Flair der 90er – Stefan Petermann schreibt Geschichten in Ausschau halten nach Tigern

Ein kleiner Junge dringt beim Spielen durch ein geöffnetes Fenster in die Wohnung eines Verstorbenen ein. Die Leiche verwest am Esstisch und langweilt sich. Der spielende Junge, der neugierig durch die Wohnung streift und versucht, die Leiche kennenzulernen, ist eine willkommene Abwechslung im tristen Leichenalltag.

In einer anderen Geschichte überfallen zwei Freunde, ein realer und ein imaginärer, einen Copy-Shop und entführen Veronika. Die möchte mit den Freunden überallhin flüchten, nur nicht ans Meer, denn dort wollen schließlich alle hin.

So unterschiedlich sind die Handlungen der 17 Erzählungen von Stefan Petermann im Band Ausschau halten nach Tigern. Petermann wechselt geschickt Perspektiven, lässt die unterschiedlichsten Figuren handeln. Sie alle eint dennoch die poetische Sprache, die Sprache derjenigen, die in den 90ern Jugendliche waren.

„Als meine Schwester herausfand, dass Pferde auch zu Hundefutter verarbeitet werden, war ihre Kindheit beendet“, sagen die Helden. Und: „Eigentlich schätze ich ja besonders die aggressive Phase beim Alkoholrausch. Die Zeit, wenn man mit Freunden nachts durch die menschenleere Stadt streunt und plötzlich das Bedürfnis verspürt, etwas zerstören zu wollen. Da weiß man in dem Augenblick schon, wie bescheuert das ist, aber man macht´s trotzdem.“

Würden die Feuilletons dieses kleine Universum der Möglichkeiten beachten, zögen Sie – da kann man sich mal aus dem Fenster lehnen – Vergleiche zu Hanna Lemke oder Judith Hermann etc. Der Vorwurf, die neuen Jungen schrieben alle gleich, ist zwar nicht haltbar, auch wenn mal ein Kriminalroman aus dieser Ecke gut tun würde, dennoch treffen diese Autoren die gleiche Generation. Allerdings: Wer trifft, hat recht und basta.

Petermanns Helden entfachen den Wunsch, dieses Buch schon damals gelesen zu haben, als Jugendliche, ungefähr im Alter von 16 Jahren, in den Momenten, in denen jeder für ein wenig Kitsch zu haben war. Da wären diese Erzählungen am Puls der Zeit gewesen. Jetzt ist diese Prosa reinste Melancholie, aber das ist schließlich auch nicht verkehrt. Der kleine Hamburger Verlag asphalt & anders muss dringend im Auge behalten werden.

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Lina Kokaly

Lina Kokaly hat litaffin mitgegründet. Sie schrieb u.a. auch für den Tagesspiegel, die zitty, DRadio Wissen und die Neue Zürcher Zeitung. Mittlerweile ist sie Hörfunk- und Fernsehjournalistin bei Radio Bremen und hat ihren Autorenposten hier für die neuen Studierenden geräumt.