Der Hunger frisst mich auf

Bananenangst. Der Titel von Patricia Modispachers Roman klingt im ersten Moment witzig, macht neugierig. Was mag sich hinter diesem Wortspiel verbergen? Liest man interessiert den Klappentext, wandern die Mundwinkel schnell in den Keller, aber das Interesse ist nicht verloren. Der Klappentext erklärt das Thema dieses Romans in wenigen kurzen Sätzen: Die Protagonistin Scarlett hat nur noch einen BMI von 15. Elf Kilo unter einem normalen Gewicht. Das sitzt. Dieser Spagat zwischen tödlichem Ernst und einem verblüffend leichten Erzählstil gelingt über alle 357 Seiten hinweg und ist die große Stärke dieses Buches.

von Marie Walther

© Marie Walther

Mastschwein?

Scarlett ist Anfang zwanzig und hat innerhalb der letzten drei Jahre 60 Kilo Gewicht verloren. Nach dem sich ihr erster fester Freund nach mehreren Jahren plötzlich von ihr trennt und dabei jede Schuld von sich weist, kann sie nur noch daran denken, dünn zu werden. Er gibt ihr und sie sich selbst die Schuld an diesem Bruch, was zum Auslöser wird, sich in der Krankheit zu verlieren. Sie redet sich ein, durch ihre mangelnde Disziplin die Beziehung zerstört zu haben und sie stürzt sich in den Hunger. Bald schon steht sie um halb fünf Uhr morgens auf, nur um vor der Uni noch eine ganze Stunde lang Sport zu machen. Ihr Tag wird von Gedanken an Essen beherrscht, wann sie was und wieviel essen darf. Über jedes Knäckebrot, das sie nur neben den Teller legt, um sich selbst die Stärke zu beweisen, es nach dem Essen wieder in den Schrank zu räumen, empfindet sie verzweifelten Triumph. Alles verbietet sie sich außer Gemüse und eine Scheibe Vollkornbrot, das Abendessen wird zum stundenlangen Ritual, indem sie versucht ihren Hunger durch riesige Portionen Salat und literweise Wasser zu stillen. Bis ihr Bruder endlich die Notbremse zieht und droht sie zwangseinweisen zu lassen.

„Eine Banane: so viele Kalorien wie fünf Knäckebrote. Oder zwei Packungen Sauerkraut – das macht auf jeden Fall satt. Da isst man doch lieber Sauerkraut. So viele Kalorien wie vier Kugeln Erdbeereis. Obwohl es kommt darauf an. Wie groß sind die Kugeln, wie schwer die Banane?“

In zehn Kapiteln wechselt die Erzählung zwischen der Therapie Scarletts, ihren Kindheitserinnerungen und dem besorgniserregenden Voranschreiten ihrer Anorexie, kurz bevor sie sich in eine psychosomatische Klinik einweisen lässt. Den größten Raum nimmt dabei der Alltag in der Klinik ein, ihre Fortschritte und ihr Kampf mit dem Essen. Plötzlich ist sie durch einen Gewichtsvertrag dazu gezwungen, unter Aufsicht jede der drei Mahlzeiten aufzuessen. Zu jeder vollwertigen Mahlzeit zählt dort ein Dessert, das in ihrer Beschreibung meist aus absoluten Tabu-Lebensmitteln besteht, wie Sahnepudding. Man kann den fettigen Film auf der Zunge förmlich beim Lesen spüren, wenn sich Scarlett versucht davon zu überzeugen, die Butter und der Käse auf ihren zwei Brötchen sei gut für sie, während die Stimme der Krankheit sich sträubt und ekelt. Man kann die Tränen verstehen, die ihr dabei über die Wangen fließen, weil die Stimme der Krankheit längst alle Kalorien berechnet hat und das Versagen in dieser Butter anprangert.

„Du hast schreckliche Angst davor, dem Hunger zu erliegen und die Banane zu essen. Rückfällig zu werden. Undiszipliniert. Wieder zur Versagerin. Aber du bist keine Versagerin. Nicht mehr. Du bist stark. Du kommst gut klar, ohne Bananen essen zu müssen. Du willst ja gar keine Bananen.“

Liebe muss man sich verdienen?

Scheibchenweise wird in Rückblenden erklärt, wo die Ursprünge von Scarletts Anorexie liegen. Sie wurde von ihren Schulkameraden gemobbt, da sie als Kind übergewichtig war. Im Unterricht ihr die Haare abzuschneiden, in den Rucksack zu pinkeln und Butter ins Mäppchen zu schmieren gehörten neben den fiesesten verbalen Attacken zur tagtäglichen Quälerei. Abends flüchtete sich das Mädchen in den Genuss von Süßigkeiten, bis sie Zeuge der Trennung ihrer Eltern wurde und der Vater auch noch ihren geliebten Bruder mitnahm. Scarlett nimmt die Schuld daran auf sich, da es im finalen Streit von Mutter und Vater um gegenseitige Schuldzuweisungen für Scarletts Übergewicht ging. Selbsthass treibt sie dazu sich Schnitte in den Bauch zuzufügen, um weniger von sich selbst zu sein, unsichtbar zu werden. Ihre Mutter überlässt sie teilnahmslos dem Selbsthass, doch von „mother blaming“ will Scarlett in der Therapie nichts hören. Wenn sie dünn ist, wird ihr die Mutter erlauben aufzuhören, ihr die Erlaubnis geben zu essen. Erst dann hätte sie es verdient, glücklich zu sein. Hätte sich die Liebe ihrer Mutter verdient. Wenn sie dünn ist, wird die Mutter sie endlich sehen.

„Also leidest du weiter unter deiner vermeintlichen Stärke und das Einzige, was sich in deinem Leben ganz prächtig ernährt, ist die Angst. Die Bananenangst. Sie ernährt sich von den tiefsten Abgründen deiner Seele, frisst sich in dich hinein, frisst dich auf.“

Fast jedes Kapitel beginnt mit dem Satz: „Du weißt, dass es schlimm ist, wenn…“, im Laufe ihrer Therapie verändert sich dieser Einstieg in: „Du weißt, dass es besser wird, wenn…“. Die Lesenden werden durch die gesamte Therapie geführt, erleben alle Herausforderungen mit und freuen sich über jede Erkenntnis und jeden Schritt weg von der Mutter und weg von dem Exfreund. Hin zur Selbstliebe.

Essen ist eine Belohnung?

Man kann nicht umhin, während der Lektüre über Essen nachzudenken und eine für die meisten fremde und neuartige Sicht darauf zu entdecken. Wann hat man selbst das letzte Mal eine Banane gegessen und hat man dabei darüber nachgedacht? Denkt man überhaupt über Essen nach und in welchem Maße, in einem normalen oder krankhaften? Zählt man selbst Kalorien? Kennt man einen Anflug von Selbsthass nach etwas Fettigem, kennt man die quälende Lust von Hunger, weil man sich dabei diszipliniert fühlt? Welchen Stellenwert nimmt Essen im eigenen Leben ein? Ist es schon ein Belohnungssystem geworden, dass sich mit Leistung verdient werden muss, da Essen gesellschaftlich längst viel mehr, als Genuss kontra Gesundheit ist, als reine Energieversorgung des Körpers? Gesellschaftskritische Fragen, die dieser Roman aufwirft und reflektiert.

Das Ende von „Bananenangst“ lässt zwar offen, ob eine Heilung abgeschlossen wird und ob die Therapieerfolge von Dauer sein werden. Aber es gibt zwei Szenen, die die Lesenden mit positiven Gedanken entlässt. Scarlett schafft es, ihre Mutter bei einer ihrer Litaneien zu unterbrechen und stattdessen lieber eine Banane zu essen. Auch scheint sie es zu schaffen, mit ihrem Exfreund abzuschließen. Der Roman ist ein intimster und offenster Einblick in die Psyche Scarletts, durch den man diesem Menschen so nahe kommt, dass man während dieser Szenen so etwas wie Stolz empfindet.

Patricia Modispacher: Bananenangst. Berlin: Parlez Verlag 2021. 357 Seiten.
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