„Die beste Form von Kunst überhaupt“

Nach dem Germanistikstudium in die Filmbranche? Regisseur, Autor und Musiker Kolya Reichart spricht über seinen Werdegang, sein aktuelles Buchprojekt und weibliche Perspektiven beim zeitgenössischen Film.

Interview von Saskia Balser

Kolya Reichart (c) Julia Buchholz

Du hast zunächst Germanistik und Philosophie in Bonn studiert, was hat dich anschließend zum Studiengang „digital film making“ an der School of Audio Engineering in Berlin bewegt?

Mit 19 oder 20 wusste ich nur so viel: Ich lese gerne, ich schreibe gerne. Also habe ich mit Germanistik angefangen, das lag auf der Hand. Ich habe aber total schnell gemerkt, dass das nicht das ist, was ich machen will, weil es mir viel zu theoretisch war. Ich dachte, ich lerne zu schreiben und beschäftige mich mit der Literatur, die ich mag, stattdessen lernte ich Althochdeutsch. Das war nicht mein Fall. Währenddessen habe ich dann angefangen, Filme zu machen. Ich habe junge Schauspieler*innen gesucht, mit denen ich kleine Szenen drehen kann.

Im Privaten?

Im Privaten, ja. Man muss dazu sagen, dass meine Familie aus der Filmwelt kommt: Mein Vater war Redakteur beim WDR und meine Mutter Cutterin. Insofern war Film immer Teil meines Lebens. Und trotzdem gab es auch immer Widerstände. Mein erster Impuls war es, genau diesen Weg meiner Eltern nicht einzuschlagen. Aber irgendwie war Film immer um mich herum. Als ich von Bonn nach Köln gezogen bin, habe ich an der Studiobühne – das ist ein Theater in Köln, was an die Uni angeschlossen ist – ein kleines Stück inszeniert. Dabei habe ich gemerkt, dass das die Welt ist, die mich am meisten interessiert.

Hängen Theater und Film für dich eng zusammen?

Ja, total. Je nachdem wie man Film begreift, aber so wie ich Film begreife und Geschichten erzähle, hängt es auf jeden Fall sehr eng zusammen. Film ist allerdings viel starrer geworden als Theater. Auf der Bühne werden Stücke nicht realistisch abgebildet, sondern interpretiert und entfremdet. Das gibt es im Film zwar auch, aber der Film ist viel verhafteter in der realen Erzählung. Theater ist wilder und assoziativer. Insofern ist es auch näher an der Literatur als der Film.

Dein erster Spielfilm „Antons Fest“ lief 2016 in den Kinos. Wie war das für dich, deinen eigenen Film auf der großen Kinoleinwand zu erleben?

Ich kann nicht sagen, dass ich mich dabei immer so gut gefühlt habe. Man verbringt davor so unglaublich viel Zeit mit dem Film. Man kennt ihn in- und auswendig, kennt alle Fehler und alle Sachen, die nicht so funktioniert haben. Es ist natürlich wunderschön im Kino, wenn man merkt, da schwappt etwas über, aber auf der anderen Seite ist man viel empfänglicher für die Momente, die nicht funktionieren. Viel feiner habe ich diese schwierigen Momente wahrgenommen als die Schönen. „Antons Fest“ hat sehr lustige und lebendige Szenen, aber auch fiese Abgründe. Er ist sperrig, keine leichte Unterhaltung. Und es war hart, zu sehen wie die Zuschauer*innen sich zusammenziehen.

Du hast vor fünf Jahren die Produktionsfirma „Polly Films“ gegründet. Was sind hier deine Aufgabenbereiche? Und was würdest du gerne zukünftig ausprobieren im Rahmen der Firma?

Als ich mit dem Studium fertig war, musste ich herausfinden, wie ich arbeiten will. Und da war für mich immer relativ klar, ich will ein selbstbestimmter Filmemacher sein, das war mein größter Wunsch. Mir selbst etwas aufzubauen. Als junge*r Regisseur*in ist es der klassische Weg, gebucht zu werden und dann Fernsehfilme zu drehen oder fertige Drehbücher anzunehmen. Das war eine Vorstellung, die mir nie gefallen hat. Ich wollte immer selbst die Themen wählen und Sachen kreieren. Das war der Grund dafür, die Firma zu gründen. Ich schreibe hier zwar viel, aber vor allem erstelle ich Konzepte. Die Agenturen und Kund*innen haben oft eine grobe Idee und ich entwickle sie weiter. Neben der Konzeptarbeit schreibe ich Drehbücher, meistens mit einem Co-Autor zusammen. Zurzeit arbeiten wir an einem Serienkonzept. Und dann gibt’s Side-Projekte, die mach ich so nebenbei , manchmal fließen sie dann aber in die Firma ein.

Wie „literarisch“ würdest du deine Arbeit jetzt gerade einschätzen?

Immer, wenn ich etwas mache, fängt das mit Schreiben an. Wenn mich etwas inspiriert, ich eine Idee habe, dann schreibe ich sie erstmal runter. Wenn ich an einem Song arbeite, dann schreibe ich auch erstmal, bevor ich darüber nachdenke, welche Akkorde ich suche. Das ist immer der erste Schritt. Was mir am Filmemachen so gut gefällt, ist die Arbeit in verschiedenen Phasen und im ständigen Austausch. Du schreibst etwas für dich und sprichst dann mit anderen Leuten darüber, denn einen Film machst du nie alleine. Du bist immer in Kommunikation und Veränderung. Am Set können hunderte Mitarbeiter*innen sein und selbst wenn du dich danach wieder zurückziehst, arbeitest du mit Cutter*innen zusammen. Das ist einer der Gründe, weshalb ich nie reiner Autor sein könnte, weil die Kommunikation ein wesentlicher Teil meines Lebens und Arbeitens ist.

Als Autor*in hat man die Hauptkommunikation wahrscheinlich mit der*dem Lektor*in. Es ist viel einsame Arbeit, oder?

Es gibt ja auch bei Drehbuchautor*innen immer mehr Writer’s Rooms und Autor*innenduos, weil es eine so zermürbende Arbeit ist. Romanautor*innen, die in Isolation ihre Geschichten schreiben, bewundere ich auf der einen Seite, ich stell es mir aber auch wahnsinnig hart vor.

Woran arbeitest du gerade?

Ich habe gerade ein Buch geschrieben mit einem Freund zusammen, der in einer tiefen Depression und deshalb auch in der Klinik war. Wir haben aus zwei Perspektiven über seine Krankheit geschrieben. Ich als Angehöriger und er als Betroffener. Das war keine Fiktion, sondern unsere echten Erfahrungen. Das ist wohl die literarische Form, die ich am allerspannendsten finde. Es geht darum, wie man es schafft, die Realität zu dramatisieren oder erzählbar zu machen.

Wie ist dieses Projekt entstanden?

Wir haben damals nicht einfach gesagt: Wir schreiben ein Buch. Sondern ich habe gemerkt, dass ich mit der Krankheit nicht mehr umgehen kann und ich anfange, ihm Ratschläge zu geben. Irgendwann konnte ich mich selber nicht mehr hören. Ich habe beschlossen, ihm bei unseren Treffen nur noch zuzuhören. Alle Gedanken, die ich dazu hatte, schrieb ich auf. Das war mein Ventil: zu schreiben und es ihm in dieser Form zu sagen. Als er aus der Depression langsam wieder hervorgekrochen ist, saßen wir zusammen bei einem Bier und ich sagte ihm, ich habe über ihn geschrieben. Später in der Nacht habe ich angefangen, es ihm vorzulesen. Er sagte dann, er wolle auch darüber zu schreiben. So ist es entstanden. Letztendlich entstehen die meisten guten Sachen aus dem Moment heraus, aus dem persönlichen Erleben. Ich hoffe, dass das Buch, obwohl es sehr persönlich ist, veröffentlicht wird, denn es ist super wichtig. Das ist wohl das Beste, was passieren kann. Dass aus dieser Last, die er mit sich trägt, etwas Gutes entsteht, das vielleicht auch anderen hilft. Für mich ist das die beste Form von Kunst überhaupt: dass du es schaffst, etwas, was dich eigentlich belastet, umzuwandeln in irgendwas Tolles.

In dem Serienprojekt, was du vorhin erwähnt hast, geht es darum, dass drei Frauen das männerdominierte Rotlichtmilieu im Köln der 1970er Jahre aufmischen wollen. Erzähl doch mal.

Es gab das sogenannte „Miljö“, was mitten im Rotlichtmilieu, im Zentrum von Köln lag. Es war kein abgeschirmter Kosmos, wie das vielleicht in Hamburg noch mehr so ist, wo die Reeperbahn das anrüchige Viertel ist. In Köln sind die Grenzen damals verschwommen, es gab Kneipen, die eindeutig zum Rotlichtmilieu gehören, aber gleichzeitig haben da auch das Bürgertum und die High Society verkehrt. Alles war eine Mischpoke. Das fanden wir unglaublich spannend. Wir haben über eine Kneipiers Familie, die inmitten dieses Milieus sitzt, geschrieben. Beim Schreiben des Drehbuchs haben wir uns allerdings gefragt: Warum erzählen wir jetzt diese Geschichte aus den 70ern? Wir brauchten etwas, was modern ist, das Ganze aufmischt. In dem alten Konzept hatten wir schon drei starke Frauenfiguren, die haben wir noch weitergedacht. Wir fragten uns, wie wohl drei Frauen mit dem Mindset von 2020 sich in dieser Umgebung verhalten würden.

Also ein moderner feministischer Twist?

Ja genau! Und so ist jetzt im Prinzip auch die Serie geschrieben: Sämtliche Klischees und Verhaltensweisen, die Männer in Mafiafilmen und Thrillern in den letzten 50 Jahren aufweisen, haben wir auf die Frauen umgemünzt. Anstatt dass die männliche Hand auf dem weiblichen Bein liegt, ist es bei uns andersherum.

Wie schätzt du die Stellung von Frauen im Filmbereich ein? Ist das eine männerdominierte Domäne?

Ja, das ist es, 100 Prozent. Aber gerade jetzt haben junge Regisseurinnen die besten Karten. Denn die Erzählung aus weiblicher Sicht ist die, die momentan am besten funktioniert. Und sie ist einfach zu wenig da gewesen. Mit dem weiblichen Blick entstehen andere, spannende Filme und das ist gerade total en vogue. Auch als Produktionsfirma muss man in diese Richtung denken. Wir haben uns als drei Männer gegründet und können das nicht mehr ändern, aber versuchen eigentlich gerade bei allen Filmteams darauf zu achten. Auch bei unseren Kooperationen wählen wir eher Producerinnen, Cutterinnen, Kamerafrauen. Das verändert sowohl unsere Diskussionskultur als auch die Stimmung im Büro.

Du hast mehrere „Side-Projekte“ außerhalb deiner 40-Stunden-Woche bei Polly Films entwickelt. Wie schaffst du es, das zeitlich zu managen?

Ich glaube, das ist tatsächlich bei mir auch Freizeit. Dieses Buchprojekt beispielsweise: Ich arbeite daran mit einem meiner besten Freunde. Es ist für mich tatsächlich oft die schönere Vorstellung, an diesem Buch zu schreiben, als einen Kaffee zu trinken oder spazieren zu gehen. Ich glaube, es kann nur so funktionieren. Zu schreiben ist eben auch mein Hobby und es ist wunderschön, auch für die Freundschaft, von der ich gesprochen habe. Das ist eine unglaubliche Form, sich zu begegnen.

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