im Erfrischungszelt etwas zu sich zu nehmen. Und als ich sie mit Geschick und Mühe hinter die Zeltwand gelotst hatte, versuchte ich, ihr ohne weiteres einen Kuss zu geben. Einen Augenblick kämpften wir miteinander; ich sah mich von ihren Zorn sprühenden Augen zurückgewiesen.
So gingen wir in den Ballsaal zurück, ohne dass mir das Geringste einfallen wollte, womit ich sie hätte versöhnen können. Und obgleich ich sie zu den drei folgenden Tänzen aufforderte, weigerte sie sich mit durchsichtigen Gründen.

Wütend erinnerte ich mich des Wohlwollens, das ich von der »Grünen« erfahren hatte. Nicht lange darauf stand ich schon mit meiner neuen Freundin auf dem besten Fuße, und warf mir fast vor, ein Dummkopf gewesen zu sein, und meine Zeit mit der anderen vertan zu haben.

Am Schluss einer Polka drückte ich ihr zärtlich die Finger; aber ich musste an jenem Abend keine glückliche Hand haben, denn heftig fuhr sie auf und sagte schnippisch:

»Glauben Sie etwa, dass ich ein Besen bin, mit dem man Abfälle auskehrt?«

Ade, ihr Vergnügungen dieser Ballnacht! All die Leute, deren Ellenbogen mich im Gedränge pufften, fingen mit einmal an, mich zu ärgern wie ein Pferd, das einen beim Falle gequetscht hat.
Ich suchte Schutz in Pedros Gesellschaft.

»Guck bloß mal«, sagte der, und wies auf ein Ausländerpärchen, das hopfend vorbeitanzte, »hübsch, was? Als ob sie mit den Füßen Nägel aus dem Boden zögen.«

Als er meine Verstimmung bemerkte, richtete er seine Witze gegen mich.

»Na, siehst du nun, dass das blöde Herumgehopse zu nichts Gutem führt? Hat man dich etwa vor die Tür gesetzt, du armer Kerl?«

Da drehte ich mich auf den Hacken um und ging in den Tag hinaus, der schon ganz hell geworden war. Nun wollte ich doch lieber den Kopf auf den Sattel legen und noch ein paar Stunden schlafen.

Wähle (D)einen Favoriten im Viertelfinale Uruguay gegen Argentinien »

Die Viertelfinalpaarungen der litaffin-WM 2010 lauten wie folgt:

1 | Uruguay aus Gruppe AArgentinien aus Gruppe B
2 | USA aus Gruppe CSlowenien aus Gruppe C
3 | Niederlande aus Gruppe ENeuseeland aus der Gruppe F
4 | Portugal aus der Gruppe GElfenbeinküste aus Gruppe G

zurück zur Übersicht Gruppe B »

Gruppe B | Land 3

Der frühere Kaiser von Korea hatte sich eine Geheimpolizei eingerichtet, die für Ruhe und Ordnung in der Stadt sorgen mußte und Räubereien und Diebstahl verhindern sollte. Aber wie das oft so ist, Wollten die Verbrechen kein Ende nehmen und der Kaiser war recht ärgerlich. Er ließ sich den Obersten der Polizei kommen und machte ihm Vorwürfe. Der Oberste aber verteidigte seine Leute und sagte, sie seien alle tüchtig und geschickt.

Da meinte der Kaiser, nur der sei ein geschickter Polizist, der alle Schliche und Listen der Diebe kenne und solche selbst anwenden könne. Er werde die Leute auf die Probe stellen. Sie sollen sich alle am anderen Morgen im Palaste einfinden.

Als am Morgen die Polizisten alle in der Vorhalle des Palastes versammelt waren, erschien der Kaiser, in der Hand einen seidenen Beutel haltend. Diesen Beutel füllte der Kaiser mit Gold und ließ ihn mitten an der Decke der Halle aufhängen, so hoch, daß ihn niemand mit der Hand erreichen konnte.

Dann sagte der Kaiser:

„Hier hängt der Beutel mit Gold. Er bleibt drei Tage lang hängen. Eine Wache wird stets dabei sein. Gelingt es einem von euch diesen Beutel binnen der drei Tage zu entfernen, ohne daß jemand es bemerkt, so gehört ihm der Beutel samt Inhalt und ihr alle sollt fernerhin in meinen Diensten bleiben. Gelingt aber keinem von euch die Aufgabe, so jage ich euch alle zum Teufel!“

Da war allgemeines Köpfeschütteln und tief betrübt gingen die Polizisten heim; denn es schien unmöglich den Beutel zu entfernen, weil der Kaiser eine Wache von vier Mann aufgestellt hatte, die den Beutel Tag und Nacht bewachen mußte. Für Nachlässigkeit war der Wache mit Kopfabschlagen gedroht.

So kam der dritte Tag heran; der Beutel aber hing noch unberührt an der Decke und die Polizisten erwarteten ihre Entlassung. Da meldete sich zum Erstaunen aller einer der jüngsten Leute und erklärte, er wolle es versuchen aber er müsse noch mindestens zwei Tage Zeit haben.

Er wurde zum Kaiser geführt; dieser lachte den jungen Menschen aus und sagte: „Auch wenn ich euch zehn Wochen Zeit gebe, das Kunststück gelingt euch doch nicht!“

„Das mag stimmen!“ erwiderte dieser, „und ich glaube selbst, daß nur ein Wunder uns helfen kann, aber vielleicht tritt ein solches Wunder in den zwei Tagen ein!“ Dem Kaiser gefiel diese kecke Antwort. „Gut, so soll es sein! Diese zwei Tage seien euch noch gewährt!“ entschied er.

Der junge Polizist betrachtete sich in der Halle den Beutel ganz genau und prägte sich alles fest ins Gedächtnis; dann eilte er nach Hause und fertigte sich einen ganz gleichen Beutel, den er mit kleinen Steinchen füllte.

Am zweiten Tage nahm er diesen Beutel, steckte ihn in den Ärmel seiner Jacke und ließ sich beim Kaiser melden, dieser empfing ihn und fragte, ob das Wunder schon geschehen sei.

Der Polizist bat hierauf den Kaiser sich den Beutel einmal ansehen zu dürfen, dieser genehmigte es und ging selbst mit zur Halle, wo der Beutel noch immer hing, bewacht von vier Soldaten.

Nachdem er sich den Beutel ein Weilchen von allen Seiten angesehen hatte, fragte er, ob es gestattet sei den Beutel in die Hand zu nehmen. Auch das genehmigte der Kaiser. Der Polizist holte hierauf eine Bank, stellte sich darauf und nahm den Beutel vom Haken, sah ihn sich wieder an und steckte ihn in den Ärmel, indem er sagte:

„Auf diese Weise würde es gehen!“

Der Kaiser erwiderte lachend: „So ginge es wohl, ist aber nicht erlaubt. Der Beutel soll fortgenommen werden, ohne daß es jemand weiß. Hänge ihn also nur ruhig wieder an die Decke und gib zu, daß auch du ihn nicht ausführen kannst!“

Der andre machte scheinbar ein trauriges Gesicht, zog seufzend den Beutel wieder hervor und hängte ihn auf. Er hatte aber nicht den Beutel mit dem Golde genommen, sondern ihn im Ärmel mit dem von ihm vorbereiteten und mit Steinen gefüllten Beutel vertauscht und diesen aufgehangen, während er den echten Beutel im Ärmel behielt und sich mit diesem entfernte, indem er dem Kaiser versicherte, er hoffe bis zum anderen Morgen doch das Kunststück ausführen zu können.

Der Kaiser ließ daher für diese Nacht die Wache verdoppeln; auch mußte die Halle so hell erleuchtet werden, daß der Beutel stets zu sehen war.

Der nächste Tag kam und auf Befehl des Kaisers mußten sich alle Polizisten in der Halle versammeln um, wie der Kaiser beabsichtigte, sie für immer ihres Dienstes zu entlassen. Er herrschte die Leute denn auch recht unfreundlich an und wandte sich dann an jenen jungen Polizisten, indem er ihn höhnisch fragte, ob das Wunder geschehen sei.

„Ich glaube ja!“, erwiderte dieser.

„Er ist total verrückt oder unverschämt frech!“ rief da der Kaiser. „Glaubt er denn, ich kann nicht sehen? Da hängt doch der Beutel!“

„Ich sehe,“ erwiderte der Gescholtene, „daß dort wohl ein Beutel hängt, ob es aber der wirkliche ist, möchte ich bezweifeln!“

„Das ist denn doch zu stark!“ schrie der Kaiser. „Holt den Beutel herunter und bringt ihn her!“ befahl er der Wache.

Der Beutel wurde abgenommen und dem Kaiser gebracht, der ihn öffnete, aber ein ganz verwundertes Gesicht machte, als er nur Steine in dem Beutel fand und beim genaueren Sehen erkannte, daß es gar nicht der frühere Beutel war.

„Kerl, wie hat er das fertig gebracht?“ fragte er den listigen Mann. Dieser erzählte, wie er einen gleichen Beutel angefertigt und diesen dann in des Kaisers Gegenwart vertauscht habe.

„Bist ein verteufelt schlauer Bursche!“ sagte dann der Kaiser. „Und da du mir der Klügste von allen zu sein scheinst, sollst du deren Oberster sein und ich will sie nicht entlassen. Sorge dafür, daß deine Leute ihre Pflicht tun und dir nacheifern!“ Und so geschah es!

zurück zur Übersicht Gruppe B »

Gruppe B | Land 2

Mai-kaffo, der in alter Zeit Führer aller Büffel war, hatte ein Weib, die hieß Ra oder Ra-a. Ra aber ist die Herrin der Bauna, das ist die Sonne, und darüber gibt es folgende Sage, die die Leute nur sehr ungern erzählten, und zwar gleicherweise ein Kanomann in Ibi und eine Kanofrau in Lokodja:

In urururalter Zeit, als noch nichts war – als noch kein Mensch war, als noch nichts war –, bestand schon Audu Kaderre, das ist Gott. Audu Kaderre hatte aber einen Gehilfen und Vermittler, das war Biuta Lasuru. Audu Kaderre machte damals alles. Audu Kaderre machte auch die Sonne. Er machte sie so heiß, daß niemand sie haben wollte. Kein Mensch wollte damals Tateki haben. Tateki war nämlich damals noch der Name der Sonne. Niemand nannte sie (oder wagte sie zu nennen) Rana.

Ra war aber Mai-kaffos Frau. Ra sagte zu Mai-kaffo: „Serki n,bauna! Mein Mann! Ich will Rana nehmen, denn kein anderer Alledjenu [Dämon im Borikult der Haussa] will sie nehmen.“ Mai-kaffo sagte: „Was sagst du, Ra? Ra! Meine Frau! Kai! Du, eine Frau, willst die Sonne nehmen, die kein Mann nehmen kann, weil Tateki so heiß ist? Du willst das tun!“ Ra sagte: „Mai-kaffo! Ja, ich will diese Sache nehmen. Wie willst du, mein Mann, Mai-kaffo, denn auch sonst das Gewitter machen, wenn ich, deine Frau, nicht die Sonne nehme? Wie willst du, mein Mai-kaffo, denn das Gewitter machen, wenn ich nicht die Sonne nehme, die alle Hitze und alles Licht macht und ohne die ein Licht nicht ist? Ich, Ra, will die Sonne nehmen, und nachher wird man sie Rana nennen.“

Die Sonne war aber im Osten. Sie war mit einem weißen Widder zusammen in einer Kiste aus Stein eingeschlossen. Die Kiste aus Stein war unten im Wasser. Die Kiste aus Stein hatte nur eine Öffnung, durch die die Sonne sich entleerte.

Ra ging nun zu Audu Kaderre und sagte: „Willst du mir Tateki geben?“ Audu Kaderre sagte: „Ja, ich will dir die Sonne geben. Du mußt aber wissen, daß du jeden Tag fünfhundert Arbeiter brauchst, die die Sonne am Himmel hinziehen, du mußt das wissen!“ Ra sagte: „Audu Kaderre ich danke dir! Audu Kaderre ich danke dir!“

Ra sagte zu Audu Kaderre: „Nun wird die Sonne Rana heißen. Nun darf jeder sie nennen, wie es Gesetz ist.“ Ra sagte zu Audu Kaderre: „Du hast mir die Sonne gegeben. Willst du mir gestatten, daß ich die Sonne am Himmel stehen lasse, wenn ich es will?“ Audu Kaderre sagte: „Du sollst Macht über die Sonne haben. Tue mit ihr, was du willst.“ Ra sagte: „Ich danke dir!“

Ra rief die fünfhundert Männer und sagte: „Zieht nun wieder die Sonne herüber!“ Die fünfhundert Leute zogen die Sonne an einem Tau hinauf. Als die Sonne auf der Mitte des Weges war, war sie sehr heiß und verbrannte alles. Denn damals war der Himmel noch ganz nahe bei der Erde. Ra nahm aber ein Tau und die Kiste aus Stein, in der die Sonne eingeschlossen war. Ra fing die Sonne. So wurde denn der Tag sehr kurz. Die Leute schrieen. Die Leute sagten: „Wir wollen einen langen Tag haben! Dieser Tag war zu kurz! Gib uns einen längeren Tag!“ Die Leute schrieen zu Audu Kaderre. Die Leute schrieen zu Ra. So wurde der Tag wieder länger.

Die Sonne heißt aber seit damals Rana, weil sie der Ra gehört. Auch betrachten die Haussa die Sonne deswegen, weil sie der Ra gehört, als Frau und nennen sie Wotsche Rana.

zurück zur Übersicht Gruppe B »

Gruppe A | Land 4

URUGUAY

Samstag, 15. Juni

Ich habe eine Wohnung gefunden. Sie kommt meinen Idealvorstellungen ziemlich nahe und ist dennoch unglaublich billig. Trotzdem werde ich mei­nen Etat zusammenstreichen müssen, hoffe aber, es reicht. Mir bleibt wohl nichts anderes übrig, als mein restliches Guthaben von 2.465,79 Pesos bei der Hypothekenbank anzugreifen. Heute Abend gehen wir zusammen aus. Ich glaube nicht, dass ich es ihr sagen werde.

Sonntag, 16. Juni

Ich habe es ihr doch gesagt. Wir gingen, dieses Mal ohne einen Stromausfall, drei Blocks bis zu ihr. Ich glaube, ich stotterte, ich beschwor unseren Plan absoluter Freiheit, der Freiheit, uns ken­nenzulernen, zu sehen, was kommen wird, die Zeit ver­gehen zu lassen und zu überdenken. Ich bin sicher, dass ich stotterte. Inzwischen ist es einen Monat her, dass sie im Café erschienen ist, um sich von mir zum Kaffee einladen zu lassen. »Ich möchte dir etwas vorschlagen«, sagte ich. Seit Freitag, den 7. duze ich sie, sie mich allerdings nicht. Ich hoffte, sie würde sagen: »Ich weiß schon …«, was eine große Erleichte­rung für mich gewesen wäre. Doch nein, sie ließ mich das ganze Gewicht des Vorschlags alleine tragen. Dies­mal erriet sie ihn nicht, oder wollte ihn nicht erraten. Ich bin nie ein Experte in vorbereitenden Erklärun­gen gewesen und beschränkte mich deshalb lieber auf das Wesentliche: »Ich habe eine Wohnung gemietet. Für uns beide.« Schade, dass es keinen Stromausfall gab, dann hätte ich mir ihren Blick erspart. Er war traurig, vielleicht. Was weiß ich. Ich habe nie wirklich verstanden, was Frauen mir sagen wollen, wenn sie mich ansehen. Manchmal glaube ich, sie stellen Fragen, und merke erst später, dass sie mir eigentlich antworten. Einen kurzen Moment hing ein Wort wie eine düstere Wolke zwischen uns, eine Wolke, die sich allmählich fortbewegte. Wir dachten beide an das Wort Heirat, und begriffen, dass die Wolke verschwinden und der Himmel schon morgen wieder klar sein würde. »Ohne mich zu fragen?« Ich nickte. Ich spürte den Knoten in meinem Hals. »Ist schon in Ordnung«, sie versuchte zu lächeln. »Mich muss man so behandeln, vor vollendete Tatsachen stellen.« Wir stan­den im Torweg. Die Tür war offen, überall brannten Lichter. Für Mysterien war hier kein Platz, nur für dieses andere Ding, das man Schweigen nennt. Ich begriff langsam, dass mein Vorschlag kein Volltreffer gewesen war. Mit fünfzig Jahren kann man auch keine Volltreffer mehr erwar­ten. Und wenn sie nein gesagt hätte? Ich zahlte einen Preis für diese fehlende Ablehnung, und dieser Preis war die unbehagliche Situation, der unangenehme, fast peinliche Augenblick, sie wortlos vor mir zu sehen, in ihrem dunklen Jackett, ein wenig zusammengesunken und mit einem Gesicht, als müsse sie sich von mehreren geliebten Dingen für immer verabschieden. Sie küsste mich nicht.

Das Finale der litaffin-WM 2010 – USA gegen Portugal

Wähle Deinen litaffin-Weltmeister »