Alles ein Versuch – Das Beste aus dem Dummy Magazin in einem Buch

Alles ein Versuch – Das Beste aus dem Dummy Magazin in einem Buch

Das aktuelle Thema des Gesellschaftsmagazins Dummy ist Scheiße. Wer die Website der Zeitschrift besucht, sieht zur Zeit einen kotenden Mann und hört ein Toilettenspülgeräusch. Auch das Inhaltsverzeichnis liest sich wenig appetitlich. „Wie man aus Scheiße Gold macht“, ein Gespräch mit einem Dixi-Klobesitzer, oder auch „Gott ist Kot – Ein erhellendes Gespräch über eine dunkle Materie“. Vor Tabus und Nonchalance schreckten die Magazin-Macher noch nie zurück: Das Heft zum Thema „Provinz“ schmückte Heidi Klum auf der Titelseite und die Ausgabe zum Thema „Männer“ zeigte weinende Soldaten.
Der Züricher Kein & Aber Verlag gibt nun ein Buch heraus, das laut Ankündigung „das Beste und Schlimmste aus 30 Mal Magazinmachen versammelt“. Mehr lesen

Superhelden gratis – Am Samstag verschenken Läden Comics

Superhelden gratis – Am Samstag verschenken Läden Comics

Um sich beliebt zu machen und neue Kunden zu gewinnen, reagierte letztes Jahr nun endlich auch die deutsche Comic-Branche. Lange nach den USA, wo der Comic anders als hier zu Lande kein Nischenprodukt ist, veranstalten Händler und Verlage einen Tag im Jahr den Gratis Comic Tag.

Der Name versucht noch nicht einmal zu behumpsen: Am 14. Mai werden richtige, schöne, in sich abgeschlossene Comic-Bände, die extra für dieses Event produziert wurden, verschenkt. Mehr lesen

Flair der 90er – Stefan Petermann schreibt Geschichten in Ausschau halten nach Tigern

Flair der 90er – Stefan Petermann schreibt Geschichten in Ausschau halten nach Tigern

Ein kleiner Junge dringt beim Spielen durch ein geöffnetes Fenster in die Wohnung eines Verstorbenen ein. Die Leiche verwest am Esstisch und langweilt sich. Der spielende Junge, der neugierig durch die Wohnung streift und versucht, die Leiche kennenzulernen, ist eine willkommene Abwechslung im tristen Leichenalltag.

In einer anderen Geschichte überfallen zwei Freunde, ein realer und ein imaginärer, einen Copy-Shop und entführen Veronika. Die möchte mit den Freunden überallhin flüchten, nur nicht ans Meer, denn dort wollen schließlich alle hin.

So unterschiedlich sind die Handlungen der 17 Erzählungen von Stefan Petermann im Band Ausschau halten nach Tigern. Petermann wechselt geschickt Perspektiven, lässt die unterschiedlichsten Figuren handeln. Sie alle eint dennoch die poetische Sprache, die Sprache derjenigen, die in den 90ern Jugendliche waren.

„Als meine Schwester herausfand, dass Pferde auch zu Hundefutter verarbeitet werden, war ihre Kindheit beendet“, sagen die Helden. Und: „Eigentlich schätze ich ja besonders die aggressive Phase beim Alkoholrausch. Die Zeit, wenn man mit Freunden nachts durch die menschenleere Stadt streunt und plötzlich das Bedürfnis verspürt, etwas zerstören zu wollen. Da weiß man in dem Augenblick schon, wie bescheuert das ist, aber man macht´s trotzdem.“ Mehr lesen

„Holy Shit!“ Bücher auf dem Weihnachtsmarkt

„Holy Shit!“ Bücher auf dem Weihnachtsmarkt

holyshitshopping_2010Seit 2004 ist das Holy.Shit.Shopping zu Weihnachten eine willkommene Alternative zu öden, kitschigen Weihnachtsmärkten an den Touri-Ecken Berlins. Künstler und Designer präsentieren und verkaufen ihre selbstgemachten Produkte, made in Berlin, und locken damit die Berliner Szene jedes Jahr an andere Orte. Letztes Jahr wurde im Postbahnhof konsumiert, dieses Wochenende luden gleich drei Galerien: in der Spandauer- und der Karl-Liebknecht-Straße. Jedes Jahr sind auch Buchverlage dabei. Bücher auf dem Weihnachtsmarkt, passt das? Wir haben uns mal umgeschaut.

Cross Cult verkauft, zwischen T-Shirts, die Comic-Vorlagen von Surrogates, Sin City und 24. Igor mag das „kreative Design“ des Weihnachtsmarktes. „Wir passen hier hin. Das Konzept funktioniert.“

Und wie verkauft es sich?

„Naja, die Leute sind schon interessiert und kommen schauen, aber die suchen zum größten Teil nichts für sich, sondern Geschenke. Und dafür sind unsere Sachen etwas zu herb.“

Danielas Verlag kookbooks ist gefühlt der erste, der den Vertriebsweg Weihnachtsmarkt wählte. Aber eben nur gefühlt:
„Der Verbrecher Verlag ist auf jeden Fall schon länger dabei. Ich mach das hier seit dem zweiten Jahr Holy.Shit.Shopping, also seit 2005. Neben kookbooks biete ich auch das großartige Programm von supposé mit an.“
Dafür ist Daniela auch auf den Weihnachtsmärkten am Schloss Charlottenburg und in der Domäne Dahlem vertreten, wo eigentlich nicht ihre Zielgruppe bummelt.
„Diesmal habe ich außerdem Bücher von edition ebersbach und :Transit dabei. Die laufen hier allerdings nicht so gut, dafür am Weihnachtsmarkt vorm Schloss Charlottenburg besser, wo wir zu viert einen Stand betreiben: Verlage aus Charlottenburg.“
Die neuen Räume in den Galerien gefallen ihr gut: „Ich mag die Stimmung hier. Gleich gehe ich auch selber mal `ne Runde.“

Sandras Stand von Blumenbar , ist direkt neben dem DJ-Pult, daher muss der Büchertisch neben der verdunkelten Tanzfläche auch mit Kerzen beleuchtet werden. Hinter ihr steht ein Kinderwagen samt Baby.

Und wie läuft’s heute?

„Geht so. Die Leute gucken lieber. Aber es lohnt sich schon auch für uns. Gerade habe ich noch nebenher Zeit, das Baby zu betreuen.“

Wie lange seid ihr schon mit Büchertischen auf dem Weihnachtsmarkt dabei?

„Eigentlich schon immer. Unsere Zielgruppe ist schließlich hier.“

Und welche Titel werden hauptsächlich gekauft?

„Eher die bekannteren Autoren: Jasmin Ramadans ‚Soul Kitchen‘ und Leonard Cohen.“
Sebastian ist für den Vertrieb beim Graphic Novel-Verlag reprodukt zuständig. Der dritte Band der Mumin-Reihe ist schon ausverkauft.

„Wir sind gleich für das erste Jahr von den Veranstaltern angesprochen worden, ob wir dabei sein wollen. Wir dachten: Komm`, wir versuchen das einfach. Es klappt sehr gut. Wir müssen alternative Vertriebswege gehen, da wir es als kleiner Verlag in den Buchhandlungen schwer haben. Unsere Bücher scheinen die richtigen Produkte für diesen Weihnachtsmarkt zu sein. Die Leute verschenken sie gerne.“

In eigener Sache: Der literarische Abend um Kubin war toll

In eigener Sache: Der literarische Abend um Kubin war toll

Gleich zu Beginn: Wir sind voreingenommen.  Natalie Junger und Dennis Grabowsky sind nicht nur gute Freunde, sondern auch Autoren dieses Blogs. Demnach ist dieser Text zu hinterfragen.

Wir sprechen uns an dieser Stelle häufiger für neue Formate von Literaturveranstaltungen aus. Der Text leidet nicht zwangsläufig, nur weil ein bisschen mehr auf der Bühne passiert, als dass ein Autor die ersten 20 Seiten seiner Neuerscheinung vorliest, ab und zu einen Schluck Wasser trinkt und anschließend die Zuschauerfrage beantwortet, wieviel von seinem eigenen Erlebten im Text steckt.
Es gibt andere Möglichkeiten, literarische Abende zu gestalten, ohne dass Schriftsteller turnen oder Witze erzählen müssen.

Natalie und Dennis präsentierten gestern Abend eine eigens konzipierte Veranstaltung im Buchhändlerkeller. Die Reihe Wiedergelesen widmet sich Klassikern, die nicht in Vergessenheit geraten sollen. Die Auswahl des Titels Die andere Seite von Alfred Kubin begründeten die beiden mit der enormen Fülle an interpretatorischen Ansätzen, die die Literaturwissenschaft zu diesem Roman produzierte sowie mit der Begeisterung für die schriftstellerische Leistung, Traumbilder zu erschaffen. Kubins Roman, sein einziger, berichtet von einem Ich-Erzähler, der sich samt Ehefrau aufmacht, in einer Traumwelt zu leben, die nach ganz eigenen Regeln funktioniert, die nie völlig klar werden. Der Autor illustrierte das Buch selbst mit grotesken, phantastischen, gruseligen Kohlezeichnungen.
Da Kubin ein gefragter Illustrator war, zeigten die Veranstalter beim Vorlesen von ausgesuchten Passagen, Bilder via Beamer. Es lasen drei verschiedene Stimmen, zudem wurden Kubin und sein Lebensweg vorgestellt, die interpretatorischen Möglichkeiten genannt und die Handlung erzählt. All dies geschah in durchdachter Komposition, auflockernd abwechselnd wurde frei gesprochen und vorgelesen, und nicht einfach wischi-waschi hinternander wech. Damit war der Abend auch für diejenigen interessant, die den phantastischen Roman bereits kannten.

Aber wie gesagt, wir sind voreingenommen.

„du wirst mich mehr wollen“ – In der Landesvertretung NRW waren Schriftsteller zu Gast

„du wirst mich mehr wollen“ – In der Landesvertretung NRW waren Schriftsteller zu Gast

Wir waren völlig underdressed. Und so spät, dass wir den Begrüßungssekt gekippt haben. Froh, überhaupt rein gelassen worden zu sein – ohne persönliche Einladung. Diesmal sag ich es gleich zu Beginn, das war mir nach dem letzten Text auf diesem Blog angemerkt worden, es waren weit über hundert Menschen da, fast zweihundert und der Altersdurchschnitt lag hoch. Also, jetzt gemessen an uns. Und chic ist es in der Landesvertretung von Nordrhein-Westfalen auch. Am Donnerstag Abend präsentierte die Ministerin Dr. Angelica Schwall-Düren vier Autoren aus Flandern, Belgien und Luxemburg. Die vier lasen sehr unterschiedliche Texte, beantworteten zwei, drei Fragen und dann wurde gegessen wie auf einer Hochzeit. Wir tranken auch ziemlich viel Kölsch. Die französischsprachige Belgierin war sehr hübsch. Als ich das beim anschließendem Muschelessen nuschelte, fragte mich ein Belgier, der sich zuvor auf Niederländisch mit einer Hochschwangeren unterhalten hatte, ob ich den Text meinte, und ich: „Nö, die Person, aber der Text war auch ganz gut, wobei, die Idee einen Roman aus Sicht eines Gutshauses zu schreiben schon findig ist.“
Ich hatte zwar davon gehört, dass jemand in Salzburg Shakespeares Rosenkrieg-Dramen in einer elfstündigen Fassung aufgeführt hatte, aber mein Interesse war damit noch nicht geweckt. Jetzt aber: Tom Lanoye ist großartig und die Theater-Leute unter euch kennen ihn bestimmt alle schon, aber ich war jetzt auch völlig eingenommen, als er vorlas aus seinem wortgewaltigen „Schlachten“ und „Mutter Medea“. Toll. Leider zu gefangen, um Zitate mit zu schreiben. Er versuchte jedenfalls die „dreckige Sprache Shakespeares“ nachzuahmen und in die heutige Fäkalsprache zu übersetzten. Er schimpfte also die Bühne rauf und runter, tanzte den Text vor. Es kam übrigens auch „ich wurde ins Leben gefickt vor“. Das hatten wir hier vor Kurzem schon einmal thematisiert.
Ein weiterer Höhepunkt des Abends: Bei der Ankündigung von Luc Spada („ich will nie wieder nüchtern sein…dein Gesicht ist doppelt so schön, wenn ich es doppelt seh“) vergaß der Moderator ein Wort im Titel seines letzten Buchs und nannte es: „so sehr du mich auch willst, du wirst mich immer wollen“. Daraufhin berichtigte das oben beschriebene Publikum schulmeisterhaft im Chor: „mehr wollen“.

Foto: Tom Lanoye – han Soete, flickr.com, creative commons

„Ich mach das hier aus Liebe“ – Sarah Kuttner moderierte die Vorstellung dreier guter Büchern

„Ich mach das hier aus Liebe“ – Sarah Kuttner moderierte die Vorstellung dreier guter Büchern

Die TV-Moderatorin Sarah Kuttner sprach Donnerstag Abend im Roten Salon mit drei Autoren des Kein & Aber Verlags: Michael Ebmeyer, Robert Seethaler und Markus Feldenkirchen

Ebmeyer, Seethaler und Feldenkirchen © Edward B. Gordon (http://www.gordon.de)

Im Roten Salon an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz ist wirklich alles rot: Wände, Sessel, Decke, Vorhänge und das Licht. Es ist warm, eigentlich stickig. Berlin-Mitte trifft sich.
Der Kein & Aber Verlag lud Donnerstag Abend zur Author’s Bar um drei viel versprechende Titel ihres Herbstprogramms vorzustellen. Michael Ebmeyer und Robert Seethaler hatten sich in der Vergangenheit bereits beweisen können, der Spiegel-Autor Markus Feldenkirchen debütierte mit dem Roman Was zusammen gehört.
Sarah Kuttner moderierte den Abend und das ist bekanntlich, was sie auch am besten kann. Bereits bevor die Anfrage kam, ob sie durch den Autorenabend leiten möchte, habe sie zwei der drei Bücher gelesen und sei daher voreingenommen begeistert von allen drei Titeln: „Ich mache das hier aus Liebe, also wirklich aus reinem Herzen und eben nicht nur dem schnöden Mammon wegen.“
Man war nett zueinander, es gab keine kritischen Fragen, man schätzte sich, duzte sich. Kuttner rief die Herren nacheinander per Vornamen zum Vorlesen auf. Jeder las – alle konnten das – ungefähr eine halbe Stunde, dann gab es ein paar Fragen von der Moderatorin. Das Publikum hatte so gut wie keine.
Drei Bücher für einen Abend – erstaunlicher Weise war das nicht zu viel. Es wirkte eher… effektiv. Bei den vorgestellten Texten handelt es sich nicht um große Romane, aber auch eben nicht um klitzekleine. Ebmeyer hatte schon früh mit den Erzählungen Henry Silber geht zu Ende beeindruckt und auch Landungen scheint kunstvoll komponiert. Kuttner lobte, dass der Autor für jede der drei Generationen, die nacheinander vorgestellt werden, eine eigene Sprache gefunden hat. Die Handlung beginnt 1869 mit Friederike Soltau, die in Bremerhaven ein Schiff besteigt, um nach Argentinien auswandern, wo sie hofft, nicht mehr von ihrem Schatten verfolgt zu werden und ihre Familie, dass Friederike weniger sonderbar wird. Hundert Jahre später besucht Udo den alten Familienbesitz und muss sich mit der Vergangenheit auseinander setzten. Und im dritten Teil, in dem Udos Sohn nach Argentinien reist, gibt es dann nach Kuttner eine „gute, richtig hote“ Sexszene.
Seethalers Roman Jetzt wirds ernst schildert das Erwachsenwerden eines Provinzlers, der gerne Schauspieler wäre: Eindimensional erzählt, aber durchaus komisch.
Jetzt wirds ernst und der Roman Was zusammen gehört von Feldenkirchen haben gemeinsam, dass in beiden Büchern das seltene Wort „Fleischkonservenfabrik“ auftaucht, wusste Kuttner. Zusammen gehören, im Sinne des Titels, Victoria und Benjamin. Die beiden hatten als Jugendliche eine Affäre und schreiben sich nun als einsame Erwachsene Briefe. Das weckt in Benjamin neuen Lebensgeist, denn bisher war sein größtes Problem, dass sein Chef ihn nicht auf dem Handy erreichen konnte, wenn er in der Tiefgarage war.
Das Beste an dem Abend war, dass trotz der prominenten „Musikfernsehtante“, so Kuttner selbst, auf der kleinen Bühne eindeutig nicht die Personen, sondern ihre Bücher im Vordergrund standen.

Ein Buch für Literaturkenner
Paul Auster: Unsichtbar

Ein Buch für LiteraturkennerPaul Auster: Unsichtbar

Zwischen den leider oft verborgenen Schätzen der Neuerscheinungen in den kleinen Verlagen, die wir hier gerade in loser Folge vorstellen, zur Abwechslung mal wieder einer der Etablierten: Paul Auster steht auf der deutschen Bestsellerliste. Sein aktuelles Buch ist ganz große Literatur in nahezu jedem Sinne.

Born heißt die Figur in Austers neuem Roman Unsichtbar, und dies ist ein ironisch sprechender Name, denn Born tötet und der angehende Dichter im Studium Adam Walker versucht diesen Mord zu rächen.
Born übt eine Faszination auf seine Umwelt aus und es gestaltet sich schwer, diese davon zu überzeugen, dass Born gefährlich ist. „Hinter Borns freundlichem Geplauder und seiner falschen Jovialität lauert etwas Gereiztes, ein gespannter, angestrengter Ton, der darauf hinzudeuten scheint, dass er auf der Hut ist.“ Dabei ist Walker schlau, sich seiner Sache völlig sicher und hat nur wenige Schwächen. Eine davon ist Borns Freundin und die andere seine eigene Schwester…

Dieses Buch ist ein Experiment, das an Austers frühere Titel Reisen im Skriptorium und Oracle Night erinnert. Auster kennt sich in der Romantik aus: Walkers Manuskript seiner an Born verlorenen Studentenzeit fällt dem Autor zufällig in die Hände. Er veröffentlicht tapfer und spielt dabei erneut mit den Lesern Scharade: „Ich habe Walkers Notizen aufpoliert. Was die Namen betrifft, so sind sie alle … frei erfunden, und der Leser kann sich sicher sein, dass Adam Walker nicht Adam Walker ist … Nicht einmal Born ist Born … Zu guter Letzt muss ich wohl nicht noch eigens darauf hinweisen, dass mein Name nicht Jim ist.“ Mehr lesen

Das Buch als Film im Kopf. Falladas „Kleiner Mann – was nun?“ als Hörspiel

Das Buch als Film im Kopf. Falladas „Kleiner Mann – was nun?“ als Hörspiel

Nicht jeder kann Filme zweimal sehen. Ich langweile mich dabei. Ähnlich, aber doch anders, geht es mir da bei Büchern. Viel zu viel wird geschrieben, als dass ich Anna Karenina zweimal lesen würde. Die neue Übersetzung ist bestimmt kunstvoll und ich hatte eine wunderbare Zeit, als ich den Roman das erste Mal las, aber nochmal? Äh-Äh.

Ausgenommen sind natürlich Balladen, Gedichte und Lieblingsstellen aus Lieblingsromanen und wenn ich über einen Text etwas schreiben möchte, lese ich immer und immer wieder… Aber das ist etwas anderes.

Als ich das Hörspiel  „Kleiner Mann – was nun?“ von Irene Schuck hörte, das soeben beim DAV erschienen ist, bin ich um eine Möglichkeit, Romane noch einmal zu genießen, ohne sie erneut zu lesen, bereichert worden. Das Hörspiel erscheint sinnvoll auf etwas mehr als eine Stunde gekürzt, irgendwann taucht die Stimme von einem Sprecher der Drei Fragezeichen auf und es spult sich ein Film im Kopf des Hörenden ab.
Hörprobe | Hans Fallada: „Kleiner Mann – was nun?“

„Kleiner Mann – was nun?“ von Hans Fallada las ich als Schülerin eines Geschichtsleistungskurses kurz vorm Abitur. Ich las Fallada, um das Ausmaß einer Weltwirtschaftskrise zu verstehen, um ein Bild von der Zeit zu bekommen und entdeckte beim Lesen einen für mich zu dieser Zeit viel interessanteren Aspekt: eine realistische Liebesgeschichte. Pinneberg liebt seine Frau und schafft es anfangs doch nicht, zu ihr zu stehen. Männlich will er sich Möglichkeiten in alle Richtungen offen halten, menschlich drängen ihn durchaus begründete Existenzängste. Emma Mörschel, sein Lämmchen, argumentiert gegen seine Feigheit an und bringt ihn in die missliche Lage, zu erkennen, dass sie Recht hat, er ihr dieses Recht aber nicht zugestehen möchte. Denn Pinneberg ist stolz und dies wird ihm, da er wohl nur ein mittelmäßiger Arbeiter ist, auch beruflich zum Verhängnis. Unterbewusst schuf Fallada bei mir als Teil der Dritten Generation natürlich auch einen Anflug von Ahnung, wie es zum Dritten Reich kommen konnte, doch für meinen Geschmack haben Erich Kästner und Sebastian Haffner das überzeugender hinbekommen.

Über Falladas Roman ist viel geschrieben worden. Häufig wurden Parallelen zu seinem Leben gezogen. Dieses hätte aber viel, viel mehr Stoff geboten. Er wurde sehr jung wegen Totschlags verhaftet; verbrachte einen großen Teil seines Lebens in psychiatrischen Kliniken, Gefängnissen und Entzugsanstalten. Als Junge schikanierte ihn der Vater, auch die Nationalsozialisten mochten ihn nicht und er lebte mit seiner fast 30 Jahre jüngeren Frau in ärmlichen Verhältnissen. Fallada starb an zu viel Morphium und Alkohol.

Ach ja, und aktuell, wegen Wirtschaftskrise und so… ist der Stoff auch.

Hans Fallada, Kleiner Mann – was nun?, Hörspiel, 1 CD, 74 Min, Der Audio Verlag, 14,99 Euro