Gruppe D | Land 1

Annaljia Tu-Bari war die Tochter eines Fürsten bei Wagana. Sie galt als überaus klug und schön. Viele Horro [Vornehme] kamen in ihre Stadt und warben um sie. Aber Annallja forderte von jedem eine Leistung, die keiner zu vollbringen wagte. Annalljas Vater hatte nur diese eine Stadt gehabt, aber viele Farmdörfer. Eines Tages war er mit dem Fürsten einer Nachbarstadt um den Besitz eines Farmdorfes in Streit geraten. Annalljas Vater war im Kampf unterlegen, er hatte den Ort eingebüßt; das ertrug sein Stolz nicht, er starb darüber. Annallja erbte die Stadt und das Land; sie forderte aber nun von jedem Horro, der ihre Hand begehrte, daß er nicht nur das verlorene Farmdorf zurückerobere, sondern dazu noch achtzig Städte und Orte rund um ihr Gebiet. Jahre vergingen. Niemand wagte den Beginn so umfangreicher kriegerischer Unternehmung. Jahre vergingen. Annallja blieb unverheiratet, wurde aber von Jahr zu Jahr schöner. Sie verlor jedoch allen Frohsinn. Sie wurde ständig schöner und trauriger. Und nach dem Beispiel der Fürstin verloren alle Horro, alle Djalli [Barden], Numu [Schmiede] und Ulussu [Hörige] ihr Lachen.

In Faraka wohnte ein Fürst Gana, der hatte einen Sohn namens Samba Gana. Als der herangewachsen war, verließ er nach Sitte des Landes mit zwei Djalli und zwei Supha [dienende Knappen] die Stadt des Vaters, um sich ein eigenes Land zu erkämpfen. Samba Gana war jung. Sein Lehrer war der Djalli Tararafe, der ihn begleitete. Samba Gana war fröhlich. Samba Gana zog lachend von dannen. Samba Gana erklärte dem Fürsten einer Stadt den Krieg. [Forderte ihn zum Zweikampf heraus.] Sie fochten. Alle Leute der Stadt sahen zu. Samba Gana siegte. Der unterlegene Fürst bat um sein Leben und bot ihm seine Stadt an. Samba Gana lachte und sagte: „Behalt deine Stadt. Deine Stadt ist mir nichts.“ Samba Gana zog weiter. Er bekämpfte einen Fürsten nach dem anderen. Er gab stets alles Gewonnene zurück. Er sagte stets: „Behalt deine Stadt. Deine Stadt ist mir nichts.“ Zuletzt hatte Samba Gana alle Fürsten in Faraka überwunden und besaß doch selbst keine Stadt und kein Land, da er immer alles zurückgab und stets lachend weiterzog.

Eines Tages lag er mit seinem Djalli am Niger. Der Djalli Tararafe sang von Annallja Tu-Bari; er sang von Annallja Tu-Baris Schönheit und Schwermut und Einsamkeit. Tararafe sang: „Nur der wird Annallja gewinnen und sie lachen machen, der achtzig Städte erobern wird.“ Samba Gana hörte alles. Samba Gana sprang auf und rief: „Auf, ihr Supha! Sattelt die Pferde! Wir reiten in Annallja Tu-Baris Land!“ Samba Gana brach mit seinen Djalli und Supha auf. Sie ritten Tag und Nacht. Sie ritten einen Tag nach dem anderen. Sie kamen in Annallja Tu-Baris Stadt. Samba Gana sah Annallja Tu-Bari. Er sah, daß sie schön war und nicht lachte. Samba Gana sagte: „Annallja Tu-Bari, zeig mir die achtzig Städte.“ Samba Gana brach auf. Er sagte zu Tararafe: „Bleib du bei Annallja Tu-Bari, singe ihr, vertreibe ihr die Zeit, mache sie lachen!“ Tararafe blieb in Annallja Tu-Baris Stadt. Er sang jeden Tag von den Helden Farakasy von den Städten Farakas, von der Schlange des Issa Beer, die eigenmächtig die Flut steigen läßt, so daß die Leute in einem Jahr Überfluß an Reis haben, in anderen Jahren aber hungern. Annallja Tu-Bari hörte alles. Samba zog in der Runde umher. Er kämpfte mit einem Fürsten nach dem andern. Er unterwarf alle achtzig Fürsten. Er sagte zu jedem besiegten Fürsten: „Geh zu Annallja Tu-Bari und sage ihr, daß deine Stadt ihr gehört.“ Alle achtzig Fürsten und viele Horro kamen zu Annallja Tu-Bari und blieben in ihrer Stadt. Annallja Tu-Baris Stadt wuchs und wuchs. Annallja Tu-Bari beherrschte alle Fürsten und Horro des weiten Landes um ihre Stadt.

Samba Gana kehrte zu Annallja Tu-Bari zurück. Er sagte: „Annallja Tu-Bari, nun ist alles, was du besitzen wolltest, dein!“ Annallja Tu-Bari sagte: „Du hast die Arbeit verrichtet. Nun nimm mich.“ Samba Gana sagte: „Weshalb lachst du nicht? Ich heirate dich erst, wenn du wieder lachst.“ Annallja Tu-Bari sagte: „Früher konnte ich vor Schmerz über die Schande meines Vaters nicht lachen. Jetzt kann ich nicht lachen, weil ich hungrig bin.“ Samba Gana sagte: „Wie kann ich deinen Hunger stillen?“ Annallja Tu-Bari sagte: »“Bezwinge die Schlange des Issa Beer, die in einem Jahre Überfluß, im anderen Not beschert.“ Samba Gana sagte: „Solches hat noch kein Mensch vermocht. Ich werde das Unternehmen beenden.“ Samba Gana zog fort.

Samba Gana zog nach Faraka und suchte die Schlange des Issa Beer. Er zog weiter und suchte. Er zog nach Koriume, fand sie nicht und zog stromauf weiter. Er kam nach Bamba, fand sie nicht und zog stromauf weiter. Dann traf Samba Gana die Schlange. Er kämpfte mit ihr. Bald siegte die Schlange, bald siegte Samba Gana. Der Djolliba [Nigerstrom] lief bald diesen, bald jenen Weg. Die Berge stürzten ein und die Erde öffnete sich in Spalten. Acht Jahre lang kämpfte Samba Gana mit der Schlange. Nach acht Jahren hatte er sie überwunden. Samba Gana hatte in dieser Zeit achthundert Lanzen zersplittert und achtzig Schwerter zerbrochen. Er hatte nur noch ein blutiges Schwert und eine blutige Lanze. Die blutige Lanze gab er Tararafe und sagte: „Geh zu Annallja Tu-Bari, gib ihr die Lanze, sage ihr, daß die Schlange überwunden ist und sieh, ob Annallja Tu-Bari nun lacht.“

Tararafe kam zu Annallja Tu-Bari. Er sagte, was ihm aufgegeben war. Annallja Tu-Bari sagte: „Kehr zu Samba Gana zurück und sage ihm, er solle die überwundene Schlange hierher bringen, damit sie als mein Sklave den Strom in mein Land leite. Wenn Annallja Tu-Bari Samba Gana mit der Schlange sehen wird, wird Annallja Tu-Bari lachen.“

Tararafe kehrte mit der Botschaft nach Faraka zurück. Er richtete die Botschaft an Samba Gana aus. Samba Gana hörte die Worte Annallja Tu-Baris. Samba Gana sagte: „Es war zuviel.“ Samba Gana nahm das blutige Schwert, stieß es sich in die Brust, lachte noch einmal und starb. Tararafe nahm das blutige Schwert, bestieg sein Pferd und ritt in die Stadt Annallja Tu-Baris. Er sagte zu Annallja Tu-Bari: „Hier ist das Schwert Samba Ganas; an ihm ist das Blut der Djollibaschlange und das Samba Ganas. Samba Gana hat zum letzten Mal gelacht.“

Annallja Tu-Bari rief alle Fürsten und Horro, die in ihrer Stadt versammelt waren, zusammen. Sie bestieg ihr Pferd; alle Leute bestiegen Pferde. Annallja Tu-Bari ritt mit allen ihren Leuten ostwärts. Sie ritten, bis sie nach Faraka kamen. Annallja Tu-Bari kam zur Leiche Samba Ganas. Annallja Tu-Bari sagte: „Dieser Held war größer als alle vor ihm. Baut ihm ein Grabmal, das das aller Könige und Helden überragt.“ Die Arbeit begann. Achtmal achthundert Menschen gruben die Schächte. Achtmal achthundert Menschen bauten das Haus [die unterirdische Leichenkammer]. Achtmal achthundert Menschen bauten die Halle [den oberirdischen Opferraum]. Achtmal achthundert Menschen trugen Erde herbei und häuften sie über die Halle, schlugen und brannten sie. Der Berg [die tumulusartige Pyramide] stieg höher und höher.

Jeden Abend stieg Annallja Tu-Bari mit ihren Fürsten, Horro und Djalli auf die Spitze des Berges. Jeden Abend sangen die Djalli Lieder von dem Helden. Jeden Abend sang Tararafe das Lied von Samba Gana. Jeden Morgen erhob sich Annallja Tu-Bari und sagte: „Der Berg ist nicht hoch genug. Baut ihn, bis ich Wagana sehen kann.“ Achtmal achthundert Menschen trugen Erde herbei und häuften sie über den Berg, schlugen sie und brannten sie. Acht Jahre lang stieg der Berg höher und höher. Am Ende des achten Jahres ging die Sonne auf, Tararafe sah umher und rief: „Annallja Tu-Bari, heute kann ich Wagana sehen.“ Annallja Tu-Bari sah nach Westen. Annallja Tu-Bari sagte: „Ich sehe Wagana! Samba Ganas Grab ist so groß, wie es sein Name verdient.“ Annallja Tu-Bari lachte. Annallja Tu-Bari lachte und sagte: „Nun geht ihr alle, ihr Ritter und Fürsten auseinander, verbreitet euch über die ganze Erde und werdet zu Helden gleich Samba Gana.“ Annallja Tu-Bari lachte noch einmal und starb. Sie wurde neben Samba Gana in der Leichenkammer des Grabberges bestattet.

Die achtmal achthundert Fürsten und Horro zogen aber von dannen, jeder in einer Richtung, kämpften und wurden große Helden.

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