Der Defekt

Der Defekt

Mina hat sich schon immer anders gefühlt, als hätte sie einen Defekt. Sie ergründet diese Andersartigkeit mit Vetko und findet dabei die Stimme ihres eigenen Körpers. Leona Stahlmanns Debüt Der Defekt beschäftigt sich mit dem Entdecken der weiblichen Lust.

Der Defekt Foto: Eileen Schüler

Im Sommer, als Mina 16 Jahre alt wird, tritt der 18-jährige Vetko in ihr Leben. In der Schule ist er der Einzelgänger, liest in den Pausen oder hört 70er-Jahre-Gitarrenmusik und wirkt nicht sehr anziehend. Mina fühlt sich jedoch auf eine besondere Art und Weise zu ihm hingezogen. Die beiden kommen sich näher. Mina entdeckt mit Vetko ihr sexuelles Verlangen und erfährt durch ihn, wonach sie sich im Verborgenen sehnt. Sie tun es in Feldern, in einer verlassenen Kapelle, an Orten, an denen sie die konservativen Eltern oder keine*r aus dem kleinen Schwarzwälder Dorf sehen könnte. Mina begibt sich immer mehr in Vetkos Kontrolle und taucht in die Welt des BDSM ein. Sie liebt das dunkle Spiel und doch kommen in ihr Zweifel hoch.

Fasziniert von Brennnesseln

Die Pflanze mit den gezackten Blättern, fand Mina, war die schönste von allen, auch wenn sie nicht so aussah: Welche Pflanze konnte schon die Welt schrumpfen?

Die Faszination, die Brennnesseln für Mina haben, lernt sie schon mit fünf Jahren kennen. Das Brennen, das die Zacken der grünen Pflanze auslösen und sich wie Feuer oder tausend Ameisen anfühlt, nutzen Vetko und Mina für ihre sexuellen Experimente auf der Haut.

Die Brennnessel war ihr Vergissmeinnicht.

Schmerzen, Befehle, Drohungen – daraus besteht ihre Beziehung. Für Mina ist der Schmerz, im Gegensatz zur Liebe, ein ordentliches Gefühl, weil es eindeutiger ist.

Sich fügen. Alle Sprache beginnt mit nur einem ersten Wort. Das war ihres, und sie spürte die Triebe des keimenden Wortes an ihrer Unterlippe, nachgiebig genug noch, um sie dahinterzuhalten. Aber sie waren gepflanzt.

Zusammen suchen und finden die beiden Jugendlichen ihre eigene Sexualität, die Stimme des Körpers und das Verlangen. Als Vetko jedoch eine Grenze überschreitet und sich die Schulzeit dem Ende zuneigt, gibt es einen abrupten Wandel in ihrer Beziehung.

Elektrisierende Spannung durch dichte poetische Sprache

Leona Stahlmann baut in ihrem Debüt Der Defekt eine elektrisierende Spannung auf. Das schafft sie aber nicht durch eine handlungsreiche Geschichte, sondern durch ihre dichte poetische Sprache. Sie beschreibt die Wahrnehmungen, Gefühle und Berührungen sehr bildhaft und verwendet dabei malerisch schöne Vergleiche.

Die Autorin geht nicht explizit auf die sexuellen Praktiken ein, sondern umschreibt sie mit einer beeindruckenden Sprachgewalt und viel Metaphorik. Die Erlebnisse werden überwiegend aus Minas Perspektive erzählt, wodurch sie den Blick auf das weibliche Lustempfinden fokussiert, das durch vielseitige Facetten geprägt ist. Die 1988-geborene Journalistin und Autorin schreibt hier über ein Thema, das noch vielen Menschen schamhafte Röte ins Gesicht treibt. Es gelingt ihr dieses Tabu gleichzeitig sanft und brutal zu brechen. Literarisch sowie journalistisch versucht Leona Stahlmann in ihren Texten sexuelle Randgruppen sichtbarer und erfahrbarer zu machen.

Es ist ein empfehlenswerter Roman, der auch zum Nachdenken über den eigenen Körper und die eigene Sexualität anregt. Um Stahlmanns Debüt in seiner Brillanz und Intensität auf sich wirken zu lassen, braucht man Zeit zum Lesen, beispielsweise an einem trägen heißen Sommertag.

Leona Stahlmann: Der Defekt, Kein & Aber 2020.

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In Dresden ist sie in einer großen Familie aufgewachsen, in Chemnitz hat sie studiert, eher so aus Trotz, und ist dann Hals über Kopf nach Berlin, hat eine Beziehung mit Paul angefangen und ist erst mal bei ihm eingezogen: Gisela ist die Protagonistin in Paula Irmschlers Debüt Superbusen, die zurück nach Chemnitz fährt in eine Zeit und einen Freundinnenkreis, der sie politisiert, gestärkt und selbstbewusst gemacht hat – und mit dem sie vor gar nicht so langer Zeit diese Band hatte: Superbusen.

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Die Glasschwestern Foto: Eileen Schüler
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Zeig ihnen, wie man Spaß hat

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Flexen. Flâneusen* schreiben Städte

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Eine Stadt zu Fuß zu erobern, bedeutet, sie sich Schritt für Schritt anzueignen. Doch entspannt durch Straßen zu schlendern oder sich durch eine Menge treiben zu lassen, sind Privilegien. Für Frauen, People of Color oder LGBTQ-Personen ist es hingegen nicht selbstverständlich, sich frei und unbeschwert im öffentlichen Raum bewegen zu können. Wie anders ihre Perspektiven auf Städte sein können, zeigt die Anthologie „Flexen. Flâneusen* schreiben Städte“. Sie vereint 30 literarische Texte von jungen Autor*innen und rechnet mit dem Mythos des klassischen Flâneurs ab.

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Die Überflüssigkeit der Dinge
Foto: Eileen Schüler
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