Das polnische Fräuleinwunder in Berlin

Zum gestrigen Dorota-Masłowska-Abend im Roten Salon

Dorota MasłowskaNicht nur die Tatsache, dass sie als Star der polnischen Literaturszene gilt, sondern auch der Titel der Lesung – „Ich kann Wörter zu Torten schichten“ – wecken bei den Zuschauern hohe Erwartungen an den großen Dorota-Masłowska-Abend. „Eine Schriftstellerin, die sprachlich alle Register zieht“ – so kündigt Katharina Narbutovic vom Berliner Künstlerprogramm des DAAD den polnischen Jungstar an. Der Abend ist ein Abschiedsabend für Dorota Masłowska, in wenigen Tagen wird sie Berlin nach ihrem einjährigen Aufenthalt im Rahmen eines Stipendiums des Berliner Künstlerprogramms verlassen. Diese letzte Lesung im Roten Salon soll die Zuschauer an die junge Autorin heranführen, an ihr Schaffen sowohl im literarischen Bereich als auch in Film und Theater.
Durch den Abend führt der Schriftsteller Jakob Hein, der Mitglied der Reformbühne Heim & Welt ist und zuletzt mit seinem Buch „Liebe ist ein hormonell bedingter Zustand“ für Aufmerksamkeit in den Medien sorgte.


Am Beginn des Abends steht ein Ausschnitt aus der Verfilmung von Masłowskas Debütroman „Schneeweiß und Russenrot“, in dem auch die Autorin selbst ihre schauspielerischen Qualitäten unter Beweis stellt. Die Verfilmung des polnischen Regisseurs Xawery Zuławski passt zu den Texten Masłowskas – die Geschichte des Prolls Andrzej, der von seiner Freundin verlassen wird und sich in den Drogenkonsum flüchtet, wird mit Leidenschaft und Witz auf die Leinwand gebannt. Die übertriebenen Action-Szenen im Matrix-Style und die harten Sprüche des Protagonisten machen einfach Spaß und lassen darauf hoffen, dass auch der Film bald ins Deutsche übersetzt wird.
Kleines Manko an diesem durchaus unterhaltsamen audiosvisuellen Intermezzo ist jedoch, dass die Akustik im Roten Salon zu wünschen übrig lässt. Auch eine Reflektion der gezeigten Szenen im späteren Gespräch fehlt vollständig – zur Mitarbeit der Autorin an dem Film und ihren Einschätzungen der Arbeit Zuławskis wird leider nichts mehr gesagt.

Nach dem etwa halbstündigen Ausschnitt aus der Verfilmung kommt der Abschnitt des Abends, den viele Gäste mit Spannung erwarten: Das Gespräch mit Dorota Masłowska. Jakob Hein als Moderator macht den Vorschlag dieses auf Englisch zu führen, dies wehrt die Autorin jedoch verständlicherweise ab. „So we do the total translation thing“ stellt Hein fest und bittet den Übersetzer Olaf Kühl um seine Dienste. Im folgenden Gespräch gibt die junge Schriftstellerin einen Einblick in ihr Denken und Arbeiten. Zu ihrem Debütroman sagt Masłowska, sie sei damals noch eine naive Autorin gewesen, ihre Einstellung zum Schreiben habe sich mittlerweile verändert: „Als ich das Buch mit 18 Jahren schrieb, habe ich weniger vom Kopf her gedacht, weniger an den Leser gedacht, mehr an das eigene Vergnügen. Ich hatte viel Kraft, wenig Taktik.“ Dass das Buch jedoch nicht nur der Autorin, sondern auch den Lesern viel Spaß macht, zeigt, dass die Motivation, mit der sie den Roman 2002 verfasste, so falsch nicht gewesen sein kann. Aber auch dafür hat Masłowska eine passende These: Das Schreiben sei manchmal intelligenter als der Schriftsteller selbst. Durch das Geschriebene eröffnen sich oft Möglichkeiten, an die der Autor selbst nicht gedacht habe.
Dass ihre Zeit in Berlin nun dem Ende zugeht, sieht die junge Schriftstellerin mit gemischten Gefühlen: „Das Jahr in Berlin hatte Licht- und Schattenseiten.“ Jetzt freut sie sich auf die Rückkehr in ihr Heimatland – darauf die Sprache und somit die Geheimnisse des Alltags wieder verstehen zu können.
So interessant die Schilderungen Masłowskas sind, so unpassend sind Jakob Heins Versuche das Gespräch mit witzigen Sprüchen aufzulockern. Man hätte sich mehr Professionalität vom Moderator gewünscht, der sowohl Autorin als auch Übersetzer mit zu komplexen Fragen überfordert. Häufig treten Missverständnisse auf und die Antworten auf manche von Hein gestellten Fragen bleiben offen. Zu oft bleibt der Moderator auch an unwichtigen Details hängen und verliert den Blick für das Ganze. So bietet das Gespräch mit der jungen Autorin zwar viele interessante Einblicke, doch insgesamt ist es entschieden zu kurz und einige der Fragen, die man an Masłowska noch gehabt hätte, bleiben unbeantwortet.

Der literarische Teil des Abends endet schließlich mit einer szenischen Lesung – die Schauspielerin Inka Loewendorf und der Übersetzer Olaf Kühl lesen aus dem 3. Akt von Masłowskas Theaterstück „Wir kommen gut klar mit uns“. Während Olaf Kühl ein wenig zu schnell liest, imitiert Loewendorf gekonnt die verschiedenen Stimmen des Dialogs. Doch hierbei reizt sie ihre schauspielerischen Fähigkeiten gelegentlich ein bisschen zu sehr aus – das Ganze kommt ein wenig überdramatisch rüber und die Ironie des selbstkritischen Dramas bleibt dabei zeitweise auf der Strecke.

Doch trotz einiger kleiner inhaltlicher Unzulänglichkeiten gaben Film, Gespräch und Lesung nicht nur gelungene Einblicke in die Persönlichkeit der jungen Autorin, die sich für ihr Alter erstaunlich souverän und selbstbewusst präsentiert, sondern vermittelten auch einen Eindruck von der polnischen Gegenwart, die Dorota Masłowska düster und dennoch mit Witz und Schärfe in ihren Werken nachzeichnet. Trotz der weniger gelungenen Moderation Jakob Heins und kleiner technischer Fehler war es also alles in allem ein lohnenswerter Abend, der Lust auf mehr von Dorota Masłowska gemacht hat.

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5 Gedanken zu „Das polnische Fräuleinwunder in Berlin

  • 27. Januar 2010 um 23:23
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    Klingt nach einem Abend mit einigen Schönheitsfehlern…kann die Dame denn jetzt Wörter zu Torten schichten? ;)

  • 28. Januar 2010 um 17:33
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    ich finde, das ist ein toller Bericht super geschrieben und hat auch uns bis 10 in der Uni Sitzenden Lust auf mehr gemacht… mir zumindest (um mal DEINE Qualitäten zu loben). Ich danke auf jeden Fall für die schöne Zusammenfassung :)

  • 28. Januar 2010 um 19:24
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    „Wörter zu Torten schichten“, wie auch immer das aussehen und schmecken mag, kann die Autorin wenn, dann nur Dank des „kongenialen Übersetzers“ (mehrfaches Zitat Jakob Heins) Olaf Kühl. Problematisch würde jedoch der Abwasch der Kuchenteller und -gabeln werden, der ohne die Unterstützung eines Geschirrspülers (Ein solches Gerät gehört nicht zur Grundausstattung einer Wohnung des DAAD-Austauschprogramms, was, so ließ sich der Seitenhieb der Autorin verstehen, für etwas Unbehagen sorgte. Und somit ist der Geschirrspüler der Gegenstand, auf den sich Masłowskas im Zuge ihrer bevorstehenden Rückkehr nach Warschau am meisten freut.) langwierig, wenn auch nicht -weilig, auf jeden Fall jedoch anstrengend sein dürfte.

    Eine Erkenntnis des Abends ist definitiv, so sehr ich Jakob Hein und seinen „geistreichen Witz“ sowohl lesend, als auch leibhaftig mag und bewundere, dass Künstler (Autoren, Schauspieler,…) keine (guten) Moderatoren sind. Das müssen sie ja auch nicht sein! Zu hinterfragen ist jedoch, warum sie so häufig für eine solche Tätigkeit engagiert werden.

  • 1. Februar 2010 um 13:28
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    Eine gelungene Zusammenfassung des Abends! Wahrlich.
    Ja, leider wird die Wichtigkeit eines Moderators bei vielen Veranstaltungen sehr unterschätzt. Meiner Meinung nach steht und fällt mit ihm oft ein Abend. Er ist es schließlich, der die uns interessierenden Dinge aus dem Befragten zutage fördern soll, der über unglimpflich verlaufende Begebenheiten hinweg retten muss und der, was besonders wichtig ist, die Veranstaltung in den Vordergrund und sich in den Hintergrund stellen muss! Dies fällt Kreativen oft sehr schwer.
    Bühnenmoderation, abseits von TV und Radio, ist eben ein typischer Nebenjob. Und wo Expertise gefragt ist, mangelt’s manchmal an rhetorischen Kompetenzen. Und ein großer Redner kann ein schlechter Frager sein…

  • 1. Februar 2010 um 14:30
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    Frager? oje… Fragesteller.

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