Der Boden steht Schlange um dich

Vom 6. bis zum 9. Dezember 2012 treffen im Dock 11 Lyrik und Tanz aufeinander. Jeweils vier TänzerInnen und DichterInnen haben im Vorfeld paarweise an einer gemeinsamen Performance gearbeitet. Aus Sprache und Bewegung entsteht so eine neue, dritte Art der Kommunikation, die beides ist und gleichzeitig auch keins davon. Impressionen von der Generalprobe und ein Kurzinterview mit der Lyrikerin Martina Hefter.

Am frühen Mittwochabend laufe ich in den zweiten Hinterhof eines Hauses in der Kastanienalle. Das hier beheimatete Dock 11 ist eine Bühne für Tanz, Theater und Performance – und ausgewiesenermaßen ein Ort für Experimentelles. Als ich in den Theaterraum trete, werden letzte Absprachen für die Generalprobe getroffen. Um nicht zu stören, bleibe ich am Eingang neben der Zuschauertribüne stehen. Wenig später entdeckt mich die Lyrikerin Martina Hefter, eine der Initiatoren des Projektes Bewegungsschreiber, dass vom 6. bis zum 9. Dezember an vier Abenden die Möglichkeiten ausmisst, Dichtung und Tanz miteinander zu verbinden.

Nach einem fröhlichen „Ich bin gleich fertig“ verschwindet sie noch einmal und kommt kurz darauf mit ihren Sachen zurück. Wir gehen zum Vietnamesen. Dort angekommen, bestellen wir und kommen ins Reden. Ganz neu ist mir das Projekt nicht: vor einem Jahr, als die ersten Vorbereitungen dazu getroffen wurden, machte ich gerade ein Praktikum bei der Verlegerin Daniela Seel und war auch bei den ersten Gesprächen zwischen ihr und Martina Hefter sowie dem Leiter des Fachbereichs Tanz an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch, Ingo Reulecke, dabei. Ich frage Martina Hefter, wo sie Anknüpfungspunkte zwischen Lyrik und Tanz sieht:


Paul Valéry verweist zum Beispiel in „Dichtkunst und abstraktes Denken“ auf die Parallele zwischen Tanz und Dichtkunst: beides sei repräsentative, bewusste und in gewisser Weise ziellose Kunst. Er grenzt damit den Tanz gegen die gewöhnliche Bewegung und die Poesie gegen die Alltagssprache ab. Inwieweit spielen theoretische Texte bei der Arbeit am Projekt eine Rolle?

 Wie kommst du vom Text zum Tanz oder vom Tanz zum Text? Wie sieht der genaue Prozess aus?

Als wir fertig gegessen haben und bezahlen ist es nur noch ein kurzer Moment bis zur Generalprobe. Es werden alle 4 Stücke hintereinander aufgeführt – einzig Daniela Seel wird nicht mitproben. Ansonsten aber ist alles, wie es später auch sein wird.

 

EINS: Katharina Meves & Martina Hefter

Martina Hefter und Katharina Meves beginnen in Distanz zu einander: an unterschiedlichen Enden des Raumes, ohne die Entfernung überwinden zu können. Sie sind umgeben von stets fließenden Schriftzügen, sprechen dazu – mal miteinander, mal gegeneinander, zusammen, dann einzeln. Ihre Körpersprache hat etwas Angespanntes, teils Überspanntes – seinen Höhepunkt findet dies in rhythmisch-nervösen Zuckungen bei Meves sowie im Mantra „Und immer muss ich diese Bewegung gleich mitmachen“ bei Hefter.

 

 

ZWEI: Anna Nowicka & Tabea Xenia Magyar

Am Anfang des zweiten Auftritts steht eine seltsam subjektfreie Selbstvorstellung Tabea Xenia Magyars. Danach beginnt sie mit dem Vortrag eines Gedichtzyklus‘, während Anna Nowicka sich in raupenartigen Bewegungen quer über die Bühne bewegt. In Erinnerung bleibt der Satz „Es lebe das Pferd“, den beide – vor einander sitzend – wie in einem Abzählreim für Kinder wiederholen.

 

 

 

DREI: Maya Lipsker & Alexander Gumz

Auffällig im dritten Teil ist die scheinbare Abhängigkeit der beiden Akteure: zunächst  rollen sich beide gegenseitig über die Bühne, bevor die eigentliche Performance beginnen kann. Jede Bewegung, jede Schrittfolge wird gemeinsam ausgeführt – beinahe frei jeder erkennbaren Abstufung. Zusammen ergibt sich eine Art Raumvermessung mit Sprache, Licht und Bewegung: „Der Boden steht Schlange um dich rum.“

 

 

 

VIER: David Bloom & Daniela Seel

Vielleicht lässt sich aus Perspektive des Zuschauers bei der Generalprobe am wenigsten zum vierten Teil sagen, weil nur einer von zwei Akteuren anwesend war. Dennoch: Seels Stimme kommt ruhig und nüchtern vom Band, während die Bewegungen Blooms das genaue Gegenteil zeigen. Zum Schluss werden einzelne Lautsprecher an die Zuschauer verteilt, alle mit unterschiedlichen Tonspuren belegt: Babel?

 

 

 

Nachdem alle Kabel der letzten Performance aufgerollt sind, ziehen sich die Beteiligten noch einmal zurück. Der Saal leert sich langsam. Unterm Strich bleibt ein spannender, angenehmer, wenn auch nicht einfacher Abend, den ich jedem nur weiterempfehlen kann.

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Die Aufführung beginnt am 6. Dezember im Dock 11 (Kastanienalle 79) mit Teil 1 und endet mit dem vierten Teil am  9. Dezember. Die Karten kosten 11€ bzw. 7€ ermäßigt.

(Foto: FrauZimmermann; Wordle-Assoziationen und Impressionen: Max Eisenacher und Karl Zaus)

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Karl Zaus

Karl Zaus wurde geboren, wuchs auf und studiert nun Angewandte Literaturwissenschaft in Berlin. In seiner Freizeit liest er gern Blogs, z.B. die Blogkiste. Er hat keine berühmten Vorbilder.