Kategorie: Rezensionen

Lina Kokaly

Dummy-300x206Das aktuelle Thema des Gesellschaftsmagazins Dummy ist Scheiße. Wer die Website der Zeitschrift besucht, sieht zur Zeit einen kotenden Mann und hört ein Toilettenspülgeräusch. Auch das Inhaltsverzeichnis liest sich wenig appetitlich. “Wie man aus Scheiße Gold macht”, ein Gespräch mit einem Dixi-Klobesitzer, oder auch “Gott ist Kot – Ein erhellendes Gespräch über eine dunkle Materie”. Vor Tabus und Nonchalance schreckten die Magazin-Macher noch nie zurück: Das Heft zum Thema “Provinz” schmückte Heidi Klum auf der Titelseite und die Ausgabe zum Thema “Männer” zeigte weinende Soldaten.
Der Züricher Kein & Aber Verlag gibt nun ein Buch heraus, das laut Ankündigung “das Beste und Schlimmste aus 30 Mal Magazinmachen versammelt”. (weiterlesen …)

Dennis Grabowsky

Wie gebannt saß ich vor dem Fernseher, mit offenem Mund, weit aufgerissenen Augen. Kaum traute ich mich zu atmen. Ich konnte einfach nicht glauben, was da auf dem Bildschirm vor sich ging. An Lachen war gar nicht zu denken. Ich konnte alles so genau verstehen, wie ich noch nie etwas verstanden hatte – und doch war ich ganz aus dem Häuschen, dass so etwas möglich war. Dabei waren es doch einfach nur eine Skatrunde oder ein Konzertbesuch, was dort gezeigt wurde.

An mein genaues Alter kann ich mich nicht mehr erinnern. Aber ich spüre noch heute die Faszination, die mich fesselte, als ich zum ersten Mal in meinem Leben mit Loriot in Berührung gekommen war. Von da an sollte er noch oft meinen Lebensweg kreuzen, wie er so vielen von uns in ihrem Alltag immer wieder begegnet ist. Und das wird er weiterhin. Manchmal ist sogar Pathos angebracht, um mit Kleist zu sprechen: „Nun, o Unsterblichkeit, bist du ganz mein!“

Alle Lobeshymnen sind längst gesungen. Und sie werden jetzt wieder folgen. Wie diese hier. Sie können nur unzureichend das ausdrücken, was Loriot vielen Menschen wirklich bedeutet hat, wie viele seiner Formulierungen in den Alltag eingegangen sind und allen ein lächelndes Einverständnis geschenkt haben. Was ist große Literatur, wenn nicht Loriot?
Ich selbst traf Bernhard Victor Christoph-Carl von Bülow gemeinsam mit der kongenialen Evelyn Hamann als kleiner Junge auf der Berliner Premiere eines seiner beiden Kinofilme. Loriot war da, ein älterer Herr, der in allen Generationen seine Groupies hatte und den man sich zum Großvater wünschte. Erneut begegnete er mir zur Immatrikulation an der FU Berlin, zu der er die Willkommensrede hielt. Letzte Zweifel an der Wahl des Studiums waren wie weggeblasen. Wo Loriot ist, da ist man richtig, dachte ich.

Er soll, so lauten die Geschichten, ein penibler und strenger Arbeiter gewesen sein, streng zu anderen wie zu sich selbst. Anders aber ist diese Qualität komischer Kunstfertigkeit nicht erreichbar. Alles muss stimmen: Timing und Mimik, Requisite und Maske, Gestik und Wort – und Musik, die Loriots große Leidenschaft war. Seine Sketche und Texte sind Kompositionen, bei der jeder Ton exakt dort gesetzt ist, wo er hingehört. Und doch haftet dem allen eine unglaubliche Leichtigkeit an, die nicht nur einen kleinen Jungen ganz baff vor dem Fernseher staunen lässt. Und in diesem einen Fall hatte er dann doch fast Unrecht: „Ich lasse mir doch von einem Fernsehgerät nicht vorschreiben, wo ich hinsehen soll!“ Wenn Loriot auf diesem Gerät erscheint, dann stellt sich die Frage erst gar nicht.

Loriot ist tot. Seiner Familie gilt unsere Anteilnahme.

Johannes Schüller

RadioVampire, Cyborgs, Handygirls, Nachtwanderungen und Dresdner Märchenviertel: das sind u. a. die Themen der im Sommersemester 2011 im Seminar Literatur im Radio entstandenen Beiträge. Gehört werden kann jeweils eine Sendungsstunde auf dem uniRadio 97,2  Berlin-Brandenburg beim Format Dahlemer Diwan. Sendezeiten: am 5. August, 2. September, 30. September und 28. Oktober jeweils 20 Uhr.

 

Hier die ersten Kostproben aus den Sendungen zu “Science Fiction und Utopie” bzw. “Transmedialität”:

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Bild: Flickr.com/ Ross Murray

Caitlin Hahn

5627-twitteratur-178x300Twitteratur, das heißt “Weltliteratur in 140 Zeichen”. Das Geschenkbuch hält Schritt mit der immer wachsenden Tendenz, bekannte Romane, Stücke und Erzählungen mit Blick auf die aktuellsten Trends neu zu rekonstruieren.

Von Alexander Aciman und Emmett Rensin, zwei Studenten  der University of Chicago, konzipiert, lässt “Twitteratur” sich  schnell lesen und umfasst circa 71 Werke in knapp 200 Seiten. Jeder Text wird von einem fiktiven Twitterer aus der Sicht einer der Figuren aus dem originalen Buch umgeschrieben. Es sind sowohl Kafka, Shakespeare und Homer als auch Stephenie Meyer und J.K. Rowling dabei. Frankenstein, zum Beispiel, wird von @Frank-N-Furter getwittert: “Es lebt! Ich hau ihm wohl besser ein paarmal den Feuerlöscher über die Rübe”. (weiterlesen …)

Lina Kokaly

Petermann-182x300Ein kleiner Junge dringt beim Spielen durch ein geöffnetes Fenster in die Wohnung eines Verstorbenen ein. Die Leiche verwest am Esstisch und langweilt sich. Der spielende Junge, der neugierig durch die Wohnung streift und versucht, die Leiche kennenzulernen, ist eine willkommene Abwechslung im tristen Leichenalltag.

In einer anderen Geschichte überfallen zwei Freunde, ein realer und ein imaginärer, einen Copy-Shop und entführen Veronika. Die möchte mit den Freunden überallhin flüchten, nur nicht ans Meer, denn dort wollen schließlich alle hin.

So unterschiedlich sind die Handlungen der 17 Erzählungen von Stefan Petermann im Band Ausschau halten nach Tigern. Petermann wechselt geschickt Perspektiven, lässt die unterschiedlichsten Figuren handeln. Sie alle eint dennoch die poetische Sprache, die Sprache derjenigen, die in den 90ern Jugendliche waren.

“Als meine Schwester herausfand, dass Pferde auch zu Hundefutter verarbeitet werden, war ihre Kindheit beendet”, sagen die Helden. Und: “Eigentlich schätze ich ja besonders die aggressive Phase beim Alkoholrausch. Die Zeit, wenn man mit Freunden nachts durch die menschenleere Stadt streunt und plötzlich das Bedürfnis verspürt, etwas zerstören zu wollen. Da weiß man in dem Augenblick schon, wie bescheuert das ist, aber man macht´s trotzdem.” (weiterlesen …)

Sarah Ehrhardt

Kartegebiet3-e1299964063535Das enfant terrible der französischen Literaturszene, der Baudelaire der Supermärkte, hat einen neues Buch geschrieben. Platz eins auf den französischen Bestseller-Listen, Gewinn des wichtigsten französischen Literaturpreises, große Begeisterung bei Freunden wie Feinden – was ist dran am neuen Roman von Michel Houellebecq?

Jed Martin ist Künstler. Er lebt allein in seiner unaufgeräumten Pariser Wohnung, lauscht dort dem rhythmischen Glucksen seines alten Warmwasserboilers und holt wie jedes Jahr zu Weihnachten seinen Vater für ein paar Stunden zum Essen aus dem Altersheim. In der Kunst hingegen will Jed sich nicht wiederholen. Er fotografiert und bearbeitet Straßenkarten der französischen Firma Michelin, malt eine Reihe von Gemälden, die Menschen wie Steve Jobs oder das Escort-Girl Aimée bei ihrer Arbeit zeigen und dokumentiert am Ende seines Lebens den Zerfall aller Dinge mittels collagenartiger Videogramme. Jed macht sich einen Namen in der internationalen Kunstszene und sein Galerist beschließt, sich für die Katalogtexte prominente literarische Unterstützung ins Boot zu holen: den weltberühmten Schriftsteller Michel Houellebecq. (weiterlesen …)

Constantin Lieb

Bild-ORZ-298x300Die interessantesten Momente beginnen oft mit einem Geständnis. Hier kommt meins:
Es sollte eigentlich um den Konzertpianisten a.D. und Schriftsteller Alfred Brendel gehen, um die Verbindung zweier Kunstformen in einer Person und um den Begriff des „Musikschriftstellers“, der ihm vom Feuilleton gerne aufgetragen wird und gegen den er sich mindestens genauso gerne wehrt, wie gegen Hustenanfälle in Konzertsälen.

Ich hatte bereits alles vorbereitet. Mein aktueller Bezug sollte Brendels Lyrik-Lesung in der Berliner Philharmonie sein, von der ich etwas enttäuscht war. Zudem besorgte ich mir das im Hanser Verlag erschienene Buch Nach dem Schlussakkord. Die Enttäuschung über die Lesung wollte ich mit dadaistischen Verweisen verknüpfen, da sich Alfred Brendel als Lyriker selbst in diese Tradition einreiht. Aber wie es nun einmal so ist mit Situationen, in denen Geständnisse auftauchen, kam es auch hier anders, als zunächst vermutet. (weiterlesen …)

Constantin Lieb

Ulrich-Peltzer-PoetikvorlesungDas Sprechen über Literatur ist dann faszinierend, wenn es intensiv und weitsichtig geschieht, wie zu Beginn des Jahres an vier aufeinander folgenden Dienstagen in Frankfurt. Im Rahmen der dortigen Poetikdozentur skizzierte der Schriftsteller Ulrich Peltzer unter dem Titel Angefangen wird mittendrin ein Literaturverständnis, das Literatur als Teil einer Liaison mit der Gegenwart niemals zu einem Ende kommen lässt. Dankbarerweise für alle, die nicht anwesend sein konnten, ist nun im S. Fischer Verlag unter gleichem Titel Peltzers Poetiktext erschienen.

Seit Ingeborg Bachmann mit ihrer Vorlesung Probleme zeitgenössischer Dichtung 1959/ 1960 in Frankfurt den Anfang machte, kamen über die Jahre in mehreren Städten eine Vielzahl von Vorlesungen hinzu, die (wenn man es so will) auch als eine Art Kanonisierung verstanden werden können. Peltzer steht 2011 am Ende eines Jahrzehnts, das in gewisser Hinsicht eine kleine Wende in dem Genre der Poetikvorlesung vollzog. (weiterlesen …)

Laura Rivas Gagliardi

9782877067409Moussa wird in einem armen Dorf in Afrika geboren. Mit ungefähr 12 Jahren verkauft sein Vater ihn gegen einen LCD-Breitbild-Fernseher an ein amerikanisches Schauspielerpaar. Von den neuen Eltern erhält er einen anderen Namen: Adam. L’amour nègre, schwarze Liebe, der neue Roman von Jean-Michel Olivier, erhielt den Prix Interallié. Er handelt von Moussas Wanderung rund um die Welt.  Moussa-Adam rettet seine ebenso adoptierte Schwester Ming vor einer Vergewaltigung. Als er sie schwängert, vertrauen seine Eltern ihm einen anderen Kinostar an. Mit ihm fliegt Adam auf dessen private Insel in Ozeanien. Ein katastrophaler Brand zerstört nicht nur alles auf der Insel, sondern auch die Freundschaft mit diesem Schauspieler und er muss fliehen. Sein Weg führt ihn über Asien in die Schweiz.

Die Suche nach dem verlorenen Paradies, nach dem Lebenssinn und der eigenen Identität erscheint sinnlos. Jenseits des moralischen und kulturellen Verfalls des Abendlands findet sich der Ich-Erzähler in einem globalen durch Kameralichtern beleuchteten Nicht-Ort, wo alle Unterschiede zwischen Völkern und Ländern und Gebräuchen und Menschen gelöscht werden. Was übrig bleibt, ist lediglich Stereotyp und Klischee. Überall wird die gleiche Musik gehört, dieselben Marken konsumiert, sogar die Gefühle und die Illusionen sind in der von Olivier erschaffenen Welt ähnlich. Die fünf Kontinente sind in fünf Kapiteln vertreten: Afrika und Elend; Amerika und große, moderne Städte; Ozeanien und viele Inseln; Asien und sexueller Tourismus; Europa und alter Charme. Aber eigentlich gibt es keinen Ort, an dem man glücklich sein kann. Man bekommt das Gefühl, eine populäre Zeitschrift zu lesen, wo alle Geheimnisse des privaten Lebens der Hollywoodstars enthüllt werden.

Sprachlich ist der Roman sehr direkt; seine kurzen Sätze lesen sich schnell, als ob das dynamische Tempo des modernen Lebens auch das Schreiben beeinflusst hätte. Vielleicht wollte der Autor damit den Ich-Erzähler mit einer Art Naivität prägen, die laut der französischen Presse manche Ähnlichkeiten mit Voltaires Candide haben soll. Es ist Zeit, dass Jean-Michel Oliviers sechs Romane endlich auch in Deutschland erscheinen.

Weitere Informationen auf der Seite des Verlags L’âge d’homme.

Dennis Grabowsky

Ein Gastbeitrag von Svenja Hoch

46129-183x300In der Reihe unserer Lieblingsbücher hat sich litaffin diesmal einen Gastbeitrag geangelt. Svenja Hoch schreibt über die Suggestivkraft der Erinnerung, heitere Poesie und tieftraurige Melancholie in Diese Liebe von Robert Cotroneo.

Edo hat das, wovon viele bibliophile Menschen wohl träumen: einen eigenen Buchladen. Er sagt „man müsse sich den Buchladen wie eine Apotheke vorstellen. Für die Leiden am Dasein.“ Zusammen mit seiner Frau Anna, die eigentlich Lehrerin ist, führt er das Geschäft. All das ändert sich, als Edo eines Morgens erwacht und sich an nichts mehr erinnert: nicht an die Koordinaten des Badezimmers im eigenen Haus, nicht an den besten Freund, nicht an die Kinder und auch nicht an Anna. Gab es zuvor nur ein „Wir“, das in der buchstabengefüllten Stille des Buchladens seinen Ausdruck fand, so lebt Edo jetzt allein in einer Welt, die ihm in jedem Winkel nur Unbekanntes bietet, dem „Land des Ungesagten“.

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