Immer noch nicht genug

Während die systematische Ausgrenzung von bestimmten Menschengruppen auf der anderen Seite des Ozeans berechtigte Empörung auslöst, scheinen einige professionelle deutsche Leser eine zweite Lektüre von Kübra Gümüşays Buch zu benötigen.

Foto © Zita Balogh-Auer

Kübra Gümüşay hat ein Sachbuch geschrieben. Das Buch hat einen deutschen Titel, der Autorenname ist auffällig Türkisch. Der Titel des Buches ist „Sprache und Sein“ und es geht um die sprachbasierten Ausgrenzungserfahrungen von Minoritäten. Diese Kombination, die heutzutage wirklich nicht merkwürdig sein sollte, hat offenbar einen ziemlichen Aufschrei unter Kritikern erzeugt.

Das Thema, das Gümüşay beschäftigt, sollte für die deutschen Leser (besonders für die professionellen, von denen man genügende Kenntnisse sowohl über die Fachliteratur als auch über die belletristische Verarbeitung von Minoritätserfahrungen erwarten würde) gar nicht überraschend sein, denn das Thema wurde jahrzehntelang durch- und durchdiskutiert. Fremdheitserlebnisse, das Gefühl, einen Teil der eigenen Identität unterdrücken zu müssen, die Tatsache, dass man oft nicht als Individuum, sondern als Farbe, Sprache, Herkunftsland oder Kleidungsstück wahrgenommen wird, sind kontinuierlich (im Fall von türkischstämmigen Menschen in Deutschland genau seit 60 Jahren) mit gleicher Intensität kritisch verarbeitet. Was Gümüşay macht, sollte also gar nicht als etwas Unverständliches wahrgenommen werden. Was in „Sprache und Sein“ passiert, ist im Grunde genommen ein gründliches, besonders detailliertes Zusammensetzen eines Vademecums für diejenigen, die marginalisierte Menschen besser verstehen wollen oder zu ihren eigenen Erlebnissen passende Literatur suchen. Oder anders betrachtet: ein weiterer Beitrag zu dem Thema, das trotz des Vorwurfs „nichts Neues“ anscheinend immer noch nicht oft genug diskutiert wurde. (Beweis dafür ist die große Zahl von Rezensionen, die das Buch offenbar nicht verstehen wollen.)

Obwohl „Sprache und Sein“ stark auf Fachliteratur basiert, ist der Text auf keinen Fall trocken. Die Autorin verwendet einen Ton, der das Thema jedem zugänglich macht – und das Persönliche fehlt auch nicht. Durch ihre eigenen Erfahrungen thematisiert sie u.a. die institutionalisierte Unterscheidung zwischen deutschstämmigen und nicht-deutschstämmigen Deutsch-Muttersprachlern: Menschen, die zu einer Minorität gehören, müssen im Schulwesen ihre erste Sprache ihrer zweiten Sprache gegenüberstellen und werden als Individuen einfach dadurch als „Fremde“ wahrgenommen, dass ihre erste Sprache nicht dieselbe ist, wie die der Mehrheit. Das Aufzählen solcher Beispiele macht noch einmal auf das ziemlich bekannte Phänomen aufmerksam, dass verschiedene Sprachen verschiedene ideelle Werte haben und Türkisch und weitere östliche (Mutter-)Sprachen (die in den meisten Ländern natürlich nicht als „verlernte“, sondern gelernte Sprachen zählen) dienen oft schon im Bildungswesen als Grund für Abwertung.

Durch ihre oft intersektionalen Beispiele zeigt Gümüşay, wie das Persönliche im Fall von nicht-deutschstämmigen Menschen durch Verallgemeinern unvermeidbar politisch wird, und umgekehrt: wie das Politische das Persönliche überschreibt.

Die verarbeiteten Themen sind also nicht neu, zumindest nicht für diejenigen, die in den letzten Jahrzehnten aufgepasst haben, wenn es um Minoritätsdiskurse ging. In Gümüşays Buch gibt’s fast keine Erfahrung, die nicht schon mal angesprochen wurde. Die Frage der sprachlichen Vielfalt und ihrer Bedeutung wurde bereits vor 15 Jahren von Feridun Zaimoğlu behandelt (gemeint sind hier die Bände „Kanak Sprak“ und „Koppstoff“). Obwohl er, genauso wie vor kurzem Dilek Güngör und Fatma Aydemir das Thema belletristisch verarbeitet hat, weist die Tatsache, dass Autoren sich nach Jahrzehnten immer noch mit den gleichen Erfahrungen beschäftigen müssen, offensichtlich darauf hin, dass es an gesellschaftlicher Gleichheit nach wie vor fehlt. Trotz all dem, fragen mehrere Kritikerinnen, wen Gümüşay meint, wenn sie über die Ausgrenzungserfahrungen in zweiter Person Plural schreibt. Und damit kommt man an der interessantesten Stelle dieses Buch an, welche, mindestens für mich, die Rezeption selbst ist.

Wenn Gümüşay die Vorteile von kultureller Mehrsprachigkeit anspricht, illustriert sie es mit einem Beispiel aus Emine Sevgi Özdamars bekannter Trilogie, nämlich mit der Stelle, wo es um das Verlieren von den „Diamanten“ geht. Dementsprechend bleibt die Stelle eine Zeit lang ein Rätsel für diejenigen, die kein Türkisch sprechen, während (kulturelle) Muttersprachler ihre Bedeutung (Jungfräulichkeit) sofort verstehen. Zu dieser Feststellung gibt es nichts Weiteres zu diskutieren. Menschen ohne Fremdsprachenkenntnisse werden ziemlich viele andere Stellen in der deutschen Literatur finden, die sie nicht sofort verstehen können. Doch scheint die Analogie ein Verweis auf etwas viel Wichtigeres zu sein. Darauf nämlich, dass während Sprachkenntnisse nicht immer vorhanden sind, sich über die Erfahrungen von Minoritäten zu informieren viel weniger Zeit und Energie kostet. Doch fragen die schon erwähnten Kritikerinnen: „Wer ist »Wir«?“. Ich, einfache Expat, die kommt und geht, würde also gerne versuchen zu erklären, was dieses mysteriöse „Wir“ bedeuten mag. „Wir“ sind, nach höchster Wahrscheinlichkeit, die Menschen, deren Namen in Zeiten von Copy-Paste nicht mal richtig geschrieben werden (in mehreren Texten kommt Gümüşays Name mit einem einfachem „s“ vor, was eine andere Aussprache und dadurch einen anderen Menschen impliziert), während durch die heuchlerische Frage impliziert wird, dass es nicht offensichtlich wäre, wen eine Autorin mit einem nicht-deutschen Namen unter „Wir“ meint. „Wir“ sind die Menschen, die von Kritikern, die das rezensierte Buch angeblich gelesen haben, ausschließlich aufgrund ihrer Herkunft mit anderen Personen der Öffentlichkeit verglichen werden. „Wir“ sind Menschen, wessen Religion Einige als Waffe zu benutzen dürfen denken, wenn ihnen kein besseres Argument einfällt.

„Menschen so zu bezeichnen, wie sie bezeichnet werden wollen, ist keine Frage von Höflichkeit, auch kein Symbol politischer Korrektheit oder einer progressiven Haltung – es ist einfach eine Frage des menschlichen Anstands“

schreibt Gümüşay. Sich zu informieren ist aber auch keine Frage der oben genannten Eigenschaften, sondern, im Fall von Kritikern, berufliches Kriterium – und in allen anderen Fällen der Grund dafür, warum dieses Buch im Jahr 2020 erscheinen musste. Weil der Mehrheitsgesellschaft nach Jahrzehnten immer noch nicht klar ist, wie man die Namen von Menschen, die zu einer Minorität gehören, ausspricht. Weil es sogar unter nicht-deutschstämmigen, aber Deutsch als Muttersprache sprechenden Menschen immer noch solche gibt, die „echte“ Deutsche von „nicht echten“ unterscheiden. Und weil es Kritiker gibt, die bestimmte Minoritätserfahrungen für weniger wichtig halten als anderen.

Folgender Gedankenversuch stammt nicht von mir, sondern ist von einer Rezension inspiriert, die sich deshalb aufregt, weil Gümüşay, wie so viele andere postmigrantische Autoren, die eigene Situation in Bezug zum Zweiten Weltkrieg (oder nicht vergessen: zu Mölln und Solingen) setzt. Was wäre also, wenn jemand in der Öffentlichkeit das Leiden in KZ-Lagern genauso verkleinern würde, wie die Erlebnisse der institutionalisierten und alltäglichen Benachteiligung vermindert werden? Ist es nicht geschmackslos, die beiden Erlebnisse voneinander hermetisch abzuriegeln, wenn es so alarmierend ist, dass trotz Schoa Bücher, die die Ausgrenzung thematisieren, auf den Bestseller-Listen landen?

Wer von Gümüşays Buch eine sprachphilosophische Dissertation erwartet, sucht außer Frage am falschen Ort. Einige sprachliche Beweisführungen sind linguistisch nicht begründet, der Gedankengang führt oft zu naiven Konklusionen und man hat öfters das Gefühl, dass die Autorin ihre Erfahrungen ein bisschen mehr pauschalisiert als sie sollte. Jedoch ist das Buch unerhört nützlich, und zwar nicht nur für diejenigen, die sich ins Thema vertiefen möchten. Kübra Gümüşay hat eine Bibliographie zusammengestellt, die nie aktueller sein könnte als jetzt, wo in den USA die unterdrückenden Meinungen nicht mehr ausgehalten werden.

Es gibt ein inzwischen weit verbreitetes Menschenrechte-Meme das die Wichtigkeit solcher Erscheinungen wahrscheinlich am besten illustriert. Es lautet, „Can’t believe we still need to protest this shit”.

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