Berlins freie Literaturszene: Im Gespräch mit Moritz Malsch (Lettrétage)

Kulturhauptstadt, Autorenhauptstadt, Theatermetropole. Selten hat sich jemand davor gescheut, große Worte zu bemühen, wenn es um Berlin und seine Kulturlandschaft geht. Was ist dran an Berlins Ruf, vor kultureller Vielfalt nur so zu strotzen? Wie lebt es sich hier als KünstlerIn, welche Förderinstrumente gibt es und welche Strukturen müssen dringend verändert werden? Eva hat Moritz Malsch und Dr. Ingrid Wagner zu Gesprächen getroffen und wollte wissen: Woraus besteht Berlins Literaturlandschaft, wo positioniert sich darin die freie Szene und was will diese in nächster Zeit erreichen?

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Litaffin: Herr Malsch, woraus besteht die freie Literaturszene, wie hat sie sich entwickelt und wo innerhalb dieses Netzwerks ist die Lettrétage zu finden?

Moritz Malsch: Die freie Literaturszene ist sehr heterogen. Zu ihr zählen die freien Veranstalter, viele literarische Vereine, Autoren und kleine Verlage, letztlich auch Buchhandlungen. Die Lettrétage als ein Haus, das ein Vollprogramm anbietet, zählt da auch noch dazu, weil wir keine institutionelle Förderung bekommen und von Projektmitteln abhängig sind. Aber wir tendieren eher in Richtung Institution. Neben den Genannten zählen zur freien Szene natürlich auch Literaturübersetzer, Lektoren, alle Leute, die am literarischen Schreiben Anteil haben und nicht irgendwo fest angestellt sind beziehungsweise keine institutionelle Förderung bekommen. Die freie Szene war eigentlich schon immer da, lange vor allen Literaturhäusern. Wenn man so will, kann man sie auf die privaten Salons im späten 18. Jahrhundert zurückführen. Im Verhältnis zu den anderen freien Szenen Berlins ist die freie Literaturszene deutlich weniger organisiert und noch deutlich eher bereit, ohne Bezahlung zu arbeiten. Alle, die künstlerisch arbeiten, werden nicht annähernd richtig bezahlt. Und man muss sagen, dass es eine deutlich schlechtere Förderung im Literaturbereich als in anderen Kunstsparten gibt.

Litaffin: Kann man in Berlin dennoch von Kunst leben?

MM: Reich wird mit Kunst eigentlich überhaupt niemand, wage ich jetzt mal zu sagen. Dann gibt es oft _MG_1995das Problem, dass finanzielle Risiken eher in Richtung der Künstler oder der Veranstalter verlagert werden, zum Beispiel im Bereich der Projektförderung. Wenn die beantragte Fördersumme gekürzt wird, muss der Finanzplan überarbeitet werden. Fixkosten wie Miete, Anschaffungen und so weiter kann man schwer nachträglich kürzen. Also muss an den eigenen Honoraren oder an den Künstlerhonoraren gespart werden. In der Szene herrscht die Mentalität: Wir akzeptieren die Bezahlung so, wie sie ist. In vielen Projekten wird also unheimlich viel unbezahlt oder stark unterbezahlt gearbeitet. Dazu kommt noch die Förderlage: Auf 300 bis 400 Förderanträge kommen nur 16 Arbeitsstipendien. Dies wird sich, wie es aussieht, zum nächsten Landeshaushalt 2016 etwas bessern. Das heißt, bis auf ganz wenige Ausnahmen unter den Autoren, die Preise bekommen oder einen Beststeller schreiben, gibt es im Literaturbereich kaum Leute, die wirklich vom Schreiben leben. Aber das ist kein Berliner Problem, das ist allgemein so.

Litaffin: Warum leben trotzdem so viele Künstler in Berlin?

MM: Das hängt mit einem neuen Kunstbegriff zusammen, denke ich. Kunst ist lange Zeit als etwas betrachtet worden, was jemand im stillen Kämmerlein nur mit sich selbst ausmacht. Davon muss man sich komplett verabschieden. Kunst hat ganz viel mit Austausch zu tun, mit Kommunikation und mit dem Aufgreifen von Entwicklungen, von Diskursen und so weiter. Da muss man natürlich auch als Autor dort sein, wo die Diskurse stattfinden – und das ist nun mal Berlin. Das ist so gewachsen, weil schon zu Westberliner Zeiten und auch danach die Mieten unglaublich günstig waren und sich gesellschaftlich sehr viel bewegt hat. Für Ostberlin galt Ähnliches. Berlin war ein Ort, an dem man verhältnismäßig frei atmen konnte.

Litaffin: So entstand in Berlin eine unglaublich vielfältige Kulturlandschaft, bestehend aus Instituionen und freier Szene. Wie ist heute hier das Verhältnis?

MM: Die Institutionen sind natürlich kein Feindbild, sondern im Gegenteil, freie Szene und Institutionen ergänzen sich und arbeiten zusammen. Auch die Institutionen haben ihre nachvollziehbaren finanziellen Probleme. Es gibt viele Punkte, für die man eine gemeinsame Interessensvertretung bräuchte; teilweise gibt es diese auch schon. Wir haben Ende 2014 die Berliner Literaturkonferenz gegründet. Das ist ein Zusammenschluss der Literaturhäuser mit der freien Szene, um gemeinsame Förderung zu beantragen, gemeinsame Anliegen zu vertreten und auch, um sich inhaltlich anzunähern und zusammenzuarbeiten. Es besteht immer die Gefahr, dass man zu sehr sein eigenes Ding macht und es dann Doppelungen, unkoordinierte Dinge, Missverständnisse und Konkurrenzen gibt. Insofern ist es wichtig, dass wir jetzt angefangen haben, mehr miteinander zu reden und auch die Situation des jeweils anderen mehr zu verstehen und miteinzubeziehen. Die Literaturszene ist ein Dorf, man kennt sich, begegnet sich immer zweimal und auch deswegen gibt es mittlerweile einen guten Zusammenhalt, würde ich sagen.

Litaffin: Gibt es ein anderes Literaturpublikum in Institutionen als in der freien Szene?

MM: DAS Literaturpublikum gibt es sowieso nicht. Es gibt auch keine klare Zuordnung, dass Leute _MG_3977entweder nur zu den Institutionen oder nur zur freien Szene gehen. Diese Unterscheidung ist für das Publikum völlig irrelevant. Die ist im Grunde bedingt durch die Förderstrukturen und bedingt dadurch, wie wir arbeiten und leben möchten. Institutionell eingebunden zu sein, beschneidet ja in gewisser Weise auch Freiheiten.

Die Lettrétage steht dafür, ganz unterschiedliche Sachen zu machen. Wir wollen nicht, dass das Publikum in Zielgruppen eingeteilt wird, sondern wir denken, dass Literatur immer ein Anlass zur Kommunikation ist. Das ist mein Ideal, die Leute sollen nie abgeschreckt, sondern immer aufgenommen und ein Stück weit zu einer Positionierung bewegt werden. Die Veranstaltung soll ihnen erlauben, sich dabei wohlzufühlen. Sich als ein Teil davon zu fühlen. Also weniger frontal, ohne Hohepriester, der die Wahrheit verkündet, sondern das Publikum ist Teil der Veranstaltung. Ich glaube, dass gerade heutzutage die Aufführung von Texten eine wichtige Rolle spielen kann. Beispielsweise bei Lyrik, da gibt es zum Teil Bände, die nur 150 Mal verkauft werden, doch jede Woche findet irgendwo eine total ausverkaufte Lesung statt.

Litaffin: Was sind die Ziele und Forderungen der Berliner freien Literaturszene?

MM: Wir sind gerade dabei, uns selbst zu organisieren und zu finden. Die freie Literaturszene gründet zurzeit einen Verein: das Netzwerk freie Literaturszene e.V. Als Netzwerk sind wir Teil der Berliner Literaturkonferenz und der Koalition der Freien Szene, dem spartenübergreifenden Zusammenschluss der freien KünstlerInnen Berlins.

Unsere Forderungen sind ganz und gar konkret formuliert und jeder kann sie nachlesen auf www.berlinvisit.org unter „10 Punkte“. Das Netzwerk freie Literaturszene setzt sich unter anderem dafür ein, dass auch im Literaturbereich Mindesthonorare in Projekten vorgeschrieben werden, natürlich einhergehend mit der entsprechenden Aufstockung der Fördermittel. Die Projektmittel des Berliner Senats belaufen sich circa auf 60.000 Euro im Jahr. Wenn Mindesthonorare ohne Aufstockung dieser Summe durchgesetzt würden, würde das bedeuten, dass es insgesamt weniger Projekte gibt, die gefördert werden können. Unter den Zielen ist die Aufstockung des Projektmittelfonds, die Einführung einer Basis- und Spielstättenförderung im Literaturbereich, eine Aufstockung der Autorenstipendien, eine Einführung von Kuratorenstipendien, eine Publikationsförderung für nichtkommerzielle Kleinverlage und so weiter. Räume für Autoren wären extrem hilfreich, da auch sie ruhigen Arbeitsraum brauchen und zu Hause zwischen Babyspielzeug und Geschirr nicht besonders gut arbeiten können. Und natürlich, was immer ein wichtiges Thema ist, dass Förderstrukturen zugänglicher werden für nicht auf Deutsch schreibende Autoren und Autorinnen.

Litaffin: Kulturstaatssekretär Tim Renner hatte ja angekündigt, dass er sich für die freie Szene stark machen will. Ist das passiert? Wie lautet deine Prognose?

MM: Wir werden am 12.12. klüger sein, wenn der neue Haushalt endgültig beschlossen ist. Was die bisherigen Vorgänge angeht, bin ich ein kleines bisschen ambivalenter als am Anfang. Also einerseits, ja, er versteht sich als Anwalt der freien Szene und will was bewegen. Aber dass ich sagen könnte, hier ist eine dauerhafte Verbesserung eingetreten, dazu ist es noch zu früh. Es gibt Dinge, die sich erst mal gut anhören. Gerade gab es die City-Tax-Mittel von 2014, wo einmalig eine große Menge an zusätzlichen Stipendien ausgegeben wurde. Das ist aber erst mal nur einmalig passiert. Wenn diese Autorenstipendien fest in den Haushalt aufgenommen werden, dann ist das toll. Im Bereich Projektmittel Literatur tut sich überhaupt nichts. Für die Arbeitsräume haben Freie-Szene-Vertreter aller Sparten und Verwaltung gemeinsam ein Konzept erarbeitet, das aber nun nur teilweise nach unseren Vorstellungen umgesetzt wird. Man muss jetzt abwarten, was genau durchkommt und wie das, was beschlossen wird, nachher umgesetzt wird. Ob die Dinge wirklich im Sinne der freien Szene dauerhaft verbessert werden, wird sich zeigen.

Vielen Dank für das Interview!

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Moritz Malsch studierte Literatur- und Musikwissenschaft in Berlin und arbeitet nun als Lektor und Übersetzer. Er ist einer der Begründer, Betreiber und Kuratoren des Literaturhauses Lettrétage in Kreuzberg. Seit 2006 finden hier pro Jahr rund 70 literarische Veranstaltungen statt. Zudem ist Moritz Malsch Vertreter der freien Literaturszene Berlins in der Koalition der Freien Szene Berlin, die sich spartenübergreifend für eine Verbesserung der Förderung freier KünstlerInnen engagiert.

Litaffin sprach über dieses Thema auch mit Dr. Ingrid Wagner von der Berliner Senatskanzlei für Kulturelle Angelegenheiten. Hier geht es zum Interview.

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Eva Schneider

Eva Schneider

1989 in einem wirklich kleinen Dorf am schönen Main geboren, zog es sie gut 20 Jahre später an die ebenfalls ganz nette Lahn, wo Eva 'Deutsche Sprache und Literatur' studierte. In der Zwischenzeit spielte auch der Fluss Guádalquivir eine Rolle in ihrem Leben, bevor es sie Ende 2013 dann an die Spree verschlug. Ja, Eva orientiert sich gern am Wasser und träumt davon, dass aus dem Fluss neben der Haustür irgendwann in der Zukunft einmal ein Meer neben der Haustür wird.
Eva Schneider