Orpheus in der Unterwelt.
Sten Reen: Kornblum – sprachmächtig und verstörend

Orpheus in der Unterwelt. Sten Reen: Kornblum – sprachmächtig und verstörend

Vorsicht: Verbrennungsgefahr! Die Hotlist ist die Antwort der unabhängigen Verlage auf die Long-, Short- und sonstigen Listen mit denen alljährlich die Jury des Deutschen Buchpreises einen Ein-Jahres-Lesekanon aufstellt, kräftig unterstützt vom Feuilleton, das sich im Dominoeffekt diesem Lektürediktat unterwirft. Gegen die Listenherrschaft hilft nur eine List: eine Hotlist! Die unabhängigen, kleinen, jungen Verlage finden ihre Titel nur selten auf der Buchpreisliste wieder – und dümpeln so unverdient oft unterhalb der Wahrnemmungsschwelle. Die heiße (oder scharfe?) Liste soll das ändern, in diesem Jahr wird sie sogar per Publikumsabstimmung bestückt. Litaffin hat sich ausgewählte Titel aus dem langen Vorschlagskatalog herausgepickt, um vorzukosten, ob da wirklich alles so „hot“ gegessen wie es gekocht wird.

Welchen Himmelsfahrten und Höllenritten kann das intensivste aller menschlichen Gefühle standhalten? In seinem Debütroman Kornblum erzählt der unter Pseudonym schreibende Sten Reen eine ebenso sprachmächtige wie verstörende Geschichte einer Liebe der Extreme.

Geburtstage sind für Robert Kornblum, Dachdecker und Gelegenheitsbauarbeiter, Halbintellektueller, in Berlin gestrandete Existenz, eine flüssige Angelegenheit. Seit drei Jahren ist er trocken, nur an diesem einem Tag erlaubt er sich das gnädige Abgleiten in die Besinnungslosigkeit. Als er nach solch einer durchzechten Nacht mit Filmriss wieder aufwacht, sieht er sich mit einer Frau konfrontiert, die nur mal eben Frühstücksbrötchen holen war und der er in der offensichtlich durchvögelten Nacht einen Antrag gemacht hat. Vor ihm steht Theresa, genannt Terri, Mind, keine Heilige und über einen durchaus sprechenden Namen verfügend, wie sich noch erweisen wird.
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Literatur-Nobelpreisträger Saramago ist tot

Literatur-Nobelpreisträger Saramago ist tot

Er zählt zu den bedeutendsten und meistgelesenen europäischen Schriftstellern. Er war der erste Portugiese, der den Literaturnobelpreis erhielt. Er provozierte gerne, legte sich mit der katholischen Kirche sowie mit der Regierung an. Im Alter von 87 Jahren verstarb José Saramago am Freitag auf Lanzarote.

„Saramago lebt wie er schreibt; genauso integer und hellsichtig wie in seinen Büchern ist er im täglichen Leben“, bemerkte die kolumbianische Romancier Laura Restrepo einmal und lobte den „deutlichen Abdruck der Humanität“, der sowohl aus der Person Saramagos als auch aus seinen Büchern spreche. So souverän wie mit dem Leben hielt es dieser auch mit dem Tod: „Meine Ruhe und meine Gelassenheit haben mir geholfen, den Tod als etwas ganz Natürliches zu betrachten, gegen den man sich allerdings wehren sollte. Man darf nicht resignieren und die Tatsache des Sterbens einfach akzeptieren“, antwortete er nach schwerer Krankheit – er litt an Leukämie – in einem Interview vor zwei Jahren auf die Frage, wie er dem Tod gegenüber stehe. Im Angesicht des Todes besann er sich dann doch wohl eher auf die Gelassenheit. „Er hatte eine ruhige Nacht verbracht. Nachdem er normal gefrühstückt und sich mit seiner Frau unterhalten hatte, begann er sich schlecht zu fühlen und verstarb kurz darauf“, wie die spanische Zeitung La Vanguardia unter Berufung auf seine Familie meldete. Gekämpft, das hatte er hingegen sein Leben lang.

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Von Maklern und Mackern – wenn Literaturagenturen Literatur machen

Von Maklern und Mackern – wenn Literaturagenturen Literatur machen

©jugendfotos.de/jonasm

In Deutschland sind innerhalb weniger Jahre Literaturagenturen zu dem geworden, was sie im angloamerikanischen Raum schon lange sind: ein wichtiger Faktor im Literaturbetrieb. Sie profitieren nicht nur vom raschen Wandel in der Buchbranche und vom freudigen Geschäftssinn junger Autoren, sondern nehmen auch schon mal Einfluss auf literarische Moden selbst.

Einfach hatte man es ihr im Land der Dichter und Denker ja nicht gemacht. Jahrzehntelang war Literatur „made in Germany“ eine schwer verkäufliche Ware, im Inland wie im Ausland. Sie galt als kopflastig, reflexionsbetont, plotarm und provinziell. Dann wurde auf einmal alles anders. Mit einer in den Siebzigern und Anfang der achtziger Jahre geborenen nachrückenden Autorengeneration veränderten sich die ästhetischen Kategorien des Erzählens und das Selbstverständnis der Autoren. Literaturkritiker griffen das rasch auf, feierten die „Pop-Literaten“, zu denen etwa Autoren wie Benjamin von Stuckrad-Barre, Benjamin Lebert oder Christian Kracht zählen und riefen unter anderem anhand von Zoë Jenny, Karen Duve, Jenny Erpenbeck, Judith Hermann und Katja Lange-Müller ein neues „Literarisches Fräuleinwunder“  aus. Die verspätete deutsche Beat Generation sozusagen. Es hatte aber nicht nur die Stunde der deutschen Literatur geschlagen – sondern auch die der deutschen Literaturagenturen.

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Elegante Sprachtänzerin und visionäre Erfinderin: Sibylle Lewitscharoff erhielt den Berliner Literaturpreis 2010

Elegante Sprachtänzerin und visionäre Erfinderin: Sibylle Lewitscharoff erhielt den Berliner Literaturpreis 2010

Als Vladimir Nabokov seinem Verleger die Lolita erläuterte, bemerkte er, man werde im Manuskript ohne Zweifel eine Reihe von Wörtern finden, die nicht im Webster aufgeführt seien – noch nicht; in kommende Auflagen würden sie zweifellos aufgenommen. Dass Sibylle Lewitscharoff normalerweise keine solchen Hinweise in Bezug auf ihr Werk gibt, ist nur auf die deutschen Verhältnisse zurück zu führen, kennen die doch keinen Webster. An sprachlicher Erfindungskraft und Originalität mangelt es Sibylle Lewitscharoff nämlich durchaus nicht. Ihr „sprachlicher Gestus ist ein geistreiches Parlando, eine virtuose Rhetorik, getragen von schrägem Witz und abgründigem Humor. Abgefeimte Scheelsucht und funkelnde Heilsgewissheit gehen in diesen Prosawerken die verrücktesten und unterhaltsamsten Verbindungen ein“, um es in den Worten der Begründung für die Auszeichnung der Jury  (Sigrid Löffler, Ulrich Janetzki, Ulrich Khuon, Norbert Miller und Oliver Lubrich) zu sagen. Mit der in Berlin lebenden Sibylle Lewitscharoff erhielt gestern im Roten Rathaus also eine große Sprachkünstlerin den mit 30.000 Euro dotierten Berliner Literaturpreis. Dass Berlin in kultureller und gerade auch literarischer Hinsicht viel zu bieten hat, muss da nicht noch extra betont werden. Der regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit tat dies in seiner Funktion als Hausherr im Berliner Rathaus trotzdem. Berlin habe sich nicht nur als Verlagsstadt etabliert – welch passender Hinweis auf Lewitscharoffs Verlag Suhrkamp – sondern würde mit dem Berliner Literaturpreis auch einen der bedeutendsten Preise Deutschlands vergeben. In der Tat kann sich die Liste der Preisträger der letzten Jahre mit Herta Müller, Durs Grünbein, Ilija Trojanow, Ulrich Peltzer und der Dramatikerin Dea Loher sehen lassen. Beim anschließenden Empfang im Wappensaal war Lewitscharoff jedoch nicht viel von der Bürde der großen Namen ihrer Vorgänger anzumerken. Nahezu vergnügt streifte sie umher, plauderte mal mit diesem, mal mit jenem. Mit der Auszeichnung ist im Übrigen auch die Berufung auf die Heiner-Müller-Gastprofessur für deutschsprachige Poetik an der Freien Universität Berlin verbunden. Mit Herta Müller hatte 2005 eine spätere Literaturnobelpreisträgerin diese Funktion inne. Wer weiß, mit wem es die Studenten dieses Jahr zu tun bekommen…

Wir Wunderkinder vom Prenzlauer Berg

Die Kritik ist ganz aus dem Häuschen. Helene Hegemann – Jahrgang 1992 (!!!) – hat ein Buch geschrieben. Axolotl Roadkill heißt das gute Stück und es geht darin um,  nunja, Sex, Drogen, Gewalt und Exzesse der wohlstandsverwahrlosten Nullerjahre-Generation vom Prenzlberg. Das ganze in einem ebenso kunstvollen wie schrillen Sound aus „Fuckyouall“-Jargon und nicht minder gewagten gesellschaftstheoretischen Debatten-Partikeln. Daran „werden sich dieses Jahr wohl alle deutschsprachigen Romandebüts messen lassen müssen“ kriegen sich die Reszensenten vor lauter Aufregung gar nicht mehr ein. So weit, so gut. Nun ist es so, dass Helene Hegemann keine gänzlich Unbekannte ist. Der „gestörte Teenager“, wie sie sich selbst bezeichnet, schrieb mit 15 ihr erstes Theaterstücke, ihr mit dem Max-Ophüls-Preis ausgezeichnetes Drehbuch- und Regiedebüt Torpedo hatte  2008 Premiere. Die Spatzen pfeifen es also von den Dächern des Literaturbetriebs, nein, vielmehr dröhnt es schon unüberhörbar durch die Straßen: die deutsche Literatur ist um ein Wunderkind reicher. Tatsächlich lässt sich Axolotl Roadkill problemlos in eine literarische Ahnenreihe mit Salingers Der Fänger im Roggen, Benjamin Leberts Crazy, Christian Krachts Faserland oder auch Thomas Klupps Paradiso stellen. Man fragt sich allerdings, ob man der Autorin einen Gefallen tut, indem man ihr schmissige Labels á la „Wunderkind der Digitalboheme“ und „Fräuleinwunder 2.0“ um den Hals hängt. Für die Vermarktung ist das der Jackpot, keine Frage, ein von Hegemann selbstgedrehter Buchtrailer auf youtube inklusive:

Hier mal kurz nach autobiograpahischen Parallelen gegraben, dort den Aufreger der Saison postuliert, und dann kann man wieder zum Tagesgeschäft des Literaturtbetriebs übergehen. Was dabei auf der Strecke bleibt, ist ernsthaft über die literische Qualität solcher Raketen-Phänomene am Literaturhimmel zu diskutieren. Im Falle von Helene Hegemann hat man es nämlich mit gar nicht so wenig Talent und nicht geringer erzählerischer Kraft zu tun. Und schließlich werden ja auch 17-Jährige mal erwachsen und – wer weiß? – aus Wunderkindern gestandene AutorInnen. Bleibt bloß zu hoffen, dass Hegemanns fulminante Debüt-Erfahrung nicht einem Drogenrausch gleicht, über den es in Axolotl Roadkill heißt:  „Ich weiß, es wird nie wieder etwas Geileres in meinem Leben geben als Heroin. Alles, was von nun an passiert, werde ich mit diesem morbiden großbürgerlichen Heroinflug vergleichen, der gerade am Start ist.“

Ein Buch zum…Erlesen

Ein Buch zum…Erlesen

1445-der-fliegenpalast Von geradezu unauffälliger und stiller Schönheit ist Walter Kappachers neuer Roman „Der Fliegenpalast“. Auf völlig unspektakuläre Weise wird darin von zehn Tagen im Leben des alternden Hugo von Hofmannsthal erzählt. In Bad Fusch im Salzkammergut, dem Ort seiner Kindheit, hat Hugo von Hofmannsthal einige seiner berühmten, schwebend leichten Jugendgedichte geschrieben, nach Bad Fusch kehrte er Jahrzehnte später zurück, in der Hoffnung, sein Drama „Der Turm“ zu vollenden, das ihm nicht von der Hand gehen will. Obwohl dabei nicht viel passiert zieht das Buch tief hinein in die Krise der europäischen Moderne, wie sie sich Hofmannsthal dargestellt haben muss und in der er selber als Künstler sein Ende fand. Dabei bleibt Kappachers Sprache nüchtern, schnörkellos und zuweilen distanziert – und ist dennoch von einer wunderbaren Zartheit, die sich erst bei näherem Hinsehen erschließen mag. „Ein seltenes und großes Glück für die deutsche Literatur“ beglückwünschte die Süddeutsche Zeitung den Träger des Georg-Büchner-Preises 2009. Ein seltenes und großes Glück ist „Der Fliegenpalast“ nicht zuletzt auch für den Leser, der sich darauf einzulassen bereit ist.

Die ersten 18 Seiten des Buches könnt Ihr hier (PDF-Datei) lesen.