Wie man mit einem Buch unglücklich wird

Wie man mit einem Buch unglücklich wird

Der neue Roman von Ruth Herzberg „Wie man mit einem Mann unglücklich wird“ wurde von der Presse sehr positiv aufgenommen. Es handelt sich um das Scheitern einer Nicht-Beziehung in Zeiten der Digitalisierung. Warum ist es dann so, dass ich mich mit der Protagonistin so überhaupt nicht anfreunden kann?

©Lisa Mannagottera

Ich habe mich so auf dieses Buch gefreut – und ich habe es wirklich damit versucht –, aber der Roman und ich, wir haben nicht harmoniert. Lese ich es nicht ironisch oder kritisch genug? Übersehe ich etwas? Nach langem Überlegen muss ich sagen, ich finde die Protagonistin des neuen Romans von Ruth Herzberg leider ziemlich anstrengend…

Also, noch einmal auf Anfang. „Wie man mit einem Mann unglücklich wird“, erschienen bei mikrotext, verspricht auf den ersten Blick (für ein kleines, dünnes Büchlein) sehr viel: Liebe, Obsession, Hingabe, Lust, Wut und Sex. Eine Liebe in Zeiten der Digitalisierung, perfekt für unsere Generation, zudem nur gute Pressestimmen – das klingt alles sehr vielversprechend. Ich erwartete zwei starke Charaktere, sich gegenseitig verzehrend, streitend – eine toxische Beziehung eben mit viel Passion und Stärke (bei beiden (!) Protagonisten). Tja, und ich schätze genau das war mein Fehler.

„Was ich am beeindruckendsten an Männern finde, ist, dass auch die Erfolglosesten unter ihnen mit einem größeren Selbstbewusstsein als jede Frau ausgestattet sind. Männer können ihr ganzes Leben total vermasselt haben, mit einem Haufen Schulden und unbezahlter Rechnungen dastehen, ohne Familie, ohne Job, ohne Wohnung sein, und einen trotzdem immer noch belehren wollen.“ 

Ruth Herzberg: Wie man mit einem Mann unglücklich wird, S. 140/141

Ein Wechselspiel aus „ghosten“ und „warmhalten“ – der Fluch der heutigen Generation. 

Was ich bekam, ist eine immer unsicherer werdende Protagonistin ohne großes Selbstwertgefühl, die sich immer weiter in den Fangarmen eines Narzissten verirrt und das nicht nur reflektiert, sondern auch bewusst mit sich machen lässt. Der Titel ist also Programm – aber das ist nicht das Problem, denn ich schätze jede Person ist in diesem gedanklichen Teufelskreis einmal gefangen gewesen, sich nicht gut genug für die andere Person zu fühlen. Aber mit jeder seiner erneuten Ausreden, jeder verächtlichen Handlung und Respektlosigkeit seinerseits wurde ich beim Lesen wütender. Wieso lässt sie das mit sich machen? Wenn das Liebesleben im 21. Jahrhundert so aussieht, dann danke, nein – ich verzichte. 

Und dabei wirkte es am Anfang noch ganz anders: die Protagonistin weiß ganz genau, was sie will – ihn. Und sie tut alles dafür, dass er bei ihr bleibt. Sie verliebt sich, wird obsessiv und gibt sich selbst hin…äh, oder auf. Er dagegen, ein manipulativer Narzisst wie er im Buche steht, will sie nicht immer, taucht jedes Mal nach ihren unregelmäßigen Sexdates für ein paar Wochen ab und lässt sie allein mit sich zurück. Ein Wechselspiel aus „ghosten“ und „warmhalten“ – der Fluch der heutigen Generation. 

„Ich will versuchen, ein besserer Mensch zu werden, ein würdiges Mitglied der Gesellschaft. Nicht so ein haltloses Weibchen im Würgegriff seiner Hormone.“ 

Ruth Herzberg: Wie man mit einem Mann unglücklich wird, S. 37

Von der selbstbestimmten Frau zur vollkommenen Selbstaufgabe

Ihre Liebe geht in schiere Verzweiflung über, aber zwischendurch hat sie immer mal genug. Das sagt sie jedenfalls oft…und folgt letztendlich nie ihrem eigenen Rat, geschweige denn dem ihrer Freundinnen. Wenn sie auf Abstand geht (und ich denke, da ist endlich ein Licht am Ende des Tunnels) holt er sie direkt wieder zurück in seine Fänge, indem er ihr genau das gibt, was sie sich die ganze Zeit wünscht: Bestätigung, Fürsorge und Aufmerksamkeit. Doch das bleibt meistens nur so lange, bis er wieder die Lust an ihr verliert. Irgendwann bleibt er aber doch bei ihr, mietet sich bei ihr ein, schmarotzt sich in ihr Leben, ohne ihr auch nur ein bisschen zurückzugeben.

Die Protagonistin wird beschrieben als ein typisches Kind der Generation Digitalisierung – schnelllebig, nach Bestätigung haschend, nicht mit sich allein sein könnend. Ihre Gedanken sind ungefiltert und unzensiert – radikal offen. Ich wollte sie in jedem zweiten Absatz schütteln und ihr Vernunft eintrichtern. Wo bleibt denn ihr Selbstwertgefühl? Man muss sich als Frau im 21. Jahrhundert von keinem Mann mehr so behandeln lassen – doch sie nimmt alles in Kauf, denn Hauptsache er ist bei ihr und nicht bei einer anderen. 

„Ich müsse lernen, mir selbst zu genügen, sagt eine Freundin, die schon seit zwei Wochen Single ist, denn sonst käme ich so desperate rüber und das merkten die neuen Bekanntschaften dann und dann klappe das nicht mit dem festen Freund bis zum Ende der Woche.“ 

Ruth Herzberg: Wie man mit einem Mann unglücklich wird, S. 35

Ihre Abhängigkeit und Obsession nehmen im Laufe des Buches immer mehr Besitz von ihr, auch wenn sie regelmäßig reflektiert, dass er ihr nicht guttut, sie kann einfach nicht von ihm los. Für mich fühlte es sich so an, als würde ich den Beginn einer manipulatorischen Abwärtsspirale beiwohnen: Von der selbstbestimmten Frau zur vollkommenen Selbstaufgabe und Unterwerfung. Ich hatte beim Lesen zwischenzeitlich Angst, dass das nur noch in häuslicher Gewalt enden könnte. (Keine Angst, das passiert nicht.)

„Ihrem Liebhaber war es egal, ob sie lebte oder tot war. Er nahm sich Zeit, um ihr zu zeigen, wie sehr er sie hasste.“ 

Ruth Herzberg: Wie man mit einem Mann unglücklich wird, S. 109

Aber sind wir nicht tougher als das?

Die Abhängigkeit und Naivität der Protagonistin ließen mich regelmäßig das Buch zur Seite legen, weil ich mich nach kurzer Zeit so darüber aufregte, dass ich es nicht schaffte, weiterzulesen. Ich finde ihre Emotionen durchaus nachvollziehbar, authentisch und wahr und trotzdem stelle ich mir dauernd die Frage: Aber sind wir nicht tougher als das? Sie sucht so verzweifelt einen Partner und kann partout nicht mit sich alleine sein – oder ist das doch nur ironisch zu lesen? Bitte klärt mich jemand auf!

„Ich rege mich über gar nichts mehr auf, ich verlange nichts, ich erwarte nichts.“

Ruth Herzberg: Wie man mit einem Mann unglücklich wird, S. 153

Es ist spannend, dass die Autorin keine Namen in ihrem Text verwendet – denn der vorliegende Handlungsverlauf des Romans und so manche Gedankengänge bilden stereotypische Verhaltensmuster ab, die wohl schon einige von uns erlebt haben – Shame on us, die meisten von uns wissen es aber hoffentlich heute besser. 

Ruth Herzberg schreibt sehr dynamisch, wortgewandt, in sehr kurzen Sequenzen, in ihrem eigensinnigen Stil, wie man ihn auch aus ihren Kolumnen in der „Berliner Zeitung“ oder „der Freitag“ kennt. Das Buch ist in vier Abschnitte unterteilt – benannt nach den Jahreszeiten –, was auch die Phasen ihrer Nicht-Beziehung charakteristisch untermauert. Gemäß der Temperaturverläufe erlebt auch die „Beziehung“ der Protagonistin im Sommer heiße Gradzahlen, bevor sie im Winter eiskalt abkühlt.

Schlussendlich hatte ich wohl ganz andere Erwartungen an den Roman, aber sage ich es mal so: Das Buch hat mich sehr intensiv begleitet, es hat in mir sehr starke Gefühlsregungen ausgelöst und wenn das das Ziel der Autorin war, dann hat es auf jeden Fall gut funktioniert. 

Wenn man also kein Problem mit anstrengenden, naiven, schnelllebigen, unsicheren und überemotionalen Gedankengängen hat, ist das Buch einen Blick wert. Wer allerdings schon Erfahrungen mit Narzissten gemacht hat, wird sich wohl stark getriggert fühlen. Ruth Herzberg hat einen spannenden und anstrengenden Roman geschrieben, den ich nicht so schnell wieder vergessen werde. 

Ruth Herzberg: Wie man mit einem Mann unglücklich wird, mikrotext 2021

Zwischen Tagebuch und Theoriesammelsurium: Ich denk, ich denk zu viel

Zwischen Tagebuch und Theoriesammelsurium: Ich denk, ich denk zu viel

Eine Hymne an das Butterbrot, Jean-Paul Sartre über das Schwindelgefühl und Bologna zwischen Bildungsreform und Songtext. All das und noch viel mehr vereint Nina Kunz in ihrem Buch Ich denk, ich denk zu viel. Auf 180 Seiten lädt uns die Kolumnistin in ihre Gedankenwelt ein, teilt ihre Krisen, Zweifel und Sehnsüchte und zeichnet ein facettenreiches Bild unserer Gegenwart, das vor allem zeigt, dass wir viel zu viel nachdenken.

© Mara Hartung

Worum geht es denn jetzt genau?

Leistungsdruck, Workism, Weltschmerz, Tattoos, glühende Smartphones, schmelzende Polkappen & das Patriarchat. 30 Texte zur Gegenwart.

So vielfältig die Schlagworte des Klappentexts, so zahlreich die Themen, die Nina Kunz anreißt. Es geht um Arbeit und Identifikation, um Leistung und Versagensängste. Um Identität und die Frage, wer diese prägt. Und um den großen Schrecken namens Internet, der uns täglich die Zeit zwischen den swipenden Fingern zerrinnen lässt. Können wir uns überhaupt noch auf eine Sache konzentrieren, oder haben wir auch im Kopf immer 10 Tabs auf einmal geöffnet? 

„Leopardenleggins zu Lackschuhen“

Die Liste der Themen ließe sich ewig weiterführen, denn die 30 Kolumnen streifen zahlreiche Widersprüche und Alltagsprobleme unserer Gegenwart. Die Spanne der Texte beginnt mit sehr persönlichen Geschichten über die Suche nach dem eigenen Vater und das ambivalente Verhältnis zu der Stadt Zürich; sie reicht über Kolumnen über die Zeit an der Universität bis hin zu einem Abriss wichtiger feministischer Literatur. Dabei gewährt die Journalistin Einblicke in ihre persönliche Wahrnehmung, die wir mal mehr, mal weniger mit ihr teilen. So habe ich mich von ihrem Text Bravo Girl über Schönheitsideale und Erwartungen an Frauen besonders abgeholt gefühlt. Das Ende des Kapitels zeigt, wie persönlich und universal zugleich die Erfahrungen der Autorin sind:

Ich will Leopardenleggins zu Lackschuhen tragen. An einem Montagmorgen. Ich will auf Autofahrten laut zu alten Elton-John-Songs mitgrölen. Ich will den Mittelfinger zeigen, wenn mir auf der Straße jemand zuzwinkert: „So ein schönes Gesicht … lächle doch mal!“ Ich will mit meiner Großmutter Tomaten anbauen und nie mehr Angst davor haben, als „kompliziert“ zu gelten. Ich will eloquenter Barthes-Zitate spitten als jeder Besserwisser im Kolloquium. Ich will streiken. Ich will nie mehr über meine schwabbeligen Oberarme nachdenken. Ich will laut loslachen, wenn ich die einzige Frau in der Redaktionssitzung bin und sich alle zu mir umdrehen, nur, weil es um KiTaS geht. Ich will hungrig sein und essen – bis ich mir satt und glücklich den Bauch halte und denke: Endlich.

Wir lesen von sehr konkreten Wünschen und Erlebnissen, die an unsere eigenen appellieren. Viele Frauen haben unangebrachte Anmachsprüche über sich ergehen lassen müssen und erinnern sich sofort an Situationen zurück, in den sie gerne den Stinkefinger gezeigt hätten. Auch den täglichen Kampf mit dem eigenen Körper kennen viele zu gut, wie auch das Gefühl, immer zu viel zu sein. So gebührt es sich für eine Frau schließlich nicht. 

Bewusstsein vs. Realität

Diese Beobachtungen sind keinesfalls neu; wir sind uns den Missständen sogar bewusst. Die Stärke der Texte besteht vielmehr darin, den Zwiespalt zwischen Bewusstsein und Realität auf den Punkt zu bringen und so die Widersprüchlichkeit unseres eigenen Kampfs gegen Geschlechterklischees zu entlarven:

Eigentlich will ich im Alltag gar nicht über mein Frausein nachdenken. Lieber tanze ich in der Küche zum Rap von Princess Nokia und tu so, als würde ich über allen Stereotypen stehen. Aber damit veräpple ich mich nur selbst. Ich stehe nämlich über gar nichts. Wenn ich ehrlich bin, plagt mich eine fundamentale Angst davor, Raum einzunehmen. Das ist das Grundgefühl meiner Geschlechter-Performance.

Nina Kunz besitzt großes Talent, mit ihrer klaren und unverblümten Sprache die Wurzel der Probleme freizulegen. Ihre Beobachtungen sind präzise, allzu oft fühlte ich mich ertappt oder hatte das Gefühl, mir wird aus der Seele gesprochen. Sicherlich hat das etwas damit zu tun, dass wir der gleichen Generation angehören, ich mich in einer analogen Lebensphase befinde und in einem ähnlichen Milieu bewege und deshalb viele Gedanken gut nachvollziehen kann. Denn es ist auch ein Buch über das Erwachsenwerden, das doch erst so richtig los geht, wenn wir den schützenden Kosmos der Universität verlassen. 

Das Studium ist die Zeit, in der man noch alles vor sich hat, es ist eine Blase, in der man sich einreden kann, dass das Beste noch kommt und alles, was jetzt ist, noch nicht so richtig zählt. Es ist eine Testphase, in der man die grauenhafte Pubertät hinter sich hat – sich aber noch ein wenig vor dem Ernst des Lebens drücken kann. 

Wursteln – eine Krankheit der Millenials

In der Generationenfrage trifft insbesondere die KolumneWursteln ins Schwarze der Millenial-Mentalität. Auf lediglich zwei Seiten berichtet der Text von einem Verzetteln in kleineren Projekten, das aus der Angst entspringt, die eigenen Träume zu groß werden zu lassen. Es ist beeindruckend, in welcher Kürze und Präzision Nina Kunz die Tendenz ihrer eigenen Generation auseinandernimmt, sich alles offen zu halten und bloß nicht auf eine Sache festzulegen.  

Als Kind posaunte ich in die Welt hinaus, dass ich einst mit der NASA ins All fliegen werde. Inzwischen zahle ich Altersversicherungs-Beiträge und rätsle beim Feierabendbier, wie ich all die Projekte unter einen Hut bringen soll, bei denen ich so halb dabei bin. Der sinnstiftende Traum hat sich verzogen, und an seine Stelle ist das Wursteln getreten, dieses farblose Dauerbeschäftigtsein, das ich bei so vielen Gleichaltrigen beobachte.

„Spinat, wachs jetzt, ich will dich morgen essen!“

Doch Ich denk, ich denk zu viel ist mehr als reines Abrechnen mit Generationsklischees und Alltagsängsten junger Menschen. Es geht ebenso um große, universale Themen, die uns alle betreffen, ganz gleich welchen Alters wir sind, welchen Milieus wir angehören und welche Weltanschauung wir vertreten. Sehr berührend ist ein Text über Geduld, der am Ende des Bandes steht und in dem die Großmutter der Autorin eine unglaubliche Antwort auf die Frage gibt, was Geduld für sie bedeutet:

„Für mich ist die Geduld eine Grundhaltung gegenüber dem Leben, die besagt, dass man Respekt vor der Schöpfung hat. […] Wenn ich Beeren im Garten habe, mache ich Konfitüre daraus. Wenn die Tomaten reif sind, werden sie zu Sugo eingekocht. Mein Keller ist voll mit Einmachgläsern, weil ich alles wertschätze, das wächst.“

So gehe ich mit dem Gefühl aus Nina Kunz‘ Buch, zum ersten Mal verstanden zu haben, was Geduld bedeutet. Und warum meine häufige Ungeduld mit Privilegien zu tun hat. Dafür möchte ich mich bei der Autorin bedanken und den Band allen ans Herz legen, die schon zu viel nachdenken, sich aber dennoch nach ein paar neuen Impulsen sehnen.

Nina Kunz: Ich denk, ich denk zu viel. Kein & Aber, 2021.

Emma Jane Unsworth: Adults

Emma Jane Unsworth: Adults

Dieses Erwachsensein

Emma Jane Unsworths neuer Roman „Adults“ zeigt schonungslos die Tücken unserer heutigen Gesellschaft auf. Social-Media-Abhängigkeit, ungesunde Arbeitshaltung und die kaputte Beziehung zur Mutter sind nur einige der Verwicklungen, denen Protagonistin Jenny McLaine ausgeliefert ist. Als sie dann noch entlassen wird, ihr Freund sie ausgerechnet für ihr Instagram-Idol verlässt und ihre Mutter bei ihr einzieht, ist das Chaos perfekt und die Midlife-Crisis in vollem Gange. Ein rasanter, witziger und brutal ehrlicher Roman, der sich als ziemlich tiefgründig entpuppt.

Mehr lesen

Ditch Platon!

Ditch Platon!

Es knallt. Rot auf lila, Philosophie auf Frauen. Die eine oder der andere mag kurz stutzen, fallen uns doch vor allem männliche Namen ein, wenn wir nach den philosophischen Größen der Geschichte gefragt werden. Das sind die beiden jungen britischen Philosophinnen Rebecca Buxton und Lisa Whiting leid und starten einen Crowdfunding-Aufruf mit eben jener Frage: Wie viele Philosophinnen kennen wir eigentlich? 

Die Ratlosigkeit ist erschreckend, nicht eine der befragten Personen vermag eine Philosophin aufzuzählen. So findet das unkonventionelle Buchprojekt großen Anklang und rasch stehen genügend Mittel zur Verfügung. Ergebnis ist die Anthologie Philosophinnen, die dieses Frühjahr in deutscher Übersetzung erschien und weiblichen Philosophinnen jene breite außeruniversitäre Anerkennung schenkt, die sie verdient haben.

© Mara Hartung

Wir starten im antiken Griechenland, reisen von China über Kaschmir bis nach US-Amerika der Gegenwart. Die Zeitspanne: von 400 v. u. Z. bis zum heutigen Tag, chronologisch sortiert. Auf unserer Reise durch die Vergangenheit begleiten wir 20 Philosophinnen, bestaunen ihre Biografien, erfahren von ihrem unermüdlichen Forschungsgeist und den Interessen, die sie dazu trieben, existenziellen philosophischen Fragen nachzugehen. Zugleich lesen wir von ihrer Selbstwahrnehmung und ihren Zweifeln, die nicht selten dazu beitrugen, dass sie sich selbst gar nicht als Philosophin verstanden. Oder, wie Hannah Arendt, die Bezeichnung sogar aktiv zurückwiesen, in der Furcht, ihren Ruf als ernstzunehmende politische Theoretikerin zu riskieren. 

Die beiden Herausgeberinnen Buxton und Whiting entscheiden sich bewusst, dieser Wahrnehmung zu trotzen. In der kurzen Einleitung begründen sie, weshalb ein breiter Philosophiebegriff zentral für die Aufarbeitung eines weiblichen Kanons sei.  

Im Folgenden greifen wir absichtlich eine sehr weit gefasste Definition von Philosophie auf, da wir glauben, dass ein Teil des Problems, warum Frauen bisher aus unserer Disziplin ausgeschlossen wurden, darin besteht, dass viele von ihnen lediglich als »Aktivistinnen« oder »gelehrte Damen« betrachtet worden sind. Dies hat zum vorherrschenden Bild des weißen männlichen Philosophen geführt, der von seinem Sessel aus denkt. Stattdessen ist es nun an der Zeit, anzuerkennen, dass diese Frauen, mit ihrer klaren, intellektuellen Strenge, ihrem Hinterfragen und ihren Einsichten den Titel »Philosophinnen« ebenso sehr verdient haben.


Die Programmatik setzt sich schon zu Beginn des Werkes durch. So wählen die beiden Herausgeberinnen die literarische Figur Diotima als erste Philosophin des Bandes. Diotima tritt als eine von wenigen Frauen in Platons Dialogen auf, jedoch nur als Gesprächsgegenstand des Philosophen Sokrates, der ihre weisen Ideen vor seinen männlichen Kollegen rezitiert. Ihre reale Existenz konnte bisher nicht bewiesen werden, gesteht Autorin Zoi Aliozi ein. Völlig zurecht beklagt sie jedoch, dass sich die philosophische Geschichtsforschung bisher damit zufriedengegeben habe, Diotima als mythische Figur oder literarisches Stilmittel abzustempeln. 

Doch selbst wenn Platon Diotima nur erfunden hätte, so verdient sie als wichtige weibliche Stimme der Philosophiegeschichte dennoch unsere Anerkennung. Immerhin hatte ihre Perspektive einen großen Einfluss auf die Argumentationen Sokrates’ und damit auf die gesamte uns heute bekannte Philosophie. Vielleicht können wir uns also darauf einigen, dass unsere erste Philosophin immer eine Art Mysterium bleiben wird.

Die klare Stellungnahme Aliozis zeigt exemplarisch, wie wertvoll die Philosophinnen von den jeweiligen Beitragsautorinnen eingeordnet werden. Dazu zählen bewundernde Kommentare wie auch kritische Bemerkungen zu Werk und Biografie. Eine konstruktive Einordnung gelingt unter anderem Herausgeberin Rebecca Buxton, wenn sie die Rassismuskritik in Verbindung mit Arendts Werk kritisch einordnet. Wie persönlich und anerkennend die Kommentare sein können, zeigt Autorin Nima Dahir in ihrem Kapitel zu der islamischen Philosophin Azizah Y. al-Hibri. Sie betont nicht nur deren zentrale Rolle im akademischen Diskurs über Frauen im Islam, sondern lässt uns ebenfalls wissen, welch hohen Wert sie al-Hibri für ihr eigenes Selbstverständnis als muslimische US-Amerikanerin beimisst. 

Bei 20 verschiedenen Autorinnen, die über 20 verschiedene Philosophinnen schreiben, ist zu erwarten, dass die kritische Einordnung mal mehr, mal weniger produktiv gelingt. Enttäuschender erscheinen zum Beispiel die Kapitel zu Harriet Taylor Mill und Iris Marion Young. Autorin Helen McCabe verliert sich in einer Beschreibung der atemberaubenden Schönheit Mills, bei der ich mich frage, inwiefern diese relevant für das Schaffen der Philosophin ist. Man könnte denken, die Autorin verfalle dem überflüssigen male gaze jener Beiträge der Philosophiegeschichte, die Philosophinnen auf ihre Beziehungen zu männlichen Zeitgenossen reduzieren. Etwas einseitig erscheint mir zudem Désirée Lims Beitrag zu der US-amerikanischen Philosophin Young, in dem sie akribisch versucht, die schwierige Kindheit Youngs als einzige Quelle ihrer philosophischen Bestrebungen herzuleiten.

Trotz der Einwände werden alle Beitragsautorinnen den jeweiligen Philosophinnen insgesamt gerecht. Dabei hilft, dass die Autorinnen zumeist interdisziplinär forschen und Expertinnen zu der jeweiligen Philosophin oder Philosophierichtung sind. Der Großteil von ihnen lässt sich in der akademischen Philosophie verorten, weitere häufig vertretene Schwerpunkte sind die Politikwissenschaft, Gender Studies oder der feministische Aktivismus. 

Abseits von der Fachrichtung der Beitragsautorinnen drängt sich die Frage auf, über wen von wem gesprochen wird. Die Einleitung der Anthologie liefert erste Hinweise, dass Buxton und Whiting sich mit dieser Frage beschäftigt haben.

Nicht-weiße Frauen sind in der Philosophie immer noch stark unterrepräsentiert, und nur sehr wenige Führungspositionen werden mit Menschen aus Minderheiten besetzt.

Ihr Bewusstsein für mangelnde Intersektionalität lässt sich insbesondere in der Auswahl der Beitragsautorinnen erkennen, die zwar mehrheitlich weiß ist, jedoch auch 8 BIPoC-Autorinnen integriert. Diese widmen sich primär den BIPoC-Philsophinnen, die in den Band aufgenommen wurden. So lobenswert diese Ansätze auch sind, sie zeigen zugleich, dass wir noch am Anfang der Aufarbeitung eines intersektionalen und postkolonialen Philosophiekanons stehen. Zwar zeigt die Auswahl zeitgenössischer Philosophinnen, dass Gegenwartsphilosophie durchaus divers ist, dennoch dominieren weiße, westliche Stimmen aus Europa und den USA den geschichtlichen Kanon. Dies soll keineswegs die Relevanz der Anthologie schmälern oder die erkennbaren Bemühungen zu mehr Diversität infrage stellen. Nichtsdestotrotz bleibt die Frage offen, wie die Diversität des Kanons weiter ausgebaut werden kann und welchen Stimmen der nicht-westlichen Philosophie ein Platz zusteht.

Philosophinnen ist ein Einführungswerk, leicht zugänglich und überaus unterhaltsam geschrieben. Es funktioniert für Menschen wie mich, die bisher nur wenig mit Philosophie am Hut hatten und ihr eher zufällig über den Weg gelaufen sind. Es funktioniert ebenso für Philosophiestudierende, die einen ersten Blick in die weibliche Welt der Philosophie erhaschen wollen, der ihnen im universitären Kontext so oft verwehrt bleibt. 

Wer schon viel Vorwissen mitbringt und sich eingehend mit dem Werk der vorgestellten Philosophinnen beschäftigen möchte, wird wohl eher enttäuscht. Zwar bietet jedes Kapitel eine kurze Auflistung mit weiterführender Literatur, die die wichtigsten Schriften der jeweiligen Philosophin und relevante Forschungsbeiträge versammelt. Zudem ist der Band um ein Verzeichnis angereichert, das weitere 94 Philosophinnen namentlich aufführt. Jedoch bleibt er eine Einführung und dient der ersten Orientierung.

Die Anthologie lädt zum Schmökern in der weiblichen Geschichte der Philosophie ein. Dabei folgt sie einer klaren Mission. Im Mittelpunkt steht die zentrale Frage nach Machtstrukturen und Privilegien: Wer darf sich Philosoph:in nennen und wird als solche:r von wem anerkannt? Inwiefern lassen wir uns von vermeintlich objektiven Vorstellungen täuschen, die nur jenen dienen, die schon immer die Deutungshoheit besaßen? Diese Fragen sind nicht neu, sie prägen disziplinübergreifend die Grundlage für die Aufarbeitung eines weiblichen Kanons, der sich immer mehr Fachrichtungen widmen. Zu diesem Vorhaben trägt Philosophinnenbei und leistet einen wichtigen Beitrag zur Sichtbarmachung und Konservierung weiblicher Beiträge der vergangenen und heutigen Philosophie.

Rebecca Buxton & Lisa Whiting (Hg.): PHILOSOPHINNEN. Von Hypatia bis Angela Davis: Herausragende Frauen der Philosophiegeschichte, mairisch Verlag, 2021.

Lux: Eine toxische Beziehung und ein Roadtrip

Lux: Eine toxische Beziehung und ein Roadtrip

Lux hat viele Ängste. Um sich diesen Gefühlen zu stellen und ihrer Vergangenheit zu entfliehen, fliegt sie kurzerhand in die USA. Dort begegnet sie während einer Busfahrt der wunderschönen Kat. Gemeinsam starten sie einen Roadtrip durch die amerikanische Landschaft. Olivia Kuderewski beschäftigt sich in ihrem Debüt „Lux“ mit einer toxischen Beziehung, die sich durch Zuneigung und gleichzeitig Misstrauen und Machtspielen entwickelt.

Mehr lesen

Melodie Michelberger: „Leben mit angezogener Handbremse“

Melodie Michelberger: „Leben mit angezogener Handbremse“

von Mara Hartung & Victoria Lückemann

Gestern 90-60-90, heute am besten gar kein Gramm mehr auf den Rippen: Die Gesellschaft gibt seit jeher vor, wie Frauen auszusehen haben. Weichen sie vom Ideal ab, sollen sie wenigstens sich selbst lieben. Auf etlichen Ebenen erfahren dadurch mehrgewichtige Personen Diskriminierung. Melodie Michelberger nimmt uns mit auf ihre persönliche Körperreise, die schon im frühen Kindesalter beginnt. Sie erzählt von ihren Kämpfen, ihren Erfolgen und von den Menschen, die sie zu der Person gemacht haben, die sie heute ist. In ihrem Buch Body Politics zeigt sie eindrücklich, dass dicke Körper vor allem eins sind: politisch.

Mehr lesen