Gruppe C | Land 1

Fast einen Monat lang befand man sich bereits unterwegs. Während dieses ganzen Monats zog der tapfere Tartarin von Siedelung zu Siedelung durch die große vom Cheliff durchflossene Tiefebene, immer auf der Suche nach den Löwen, die sich durchaus nicht finden lassen wollten; nach allen Richtungen durchstreifte er das grausige und seltsame französische Algerien. Hier vereinigen sich die Düfte des alten Orients mit Kasernendunst und Absinthgeruch, halb Abraham, halb Zuave, halb Märchenstück, halb Hanswurstiade, wie eine Seite aus dem alten Testament, erzählt vom Sergeanten La Ramée oder dem Unteroffizier Pitou.

Welch seltsames Schauspiel für den, der Augen hat, zu sehen. Ein wildes, zugrunde gehendes Volk, das wir zu zivilisieren meinen, indem wir ihm alle unsere Laster beibringen. Die brutale Willkür und unbeschränkte Macht märchenhafter Paschas, die sich mit vieler Würde der Bänder des Kreuzes der Ehrenlegion bedienen, wenn sie sich schneuzen, und die wegen eines Ja oder eines Nein ihre Untertanen auspeitschen lassen. Die gewissenlose Rechtsprechung von Kadis mit großen Brillen, die, als echte Heuchler vor dem Koran und dem Gesetze, von nichts träumen, als vom 15. August [Geburtstag Napoleons I.] und der an diesem Tage zu erhoffenden Beförderung, und dabei ihre Urteilssprüche, wie Esau sein Recht der Erstgeburt, für ein Linsengericht oder für gezuckerten Koußkouß verkaufen.

Da sieht man liederliche und dem Trunke ergebene Kaids, die sicher ehemals Stiefelputzer bei irgendeinem früheren General Jussuf oder Achmed waren, und die nun mit eingeborenen Wäscherinnen Champagnergelage feiern und Hammelbraten schlemmen, während draußen vor ihren Zelten der ganze Stamm schon mit dem Hungertode ringt und den Hunden die Reste von der Tafel des Herrn streitig macht.

Ringsumher Landstrecken, die brach liegen, von der Sonne verbrannte Wiesen, kahles Gestrüpp, Kaktus- und Pistazien-Dickichte, wo Getreide in vollen Ähren stehen sollte. Die Kornkammer Frankreichs! Eine Kornkammer ohne Korn, aber voll von Schakalen und Ungeziefer aller Art. Fortwährend trifft man auf verlassene Siedelungen, aussterbende Stämme, die auf der Flucht vor dem Hunger umherirren und ihren Weg mit Leichen bezeichnen. Hin und wieder kommt man an ein französisches Dorf, dessen Häuser nur noch Trümmerhaufen gleichen, dessen Felder unbestellt sind, eine Beute der Heuschreckenschwärme, die alles mit Stumpf und Stiel auffressen – die Ansiedler selbst sitzen in den Schenken, trinken ihren Absinth und schwatzen klug über allerhand Reformprojekte und über die Verfassung.

Das alles hätte, wie gesagt, Tartarin sehen können, wenn er sich die Mühe gegeben hätte; er hatte aber nichts anderes als seine Löwen im Kopfe; so marschierte denn der Mann aus Tarascon immer weiter, sah nicht nach rechts und nicht nach links, sondern hatte das Auge hartnäckig auf jene Ungeheuer seiner Einbildung gerichtet, die sich durchaus nicht blicken lassen wollten.

Da der Schattenspender sich nun einmal nicht aufklappen ließ, und da die Bouillontafeln nicht weich zu bekommen waren, so war die Karawane gezwungen, früh und abends in den Lagern der Stämme einzukehren.

Unsere Jäger wurden, dank des Käppi des Prinzen Gregor, überall mit offenen Armen aufgenommen. Sie wohnten stets bei den Häuptlingen, deren sonderbar eingerichtete Residenzen großen, weißen, fensterlosen Bauernhöfen glichen, wo man in buntem Durcheinander türkische Nargilehs und Möbel aus Mahagoniholz fand, Teppiche aus Smyrna und Moderateurlampen, Truhen aus Zedernholz, gefüllt mit türkischen Zechinen, und Stutzuhren mit Figuren im Stile Louis Philipps. Überall veranstaltete man zu Ehren Tartarins die glänzendsten Feste. Ihm zu Ehren paradierte die waffenfähige Mannschaft jedes Stammes; es wurde dabei viel geschossen, und die weißen Burnusse leuchteten im hellen Sonnenglanz. Wenn dann genügend Pulver verknallt war, kam der gute Häuptling und präsentierte seine Rechnung… Das nennt man arabische Gastfreundschaft.

Und immer noch keine Löwen! Nicht mehr Löwen als auf dem Pont-Neuf in Paris.

Trotzdem ließ der Tarasconese aber den Mut nicht sinken. Immer weiter drang er tapfer nach Süden vor und brachte seine Zeit damit hin, die Gebüsche zu durchsuchen, stieß mit dem Gewehrlaufe an die Zwergpalmen und machte, so oft er an einem Dickicht vorbeikam: „Ksch! Ksch!“ Abend für Abend ging er dann, bevor er sich schlafen legte, ein bißchen auf den Anstand, so zwei bis drei Stunden. Verlorene Mühe! Kein Löwe zeigte sich!

Als jedoch die Karawane eines Abends, etwa um die sechste Stunde, ein Pistazienwäldchen durchzog, in dem dicke, von der Hitze fast betäubte Wachteln im Grase hin und herhüpften, glaubte Tartarin – ganz leise, ganz entfernt, vom Winde nur eben herübergetragen – jene Töne zu hören, denen er daheim in Tarascon so oft gelauscht, hinter Mitaines Menagerie.

Zuerst wollte der Held seinen Ohren kaum trauen. Aber im selben Augenblick wiederholte sich das Brüllen; es war noch immer weit entfernt, aber deutlicher zu unterscheiden. Als nun ringsum in den Gehöften die Hunde zu bellen anfingen, begann auch das Kamel, von furchtbarer Angst gepackt, zu zittern, so daß die Konserven und die Waffenkisten erklirrten.

Es konnte nun kein Zweifel mehr sein. Es war ein Löwe! Schnell, nur schnell auf den Anstand! Keine Minute war zu verlieren!

In nächster Nähe befand sich ein alter Marabut, die kleine Grabkapelle eines muhammedanischen Heiligen. Seine weiße Kuppel war weithin sichtbar; die großen gelben Pantoffeln des Verstorbenen standen in einer Nische über dem Eingange, und eine Menge dem Toten gewidmeter Gegenstände hingen an den Wänden: große Stücke Burnus, Goldfäden, rote Haare usw.

Hier brachte Tartarin seinen Prinzen und sein Kamel unter, während er selbst sich nach einem Platz zum Anstand umsah. Prinz Gregor wollte ihn begleiten, aber der Tarasconese wies ihn zurück. Ganz allein wollte er dem Löwen gegenübertreten. Jedenfalls aber bat er Seine Hoheit, sich nicht zu entfernen, und übergab ihm der Vorsicht halber seine mit Wertpapieren und Banknoten gefüllte, dicke Brieftasche – aus Furcht, sie könnte von den Klauen des Löwen vernichtet werden.

Nachdem diese Vorsichtsmaßregel getroffen war, begab sich der Held auf seinen Posten.

Etwa hundert Schritte von dem Marabut verschwamm in den Schleiern der Dämmerung ein kleiner Lorbeerhain an einem fast ganz ausgetrockneten Bach. Hier legte sich Tartarin in den Hinterhalt. Vorschriftsmäßig ließ er sich auf ein Knie nieder, nahm das Gewehr in die Hand und stieß mit stolzer Bewegung sein großes Jagdmesser vor sich in den Sand.

Die Nacht brach herein. Die Abendröte wich einem violetten Schatten, dieser wurde zu einem dunklen Blau, bis endlich vollständige Dunkelheit herrschte.

Unten, zwischen den Kieseln des Baches, leuchtete wie ein Handspiegel eine kleine Wasserlache. Hierhin kamen die gelben Bestien zur Tränke. Am Abhang des jenseitigen Ufers konnte man undeutlich die hellen Spuren verfolgen, die ihre breiten Tatzen durch die Pistazien getreten hatten. Ein leiser Schauder überlief den Jäger, als er diese unheimliche Spur bemerkte. Man bedenke aber auch, was eine Nacht mitten in Afrika bedeutet: wie da ringsum das Getier gespenstig fliegt und kriecht, Äste knacken, wie man die leisen Schritte auf Raub ausgehender Tiere hört, wie von weitem das Geheul der Schakale herübertönt und wie oben am Himmel, ein bis zweihundert Meter über der Erde, große Züge von Kranichen vorüberziehen, deren Geschrei sich wie das kleiner Kinder anhört, die man erwürgt – man bedenke das, und man wird zugeben müssen, daß dabei auch dem Beherzten der Mut schwinden kann. Und so geschah es Tartarin. Sein ganzer Mut war wie mit einem Schlage zum Teufel gegangen. Dem armen Mann klapperten die Zähne. Und auf dem Stichblatt seines im Erdboden steckenden Jagdmessers klirrte und klapperte der Lauf seines gezogenen Gewehres wie Kastagnetten.

Übrigens, wer will ihm das auch verübeln? Es gibt eben Abende, an denen man sich nicht so recht aufgelegt fühlt, und wo würde denn das besondere Verdienst des Helden liegen, wenn er überhaupt nicht wüßte, was Furcht ist? Offengestanden! Ja, Tartarin hatte Furcht! Er fürchtete sich, seitdem er sich auf den Anstand begeben hatte. Nichtsdestoweniger hielt er eine Stunde, zwei Stunden lang aus – aber auch der Heroismus hat seine Grenzen. Ganz in seiner Nähe, im Bett des fast ausgetrockneten Baches, hörte der Tarasconese plötzlich das Geräusch von Schritten und das Rollen von Steinen. Da hielt er es nicht länger aus. Furchtbar erschrocken sprang er auf, feuerte auf gut Glück seine zwei Schüsse in die Nacht hinein und lief, so schnell ihn seine Füße tragen konnten, nach dem Marabut; und sein Messer ließ er im Sande stecken, gewissermaßen als Wahrzeichen der fürchterlichsten Angst, die jemals das Gemüt eines Löwenbezwingers ergriffen hat.

„Zu Hilfe! Prinz – der Löwe!“

Tiefes Schweigen ringsum.

„Prinz! Prinz! Wo sind Sie denn?“

Der Prinz war nicht da. An dem weißen Gemäuer des Marabut warf allein das Kamel mit seinem Höcker im Mondlicht einen höchst seltsamen Schatten. Der Prinz Gregor hatte es vorgezogen, sich aus dem Staube zu machen und die Brieftasche mit den Banknoten mitzunehmen.

Seit einem Monat hatten Seine Hoheit nur auf eine günstige Gelegenheit dazu gewartet.

Am Morgen nach diesem so abenteuerlichen und auf so tragische Weise endenden Abend erhob sich unser Held ziemlich früh von seinem Lager. Als er die unumstößliche Gewißheit erlangt hatte, daß sowohl der Prinz als auch sein ganzes Geld auf Nimmerwiedersehen entschwunden waren, als er sich allein in dieser kleinen, weißen Grabkapelle sah – verraten, bestohlen, verlassen, mitten im wilden Algerien, ganz allein mit einem dummen einhöckerigen Kamel. […]

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