Kategorie: Rezensionen

Constantin Lieb

Ulrich-Peltzer-PoetikvorlesungDas Sprechen über Literatur ist dann faszinierend, wenn es intensiv und weitsichtig geschieht, wie zu Beginn des Jahres an vier aufeinander folgenden Dienstagen in Frankfurt. Im Rahmen der dortigen Poetikdozentur skizzierte der Schriftsteller Ulrich Peltzer unter dem Titel Angefangen wird mittendrin ein Literaturverständnis, das Literatur als Teil einer Liaison mit der Gegenwart niemals zu einem Ende kommen lässt. Dankbarerweise für alle, die nicht anwesend sein konnten, ist nun im S. Fischer Verlag unter gleichem Titel Peltzers Poetiktext erschienen.

Seit Ingeborg Bachmann mit ihrer Vorlesung Probleme zeitgenössischer Dichtung 1959/ 1960 in Frankfurt den Anfang machte, kamen über die Jahre in mehreren Städten eine Vielzahl von Vorlesungen hinzu, die (wenn man es so will) auch als eine Art Kanonisierung verstanden werden können. Peltzer steht 2011 am Ende eines Jahrzehnts, das in gewisser Hinsicht eine kleine Wende in dem Genre der Poetikvorlesung vollzog. (weiterlesen …)

Laura Rivas Gagliardi

9782877067409Moussa wird in einem armen Dorf in Afrika geboren. Mit ungefähr 12 Jahren verkauft sein Vater ihn gegen einen LCD-Breitbild-Fernseher an ein amerikanisches Schauspielerpaar. Von den neuen Eltern erhält er einen anderen Namen: Adam. L’amour nègre, schwarze Liebe, der neue Roman von Jean-Michel Olivier, erhielt den Prix Interallié. Er handelt von Moussas Wanderung rund um die Welt.  Moussa-Adam rettet seine ebenso adoptierte Schwester Ming vor einer Vergewaltigung. Als er sie schwängert, vertrauen seine Eltern ihm einen anderen Kinostar an. Mit ihm fliegt Adam auf dessen private Insel in Ozeanien. Ein katastrophaler Brand zerstört nicht nur alles auf der Insel, sondern auch die Freundschaft mit diesem Schauspieler und er muss fliehen. Sein Weg führt ihn über Asien in die Schweiz.

Die Suche nach dem verlorenen Paradies, nach dem Lebenssinn und der eigenen Identität erscheint sinnlos. Jenseits des moralischen und kulturellen Verfalls des Abendlands findet sich der Ich-Erzähler in einem globalen durch Kameralichtern beleuchteten Nicht-Ort, wo alle Unterschiede zwischen Völkern und Ländern und Gebräuchen und Menschen gelöscht werden. Was übrig bleibt, ist lediglich Stereotyp und Klischee. Überall wird die gleiche Musik gehört, dieselben Marken konsumiert, sogar die Gefühle und die Illusionen sind in der von Olivier erschaffenen Welt ähnlich. Die fünf Kontinente sind in fünf Kapiteln vertreten: Afrika und Elend; Amerika und große, moderne Städte; Ozeanien und viele Inseln; Asien und sexueller Tourismus; Europa und alter Charme. Aber eigentlich gibt es keinen Ort, an dem man glücklich sein kann. Man bekommt das Gefühl, eine populäre Zeitschrift zu lesen, wo alle Geheimnisse des privaten Lebens der Hollywoodstars enthüllt werden.

Sprachlich ist der Roman sehr direkt; seine kurzen Sätze lesen sich schnell, als ob das dynamische Tempo des modernen Lebens auch das Schreiben beeinflusst hätte. Vielleicht wollte der Autor damit den Ich-Erzähler mit einer Art Naivität prägen, die laut der französischen Presse manche Ähnlichkeiten mit Voltaires Candide haben soll. Es ist Zeit, dass Jean-Michel Oliviers sechs Romane endlich auch in Deutschland erscheinen.

Weitere Informationen auf der Seite des Verlags L’âge d’homme.

Dennis Grabowsky

Ein Gastbeitrag von Svenja Hoch

46129-183x300In der Reihe unserer Lieblingsbücher hat sich litaffin diesmal einen Gastbeitrag geangelt. Svenja Hoch schreibt über die Suggestivkraft der Erinnerung, heitere Poesie und tieftraurige Melancholie in Diese Liebe von Robert Cotroneo.

Edo hat das, wovon viele bibliophile Menschen wohl träumen: einen eigenen Buchladen. Er sagt „man müsse sich den Buchladen wie eine Apotheke vorstellen. Für die Leiden am Dasein.“ Zusammen mit seiner Frau Anna, die eigentlich Lehrerin ist, führt er das Geschäft. All das ändert sich, als Edo eines Morgens erwacht und sich an nichts mehr erinnert: nicht an die Koordinaten des Badezimmers im eigenen Haus, nicht an den besten Freund, nicht an die Kinder und auch nicht an Anna. Gab es zuvor nur ein „Wir“, das in der buchstabengefüllten Stille des Buchladens seinen Ausdruck fand, so lebt Edo jetzt allein in einer Welt, die ihm in jedem Winkel nur Unbekanntes bietet, dem „Land des Ungesagten“.

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Markus Streichardt

Tree-of-Codes-Cover-203x300Gerade erst haben wir euch einen Ausblick gegeben, welche technischen Trends den Literaturbetrieb in Zukunft verändern werden. In aller Munde ist natürlich das ebook, das bereits seinen Siegeszug antritt oder demnächst antreten wird. Aber jede Bewegung bringt gleichzeitig ihre Gegenbewegung hervor oder wie mein ehemaliger Philosophieprofessor zu sagen pflegte: Alles ist dialektisch.

Jonathan Safran Foer, amerikanischer Bestseller-Autor und Multitalent, macht mit seinem neusten Werk Tree of Codes vor, was mit einem Buch aus Papier alles möglich ist. (weiterlesen …)

Laura Rivas Gagliardi

Show-do-chico LitaffinChico Buarque zeigt die brasilianische geschichtliche Erfahrung aus einer großartigen Perspektive, die den Abstand zwischen Literatur und Gesellschaft verringert.

Im November 2010 stürmte die brasilianische Polizei Vila Cruzeiro, eine der größten Favelas in Rio de Janeiro, mit einem Großaufgebot an Polizisten, Hubschraubern und Panzern. „Vila Cruzeiro gehört wieder zum Staat“, ließ der Vizechef der Polizei nach dem Einsatz verlauten – was so klang, als ob Vila Cruzeiro irgendwann nicht mehr zum Staat gehört hätte. Die Kollision zwischen Drogenhändlern und Polizei ist auf keinen Fall etwas Neues. Neu ist, dass die Angriffe live übertragen werden, um das Gefühl von Ordnung und Sicherheit herzustellen, und nicht zuletzt um die Macht der Regierung zu demonstrieren. Natürlich ist das Schönfärberei, die die soziale Probleme missachtet, und die Ursachen des Drogenhandels nicht erkennt. Wer die Augen davor verschließt, wird große Schwierigkeiten haben, die heutige Lage in Brasilien zu begreifen. Aber was haben solche Ereignisse mit Literatur zu tun? (weiterlesen …)

Dennis Grabowsky

1954 3 Felix Krull Commons-196x300Kürzlich haben hier zehn der LitaffinautorInnen eine lange Liste ihrer Lieblingsbücher zusammengestellt. In loser Reihenfolge werden wir nun einzelne literarische Favoriten vorstellen – leidenschaftliche Plädoyers statt abgewogener Rezensionen, Überzeitliches statt Aktualitätszwang. Den Anfang macht ein moderner Klassiker der Deutschen Literatur, der zuweilen von einem großen Lebenswerk an den Rand gedrängt wird.

Die Frage nach dem Lieblingsbuch stellt vor allem Vielleser vor große Schwierigkeiten. Man erinnert sich an durchlesene Nächte in Kindheit und Jugend, die jede für sich eine neu erblühende Liebe für das eine, dagegen eine erblassende für das andere Buch bedeuten konnte. Die Antwort kann immer nur Momentaufnahme sein. Mag sein, dass sie sich mit zunehmendem Alter irgendwann zumindest für eine längere Zeit Festlegung und Geltung verschafft. Doch jedes neu gelesene oder gar zuweilen wiedergelesene, wiederentdeckte Buch bedeutet Gefahr für die Hierarchie im Bücherregal.

Mein Lieblingsbuch sind die Buddenbrooks, oder nein, es ist: Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull. Der Memoiren erster Teil. Thomas Manns letzter Roman.
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Dennis Grabowsky

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Auf der wunderbar unendlichen Suche nach dem Lieblingsbuch

Was das Goethe-Institut kann, können wir auch!
Jedenfalls dann, wenn es um folgende Frage geht: Welches Buch ist mein Lieblingsbuch? Unlängst ist ein entsprechender Wettbewerb vom Goethe-Institut zu Ende gegangen. Die besten Plädoyers für das persönliche Buch des Herzens sind nun in einem unterhaltsamen Band versammelt worden. Auch wir Litaffinen haben natürlich Lieblingsbücher. Aber wir geben uns nicht mit nur einem einzigen zufrieden. Darum haben wir unsere AutorInnen gebeten, eine Liste ihrer jeweils zehn liebsten Bücher zu erstellen. (weiterlesen …)

Natalie Junger

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“Ich wurde ins Leben gefickt.” So so …, aber wer nicht?

Am Anfang steht Verlust. Auch in Nino Haratischwilis Roman Juja: „Ich war ein EMBRYO und wusste alles. Ich wurde ins Leben gepresst und vergaß mein Wissen. Ich wurde ins Leben gefickt. Man entnahm mir mein Wissen. Ich will Rache.“ So lauten die ersten Zeilen von Juja; sie gehören Jeanne Saré, einer jungen Frau mit weißer Haut, etwas zu langen Armen und sich abzeichnenden Rippen, mit einem starren Gesicht, das leblose Lippen, eine kleine Nase, hohe Wangenknochen und tiefe, sumpfgrüne Augen unter einer breiten Stirn beherbergt. So sieht ein Mädchen aus, das aufgebrochen war, „um die Welt zu beenden.“ Angeblich. Ein Mädchen, das apokalyptisches Gedankengut in poetischen Zeilen fixiert, aus denen Einsamkeit und Verzweiflung ebenso laut herausschreien wie eine tiefsitzende, unerfüllte Sehnsucht nach – Liebe, Leben? So schreibt ein Mädchen, das ihr Dasein gegen den Tod eintauscht. Angeblich. Jeanne Saré soll in den 1950er Jahren in Paris gelebt haben, bis sie sich im Alter von 17 Jahren am Gare du Nord vor einen Zug warf. Ihre Schriften gelangten knapp 20 Jahre später an die Öffentlichkeit, wo sie 14 Frauen in den Freitod führten. Weil diese sich wiedererkannten in der Weltverlorenheit des jungen Mädchens, um das sich angesichts der wenigen Informationen zu ihrer Person ein Mythos rankte. Und „einen Mythos hinterfragt man nicht. Deswegen ist es ja auch ein Mythos“, so der Verleger von Sarés Texten.
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Dennis Grabowsky

Vorsicht: Verbrennungsgefahr – Teil 4. Litaffin hat die Vorschläge für die Hotlist gelesen, um vorzukosten, ob da wirklich alles so “hot” gegessen wird, wie es gekocht wird.

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Irgendwo auf diesem Bild hat sich ein Nobelpreisträger versteckt.

Wie kleidet man sich, wenn man unter ständiger Beobachtung steht?
oder
Wie einmal ein großer Dichter von einem kleinlichen Geheimdienst bespitzelt wurde

Wenn er dann auf einmal vor einem steht, ist alles gar nicht so aufregend, wie man es sich ausgemalt hatte.
„Herr Grass, wären Sie so nett…?“
Was soll man schon sagen? Zumal der Nobelpreisträger, der als geduldiger Autogrammschreiber gilt, die lange Reihe der Unterschriftensammler schon abgearbeitet glaubte.
Es war ein gelungener Abend in Leipzig. Der Alte Rathaussaal war bis auf den letzten Platz gefüllt. Und dieser war wie immer natürlich in der ersten Reihe, von wo aus man aber wenig überraschend auch den besten Blick hatte auf ihn, der hier heute im Rahmen der Buchmesse sein neues Buch vorstellte. Wobei, eigentlich ist das Buch gar nicht von ihm, sondern vom Journalisten Kai Schlüter. Streng genommen stammt die Idee dazu sogar von jemand noch ganz anderem, nämlich aus der Zentrale der Staatssicherheit der DDR, und ist etwa 50 Jahre alt. Dort kam man nämlich darauf, den in Westdeutschland – und mit Die Blechtrommel auch in der ganzen Welt – berühmt gewordenen Schriftsteller Günter Grass unter Beobachtung zu nehmen. (weiterlesen …)

Nina Lorenzen

Vorsicht: Verbrennungsgefahr – Teil 3. Litaffin hat die Vorschläge für die Hotlist begutachtet, um vorzukosten, ob da wirklich alles so “hot” gegessen wird, wie es gekocht wird.

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“Sie erwecken den Anschein, als wären sie gar nicht da. Sie sind aber da.”

Die bisher als Lyrikerin bekannte Autorin Ulrike Almut Sandig wagt in Flamingos einen ersten Ausflug in fremde Erzählwelten und landet dabei sicher auf neuem Boden.

Wie viele ihrer Kollegen entschied sich auch Ulrike Almut Sandig, nach ihrem Studium der Religionswissenschaft und modernen Indologie, für eine Ausbildung am Deutschen Literaturinstitut Leipzig, an dem sie in diesem Jahr ein Schriftstellerdiplom ablegte. Somit reiht sich die 1979 in Riesa geborene Autorin zwischen bekannten DLL-Absolventen wie Juli Zeh, Clemens Meyer, Kristof Magnusson und Hanna Lemke ein. Die Befürchtung, sich nun durch einen Einheitsbrei an Leipziger Institutsprosa blättern zu müssen, erweist sich mit Flamingos allerdings als unbegründet. Schließlich bewies die Leonce-und-Lena-Preisträgerin bereits mit zahlreichen Lyrikbänden und Hörspielen ihre literarische Wandelbarkeit.

In ihrem Erzähldebüt Flamingos zeichnet Ulrike Almut Sandig Menschen, die wie Randgestalten wirken, die in Außenseiterpositionen gedrückt werden, aber eine eigene Geschichte zu erzählen haben. Sandigs Figuren ähneln den Flamingos, die sie eingangs beschreibt: Sie sind unter uns, kaum bemerkbar, laufen uns davon und fliegen irgendwann auf. (weiterlesen …)

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