Die Geister-Universität

Wie fühlt es sich an, an der Uni unterwegs zu sein, wenn man dort nur noch zu Gast ist? Im Endspurt ihres Studiums kommt sich unsere Autorin wie ein Geist vor, wenn sie die kahlen Gänge der Rost- und Silberlaube abläuft. Über das Gefühl, nicht mehr an die Uni zu gehören.

 

Es kommt ein Punkt im Leben, da merkt man, dass man nicht mehr an die Uni gehört. Die Gänge fühlen sich leer an und die Studenten, die einem entgegenkommen, wie Statisten. Als würde man durch die virtuelle Welt eines Computerspiels laufen. Diese Menschen sind nicht echt, und würde man sie ansprechen, dann würde die Welt hängen und müsste neu geladen werden. Wie, wenn man bei “Die Sims” die Türen der Wohnung entfernt und die Figuren irgendwann sterben und zu Geistern werden. Dafür ist das Spiel nicht vorgesehen; die Uni ist für mich nicht mehr vorgesehen.

Alleine schon, mit der Bahn eine Stunde lang bis nach Dahlem zu fahren, scheint mir plötzlich so absurd. Als ich mehrmals die Woche in Seminare und zur Mensa ging mit Freunden, war die Uni auch schon ungemütlich, aber immerhin noch lebendig. Jetzt, wenn ich aus den Türen der “Silberlaube” trete, die mich jedes Mal fast erschlagen, fühle ich mich, als hätte ich gerade einen zweistündigen Spaziergang über den Friedhof hinter mich gebracht. Im Café Kauderwelsch ist es immernoch chronisch kalt, die Kuchenauswahl noch die gleiche wie vor zwei Jahren – Brownies, Erdnuss- und Apfelkuchen. Dann ein paar Boxen Couscous-Salat und Hummus. Einmal, letzten Sommer, habe ich den Fehler gemacht, mich in den Hinterhof des Café Kauderwelsch zu setzen, in der Erwartung, den Sommertag genießen zu können. Aber dieser Hinterhof ist schlimmer als alle J-, K-, und L-Gänge zusammen; das muss der Ort sein, an dem sich geschiedene Professoren in der Midlife-Crisis erhängen.

regnerischer Weg in Dahlem

Die Schließfächer kann man als Normalsterblicher nicht mehr schließen, denn man muss erst seine Unicard aktivieren, was nicht geht, weil der Automat kaputt ist. “Er wird im Laufe des Tages repariert werden”, murmelt die Bibliotheksangestellte. Danke für nichts. In der 29. Straße lauern hinter optimistisch bunten Türen Bürokratie-Monster, die dir mitteilen, du sollst eine Email ausdrucken und vorbeibringen, die sie in ihrem eigenen Email-Posteingang haben. Du gehst wieder, mit gesenktem Kopf und hängenden Schultern. Jetzt hat die Bürokratie auch dich eingeholt. “Du” schreibe ich nur, damit ich nicht “ich” schreiben muss.

Wenn ich zur U-Bahn laufe, denke ich an den ersten Winter an dieser Uni, als die verschneiten Villen Dahlems noch exotisch waren und ich mir fest vornahm, mal ins Kino Capitol zu gehen. Aber die Realität ist, dass man nie auf die Idee kommt, hier zu verweilen. Ich zieh mir überteuerte Club-Mate und einen Schokoriegel in der Mensa und mach, dass ich wegkomme. Die Anzeige an der U-Bahn Station verspricht “Warschauer Straße” und mir wird etwas wärmer ums Herz.

Vielleicht ist auch alles nur Strategie: Die Uni hat ein ausgeklügeltes System entwickelt, Langzeitstudenten loszuwerden. Das verrostete Gebäude, die kahlen Gänge, die verdammten Schließfächer, und der Mann vom Postkartenstand, der mein Kleingeld nicht annimmt. Der Plan geht auf, denn ich freue mich aufs Arbeitsleben. Nie wieder JK 29.

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Lena Prisner

Lena ist 1991 in Berlin geboren, bei Frankfurt aufgewachsen und hat in Freiburg ihren Bachelor gemacht. 2016 ist sie schließlich für den Master zu ihren Wurzeln nach Berlin zurückgekehrt. Wenn sie nicht gerade Filme schaut (und auf www.aka-filmclub.de/highnoon darüber bloggt) träumt sie von Amerika, wohin sie so oft es geht verschwindet.
Lena Prisner

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