Das rote Schaf der Familie

Was hat “Six Feet Under”, die amerikanische Serie über ein Beerdigungsinstitut, wohl mit dem britischen Straßenfeger “Downton Abbey” gemeinsam, einmal abgesehen davon, dass es sich bei beiden um ausgesprochen populäre Fernsehproduktionen handelt? Die Antwort liegt in der Inspirationsquelle, die, so unwahrscheinlich es auf den ersten Blick scheinen mag, in beiden Fällen bei einer berühmt-berüchtigten englischen Adelsfamilie zu finden ist; bei den hierzulande bis dato eher vernachlässigten Mitford-Schwestern, Lord Redesdale’s sechs skandalträchtige Töchter. In England lassen sich viele Regalmeter (von ihnen und über sie verfasste) Literatur finden.

KippenbergerPortraitsMitfordsBuchrücken

Wohl kaum eine Familie ist so repräsentativ für die Geschichte des 20. Jahrhunderts, wohl kaum findet man deren Eckpunkte in so geballter und gegensätzlicher Form in einer Familie vereint. Die sicherlich spannendste der Schwestern hat es der Journalistin und Autorin Susanne Kippenberger besonders angetan: Jessica Mitford, die zunächst einen Neffen Churchills heiratete, dann mit ihrem Cousin durchbrannte und in den Spanischen Bürgerkrieg zog, im Gegensatz zu zwei ihrer extrem faschistisch orientierten Schwestern, sogenannten “Hitler-Groupies”, überzeugte Kommunistin war, als solche ausgerechnet in die USA auswanderte und sich dort tatkräftig in der Bürgerrechtsbewegung engagierte. Von ihr stammt auch der in den 60er Jahren verfasste sozialkritische Blick auf das amerikanische Bestattungswesen: The American Way of Death. Sie war eine ausgefuchste investigative Journalistin, stand bei ihren Vorträgen gern im Rampenlicht und spielte noch lieber den Clown. Maya Angelou und Amy Tan zählten zu ihren besten Freundinnen.

Schon ein kurzer biographischer Schnelldurchlauf klingt haarsträubend und kratzt doch nur an der Oberfläche. Handelte es sich hier nicht um eine wahre Geschichte, man könnte sie sich gewiss nicht ausdenken. Das sagt auch Susanne Kippenberger, die einen schier unglaublichen Kraftakt geleistet hat: Sie hat Ende September die erste deutschsprachige Biographie über die Familie vorgelegt, in der Decca, so der Spitzname, die Hauptrolle spielt: Das rote Schaf der Familie. Jessica Mitford und ihre Schwestern, erschienen bei Hanser Berlin. Wie Kippenberger die immense Fülle an Material intensiv recherchiert, zusammengetragen und in ihrem faszinierenden Buch auf über 500 Seiten sehr erfolgreich gebändigt hat, verdient unbedingte Anerkennung. Bereits in den 90er Jahren wuchs die Idee zu einem Artikel über die Familie. 2007 kam die Erkenntnis, dass aus dem Artikel doch besser ein Buch werden solle, und die ersten Interviews mit den Kindern Jessica Mitfords wurden 2010 geführt. Herausgekommen ist ein labour of love, den die Autorin als streckenweise “qualvollen Prozess” bezeichnet. Das Ergebnis jedoch liest sich so unterhaltsam wie informativ, es ist ein beachtliches Spannungsfeld der Extreme, in dem es Komik und Tragik, Ironie und Skurrilität, und so ehrbare wie dubiose Gesinnungen gibt. Die Art und Weise, wie Kippenberger das große Thema mit so viel Hingabe und doch auf Distanz, mit leisem Humor und doch Ernsthaftigkeit bearbeitet hat, spiegelt genau den British way of life wider, der auf uns solch anziehende Wirkung hat. Das Buch sei wärmstens empfohlen.

Am 20. November hat es Susanne Kippenberger im “Roten Salon” des Tagesspiegels vorgestellt. Regelmäßig lädt das Blatt ins Verlagshaus am Askanischen Platz zu Lesungen und Diskussionen. Es gibt einiges zu feiern an diesem Abend, denn der Tagesspiegel ist Zeitung des Jahres 2014 geworden. Der “Rote Salon” besteht seit 10 Jahren, und auch die Autorin gibt für sie persönlich Erfreuliches bekannt: ihr 25jähriges Jubiläum als Redakteurin beim Tagesspiegel. Das Rahmenprogramm der Lesung besteht aus Klaviermusik – es werden Jessica Mitfords Lieblingslieder gespielt (schottische Balladen, Kirchenlieder, Songs über Bürgerrechtler und Beatles) – und Speisen nach typisch englischen Rezepten, wie die häusliche Mitford-Schwester Pamela sie zubereitet hätte. Eigentlich ist der gelungene Abend für die vielen Anekdoten, die es zu berichten gibt, viel zu kurz. Susanne Kippenberger kann auch mündlich ganz wunderbar erzählen und man hört ihr gerne zu. So durften die Mitford-Mädchen keine Schule besuchen, unter anderem weil sie vom Schulsport keine dicken Schenkel bekommen sollten. 2007 kursierte in der britischen Presse das Gerücht, dass sich in England ein unehelicher Nachkomme Hitlers verstecke, mit dem er die Mitford-Schwester Unity geschwängert haben soll, dem “It-Girl” der 30er Jahre, ihrerseits gezeugt in einem kanadischen Ort namens Swastika, mit Zweitnamen Valkyrie, die Hitler etwa 135 Mal unter anderem bei Wagners zum Tee traf und die Hochzeit ihrer Schwester Diana im Hause Goebbels feierte. In der sehr selektiven Wahrnehmung der Schwestern und ihrer tabubelasteten Nähe zur Nazi-Zeit liegt sicher ein Grund für Berührungsängste hierzulande.

Dass der Einfluss der Familiengeschichte ungebrochen ist, zeigt sich immer wieder. 2013 erschien der Roman Life After Life der britischen Schriftstellerin Kate Atkinson. Er zeichnet das Leben (oder die Leben) der 1910 geborenen Ursula Todd nach. Schon Ursula scheint geradezu ein Konglomerat der Namen Unity, Deborah, Jessica, Pamela und Diana zu sein. Über dieses Buch, dessen deutscher Titel eher unglücklich mit “Die Unvollendete” übersetzt, das aber in diesem Zusammenhang unbedingt zu empfehlen ist, sei nicht zu viel verraten. Ursula wird in verdächtig ähnlicher Weise wie die Mitfords durch die Wirren des 20. Jahrhunderts geführt, inklusive eines Aufenthalts in München und einer Freundschaft mit Eva Braun. Wie eine Handvoll Schwestern in ihrem Mikrokosmos die Geschichte des 20. Jahrhunderts erleben, vorleben, durch- und überleben, wie sie eine Fülle an Leben leben, die eigentlich gar keinen Platz in nur einem Leben haben kann, das sollte man in Das rote Schaf der Familie unbedingt nachlesen.

Susanne Kippenberger: Das rote Schaf der Familie. Jessica Mitford und ihre Schwestern. Hanser Berlin 2014. 624 Seiten. Gebunden. 26,00 €.

Kate Atkinson: Die Unvollendete. Droemer 2013 (erscheint im Januar 2015 als Taschenbuch). 592 Seiten. Gebunden. 19,99 €.

Hier könnt ihr euch ein sehr skurriles Youtube-Video anschauen, wie Decca Beatles singt.

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Michaela Höher

Jahrgang 1966 und ergo das "späte Mädchen" des Studiengangs. Verheiratet mit der englischen Sprache, obwohl sie bestimmt nicht die Beste aller Ehefrauen ist. Diese leidenschaftliche Beziehung hat die ausgebildete Buchhändlerin nach London gelockt, zum Magister in Englischer und amerikanischer Literaturwissenschaft nach Berlin geführt, zehn Jahre lang mit englischsprachigen Produktionen auf die Bühne geschickt, für ein paar Jahre in die USA versetzt und sie zur zweisprachigen Erziehung ihrer beiden Töchter (und des Hundes) gezwungen.
"Es gibt kein Gesetz, das alten Weibern verbietet, auf Bäume zu klettern." Astrid Lindgren

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