BuchCamp Berlin: „Visionen zulassen“ oder „Wie sexy ist ein eBook-Reader?“

Nachdem Anfang Mai zwei Tage lang in Frankfurt über Umbrüche in der Buchbranche diskutiert wurde, präsentierte das Forum Zukunft des Börsenverein des Deutschen Buchhandels gestern in Berlin die Ergebnisse in einem Best of. Es ging um innovative Projekte, die die Crowd oder die zusammengewachsene Community in den Mittelpunkt stellen und aktiv in den Schaffungsprozess von Büchern einbinden. Es ging um die Frage, wo dem Buchhandel Crowds begegnen und es ging um die Potenziale digitaler Buchproduktionen. Allgegenwärtig dabei: Die Bereitschaft, Veränderungen nicht von vornherein als negativ abzutun.

Den Anfang in der Reihe von vier Kurzvorträgen machte Marion Schwehr von Euryclia. Die unüberschaubare Vielzahl von Neuerscheinungen und ihre schwere Verkäuflichkeit verleitete sie zu dem Gedanken, einfach einmal alles umzudrehen: „Wieso fragt man nicht vorher den Leser: Wir haben dies und jenes vor. Seid ihr dabei?“ Gedacht, getan. „Universalcode. Journalismus im digitalen Zeitalter“ lautet der Titel des ersten Buches, das durch Vorbestellungen auf euryclia finanziell abgesichert und unter Mitwirkung der bucheigenen Community konzipiert und gestaltet wurde. Durch ein Widget von book2look kann das Buch direkt dort eingebunden werden, wo die Idee für das Thema entstand: in der Blogosphäre. Entscheidend bei diesem, für den Autor lukrativeren, Prozess des Buchmachens ist laut Schwehr eine bereits vorhandene Community rund um den Autor. Um einen unbekannten Autor und sein Werk berühmt zu machen eigne er sich nicht.

Genau dort setzt neobooks, der im Oktober 2010 gegründete digitale Imprint von Droemer Knaur, an. Hier bestimmt die Community über die Verwirklichung von Buchprojekten mit und ermöglicht so, unbekannten Autoren einen Autorenvertrag zu bekommen.Wie genau das funktioniert, erklärte Eliane Wurzer. Texte können als pdf oder ePub auf die Plattform geladen werden und dort entweder direkt zum Verkauf angeboten oder der Crowd zur Bewertung präsentiert werden. Mit dem Feedback und den Bewertungen der User wird pro Quartal eine Top10 festgelegt, die dann vom  hauseigenen Lektorat begutachtet wird, um letztlich fünf preisgünstige (3,99 bis 6,99 €) eRiginals (eRiginals nennt man E-Books, die allein in digitaler Form existieren) pro Quartal auf neobooks zu veröffentlichen. Ein bis zwei Titel werden außerdem ins Taschenbuchprogramm übernommen. Genretechnisch beschränkt man sich dabei momentan auf fünf Richtungen: Thriller, Memoir, Avantgarde, Top-Titel und Erotik. Entscheidend bei diesem Crowdsourcing-Beispiel ist das Eingreifen des Verlags in bestimmte Maßnahmen. Die Textauswahl der Crowd wird lediglich als Empfehlung betrachtet, alles weitere liegt in der Hand des Verlages (Vertriebswege, Cover- und Preisgestaltung)

Als drittes Beispiel für Crowdsourcing wurde Jovoto vorgestellt, eine Plattform, die sich nicht auf das Buch spezialisiert, sondern branchenübergreifend kollaborative Ideenfindung unterstützt. Unter dem Titel „Flying Sparks“ wurden Ideen zum Transmedia Storytelling entwickelt, gesammelt, in der Community modifiziert und evaluiert. Eine wertvolle Erkenntnis aus der Crowdsourcing-Praxis sei, dass die User, die sich für eine Idee aussprechen und an ihr mitentwickeln, sich im Falle ihrer Umsetzung beinahe ebenso freuen wie die Urheber. Kritisch sei bei allen Projekten die Betreuung einer Community. Die Betreuer einer Plattform müssen für die Community als Person greifbar und präsent sein.

„Wo begegnet dem Buchhandel eigentlich eine Crowd?“ fragte abschließend Réne Kohl von der Internetsortimentsbuchhandlung Kohlibri. Auf erfrischende Art berichtete Kohl von seinen Erfahrungen mit der Crowd als Autor (bei jedem funktionierenden Projekt im Internet, etwa wikipedia oder leo, braucht der Buchhändler sich um ein Regal weniger Gedanken zu machen),  der Crowd als Lektor (eigentlich ist es egal, wer die Bücher findet, so lange sie gut sind, letztlich sind etablierte Lektoren und Verlage aber eine sichere Größe), der Crowd als Rezensent (schöne Entwicklung, ans Herz gelegt: buecherkinder.de), der Crowd als PR-Maschine (funktioniert bisher erstaunlich gut, es sei aber zweifelhaft, wie lange vor allem die überwiegend positive Bloggerinnen-Kritik noch einen solchen Einfluss habe) und der Crowd als Feedbackmaschine (gerne mehr und auch umfassender: Die Crowd als wirklicher Ideengeber für ein Buch ist ein Wunsch von ihm).

Fünf Erkenntnisse und Fragen, die ich aus diesen Vorträgen mitnehme:

  1. Lassen sich Ideen wirklich leichter verkaufen als fertige Produkte? (Marion Schwehr)
  2. Wird das Format der Literatur-Singles der große Gewinner der wachsenden Digitalisierung sein?
  3. Eine Crowd ist nicht gleich eine Community!
  4. Der Sexappeal, der ein eBook Reader auf dem Tisch in einer Bar seinem Besitzer verleiht, liegt etwa bei dem einer Versicherung. (Réne Kohl)
  5. Für wissenschaftliche oder essayistische Bücher kann ich mir eine initiierende Ideengebung aus der Crowd gut vorstellen, aber funktioniert das auch bei Belletristik? Für mich vermutlich nicht, denn die besten Romane sind doch die, mit denen man nicht gerechnet hat. Die Bücher, die einen im Plot oder der Sprache überraschen.

Es bleibt zu sagen: Es war ein inspirierendes Event, das hoffentlich in Zukunft weiter frei zugänglich in Berlin stattfinden wird!

Videointerviews und Sessionmitschnitte vom Frankfurter BuchCamp gibt es hier

Foto: Lisa Heyse

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Lisa Heyse

Lisa Heyse ist nach ihrem Studium der Kulturwissenschaft und Germanistik in Bremen zu den Angewandten Literaturwissenschaftler und Litaffinen gestoßen. Nebenbei arbeitet sie als freie Lektorin, Gutachterin für Kinder- und Jugendbücher sowie Moderatorin und organisiert ein europäisches Literaturfestival in Kiel.

4 Gedanken zu „BuchCamp Berlin: „Visionen zulassen“ oder „Wie sexy ist ein eBook-Reader?“

  • 22. Mai 2011 um 15:20
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    Informativer Artikel, der mir sehr gut gefällt.

    Puh, es tut sich viel auf dem Buchmarkt -- für eine kleine öffentlich Bücherei, in der ich arbeite, kaum nachzuvollziehen -- aber interessant!

  • 23. Mai 2011 um 15:15
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    Ich sage Danke für den schönen Artikel und freu mich, dass Sie die Frage, ob sich Ideen tatsächlich leichter verkaufen lassen als fertige Produkte, mitgenommen haben. Ich hätte diese These gerne noch mit den anderen Podiumsgästen und mit dem Publikum diskutiert.

    Damit gemeint ist, dass Ideen etwas Elektrisierendes und Ansteckendes haben (können). Vorausgesetzt, man bindet die Leute entsprechend ein und man schafft es, die Idee auch tatsächlich rüber zu bringen.
    Letztlich geht es um den Unterschied zwischen „Gestalten“ und „Kaufen“. Das eine spricht Kopf und Herz an. Das andere den Geldbeutel. Das eine macht aus dem Leser einen Mitwirkenden oder zumindest einen Beobachter. Das andere einen Konsumenten. Ich glaube, wer sich für Bücher interessiert, hat eine Affinität zum Kreativen und ist deshalb für Ideen grundsätzlich sehr zugänglich.

    Antwort von Lisa Heyse am 23. Mai 2011 um 20:43

    Ich sage vielen Dank für den Kommentar. Und ich denke, dass einige Personen aus dem Publikum und vom Podium gerne die aufgestellten Thesen diskutiert hätten.

    Im Grundsatz stimme ich Ihnen vollkommen zu: Wenn man in etwas involviert ist, gewinnt es an Bedeutung, an Attraktivität und hinterlässt sicher auch einen tieferen Eindruck. Doch kann ich mir das im Buchbereich praktisch nicht für alle Buchtypen und auch nicht für alle „Lesertypen“ gleichermaßen vorstellen. „Universalcode“ scheint mir ein Paradebeispiel für ein sinnvolles Projekt, bei dem das Mitwirken der potenziellen Leser aus einem begründeten Interesse und mit einer ernsthaften Motivation betrieben wird.
    Für den Bereich der Belletristik stelle ich mir dies schwieriger vor, denn dort möchte ich das Konzept des Buches nicht vorab wissen und freue mich auch, im Nachhinein über die Sinnigkeit der typographischen und Covergestaltung nachzusinnen. Gerade bei unterhaltender Literatur denke ich, dass der Wunsch des einfachen, wenig aufwendigen Kaufens nicht unterschätzt werden darf. Die Hürde, sich aktiv in die Ausgestaltung eines Buchprojekts läge hier eventuell zu hoch.

    Vielleicht kann ich diesen Kommentar auch gleich nutzen, um zu fragen, ob Sie demnächst für ein kurzes Interview zu dem literarischen Street View Projekt erreichbar wären?

  • 24. Mai 2011 um 07:51
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    Da haben Sie Recht. Belletristik ist eine ganz andere Sache. Leser womöglich noch beratend in die Entstehung eines Romans einzubeziehen, ist alles andere als inspirierend -- weder für die Leser, noch für den Autor. Die Leser aber spielerisch schon einzubinden, bevor es das Buch gibt, kann sehr spannend sein. Z.B. über einen Nebenstrang der Geschichte, damit das eigentliche Buch noch eine Überraschung bleibt…

    Ich freu mich, wenn Sie sich bzgl. Streetview Literatur bei mir melden. Meine Kontaktdaten finden Sie im Impressum auf dem Streetview Blog oder bei euryclia.

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