Florian Ringwald

In alter Zeit lebte einmal ein Landmann, der hatte auf der rechten Wange eine große Geschwulst, groß wie eine Birne. Als dieser Landmann eines Tages in den Wald ging um Reisig zu sammeln, wurde er von einem Gewitter überrascht und flüchtete in einen hohlen Baum, wo er Schutz vor dem Regen fand. Als das Gewitter endlich aufhörte, war es Nacht geworden und der Landmann konnte den Weg nach Hause nicht finden; deshalb blieb er in der Höhlung des Baumes sitzen und erwartete den Morgen.

Im Walde aber war es sehr einsam und schaurig und der Mann konnte vor Angst und Furcht nicht schlafen. Gegen Mitternacht hörte er plötzlich Stimmen und lautes Lachen. Verwundert streckte er den Kopf hervor und sah eine Anzahl Kobolde mit den sonderbarsten Gesichtern und in verschiedener Gestalt. Diese hatten gerade in der Nähe des Baumes, in dem der Landmann saß, Platz genommen und ergötzten sich am Trunk. Als sie genug getrunken hatten, begannen sie zu singen und zu tanzen. Der Landmann, der gern tanzte und ebenso gern einen guten Trunk Sake zu sich genommen hätte, konnte es in seinem Versteck nicht länger aushalten, denn die Lust der Kobolde wirkte auf ihn ansteckend.

Er kam also hervor und näherte sich den Tanzenden, die, als sie einen Menschen erblickten, erschraken und forteilen wollten. Er rief ihnen aber zu: „Bleibt nur da, ich will euch nur zeigen, wie man besser tanzt!“ Und gleich darauf begann er sich lustig im Tanze zu drehen.

Die Kobolde freuten sich über sein Tanzen und versuchten es ihm nachzumachen, auch gaben sie ihm zu essen und zu trinken.

War das eine Fröhlichkeit! Sie dauerte bis der Morgen graute.

Da sprachen die Kobolde: „Du hast uns durch deine Gesellschaft hocherfreut. Komme doch auch morgen Nacht wieder!“

Der Landmann sagte dies zu; aber die Kobolde wollten ein Unterpfand haben, daß er auch sicherlich käme. „Weißt du“, sagten sie zu ihm, „wir werden zur Sicherheit deine Geschwulst nehmen, du kannst sie dann morgen wieder bekommen.“

Damit griff der Sprecher gleich an die Wange des Mannes und nahm ihm die Geschwulst fort, ohne daß er einen Schmerz verspürte. Hierauf eilten alle lachend fort, ihm zurufend, nicht zu vergessen wieder zu kommen.

Der Landmann befühlte seine Wange, sie war ganz glatt und hatte keine Spur der Geschwulst mehr, nicht einmal eine Narbe; er war darüber außerordentlich froh und nahm sich vor, diesen Platz in Zukunft zu meiden und den Kobolden aus dem Wege zu gehen; denn er hatte gar kein Verlangen die Geschwulst wieder zu bekommen.

Er ging also zufrieden nach Hause, wo alle ihn verwundert anstaunten, daß er seine Geschwulst ohne jede Spur verloren hatte. Er erzählte dann, welches Glück ihm die Kobolde für sein Tanzen bereiteten, verschwieg aber kluger Weise, daß sie ihm die Geschwulst nur als Unterpfand für sein Wiederkommen abgenommen hatten.

Nun wohnte in dem Dorfe noch ein Landmann mit einer Geschwulst auf der Wange. Dieser hatte die Geschwulst auf der linken Seite.

Als er von dem Glück seines Nachbarn hörte, wollte auch er sein Geschwulst los werden und ließ sich den Platz genau beschreiben, wo der erste Landmann die Kobolde getroffen hatte.

In der Nacht ging er dorthin und traf die Kobolde auch wirklich an. Er wollte aber erst hören, was sie sagten und versteckte sich daher in dieselbe Höhlung, in der in der Nacht vorher der andere Landmann gesteckt hatte.

Die Kobolde aber sprachen nicht viel, sondern schauten sich von Zeit zu Zeit erwartend um, bis endlich einer sagte: „Unser Freund von gestern scheint heute nicht zu kommen!“

Als dies der Landmann hörte, sprang er tanzend hervor und rief: „Da bin ich schon!“

Nun freuten sich alle, gaben ihm zu trinken und forderten ihn dann auf wieder seine Kunst zu zeigen.

Er war aber ein ungeschickter Tänzer; auch konnte er nicht viel Sake vertragen, sodaß sein Tanz noch ungeschickter war und er steif und torkelnd umherhopste. Es war den Kobolden kein Vergnügen, dem Manne zuzuschauen und so riefen sie: „Du bist heute nicht so geschickt wie gestern und wir haben heute keine Freude an deiner Gesellschaft. Mach, daß du fort kommst und laß dich nie wieder bei uns sehen; da wir von dir keine Erinnerung wünschen, so hast du hier deine Geschwulst wieder!“

Der eine Kobold zog sie aus der Tasche und warf sie dem verdutzten Manne ins Gesicht, klitsch — klatsch — saß sie an der rechten Wange. Dann stieß man ihn fort und er mußte jetzt mit zwei Geschwülsten heimkehren.

Das kommt davon, wenn man neidischen Sinnes das gleiche Glück besitzen will, das andere genießen!

zurück zur Übersicht Gruppe E »

Florian Ringwald

Die Wochentage wollten auch einmal sich freimachen, zusammenkommen und ein Festmahl abhalten. Jeder Tag war übrigens so in Anspruch genommen, daß sie, während des ganzen Jahres, nicht freie Zeit hatten, um darüber zu verfügen; sie mußten einen besonderen ganzen Tag haben, aber den hatten sie doch auch jedes vierte Jahr: den Schalttag, der wurde in den Februar belegt, um Ordnung in die Zeitrechnung zu bringen.

Auf den Schalttag wollten sie also zusammenkommen zum Festmahl, und da der Februar der Fastnachtsmonat ist, wollten sie karnevalsmäßig angekleidet kommen nach eines jeden Empfindung und Bestimmung; gut essen, gut trinken, Reden halten und einander Annehmlichkeiten sagen und Unannehmlichkeiten in ungenierter Kameradschaft. Die Helden der alten Zeit warfen einander bei den Mahlzeiten die abgenagten Fleischknochen an den Kopf, die Wochentage wollten einander überhäufen mit Leckereien von albernen Späßen und schelmischen Witzen, wie sie zu den unschuldigen Fastnachtsscherzen gehören mögen.

Dann war es Schalttag, und dann kamen sie zusammen.

Der Sonntag, der Vormann der Wochentage, trat auf in schwarzem Seidenmantel, fromme Menschen würden glauben, daß er einen Talar trug, um in die Kirche zu gehen; die Weltkinder sahen, daß er im Domino war, um auf ein Vergnügen zu gehen und daß die flammende Nelke, die er im Knopfloch trug, des Theaters kleine rote Laterne war, die sagte: „Alles ist ausverkauft, seht nun zu, daß ihr euch amüsiert!“

Der Montag, ein junger Mensch, dem Sonntag nah verwandt und besonders dem Vergnügen hingegeben, folgte nach. Er verlasse die Werkstatt, sagte er, wenn die Wachtparade aufzieht. „Ich muß hinaus, um Offenbachs Musik zu hören; sie geht mir nicht zu Kopf und nicht zu Herzen, sie kitzelt mich in den Beinmuskeln, ich muß tanzen, ein Gelage haben, ein blaues Auge kriegen, um darauf zu schlafen, und dann packe ich am nächsten Tag die Arbeit an. Ich bin das Neue in der Woche!“

Dienstag, das ist Tyrs Tag, der Tag der Kraft. „Ja, das bin ich!“ sagte der Dienstag. „Ich packe die Arbeit an, spanne Merkurs Flügel an des Kaufmanns Schuhe, sehe in die Fabriken, ob die Räder geschmiert sind und sich drehen, sorge dafür, daß der Schneider auf der Bank und der Pflasterer auf den Pflastersteinen hockt; jeder achte auf sein Gewerbe: Ich halte mein Auge auf das Ganze, deshalb trage ich Polizeiuniform und nenne mich Polizienstag. Ist das ein schlechter Kalauer, so versucht ihr anderen, einen besseren zu machen!“

„Da komme ich!“ sagte der Mittwoch. „Ich stehe mitten in der Woche, darum nennen mich die Deutschen so. Ich stehe wie der Kommis hinter dem Ladentisch, als Blume zwischen den andern geehrten Wochentagen! Marschieren wir alle auf, dann habe ich drei Tage vor, drei Tage hinter mir, das ist wie eine Ehrenwache, ich darf glauben, daß ich der ansehnlichste Tag bin!“

Der Donnerstag stellte sich ein, gekleidet als Kupferschmied mit Hammer und Kupferkessel, das war sein Adelsattribut. „Ich bin von höchster Geburt“, sagte er, „heidnisch, göttlich! In Nordens Landen werde ich nach Thor genannt, in denen des Südens nach Jupiter, die beide verstanden zu donnern und zu blitzen, das ist in der Familie geblieben.“ Und dann schlug er auf den Kupferkessen und bewies seine hohe Geburt.

Freitag war gekleidet wie ein junges Mädchen und nannte sich Freya, auch zur Abwechslung Venus, das kam auf den Sprachgebrauch im Lande an, wo sie auftrat. Sie sei übrigens von stillem, ernsten Charakter, sagte sie, aber heute flott und frei; es war ja Schalttag, und der gibt der Frau Freiheit, da darf sie nach altem Brauch selber freien und muß sich nicht freien lassen.

Sonnabend trat auf als alte Haushälterin mit Besen und Sauberkeitsattributen. Ihr Leibgericht war Bierbrotsuppe, doch verlangte sie nicht, daß diese bei dieser festlichen Gelegenheit für alle mit aufgetischt werden sollte, sondern nur, daß sie sie bekommen könne – und sie bekam sie.

zurück zur Übersicht Gruppe E »

Florian Ringwald

Der tugendhafte Hund

Ein Pudel, der mit gutem Fug
Den schönen Namen Brutus trug,
War viel berühmt im ganzen Land
Ob seiner Tugend und seinem Verstand.
Er war ein Muster der Sittlichkeit,
Der Langmut und Bescheidenheit.
Man hörte ihn loben, man hörte ihn preisen
Als einen vierfüßigen Nathan den Weisen.
Er war ein wahres Hundejuwel!
So ehrlich und treu! eine schöne Seel!
Auch schenkte sein Herr in allen Stücken
Ihm volles Vertrauen, er konnte ihn schicken
Sogar zum Fleischer. Der edle Hund
Trug dann einen Hängekorb im Mund,
Worin der Metzger das schön gehackte
Rindfleisch, Schaffleisch, auch Schweinefleisch packte. –
Wie lieblich und lockend das Fett gerochen,
Der Brutus berührte keinen Knochen,
Und ruhig und sicher, mit stoischer Würde,
Trug er nach Hause die kostbare Bürde.

Doch unter den Hunden wird gefunden
Auch eine Menge von Lumpenhunden –
Wie unter uns, – gemeine Köter,
Tagdiebe, Neidharde, Schwerenöter,
Die ohne Sinn für sittliche Freuden
Im Sinnenrausch ihr Leben vergeuden!
Verschworen hatten sich solche Racker
Gegen den Brutus, der treu und wacker,
Mit seinem Korb im Maule, nicht
Gewichen von dem Pfad der Pflicht.

Und eines Tages, als er kam
Vom Fleischer und seinen Rückweg nahm
Nach Hause, da ward er plötzlich von allen
Verschwornen Bestien überfallen;
Da ward ihm der Korb mit dem Fleisch entrissen,
Da fielen zu Boden die leckersten Bissen,
Und fraßbegierig über die Beute
Warf sich die ganze hungrige Meute. –
Brutus sah anfangs dem Schauspiel zu
Mit philosophischer Seelenruh;
Doch als er sah, daß solchermaßen
Sämtliche Hunde schmausten und fraßen,
Da nahm auch er an der Mahlzeit teil
Und speiste selbst eine Schöpsenkeul.

Moral
Auch du, mein Brutus, auch du, du frißt?
So ruft wehmütig der Moralist.
Ja, böses Beispiel kann verführen;
Und, ach! gleich allen Säugetieren,
Nicht ganz und gar vollkommen ist
Der tugendhafte Hund – er frißt!

zurück zur Übersicht Gruppe D »

Florian Ringwald

Einem armen Mann wollte nichts recht gelingen, was auch immer er anfing. Er verdiente nicht einmal das Geld fürs tägliche Brot. So ging es Tag für Tag, und als er sah, dass er nie auf einen grünen Zweig kommen würde, beschloss er durch Betrug zu Reichtum zu gelangen.

Er füllte einen Sack mit Moos, legte Wolle oben drauf und wollte ihn zum Markt tragen. Unterwegs traf er einen anderen armen Teufel. Der trug einen Sack voll Tannenzapfen, auf die er oben Nüsse gelegt hatte. Auch er wollte seinen Sack auf dem Markt verkaufen. Sie zogen gemeinsam weiter.

Da fragte der eine den anderen: „Was hast du in deinem Sack?“

– „Nüsse! Und du?“

– „Wolle!“

– „Wollen wir tauschen? Nimm du die Nüsse und gib mir die Wolle, damit mir meine Mutter Strümpfe daraus strickt, denn ich habe keine mehr.“

– „Gut, warum sollen wir nicht tauschen? Ich esse Nüsse gern. Aber die Wolle ist teurer, du musst mir noch etwas draufzahlen.“

Sie begannen zu feilschen, denn jeder wollte den anderen betrügen. Schließlich einigten sie sich. Der, welcher den Sack mit den Nüssen hatte, sollte dem anderen für die Wolle noch zwei Groschen dazuzahlen. Da er aber kein Geld hatte, bat er um Aufschub und versprach, ihm das Geld erst bei sich zu Hause zu zahlen. Der andere aber wusste genau, dass der Betrug dort herauskommen würde, und meinte, er könne solange warten. Über den guten Handel erfreut, schlossen die beiden Brüderschaft und tauschten die Säcke aus. Jeder ging seines Wegs und schmunzelte, weil er glaubte, den anderen übertölpelt zu haben. Als sie aber nach Hause kamen, sahen beide, dass sie betrogen worden waren.

Nachdem einige Zeit vergangen war, machte sich derjenige, der Moos anstatt Wolle verkauft hatte, zu seinem Schuldner auf und verlangte die zwei Groschen. Er fand ihn im Haus des Popen, wo er sich als Knecht verdingt hatte. „Bruder, du hast mich betrogen!“

– „Du hast mich auch betrogen, Bruder!“

– „Gib mir wenigstens die zwei Groschen, die du mir noch schuldest!“

– „Ich will sie dir gern geben, denn ich pflege mein Wort zu halten. Aber ich kann es nicht, denn mein Beutel ist leer! Doch ich will dir etwas sagen. Hinter dem Haus ist eine tiefe Grube. Da steigt der Pope oft hinein und gräbt. Sicher hat er da sein Geld versteckt. Wir wollen warten, bis es Abend wird, und dann lass mich in die Grube hinab! Was ich finde, wollen wir brüderlich teilen, und dann kann ich dir auch die zwei Groschen zurückgeben.“

Gesagt, getan. Am Abend, als alles schlief, nahm der Knecht des Popen einen Sack und ein Seil, und die beiden Schlauberger gingen zur Grube. Der Knecht kroch in den Sack, und sein Wahlbruder ließ ihn hinab. Der Knecht suchte und grub überall, aber er fand nichts anderes als Weizenkörner. Er dachte bei sich: ‚Wenn ich meinem Gefährten sage, dass ich nichts gefunden habe, so lässt er mich vielleicht in der Grube sitzen. Und morgen wird mir der Pope den Buckel vollhauen.’

Er kroch also wieder in den Sack, band ihn am Seil fest und rief hinauf: „Zieh, Bruder! Der Sack ist voll Gold!“ Der andere zog und dachte: ‚Warum soll ich das Geld mit ihm teilen? Ich will den Sack fortschleppen und meinen Wahlbruder in der Grube lassen. Morgen wird ihn der Pope schon herausholen.’

Er warf sich den Sack über die Schulter und lief durchs Dorf. Die Hunde begannen zu bellen und schnappten nach ihm. Er lief und lief, bis er ganz erschöpft war. Und nun rutschte ihm auch noch der Sack vom Rücken. Da meldete sich der Knecht aus dem Sack und rief: „Heb den Sack etwas höher, Bruder, die Hunde beißen mich!“ Der andere ließ den Sack vor Schreck zu Boden fallen, und sein Gefährte kam heraus gekrochen.

„So, so“, sagte der Knecht, „du wolltest mich also wieder übertölpeln.“ – „Du hast mich ja auch betrogen!“ erwiderte der andere. Sie begannen mitten auf dem Weg zu streiten, wer der größere Lügner und Betrüger sei. Schließlich versprach der Knecht seinem Wahlbruder aufs Neue, ihm die zwei Groschen zurückzugeben, wenn er ein andermal käme.

Es verging wieder eine geraume Zeit. Der Knecht hatte inzwischen geheiratet und war in das Haus seiner Frau gezogen. Eines Tages saß er auf der Schwelle und rauchte sein Pfeifchen. Da sah er seinen Wahlbruder kommen. „Frau“, sagte er, „siehst du den Mann dort? Dem schulde ich zwei Groschen. Ich habe versprochen, sie ihm zu geben, wenn er kommt. Ich werde mich tot stellen, du aber fang an zu weinen und zu klagen. Wenn er erfährt, dass ich tot bin, wird er denken, dass meine Schuld auch getilgt ist und wieder fortgehen.“

So taten sie auch: Der Mann legte sich auf den Rücken und kreuzte die Hände. Seine Frau deckte ihn mit einem Leinentuch zu und fing an zu weinen, raufte sich das Haar und jammerte. Da klopfte schon der Wahlbruder an die Tür. Die Frau trat verweint hinaus. „Gott befohlen, Frau! Wohnt hier mein Wahlbruder?“ Und er nannte dessen Namen. Die Frau antwortete unter Tränen: „Ach, ich Ärmste! Drinnen liegt er, aber er ist tot!“

„Die Erde sei ihm leicht! Mein armer Wahlbruder! Wir haben zusammen gearbeitet und Handel getrieben. Wenn ihn so ein Unglück betroffen hat, so will ich ihn zu seiner letzten Ruhestätte begleiten und eine Handvoll Erde auf sein Grab werfen.“ Die Frau sagte ihm, dass das Begräbnis später stattfinden würde und dass er lieber gehen solle. Aber der andere blieb fest. „Ich werde warten, und wenn es drei Tage dauert.“

Der Mann hörte das und sagte leise zu seiner Frau, sie möge zum Popen gehen und ihm sagen, dass er gestorben sei. Man solle ihn auf den Friedhof tragen, vielleicht würde der Wahlbruder dann fortgehen. Die Frau holte den Popen. Er kam mit mehreren Leuten. Sie bahrten den Toten auf, brachten ihn in die Kirche und wollten ihn am nächsten Tag begraben. Der Wahlbruder aber sagte zu der Frau: „Wir haben so viele Jahre Salz und Brot geteilt, ich werde bleiben und die Totenwache in der Kirche halten.“

In derselben Nacht waren Räuber in ein reiches Haus eingebrochen und hatten viel Geld, Kleider und Waffen geraubt. Als sie an der Kirche vorbeikamen, sahen sie drinnen ein Licht brennen und meinten: „Am besten ist’s, wir gehen in die Kirche und teilen da unsere Beute!“ Als der Wahlbruder, der die Totenwache hielt, sah, dass in der Nacht Menschen in die Kirche kamen, dachte er, das könne nicht mit rechten Dingen zugehen, und versteckte sich hinter dem Altar. Die Räuber traten ein, setzten sich und machten sich daran, die Beute zu teilen: vom Geld immer eine Mütze voll mir, eine Mütze voll dir, und die Kleider und die Waffen teilten sie, wie es gerade kam. Nun hatten sie alles aufgeteilt, bis auf einen Säbel. Jeder wollte ihn haben, und sie fingen an zu streiten. Da sprang einer auf, packte den Säbel und sagte: „Wir wollen sehen, ob der Säbel wirklich so gut ist. Wenn er mit einem Streich den Kopf des Toten da abschlägt, dann ist er gut!“

Sie gingen auf die Bahre zu. Der Tote aber sprang auf und schrie: „He, ihr Toten, wo seid ihr?“ – „Hier!“ rief der Wahlbruder hinter dem Altar. „Wir sind alle bereit. Sollen wir anfangen?“ Als die Räuber das hörten, ließen sie alles stehen und liegen und liefen davon, ohne sich noch einmal umzusehen. Sie liefen und liefen, bis sie endlich im Wald anlangten, wo sie etwas Atem schöpften. Der Hauptmann aber sprach: „He, Brüder, wir sind Tag und Nacht durch die Welt gezogen, haben starke Festungen und Schlösser überfallen, und uns mit so vielen Leuten geschlagen, ohne mit der Wimper zu zucken. Und jetzt sind wir vor einem Toten davongelaufen. Ist ein tapferer Kerl unter uns, der es wagt, in die Kirche zurückzugehen?“

„Ich gehe nicht!“ sagte der eine. – „Ich fürchte mich auch!“ sagte ein anderer. –

„Gegen zehn Lebende trete ich zum Kampf an, aber mit einem Toten nehme ich es nicht auf!“ sprach ein dritter. Aber schließlich fand sich ein Mutiger, der in der Kirche nachsehen wollte. Er ging zum Friedhof zurück, schlich sich leise unters Kirchenfenster und horchte. Die Wahlbrüder waren gerade dabei, die Beute zu teilen. Zu guter Letzt begannen sie um die zwei Groschen zu streiten und hätten sich fast geprügelt.

Der Räuber hörte den Streit. „Und meine zwei Groschen! Gib mir meine zwei Groschen!“ Der Schuldner wandte sich um und sah die Pelzmütze des Räubers, der unterm Fenster stand. Rasch streckte er die Hand aus, packte die Mütze und warf sie auf die Erde. „Da hast du was für deine vermaledeiten zwei Groschen!“

Der Räuber erschrak sehr und lief, so schnell er konnte, davon. Als er zähneklappernd bei den anderen Räubern ankam, war er vor Angst halbtot. „Ach, Brüder, welch ein Glück, dass wir mit dem Leben davongekommen sind! Wir konnten das Geld mit einer Mütze verteilen, und jeder von uns hätte ein paar Mützenvoll bekommen. Der Toten sind aber so viele, dass jeder nur zwei Groschen bekommt. Für einen langte es nicht einmal mehr. Da rissen sie mir meine Mütze vom Kopf und gaben sie ihm statt der zwei Groschen!“

Da machten sich die Räuber schleunigst aus dem Staube. Die beiden Wahlbrüder aber teilten sich die Beute, lebten froh und zufrieden und versuchten nie mehr, jemanden zu betrügen.

zurück zur Übersicht Gruppe D »

Florian Ringwald

Annaljia Tu-Bari war die Tochter eines Fürsten bei Wagana. Sie galt als überaus klug und schön. Viele Horro [Vornehme] kamen in ihre Stadt und warben um sie. Aber Annallja forderte von jedem eine Leistung, die keiner zu vollbringen wagte. Annalljas Vater hatte nur diese eine Stadt gehabt, aber viele Farmdörfer. Eines Tages war er mit dem Fürsten einer Nachbarstadt um den Besitz eines Farmdorfes in Streit geraten. Annalljas Vater war im Kampf unterlegen, er hatte den Ort eingebüßt; das ertrug sein Stolz nicht, er starb darüber. Annallja erbte die Stadt und das Land; sie forderte aber nun von jedem Horro, der ihre Hand begehrte, daß er nicht nur das verlorene Farmdorf zurückerobere, sondern dazu noch achtzig Städte und Orte rund um ihr Gebiet. Jahre vergingen. Niemand wagte den Beginn so umfangreicher kriegerischer Unternehmung. Jahre vergingen. Annallja blieb unverheiratet, wurde aber von Jahr zu Jahr schöner. Sie verlor jedoch allen Frohsinn. Sie wurde ständig schöner und trauriger. Und nach dem Beispiel der Fürstin verloren alle Horro, alle Djalli [Barden], Numu [Schmiede] und Ulussu [Hörige] ihr Lachen.

In Faraka wohnte ein Fürst Gana, der hatte einen Sohn namens Samba Gana. Als der herangewachsen war, verließ er nach Sitte des Landes mit zwei Djalli und zwei Supha [dienende Knappen] die Stadt des Vaters, um sich ein eigenes Land zu erkämpfen. Samba Gana war jung. Sein Lehrer war der Djalli Tararafe, der ihn begleitete. Samba Gana war fröhlich. Samba Gana zog lachend von dannen. Samba Gana erklärte dem Fürsten einer Stadt den Krieg. [Forderte ihn zum Zweikampf heraus.] Sie fochten. Alle Leute der Stadt sahen zu. Samba Gana siegte. Der unterlegene Fürst bat um sein Leben und bot ihm seine Stadt an. Samba Gana lachte und sagte: „Behalt deine Stadt. Deine Stadt ist mir nichts.“ Samba Gana zog weiter. Er bekämpfte einen Fürsten nach dem anderen. Er gab stets alles Gewonnene zurück. Er sagte stets: „Behalt deine Stadt. Deine Stadt ist mir nichts.“ Zuletzt hatte Samba Gana alle Fürsten in Faraka überwunden und besaß doch selbst keine Stadt und kein Land, da er immer alles zurückgab und stets lachend weiterzog.

Eines Tages lag er mit seinem Djalli am Niger. Der Djalli Tararafe sang von Annallja Tu-Bari; er sang von Annallja Tu-Baris Schönheit und Schwermut und Einsamkeit. Tararafe sang: „Nur der wird Annallja gewinnen und sie lachen machen, der achtzig Städte erobern wird.“ Samba Gana hörte alles. Samba Gana sprang auf und rief: „Auf, ihr Supha! Sattelt die Pferde! Wir reiten in Annallja Tu-Baris Land!“ Samba Gana brach mit seinen Djalli und Supha auf. Sie ritten Tag und Nacht. Sie ritten einen Tag nach dem anderen. Sie kamen in Annallja Tu-Baris Stadt. Samba Gana sah Annallja Tu-Bari. Er sah, daß sie schön war und nicht lachte. Samba Gana sagte: „Annallja Tu-Bari, zeig mir die achtzig Städte.“ Samba Gana brach auf. Er sagte zu Tararafe: „Bleib du bei Annallja Tu-Bari, singe ihr, vertreibe ihr die Zeit, mache sie lachen!“ Tararafe blieb in Annallja Tu-Baris Stadt. Er sang jeden Tag von den Helden Farakasy von den Städten Farakas, von der Schlange des Issa Beer, die eigenmächtig die Flut steigen läßt, so daß die Leute in einem Jahr Überfluß an Reis haben, in anderen Jahren aber hungern. Annallja Tu-Bari hörte alles. Samba zog in der Runde umher. Er kämpfte mit einem Fürsten nach dem andern. Er unterwarf alle achtzig Fürsten. Er sagte zu jedem besiegten Fürsten: „Geh zu Annallja Tu-Bari und sage ihr, daß deine Stadt ihr gehört.“ Alle achtzig Fürsten und viele Horro kamen zu Annallja Tu-Bari und blieben in ihrer Stadt. Annallja Tu-Baris Stadt wuchs und wuchs. Annallja Tu-Bari beherrschte alle Fürsten und Horro des weiten Landes um ihre Stadt.

Samba Gana kehrte zu Annallja Tu-Bari zurück. Er sagte: „Annallja Tu-Bari, nun ist alles, was du besitzen wolltest, dein!“ Annallja Tu-Bari sagte: „Du hast die Arbeit verrichtet. Nun nimm mich.“ Samba Gana sagte: „Weshalb lachst du nicht? Ich heirate dich erst, wenn du wieder lachst.“ Annallja Tu-Bari sagte: „Früher konnte ich vor Schmerz über die Schande meines Vaters nicht lachen. Jetzt kann ich nicht lachen, weil ich hungrig bin.“ Samba Gana sagte: „Wie kann ich deinen Hunger stillen?“ Annallja Tu-Bari sagte: »“Bezwinge die Schlange des Issa Beer, die in einem Jahre Überfluß, im anderen Not beschert.“ Samba Gana sagte: „Solches hat noch kein Mensch vermocht. Ich werde das Unternehmen beenden.“ Samba Gana zog fort.

Samba Gana zog nach Faraka und suchte die Schlange des Issa Beer. Er zog weiter und suchte. Er zog nach Koriume, fand sie nicht und zog stromauf weiter. Er kam nach Bamba, fand sie nicht und zog stromauf weiter. Dann traf Samba Gana die Schlange. Er kämpfte mit ihr. Bald siegte die Schlange, bald siegte Samba Gana. Der Djolliba [Nigerstrom] lief bald diesen, bald jenen Weg. Die Berge stürzten ein und die Erde öffnete sich in Spalten. Acht Jahre lang kämpfte Samba Gana mit der Schlange. Nach acht Jahren hatte er sie überwunden. Samba Gana hatte in dieser Zeit achthundert Lanzen zersplittert und achtzig Schwerter zerbrochen. Er hatte nur noch ein blutiges Schwert und eine blutige Lanze. Die blutige Lanze gab er Tararafe und sagte: „Geh zu Annallja Tu-Bari, gib ihr die Lanze, sage ihr, daß die Schlange überwunden ist und sieh, ob Annallja Tu-Bari nun lacht.“

Tararafe kam zu Annallja Tu-Bari. Er sagte, was ihm aufgegeben war. Annallja Tu-Bari sagte: „Kehr zu Samba Gana zurück und sage ihm, er solle die überwundene Schlange hierher bringen, damit sie als mein Sklave den Strom in mein Land leite. Wenn Annallja Tu-Bari Samba Gana mit der Schlange sehen wird, wird Annallja Tu-Bari lachen.“

Tararafe kehrte mit der Botschaft nach Faraka zurück. Er richtete die Botschaft an Samba Gana aus. Samba Gana hörte die Worte Annallja Tu-Baris. Samba Gana sagte: „Es war zuviel.“ Samba Gana nahm das blutige Schwert, stieß es sich in die Brust, lachte noch einmal und starb. Tararafe nahm das blutige Schwert, bestieg sein Pferd und ritt in die Stadt Annallja Tu-Baris. Er sagte zu Annallja Tu-Bari: „Hier ist das Schwert Samba Ganas; an ihm ist das Blut der Djollibaschlange und das Samba Ganas. Samba Gana hat zum letzten Mal gelacht.“

Annallja Tu-Bari rief alle Fürsten und Horro, die in ihrer Stadt versammelt waren, zusammen. Sie bestieg ihr Pferd; alle Leute bestiegen Pferde. Annallja Tu-Bari ritt mit allen ihren Leuten ostwärts. Sie ritten, bis sie nach Faraka kamen. Annallja Tu-Bari kam zur Leiche Samba Ganas. Annallja Tu-Bari sagte: „Dieser Held war größer als alle vor ihm. Baut ihm ein Grabmal, das das aller Könige und Helden überragt.“ Die Arbeit begann. Achtmal achthundert Menschen gruben die Schächte. Achtmal achthundert Menschen bauten das Haus [die unterirdische Leichenkammer]. Achtmal achthundert Menschen bauten die Halle [den oberirdischen Opferraum]. Achtmal achthundert Menschen trugen Erde herbei und häuften sie über die Halle, schlugen und brannten sie. Der Berg [die tumulusartige Pyramide] stieg höher und höher.

Jeden Abend stieg Annallja Tu-Bari mit ihren Fürsten, Horro und Djalli auf die Spitze des Berges. Jeden Abend sangen die Djalli Lieder von dem Helden. Jeden Abend sang Tararafe das Lied von Samba Gana. Jeden Morgen erhob sich Annallja Tu-Bari und sagte: „Der Berg ist nicht hoch genug. Baut ihn, bis ich Wagana sehen kann.“ Achtmal achthundert Menschen trugen Erde herbei und häuften sie über den Berg, schlugen sie und brannten sie. Acht Jahre lang stieg der Berg höher und höher. Am Ende des achten Jahres ging die Sonne auf, Tararafe sah umher und rief: „Annallja Tu-Bari, heute kann ich Wagana sehen.“ Annallja Tu-Bari sah nach Westen. Annallja Tu-Bari sagte: „Ich sehe Wagana! Samba Ganas Grab ist so groß, wie es sein Name verdient.“ Annallja Tu-Bari lachte. Annallja Tu-Bari lachte und sagte: „Nun geht ihr alle, ihr Ritter und Fürsten auseinander, verbreitet euch über die ganze Erde und werdet zu Helden gleich Samba Gana.“ Annallja Tu-Bari lachte noch einmal und starb. Sie wurde neben Samba Gana in der Leichenkammer des Grabberges bestattet.

Die achtmal achthundert Fürsten und Horro zogen aber von dannen, jeder in einer Richtung, kämpften und wurden große Helden.

zurück zur Übersicht Gruppe D »

Florian Ringwald

Das Unverweste Herz

Man gräbt ein Grab für jemand, der jüngst dem Tod erlag,
das Antlitz eines Jünglings tritt plötzlich an den Tag.
Die Totengräber stehen voll Grau’n, sie atmen nicht,
die minder Zagen heften ihr Aug’ auf dies Gesicht.

Wohl fände schön ein jeder die hohe Stirne hier,
wenn eine düst’re Wolke nicht lagerte auf ihr;
schön wären diese Lippen und schön die Züge auch,
wenn nicht darüber schwebte des Missmuts trüber Hauch.

Der Leib zerfällt zur Asche, vom Hauch der Luft zersetzt,
es bleibt vor den Erstaunten das Herz nur mehr zuletzt.
Es schlägt, von warmem Leben durchflutet, noch zur Stund’,
als schlüge es im Busen noch lebend und gesund.

Sie fragen, wer im Grabe zuletzt die Ruhe fand –
ein Heil’ger war’s, der siegreich dem Moder widerstand!
Ein Grabstein stand daneben, den niemand angeseh’n,
man deckt ihn los vom Moose, darauf die Worte steh’n:

dass Dobroslav, den Sänger, bedecke dieser Stein,
ihn, der so süss besungen der Liebe Qual und Pein,
der Lieder, vielgefeiert, gedichtet auf sein Lieb,
aufs schöne, stolze Fräulein, das ungerührt verblieb.

Doch als sie einen anderen zum Liebsten sich erkor,
schwang sich aus seinem Herzen fortan kein Lied empor;
er klagte weder Menschen noch Gott sein herb Geschick,
kein Strahl hellt auf sein Antlitz, kein Nass trübt seinen Blick.

Er lebte minder heilig als ledig jeder Pflicht,
empfing die heil’ge Beichte, die letzte Ölung nicht.
Nein, Heiligkeit konnt’ nimmer ihn gegen Moder fei’n,
sie sagen all’, es könne sein Herz dies nimmer sein!

Es ist das Herz des Sängers! Bemerkt ein Greis hierzu,
denn wär’ es eines Heil’gen, so gäb’ das Blut ihm Ruh’.
Nicht Heiligkeit – ihn schützte manch ewiger Gesang,
den er in tiefstem Herzen getragen jahrelang.

Lasst uns sein Herz erschließen und lasst es liegen frei,
bis dieser Tag zu Ende, die erste Nacht vorbei.
Bis neu erscheint die Sonne nach kühlem Morgengrauen,
im Tageslichte wieder, lasst es uns dann beschauen.

Umfächelt sei’s von Lüftchen, es falle Tau darauf.
Was Sonne, Mond und Sterne in wechselvollem Lauf
an Träumen ihm gegeben entschwebe himmelwärts.
Ist es indes geschwunden – bestatten wir das Herz.

So ward das Herz erschlossen; die Nacht, den Tag so hin
lag’s unterm freien Himmel, als hell der Tag erschien
nach kühlem Morgengrauen zerging’s so ganz und gar
wie Schnee im Lenz das gar nichts davon zu bergen war.

Wähle (D)einen Favoriten im Viertelfinale USA gegen Slowenien »

Die Viertelfinalpaarungen der litaffin-WM 2010 lauten wie folgt:

1 | Uruguay aus Gruppe AArgentinien aus Gruppe B
2 | USA aus Gruppe CSlowenien aus Gruppe C
3 | Niederlande aus Gruppe ENeuseeland aus der Gruppe F
4 | Portugal aus der Gruppe GElfenbeinküste aus Gruppe G

zurück zur Übersicht Gruppe C »

Florian Ringwald

USA

Wir also vorwärts und auf den Fußspitzen weiter geschlichen, den kleinen Weg hinunter, der unter den Bäumen hin nach der Rückseite des Gartens führt, mußten aber den Kopf gewaltig bücken, daß uns die Zweige nicht kitzelten. Gerade als wir an der Küchenthüre vorüber wollen, muss ich natürlich über eine Wurzel stolpern und hinfallen, wodurch ein kleines Geräusch entsteht. Jetzt heißt’s still liegen und den Atem anhalten! Miß Watsons Nigger Jim saß an der Thüre, wir konnten ihn ganz gut sehen, weil das Licht gerade hinter ihm stand. Er steht auf, streckt den Kopf heraus, horcht eine Minute lang und sagt dann:

„Wer’s da?“

Dann horcht er wieder und da, jetzt schleicht er sich auf den Zehenspitzen heraus und steht gerade zwischen uns, ich hätte ihn zwicken können, wenn ich gewollt hätte. Er steht und wir liegen still wie die Mäuse und so vergehen Minuten und Minuten. An meinem Fuß fängt’s mich zu jucken an, kratzen kann ich nicht. Jetzt juckt’s am Ohr, dann am Rücken, gerade zwischen den Schultern, es ist zum toll werden! Warum’s einem nur immer juckt, wenn man nicht kratzen kann oder darf! Darüber hab ich oft nachgedacht seitdem. [...] Endlich sagt Jim:

„He da, wer’s da? Ich mich lassen tot hauen, ich haben was gehört! Aber Jim sein nicht so dumm! Jim sitzen hier hin und warten!“

Und damit pflanzt er sich gerade zwischen mich und Tom auf den Boden, lehnt den Rücken an einen Baum und streckt die Beine aus, daß das eine mich beinahe berührt. Jetzt beginnt mein Juck-Elend von neuem. Erst die Nase, bis mir die Thränen in den Augen stehen, ich wage nicht zu kratzen, dann allmählich jeder Körperteil, bis ich nicht weiß, wie ich still halten soll. Fünf, sechs Minuten geht das Elend so weiter, mir scheinen’s Stunden. Ich zähle schon elf verschiedene Orte, an denen mich’s juckt. Gerade, als ich denke, nun kannst du’s aber nicht mehr aushalten, höre ich Jim tief aufatmen, dann schnarchen und – ich bin gerettet.

Tom gab mir jetzt ein Zeichen, er schnalzte leise mit den Lippen, und wir krochen auf allen Vieren davon. Vielleicht zehn Fuß weit entfernt hielt Tom an und flüsterte mir zu, er wolle Jim zum Spaß am Baum festbinden. Ich sagte nein, ich wollte nicht, daß er aufwachte, Lärm schlüge und man dann entdecken würde, daß ich nicht im Bett sei. [...]

[...] nun rannten wir eilig den Pfad hinunter und kletterten den steilen Hügel hinter dem Hause hinauf. Tom erzählte, daß er Jim mit einem Strick an den Baum gebunden habe und seinen Hut an einen Ast oben gehängt, und daß der Kerl immer weiter geschlafen und sich nicht gerührt. Späterhin behauptete Jim steif und fest, er sei behext gewesen in dieser Nacht und war sehr stolz auf sein Abenteuer und wenn die andern Nigger von ihrer Bekanntschaft mit Hexen erzählten, zuckte Jim verächtlich mit den Schultern und trumpfte alle mit seinem Erlebnis ab. Ja, Jim war stolz auf seine »Hexen«, und wurde ordentlich berühmt deshalb.

Tom und ich standen endlich ganz oben auf dem Hügel und konnten gerade ins Dorf hinunter sehen und da blinkten noch drei oder vier Lichter, wahrscheinlich bei Kranken oder dergleichen. Und die Sterne über uns blitzten nur so und drunten zog der Strom dahin, so breit, so breit und ohne Laut und furchtbar großartig. Wir rannten dann auf der andern Seite den Hügel hinunter und fanden Joe Harper und Ben Rogers und noch ein paar Jungens, die auf uns warteten. Ein Boot wurde losgemacht und wir ruderten den Fluß hinunter, bis dahin, wo der große Einschnitt im Ufer ist. Dort legten wir an.

Wir kletterten auf ein dichtes Buschwerk zu und nun ließ Tom uns alle schwören, das Geheimnis nicht zu verraten und zeigte uns ein Loch im Hügel, mitten in den Büschen drin. Wir steckten die Lichter an und krochen auf Händen und Füßen hinein. Es ging ungefähr 200 Meter in dem engen Gange fort, bis sich eine Höhle aufthat. Tom tastete an den Wänden umher und verschwand auf einmal unter einem Felsen, wo niemand eine Öffnung vermutet hatte. Wir folgten ihm durch einen schmalen Gang, bis wir in einen Raum gelangten, ungefähr wie ein Zimmer, nur etwas kalt feucht und dumpfig, und da blieben wir dann. Tom hielt nun eine feierliche Ansprache und sagte:

„Hier wollen wir also eine Räuberbande gründen und sie ‚Tom Sawyers Bande’ nennen. Jedermann, der beitreten will, muß einen Eid schwören und seinen Namen mit Blut unterzeichnen!“

Jedermann wollte denn auch und so zog Tom einen Bogen Papier aus der Tasche, auf den er einen furchtbaren Eid geschrieben hatte, den er uns jetzt vorlas. Darin stand, daß jeder Junge treu zur Bande halten müsse und niemals deren Geheimnisse verraten dürfe bei Todesstrafe. Wenn irgend jemand irgend Einem von uns irgend etwas zu Leid thäte, müsse Einer das Racheamt übernehmen, den man dazu erwähle, und er dürfe nicht essen und nicht schlafen, ehe er den Beleidiger und seine ganze Familie getötet und ein blutiges Kreuz jedem in die Brust geritzt habe, was das Zeichen der Bande sein solle. Und niemand außer uns dürfe dies Zeichen benutzen und wenn er es doch thäte, solle er gerichtlich belangt und wenn dies nichts helfe, einfach getötet werden. Wenn aber einer aus der Bande die Geheimnisse verrate, werde ihm der Hals abgeschnitten, der Körper verbrannt und die Asche in alle vier Winde zerstreut, sein Name dann dick mit Blut von der Liste gestrichen, ihn auszusprechen bei Strafe verboten und er selbst solle vergessen sein für immer und ewig.

Wir alle fanden den Eidschwur prächtig und fragten Tom, ob er ihn ganz allein aus seinem eignen Kopf gemacht habe. Er sagte ja, zum größten Teil, aber einiges habe er auch in alten Piraten- und Räuberbüchern gefunden und jede ordentliche Bande, die Anspruch darauf machen wolle, anständig zu sein, schwöre einen solchen Eid.

Jetzt meinte einer, man solle doch auch die Familie töten von den Jungens, die das Geheimnis verrieten. Tom sagte, das sei eine gute Idee, nahm ein Bleistift und korrigierte es noch hinein in den Eidschwurbogen. Da meinte Ben Rogers:

„Ja, aber, hört einmal, wie ist denn das? Dort, Huck Finn,“ dabei zeigte er auf mich, „hat doch gar keine Familie nicht – wen sollen wir denn da töten?“

„Er hat doch auch einen Vater,“ sagte Tom Sawyer.

„Den hat er wohl, aber wo ihn finden? Früher lag er doch manchmal betrunken in der Straße, aber seit einem Jahr hat ihn niemand gesehen hier herum!“

Nun berieten sie hin und her und hätten mich beinahe ausgestoßen, denn jeder, so sagten sie, müsse jemanden zum töten haben, was dem einen recht, sei dem andern billig, und so saßen sie und überlegten und ich heulte beinahe, so schämte ich mich. Da fiel mir plötzlich Miß Watson ein, und ich bot ihnen die zum töten an, das leuchtete ihnen ein und alle riefen:

„Das geht, die ist recht dazu, Huck kann eintreten!“

Dann nahmen wir Alle Stecknadeln, stachen uns in die Finger und unterzeichneten unsern Namen mit unsrem ‚Herzblut’, wie Tom sagte.

„Nun,“ meinte jetzt Ben Rogers, „auf was soll unsere Bande sich hauptsächlich verlegen?“

„Auf weiter nichts,“ versetzte Tom, „als Raub und Mord und Totschlag!“

„Wen sollen wir denn berauben? Häuser – oder Vieh – oder –„

„Unsinn!“ schrie Tom, „Das nennt man diebsen und stehlen, nicht rauben und plündern! Wir wollen keine Diebe sein sondern Räuber! Das ist viel vornehmer! Räuber und Wegelagerer! Wir überfallen die Postkutschen und Wagen auf der Landstraße, mit Masken vor dem Gesicht und schlagen die Leute tot und nehmen ihnen Uhren und Geld ab!“

„Müssen wir immer alle tot hauen?“

„Gewiß, das ist am einfachsten. Ich hab’s auch schon anders gelesen, aber gewöhnlich machen sie’s so. Nur einige schleppt man hie und da in die Höhle und wartet, bis sie ranzioniert werden!“

„Ranzioniert? Was ist denn das?“

„Das weiß ich selber nicht, aber so hab ich’s gelesen und so müssen wir’s machen!“

„Ho, ho, das können wir ja nicht, wenn wir nicht wissen, was es ist!“

„Ei zum Henker, wir müssen’s eben! Hab ich dir nicht gesagt, daß ich’s gelesen habe? Willst du’s anders machen, als es in den Büchern steht, und alles untereinander bringen?“

„Oh, du hast gut reden, Tom Sawyer, aber wie in der Welt sollen wir die Burschen ‚ranzionieren’, wenn wir nicht wissen, wie man’s macht? Das ist’s, was ich wissen will! Wie, zum Beispiel, denkst du dir’s eigentlich?“

„Ich – ich weiß nicht, aber ich denke, wenn wir sie behalten, bis sie ranzioniert sind, so wird das heißen, bis sie tot sind!“

„Das läßt sich hören, das begreife ich, aber warum hast du das nicht gleich gesagt? Natürlich behalten wir sie, bis sie zu Tode ranzioniert sind. Aber Last werden sie uns machen genug und genug, uns alles wegfressen und dabei immer auskneifen wollen!“

„Wie du schwatzest, Ben! Wie können sie auskneifen, wenn einer immer Wache steht, der bereit ist, sie niederzuschießen, wenn einer nur den Finger krumm macht?“

„Einer, der Wache steht? Das ist gut! Das freut mich! Also soll einer die ganze Nacht dastehen, ohne zu schlafen und sie bewachen? Das ist eine gräßliche Dummheit. Warum nimmt man da nicht sofort einen Knüttel und ranzioniert sie, wenn sie hierher kommen?“

„Weil’s so nicht in den Büchern steht, darum! Ich frag dich, Ben Rogers, willst du alles den Regeln nach thun oder nicht? Darauf kommt’s an! Ich glaube, die Leute, welche die Bücher schreiben, wissen besser, wie man’s macht, als du! Denkst du, sie könnten von dir etwas lernen? Noch lange nicht? Und drum wollen wir die Bursche genau so ranzionieren, wie’s da angegeben ist und nicht ein bißchen anders!“

„Schon recht, mir liegt nichts dran, ich sage aber, es ist gräßlich dumm so. Sollen wir die Weiber auch töten?“

„Ben Rogers, wenn ich so dumm wäre wie du, hielt ich lieber den Mund! Die Weiber töten! Wer hat je so etwas gehört oder gelesen! Nein, die werden in die Höhle geschleppt und man ist so höflich und rücksichtsvoll gegen sie, als man kann. Nach einer Weile verlieben sie sich dann in einen und wollen gar nicht mehr wieder fort.“

„Gut, damit bin ich einverstanden! Bald werden wir die ganze Höhle voll Weiber haben und voll Kerle, die auf’s ranzonieren warten, so daß am Ende kein Platz mehr für die Räuber da sein wird. Ich seh’s schon kommen! Aber mach nur weiter, Tom, ich bin schon still!“

[…]

Ben Rogers sagte, er könne nicht viel loskommen, nur an Sonntagen und wollte deshalb gleich nächsten Sonntag anfangen. Aber die Jungens meinten alle, am Sonntag schicke sich so etwas gar nicht und so ließen wir’s sein. Sie machten aus, so bald als möglich wieder zusammen zu kommen und dann einen Tag zu bestimmen. Hierauf wählten wir noch Tom Sawyer zum Hauptmann und Joe Harper zum Unterhauptmann der Bande und brachen dann nach Hause auf.

Ich kletterte wieder auf’s Schuppendach und von da in mein Fenster, gerade als es anfing Tag zu werden. Meine neuen Kleider waren furchtbar schmutzig und voller Lehm und ich war hundemüde.

Florian Ringwald

Sonett 17

Du hast, mein Dichter, alle Macht zu rühren
An Gottes äußersten und letzten Kreis
Und aus des Weltalls breitem Brausen leis
ein Lied zu lösen und es hinzuführen

Durch klare Stille. Deine Heilkunst weiß
Ein Gegengift zu finden, dessen Kraft
Seihst Aufgegebene noch rätselhaft
Zu retten scheint. Gott gab dir das Geheiß

Dieses zu tun, so wie er mir befahl
Zu tun nach deinem Wort. Was soll ich sein:
Vergangnes oder Kommendes, dass dein

Gesang es grüße oder es beweine?
Ein Schatten, der dich mahnt an Palmenhaine?
Ein Grab, dabei du ruhst? – Du hast die Wahl.

zurück zur Übersicht Gruppe C »

Florian Ringwald

Fast einen Monat lang befand man sich bereits unterwegs. Während dieses ganzen Monats zog der tapfere Tartarin von Siedelung zu Siedelung durch die große vom Cheliff durchflossene Tiefebene, immer auf der Suche nach den Löwen, die sich durchaus nicht finden lassen wollten; nach allen Richtungen durchstreifte er das grausige und seltsame französische Algerien. Hier vereinigen sich die Düfte des alten Orients mit Kasernendunst und Absinthgeruch, halb Abraham, halb Zuave, halb Märchenstück, halb Hanswurstiade, wie eine Seite aus dem alten Testament, erzählt vom Sergeanten La Ramée oder dem Unteroffizier Pitou.

Welch seltsames Schauspiel für den, der Augen hat, zu sehen. Ein wildes, zugrunde gehendes Volk, das wir zu zivilisieren meinen, indem wir ihm alle unsere Laster beibringen. Die brutale Willkür und unbeschränkte Macht märchenhafter Paschas, die sich mit vieler Würde der Bänder des Kreuzes der Ehrenlegion bedienen, wenn sie sich schneuzen, und die wegen eines Ja oder eines Nein ihre Untertanen auspeitschen lassen. Die gewissenlose Rechtsprechung von Kadis mit großen Brillen, die, als echte Heuchler vor dem Koran und dem Gesetze, von nichts träumen, als vom 15. August [Geburtstag Napoleons I.] und der an diesem Tage zu erhoffenden Beförderung, und dabei ihre Urteilssprüche, wie Esau sein Recht der Erstgeburt, für ein Linsengericht oder für gezuckerten Koußkouß verkaufen.

Da sieht man liederliche und dem Trunke ergebene Kaids, die sicher ehemals Stiefelputzer bei irgendeinem früheren General Jussuf oder Achmed waren, und die nun mit eingeborenen Wäscherinnen Champagnergelage feiern und Hammelbraten schlemmen, während draußen vor ihren Zelten der ganze Stamm schon mit dem Hungertode ringt und den Hunden die Reste von der Tafel des Herrn streitig macht.

Ringsumher Landstrecken, die brach liegen, von der Sonne verbrannte Wiesen, kahles Gestrüpp, Kaktus- und Pistazien-Dickichte, wo Getreide in vollen Ähren stehen sollte. Die Kornkammer Frankreichs! Eine Kornkammer ohne Korn, aber voll von Schakalen und Ungeziefer aller Art. Fortwährend trifft man auf verlassene Siedelungen, aussterbende Stämme, die auf der Flucht vor dem Hunger umherirren und ihren Weg mit Leichen bezeichnen. Hin und wieder kommt man an ein französisches Dorf, dessen Häuser nur noch Trümmerhaufen gleichen, dessen Felder unbestellt sind, eine Beute der Heuschreckenschwärme, die alles mit Stumpf und Stiel auffressen – die Ansiedler selbst sitzen in den Schenken, trinken ihren Absinth und schwatzen klug über allerhand Reformprojekte und über die Verfassung.

Das alles hätte, wie gesagt, Tartarin sehen können, wenn er sich die Mühe gegeben hätte; er hatte aber nichts anderes als seine Löwen im Kopfe; so marschierte denn der Mann aus Tarascon immer weiter, sah nicht nach rechts und nicht nach links, sondern hatte das Auge hartnäckig auf jene Ungeheuer seiner Einbildung gerichtet, die sich durchaus nicht blicken lassen wollten.

Da der Schattenspender sich nun einmal nicht aufklappen ließ, und da die Bouillontafeln nicht weich zu bekommen waren, so war die Karawane gezwungen, früh und abends in den Lagern der Stämme einzukehren.

Unsere Jäger wurden, dank des Käppi des Prinzen Gregor, überall mit offenen Armen aufgenommen. Sie wohnten stets bei den Häuptlingen, deren sonderbar eingerichtete Residenzen großen, weißen, fensterlosen Bauernhöfen glichen, wo man in buntem Durcheinander türkische Nargilehs und Möbel aus Mahagoniholz fand, Teppiche aus Smyrna und Moderateurlampen, Truhen aus Zedernholz, gefüllt mit türkischen Zechinen, und Stutzuhren mit Figuren im Stile Louis Philipps. Überall veranstaltete man zu Ehren Tartarins die glänzendsten Feste. Ihm zu Ehren paradierte die waffenfähige Mannschaft jedes Stammes; es wurde dabei viel geschossen, und die weißen Burnusse leuchteten im hellen Sonnenglanz. Wenn dann genügend Pulver verknallt war, kam der gute Häuptling und präsentierte seine Rechnung… Das nennt man arabische Gastfreundschaft.

Und immer noch keine Löwen! Nicht mehr Löwen als auf dem Pont-Neuf in Paris.

Trotzdem ließ der Tarasconese aber den Mut nicht sinken. Immer weiter drang er tapfer nach Süden vor und brachte seine Zeit damit hin, die Gebüsche zu durchsuchen, stieß mit dem Gewehrlaufe an die Zwergpalmen und machte, so oft er an einem Dickicht vorbeikam: „Ksch! Ksch!“ Abend für Abend ging er dann, bevor er sich schlafen legte, ein bißchen auf den Anstand, so zwei bis drei Stunden. Verlorene Mühe! Kein Löwe zeigte sich!

Als jedoch die Karawane eines Abends, etwa um die sechste Stunde, ein Pistazienwäldchen durchzog, in dem dicke, von der Hitze fast betäubte Wachteln im Grase hin und herhüpften, glaubte Tartarin – ganz leise, ganz entfernt, vom Winde nur eben herübergetragen – jene Töne zu hören, denen er daheim in Tarascon so oft gelauscht, hinter Mitaines Menagerie.

Zuerst wollte der Held seinen Ohren kaum trauen. Aber im selben Augenblick wiederholte sich das Brüllen; es war noch immer weit entfernt, aber deutlicher zu unterscheiden. Als nun ringsum in den Gehöften die Hunde zu bellen anfingen, begann auch das Kamel, von furchtbarer Angst gepackt, zu zittern, so daß die Konserven und die Waffenkisten erklirrten.

Es konnte nun kein Zweifel mehr sein. Es war ein Löwe! Schnell, nur schnell auf den Anstand! Keine Minute war zu verlieren!

In nächster Nähe befand sich ein alter Marabut, die kleine Grabkapelle eines muhammedanischen Heiligen. Seine weiße Kuppel war weithin sichtbar; die großen gelben Pantoffeln des Verstorbenen standen in einer Nische über dem Eingange, und eine Menge dem Toten gewidmeter Gegenstände hingen an den Wänden: große Stücke Burnus, Goldfäden, rote Haare usw.

Hier brachte Tartarin seinen Prinzen und sein Kamel unter, während er selbst sich nach einem Platz zum Anstand umsah. Prinz Gregor wollte ihn begleiten, aber der Tarasconese wies ihn zurück. Ganz allein wollte er dem Löwen gegenübertreten. Jedenfalls aber bat er Seine Hoheit, sich nicht zu entfernen, und übergab ihm der Vorsicht halber seine mit Wertpapieren und Banknoten gefüllte, dicke Brieftasche – aus Furcht, sie könnte von den Klauen des Löwen vernichtet werden.

Nachdem diese Vorsichtsmaßregel getroffen war, begab sich der Held auf seinen Posten.

Etwa hundert Schritte von dem Marabut verschwamm in den Schleiern der Dämmerung ein kleiner Lorbeerhain an einem fast ganz ausgetrockneten Bach. Hier legte sich Tartarin in den Hinterhalt. Vorschriftsmäßig ließ er sich auf ein Knie nieder, nahm das Gewehr in die Hand und stieß mit stolzer Bewegung sein großes Jagdmesser vor sich in den Sand.

Die Nacht brach herein. Die Abendröte wich einem violetten Schatten, dieser wurde zu einem dunklen Blau, bis endlich vollständige Dunkelheit herrschte.

Unten, zwischen den Kieseln des Baches, leuchtete wie ein Handspiegel eine kleine Wasserlache. Hierhin kamen die gelben Bestien zur Tränke. Am Abhang des jenseitigen Ufers konnte man undeutlich die hellen Spuren verfolgen, die ihre breiten Tatzen durch die Pistazien getreten hatten. Ein leiser Schauder überlief den Jäger, als er diese unheimliche Spur bemerkte. Man bedenke aber auch, was eine Nacht mitten in Afrika bedeutet: wie da ringsum das Getier gespenstig fliegt und kriecht, Äste knacken, wie man die leisen Schritte auf Raub ausgehender Tiere hört, wie von weitem das Geheul der Schakale herübertönt und wie oben am Himmel, ein bis zweihundert Meter über der Erde, große Züge von Kranichen vorüberziehen, deren Geschrei sich wie das kleiner Kinder anhört, die man erwürgt – man bedenke das, und man wird zugeben müssen, daß dabei auch dem Beherzten der Mut schwinden kann. Und so geschah es Tartarin. Sein ganzer Mut war wie mit einem Schlage zum Teufel gegangen. Dem armen Mann klapperten die Zähne. Und auf dem Stichblatt seines im Erdboden steckenden Jagdmessers klirrte und klapperte der Lauf seines gezogenen Gewehres wie Kastagnetten.

Übrigens, wer will ihm das auch verübeln? Es gibt eben Abende, an denen man sich nicht so recht aufgelegt fühlt, und wo würde denn das besondere Verdienst des Helden liegen, wenn er überhaupt nicht wüßte, was Furcht ist? Offengestanden! Ja, Tartarin hatte Furcht! Er fürchtete sich, seitdem er sich auf den Anstand begeben hatte. Nichtsdestoweniger hielt er eine Stunde, zwei Stunden lang aus – aber auch der Heroismus hat seine Grenzen. Ganz in seiner Nähe, im Bett des fast ausgetrockneten Baches, hörte der Tarasconese plötzlich das Geräusch von Schritten und das Rollen von Steinen. Da hielt er es nicht länger aus. Furchtbar erschrocken sprang er auf, feuerte auf gut Glück seine zwei Schüsse in die Nacht hinein und lief, so schnell ihn seine Füße tragen konnten, nach dem Marabut; und sein Messer ließ er im Sande stecken, gewissermaßen als Wahrzeichen der fürchterlichsten Angst, die jemals das Gemüt eines Löwenbezwingers ergriffen hat.

„Zu Hilfe! Prinz – der Löwe!“

Tiefes Schweigen ringsum.

„Prinz! Prinz! Wo sind Sie denn?“

Der Prinz war nicht da. An dem weißen Gemäuer des Marabut warf allein das Kamel mit seinem Höcker im Mondlicht einen höchst seltsamen Schatten. Der Prinz Gregor hatte es vorgezogen, sich aus dem Staube zu machen und die Brieftasche mit den Banknoten mitzunehmen.

Seit einem Monat hatten Seine Hoheit nur auf eine günstige Gelegenheit dazu gewartet.

Am Morgen nach diesem so abenteuerlichen und auf so tragische Weise endenden Abend erhob sich unser Held ziemlich früh von seinem Lager. Als er die unumstößliche Gewißheit erlangt hatte, daß sowohl der Prinz als auch sein ganzes Geld auf Nimmerwiedersehen entschwunden waren, als er sich allein in dieser kleinen, weißen Grabkapelle sah – verraten, bestohlen, verlassen, mitten im wilden Algerien, ganz allein mit einem dummen einhöckerigen Kamel. […]

zurück zur Übersicht Gruppe C »

Florian Ringwald

Unser aller hatte sich eine unwillkürliche Freude bemächtigt. Wir fühlten zu tief, dass dieser Tanz die Welt unserer Liebe und unserer Wünsche darstellte.
So fand auch ich mich samt meiner Erwählten bald in einem Karree mit Don Segundo zusammen. Das wurde ein »Gato« mit Anspielungen
Als die Musik schwieg, sagte ich mit heller Stimme mein Verslein:

»Einem Morgenstern als Führer
Bin ich diesmal nachgegangen
Um zu dem geliebten Mädchen
In den Ballsaal zu gelangen.«

Wir machten eine Drehung nach rechts und stampften eine Tanzfigur. Ruhig erwartete ich die Antwort, die auch nicht auf sich warten ließ:

»Von der Liebe konnt’ ich leider
Noch bis heute nicht viel wissen;
Wenn du darin so gelehrt bist,
Wirst du sie mich lehren müssen.«

Nun kam die Reihe an Don Segundo. Er tanzte auf seine Nachbarin zu und drohte mit scheltender Stimme:

»Eins, zwei, drei,
Und eins dazu sind vier;
Liebst du mich nicht mehr,
Dann töte ich mich hier.«

Nachdem die darauf folgende Runde getanzt war, antwortete die stattliche Doña Encarnación, gleichgültig die Schultern hebend:

»Eins und zwei und drei,
Mir ist das einerlei.«

Unter Scherzen und Schmeicheleien nahm das Spiel seinen Fortgang. Wir tanzten noch einen »Triunfo« und einen »Prado«, und in der Hitze verwirrte ich mich immer mehr mit meinem Mädchen in Anspielungen, die uns erlaubt schienen, weil wir sie einander in Reimen zuwarfen.
Mein schwarzbraunes Schätzchen war entschieden das lustigste Mädel vom ganzen Fest. Und da im Morgengrauen ein gewisses Verlangen nach erholsamer Ruhe sich bei uns bemerkbar machte, ließ ich mich selbstvergessen immer tiefer in ihre blitzenden Augen sinken. Ihre vollen Lippen lachten zärtliche Antwort.

Ein bisschen verwirrt, sowohl durch meine eigene Dreistigkeit wie durch ihre stumme Einwilligung, nahm ich mir vor, sie beiseite zu ziehen. Ich lud sie ein, im Erfrischungszelt etwas zu sich zu nehmen. Und als ich sie mit Geschick und Mühe hinter die Zeltwand gelotst hatte, versuchte ich, ihr ohne weiteres einen Kuss zu geben. Einen Augenblick kämpften wir miteinander; ich sah mich von ihren Zorn sprühenden Augen zurückgewiesen.
So gingen wir in den Ballsaal zurück, ohne dass mir das Geringste einfallen wollte, womit ich sie hätte versöhnen können. Und obgleich ich sie zu den drei folgenden Tänzen aufforderte, weigerte sie sich mit durchsichtigen Gründen.

Wütend erinnerte ich mich des Wohlwollens, das ich von der »Grünen« erfahren hatte. Nicht lange darauf stand ich schon mit meiner neuen Freundin auf dem besten Fuße, und warf mir fast vor, ein Dummkopf gewesen zu sein, und meine Zeit mit der anderen vertan zu haben.

Am Schluss einer Polka drückte ich ihr zärtlich die Finger; aber ich musste an jenem Abend keine glückliche Hand haben, denn heftig fuhr sie auf und sagte schnippisch:

»Glauben Sie etwa, dass ich ein Besen bin, mit dem man Abfälle auskehrt?«

Ade, ihr Vergnügungen dieser Ballnacht! All die Leute, deren Ellenbogen mich im Gedränge pufften, fingen mit einmal an, mich zu ärgern wie ein Pferd, das einen beim Falle gequetscht hat.
Ich suchte Schutz in Pedros Gesellschaft.

»Guck bloß mal«, sagte der, und wies auf ein Ausländerpärchen, das hopfend vorbeitanzte, »hübsch, was? Als ob sie mit den Füßen Nägel aus dem Boden zögen.«

Als er meine Verstimmung bemerkte, richtete er seine Witze gegen mich.

»Na, siehst du nun, dass das blöde Herumgehopse zu nichts Gutem führt? Hat man dich etwa vor die Tür gesetzt, du armer Kerl?«

Da drehte ich mich auf den Hacken um und ging in den Tag hinaus, der schon ganz hell geworden war. Nun wollte ich doch lieber den Kopf auf den Sattel legen und noch ein paar Stunden schlafen.

Wähle (D)einen Favoriten im Viertelfinale Uruguay gegen Argentinien »

Die Viertelfinalpaarungen der litaffin-WM 2010 lauten wie folgt:

1 | Uruguay aus Gruppe AArgentinien aus Gruppe B
2 | USA aus Gruppe CSlowenien aus Gruppe C
3 | Niederlande aus Gruppe ENeuseeland aus der Gruppe F
4 | Portugal aus der Gruppe GElfenbeinküste aus Gruppe G

zurück zur Übersicht Gruppe B »

litaffin.de |

Wir bloggen.

Über Literatur.

Über den Literaturbetrieb.

Über literarische Orte.

Über das Studium der Literatur.

Über das literarische Berlin.