Die Gespenster von Demmin

Wie aufwachsen am Ort des größten Massensuizids der deutschen Geschichte? Larry hat einen Berufswunsch: sie will Kriegsreporterin werden. Das hat sie zwar noch nicht allen erzählt, ihrem Vater zum Beispiel nicht, aber das hat auch seine Gründe: Ihre beste Freundin Sarina kann mit Larrys Plänen so gar nichts anfangen. Als Gegenfigur zu dem Mädchen zeichnet Autorin Verena Keßler Larrys Nachbarin, eine Zeitzeugin, die 1945 dabei war. Ihre Mutter ertränkte sich damals im Fluss Peene und nahm die kleine Schwester mit in den Tod. Der Autorin gelingt es, in ihrem Debüt anhand des ungewöhnlichen Mädchens und der alten Frau eine Coming-of-Age-Geschichte mit den Ereignissen von 1945 zu verknüpfen und sie beweist, dass Erinnerungen unerlässlich sind, um auf die Gegenwart zu blicken.

Schwarzer Schwan. Verena Kesslers Debüt. Foto: Karolin Kolbe

Larry hat eine Affinität zum Tod. Sie ist viel auf dem Friedhof, für einen Zehner macht sie ihre „Bückrunden“ und sammelt Müll auf. Sie befasst sich mit dem Kriegsthema und auch mit dem Sterben, trainiert für ihren potentiellen Kriegseinsatz, indem sie kopfüber am Apfelbaum hängt, sich großer Kälte aussetzt und Foltermethoden wie Waterboarding ausprobieren will, um das Gefühl des Ertrinkens zu spüren. Denn sie denkt oft an die Menschen, die sich 1945 aus Angst vor russischen Soldaten im Fluss Peene ertränkten. Der Ursprung für den Berufswunsch der Neuntklässlerin scheint in ebenjenen Ereignissen zu liegen, die als Gespensterschleier über der kleinen Stadt in Mecklenburg-Vorpommern liegen.

Frau Ratzlow ist die Einzige, mit der ich über die ganze Kriegsreportersache sprechen kann. Liegt wahrscheinlich daran, dass sie mich überhaupt erst auf die Idee gebracht hat. Irgendwann saßen wir in ihrem Büro, und sie hat davon erzählt, dass es damals ziemlich lange gedauert hat, die ganzen Leichen einzusammeln, nachdem sich in Demmin so viele umgebracht haben. Einige lagen wochenlang rum, und immer wieder sind in der Peene welche aufgetaucht, die sich vorher auf dem Grund verfangen haben mussten. Ganz aufgequollen sollen die dann ausgesehen haben und nicht mehr zu erkennen, wie Weißbrote, hat sie gesagt. Und weil ich mir das nicht vorstellen konnte, habe ich sie gefragt, ob es eigentlich Fotos gibt von damals. ,Nee‘, hat sie gesagt und den Kopf geschüttelt. ,Für Demmin hat sich da keiner interessiert.‘

Persönlicher Zugang zum Tod

Für Larry gibt es noch eine weitere Verbindung zum Thema Tod. Ihr Bruder starb 36 Tage, bevor sie geboren wurde. Regelmäßig besucht sie seinen Grabstein, spricht mit ihm und macht sich Gedanken, ob er es auch warm genug hat und ob das Licht ihn vielleicht blendet. Über diesen Tod entzweiten sich die Eltern. Während Larrys Mutter nun mit ihrer Tochter zusammen in Demmin lebt, ist der Vater als LKW-Fahrer auf den Autobahnen Deutschlands unterwegs. Das Thema Tod liegt wie eine Folie über ihrem Erwachsen-Werden: Die erste Verliebtheit, der Streit mit der Mutter, die einen neuen Freund hat, das Unverständnis der besten Freundin für das, was Larry interessiert, alles ist verknüpft mit eben dieser Folie. Verena Keßler gelingt es erstaunlich gut, sich in die Sprache und die Gedankengänge einer Jugendlichen zu versetzen. Keine peinliche Jugendsprache, keine aufgesetzten Formulierungen, kein Unwohlsein beim Lesen, das leider schnell aufkommen kann, wenn Erwachsene Jugendsprache verwenden. Stattdessen liest sich dieser Coming-of-Age-Roman dicht an der Protagonistin, rasant. Und das, obwohl der Radius der Handlung fast ausschließlich auf die Kleinstadt, den Friedhof und den Netto begrenzt bleibt.

Die Gegenfigur

Zu der jugendlichen Larry, die mit dem Erbe der Stadt aufwächst, selbst aber Jahrzehnte zu jung ist, um eigene Erfahrungen gesammelt zu haben, gibt es eine Gegenfigur: Frau Dohlberg ist Larrys Nachbarin. Sie beobachtet das Mädchen, beobachtet das Leben drüben, ohne in Kontakt zu treten. Sie war Zeitzeugin, ihre Mutter ertränkte sich und die jüngste Schwester in der Peene und dieses Trauma, diese immer wiederkehrenden Bilder sind da, in der Nacht, am Tag, im Älterwerden.

Die Nacht war unruhig, immer wieder ist sie hochgeschreckt, immer wieder aus dem gleichen Traum, in unterschiedlichen Varianten. Mal stand sie am Ufer der Peene, stieß ihre Mutter und Lotte ins Wasser, warf Steine hinterher, bis sie untergingen. Dann war sie selbst wieder im Fluss, griff die beiden an den Knöcheln und zog sie hinein, ging mit ihnen gemeinsam unter, bis auf den schlammigen Grund.

Gelungen sind die Passagen, in denen konkrete Erinnerungen der alten Frau wachgerufen werden, wie sie und ihre Schwester durch das chaotische Demmin ziehen und sogar Gift von grotesk fürsorglichen Erwachsenen angeboten bekommen. Diese Figur hat ein enges Verhältnis zum Tod, auch zu dem ihr nahenden. Es scheint beinahe ein liebevolles zu sein.

Keine historische Einordnung

Verena Keßlers Debüt befasst sich mit der Vergangenheit und was diese mit der Gegenwart macht. Es gelingt ihr, anhand des ungewöhnlichen Mädchens und der alten Frau eine Coming-of-Age-Geschichte mit diesen Ereignissen der Vergangenheit zu verknüpfen, und sie beweist, dass Erinnerungen unerlässlich sind, um auf die Gegenwart zu blicken. Auf eine weitere historische Einordnung oder Bewertung verzichtet Verena Keßler und umgeht dies, indem sie sich ausschließlich auf die Erfahrungen der morbiden und teilweise desinteressierten Larry sowie auf die jahrzehntealten Erinnerungen von Frau Dohlberg bezieht. Und weil sie diese Perspektiven so gut und so dicht einnimmt, klappt es eben auch mit einem tollen Debüt.

Verena Keßler: Die Gespenster von Demmin, Hanser Berlin 2020.
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Karolin Kolbe
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