Comics sind nicht nur lustig…


Verschiedene Zeichenstile – unterschiedliche Arten etwas zu erzählen… (© Reprodukt)

Graphic Novels haben ihre ganz eigene Faszination: Irgendwo zwischen Bild und Text, zwischen Kunst und Kommerz bilden sie Themen der unterschiedlichsten Couleur ab: Da gibt es Kriegsdokumentationen und Reisetagebücher, laute Großstadtporträts und leise Liebesgeschichten, Kriminalfälle, Weltuntergangsszenarien und Kafka-Adaptionen. Schwer haben sie es nach wie vor im Feuilleton und im Buchhandel. Ein Verlag, der dies gerne ändern möchte, ist der Berliner Verlag Reprodukt, der neben klassischen Comicalben auch Graphic Novels verlegt und in diesem Jahr sein 20-jähriges Bestehen feiert. Litaffin sprach mit Jutta Harms, langjährige Mitarbeiterin und Pressefrau, über den Begriff der Graphic Novel, über üble Comicläden, Konkurrenz aus Literaturverlagen und berührende Zeichnungen.

Litaffin: Was sind Graphic Novels?

Jutta Harms: Graphic Novels sind Comics mit einer abgeschlossenen Geschichte und mit einem gewissen Volumen. Der Begriff lässt sich zurückführen auf Will Eisner, der den Begriff in den 1980ern geprägt hat. Er benutzte ihn für seinen in Buchform publizierten Comic „A Contract with God“, den er abgesetzt sehen wollte von dem, was er vorher gemacht hatte. Eisner hatte im Grunde vor allem eine Comicserie produziert, mit der er auch berühmt geworden ist: „The Spirit“, die Geschichte eines menschlichen Superhelden, der gegen das Böse kämpft. Bei „A Contract with God“ wollte er ganz klarstellen, dass das etwas ganz anderes ist.

Litaffin: Warum bleibt ihr beim englischen Begriff?

Harms: Bei einer Graphic Novel handelt es sich nicht um einen „gezeichneten Roman“, es ist kein „Comic-Roman“, das ist ein Begriff, den mögen wir gar nicht, deshalb haben wir diesen Anglizismus beibehalten. Eine Graphic Novel ist vor allem auch kein „illustrierter Roman“, weil der Comic natürlich ein eigenes Genre ist, für das die Verschränkung von Text und Bild elementar ist. Uns wird manchmal zum Vorwurf gemacht, das sei ein reiner Marketingbegriff. Das ist zum Teil sicher richtig, aber eben nicht ausschließlich. Für Leser ist es hilfreich zu wissen, wenn ich mir dieses Buch jetzt kaufe, lasse ich mich nicht auf eine Serie ein, ich muss mir nicht die Fortsetzung kaufen.

Litaffin: Deutschland scheint im Gegensatz zum englischsprachigen Ausland Nachholbedarf haben, was den Umgang mit Graphic Novels angeht.

Harms: In den USA gibt es sogar eine Bestsellerliste für Graphic Novels und Preise, die dafür vergeben werden. In großen Buchhandlungen finden Lesungen auch vor großem Publikum statt, das ist vollkommen selbstverständlich. Graphic Novels sind dort etabliert.

Litaffin: Viele deutschsprachige Rezensionen und Berichte über Graphic Novels beginnen mit dem Standardsatz: Comics sind nicht nur lustig, sie haben mehr zu bieten als Superhelden und sprechende Enten…

Harms: Da hoffen wir, dass das bald mal vorbei ist und überall angekommen!

Litaffin: Gibt es in der Herstellung von Comics und Graphic Novels große Unterschiede im Gegensatz zu der Buchproduktion in einem Literaturverlag?

Harms: Es gibt viele Parallelen. Wenn wir mit deutschen Zeichnerinnen und Zeichnern arbeiten, geben wir immer Rückmeldungen, wie es Lektoren in einem Literaturverlag auch tun. Die Besonderheiten entstehen dadurch, dass wir mit Grafiken arbeiten und mit Text, der anders gesetzt wird als in der Literatur. Wenn wir Lizenzprodukte haben, muss beispielsweise der handgeschriebene Text entsprechend der Vorlage gelettert werden. Der Text ist beim Comic auch visuell immer integraler Bestandteil einer Seite, da geht es nicht ausschließlich darum, einen Inhalt zu transportieren. In der Übersetzung muss das Erscheinungsbild des Originals gewahrt werden.

Litaffin: Was sind die wichtigsten Kanäle, über die ihr eure Bücher und Alben vertreibt und welche Rolle spielt dabei das Internet?

Harms: Die Comicserien verkaufen wir im Comichandel, die Graphic Novels im Buchhandel. Das Internet wird für beides zunehmend wichtiger – gerade in kleinen Städten, wo es keine Comicläden gibt, bestellen die Leute im Netz. Oder es gibt einen Comicladen, aber das ist ein totaler Geekschuppen, wo dann irgendwelche Leute sitzen, die total verstört reagieren, wenn da eine Frau reinkommt. Wie in einem schlechten Plattenladen: Wenn du nicht gleich weißt, was du willst, und dich gern beraten lassen möchtest, bist du da gleich abgemeldet.

Jutta HarmsAls Kind durfte Jutta Harms keine Comics lesen, heute ist     es ihr Beruf.

Litaffin: Ein Großteil der in Deutschland produzierten Graphic Novels kommen aus den USA und Frankreich. Wie wichtig ist die internationale Vernetzung?

Harms: Sehr wichtig, zumindest für uns. Wir könnten nicht mithalten, wenn es ums Wettbieten für Lizenzen geht. Mittlerweile haben auch Literaturverlage Interesse an Graphic Novels – da haben wir einfach den Vorteil, dass wir bekannt sind. Die Autoren wissen, wenn sie mit uns ein Buch machen, sieht das genau so aus, wie sie sich das wünschen.

Litaffin: Ist das für euch ein Problem, dass ihr mit literarischen Verlagen konkurriert?

Harms: Mitunter. Den Publikumsverlagen fehlt aber häufig das notwendige Know-how. Einige haben tatsächlich bei uns auch Bücher in Auftrag gegeben. Für „Fun Home“ von Alison Bechdel, das 2008 bei KiWi erschien, haben wir die Herstellung fast komplett erledigt.

Litaffin: Auf was legt ihr Wert, wenn ihr neue Bücher ins Programm aufnehmt?

Harms: Wir haben überwiegend Autoren, die sich ein bisschen abseits vom Mainstream bewegen und die ihre eigenen Geschichten erzählen. In Frankreich, von wo wir viele Lizenzen importieren, gibt es den Comic auch als ein Produkt der Unterhaltungsindustrie. Da sagt dann jemand: Du schreibst mir jetzt eine Story über xy, und der soll das zeichnen und dann geben wir das noch zum Kolorieren weg – solche Retortenbabys interessieren uns nicht.

Litaffin: Was macht für dich eine gute Zeichnung aus?

Harms: Die Zeichnung muss etwas ausdrücken können, vergleichbar mit der Sprachmächtigkeit eines literarischen Autors. Wenn ein Roman eine Geschichte erzählt und es geht nur um die Action darin, dann kann das sehr platt sein und wenig befriedigend. Erst die Sprache macht den Unterschied. Die Grafik muss den authentischen Ausdruck des Autors transportieren. Die Zeichnung muss dich berühren, so wie dich ein guter Song berührt.

Linktipp: Auf graphic-novel.info finden sich Neuerscheinungen, Lesungstermine und Rezensionen zu Graphic Novels. Betrieben wird die Website von den Comicverlagen avant-verlag, Carlsen Comics, Edition 52, Edition Moderne und Reprodukt.

Grafik: Einzelbilder aus „Gift“ (© Reprodukt/Barbara Yelin), „In meinen Augen“ (© Reprodukt/Bastien Vivès) und „Wie man sich bettet (© Reprodukt/Killoffer)


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Franziska Schramm

Jahrgang 1985, Studium der Kommunikationswissenschaft und der Literaturwissenschaft (B.A.), seit 2009 Studium der Angewandten Literaturwissenschaft (M.A.).

2 Gedanken zu „Comics sind nicht nur lustig…

  • 6. April 2011 um 15:04
    Permalink

    Tolles Interview, danke Franziska.

    Du hast nicht zufällig schon mal nachgehakt, ob Jutta Harms bei uns gern ein Seminar zum Thema Graphic Novels geben möchte? ;)

  • 16. April 2012 um 22:26
    Permalink

    Bitte um ZUSENDUNG von Informationsmaterial
    Lieferprogramm etc …….Comics Graphic Novels…
    Information für Autoren / Illustratoren

    unter
    Dipl.Ing. Michael Stadlbauer
    Offenbachstr. 19 / 5
    A 4600 Wels
    mit bestem Dank im voraus

    Dipl.Ing M. STADLBAUER

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