Do it yourself – Bücher selbst verlegen

Früher machten es berühmte Schriftsteller, dann nur noch größenwahnsinnige Studenten, die ihre Magisterarbeit an den Mann bringen wollten – und heute? Selbstverlegte Bücher landen zwar selten in der Buchhandlung, geschweige denn auf der Bestsellerliste, aber das Internet mit Dienstleistern wie epubli und Books on Demand eröffnet völlig neue Perspektiven des Self-Publishing. Wie einfach ist es tatsächlich, sein Buch selbst zu verlegen? Wo lauern Tücken?

Ein Buch selbst zu verlegen, das bedeutet, es auf eigene Rechnung und unter dem eigenen Namen zu vervielfältigen und zu vertreiben, ist keine neue Idee. Seit dem 18. Jahrhundert
entwickelte sich unter dem Eindruck, dass Verlage aus der Verbreitung der Bücher ungerechtfertigt hohe Gewinne erzielten, die Autoren dagegen mit spärlichen Honoraren abgespeist würden, das Verfahren, Bücher selbst zu veröffentlichen. Berühmte Beispiele sind Friedrich Gottlieb Klopstock, Gotthold Ephraim Lessing, Virginia Woolf und James Joyce. Allerdings gestalteten sich besonders die Lagerhaltung und der Vertrieb als so problematisch, dass die Selbstverlage bald scheiterten. Mit der zunehmenden Etablierung von Großverlagen ist das seriöse Selbstverlegen in den Hintergrund getreten, und bei selbstverlegten Erzeugnissen handelte es sich in der näheren Vergangenheit höchstens um die eigene Magisterarbeit, um Fanzines (in kleiner Auflage erscheinende Fan-Magazine), firmeninterne Broschüren oder ähnliches.

Experten-Tipps im Internet

Doch in den letzten Jahren hat sich ein Wandel vollzogen, und neben amateurhaften Ratgeberwebsites wie ratgeber.org, branchenfernen Magazinen (selbst die Frauenzeitschrift Brigitte liefert Tipps zum Selbstverlegen!) und dubiosen Bezahlverlagen findet man im Internet inzwischen auch seriöse Online-Dienstleister rund ums Thema Self-Publishing, wie epubli und Books on Demand (BoD). Auf der von epubli angebotenen Plattform buchprofis zum Beispiel sind diverse Experten für Lektorat, Korrektorat, Cover-Design und Layout versammelt, an die sich Autoren wenden können. Zu den Aufgaben eines Verlags zählen Lektorat, Korrektorat, Hilfe bei der Titelfindung und der Covergestaltung, Druck, Marketing und schließlich der Vertrieb. Kann man das, gerade mit Profi-Hilfe solcher Online-Plattformen, nicht auch selbst hinbekommen? Klar, denkt sich da der junge, bisher erfolglose Autor mit dem frisch beendeten Roman in der Tasche. Denn gerade für junge unbekannte Autoren ist es oft schwierig, überhaupt einen Verlag zu finden, der ihr Buch veröffentlichen will, zumal große Verlage häufig auf renommierte Autoren zählen und außerdem dazu neigen, jede Übersetzung aus dem Amerikanischen als geplanten Bestseller in ihr Programm aufnehmen. Aber geht das mit dem Selbstverlegen wirklich so einfach?

Es kann funktionieren

Ein Beispiel, dass Self-Publishing sehr gut funktionieren kann, liefert Markus Albers. Für sein zweites Buch hatte der Journalist und Autor den Deal mit seinem Verlag längst in der Tasche. Als aber der Verlag 2009 den Erscheinungstermin seines frisch fertig geschriebenen, höchst aktuellen Sachbuchs mit Bezug zur Wirtschaftskrise um ein ganzes Jahr verzögern wollte, platzte nicht nur Albers der Kragen sondern auch der Vertrag. Mit der Trotzreaktion „Dann verlege ich mein Buch eben selber“ zog Albers von dannen. Sein Buch Meconomy erschien zuerst nur als eBook, aufgrund der Nachfrage kann man es nun auch als Printversion erwerben. Inzwischen hat er 2000 Exemplare verkauft, ungefähr die Hälfte als gedrucktes Exemplar, ein beachtlicher Erfolg für ein selbstverlegtes Buch. Dass man für diesen Erfolg eine Menge tun muss, zeigt das Beispiel Albers allerdings auch. Besonders ein gutes Netzwerk ist von großem Nutzen. Der Wahlberliner, der für Zeitungen und Magazine sowie für Fernsehen und Hörfunk gearbeitet hat, räumt ein, dass er durch seinen Beruf bereits einige wichtige Leute kennt, die ihm während des Entstehungsprozesses geholfen haben, darunter eine Graphikerin für die Titelgestaltung, sowie Korrekturleser und ein Setzer. Um das Marketing hat sich der smarte Vierziger mit kurzgeschorenem Schopf selbst gekümmert. Das hält er sowieso in vielen Verlagen für unzureichend, da gerade traditionsreiche Verlagshäuser die Kraft der social media noch unterschätzen und sie noch nicht (optimal) zu nutzen wissen.

Wo lauern Schwierigkeiten?

Eigene Homepage, Twitterkanal, Facebook-Seite, Blog – all das gehört für den gebürtigen Westfalen Albers zum selbstverständlichen Marketing-Instrumentarium rund um die Bucherscheinung dazu. Dabei kommt ihm auch zugute, dass er bereits ein erfolgreiches Buch geschrieben und sich auf Twitter eine Gefolgschaft von mittlerweile 1400 Followern geschaffen hat. Dass aber nicht jeder Jungautor über eine solche mediale Präsenz und Selbstvermarktungs-KnowHow verfügt, ist auch klar. Darüber hinaus eignete sich natürlich auch das Thema das Buches für so ein Projekt, und Albers‘ Zielgruppe waren ohnehin die „Medienaffinen“.

Außerdem steht das Verlagslogo für viele Buchhändler und -käufer immer noch als Garant für überzeugende Inhalte. Ein weiteres Problem: selbstverlegte Bücher werden so gut wie gar nicht rezensiert, zumindest in den klassischen Feuilletons der großen Zeitungen. Dabei gelten Rezensionen bei Buchhändlern als Verkaufsgarant. Ein Teufelskreis: Was nicht rezensiert wird, wird auch nicht verkauft, und was nicht verkauft wird, wird auch nicht besprochen. Auch die Verlagsvertreter, die bei den Buchhandlungen vorstellig werden, fallen beim Self-Publishing weg. So weigert sich der Buchhandel fast geschlossen, BoD-Bücher ins Angebot zu nehmen, geschweige denn sie ins Schaufenster zu stellen. Einerseits zwar verständlich, da Buchhändler oftmals unter großem Angebotsdruck der Verlage stehen, andererseits entmutigend für den Autor.

Erfolge in den USA und in Deutschland

Ein paar Schritte weiter sind die USA, dort verlegen immer mehr bekannte Autoren im Selbstverlag. US- Bestseller-Autor Seth Godin argumentiert, dass der einstige Vorteil eines Verlages, der darin bestünde, die passende Leserschaft für ein Buch zu beschaffen, durch das Internet hinfällig geworden sei. Da viele Autoren Blogs haben, stehen sie ohnehin schon in direktem Kontakt mit ihrer Leserschaft. Godin hat verkündet, dass er künftig seine Bücher ohne Verlag als eBooks, Apps, Hörbücher oder per Print-on-Demand an den Leser bringen werde. Neben Seth Godin hat der Produzent und Autor Michael Straczynski die Bücher zu seiner US-Serie Babylon 5 selbst herausgebracht in der Hoffnung, die Bücher direkt an die Fans zu verkaufen und dabei den Umweg über den Verlag, der nicht selten mit lästigen Scherereien verbunden ist, zu umgehen. Die Skriptbücher haben es tatsächlich geschafft und gehören heute zu Topsellern.

Auch in Deutschland gibt es inzwischen einige Self-Publishing-Erfolge: Das Krebstagebuch der jungen Jennifer Cranen Ich will nicht, dass ihr weint schaffte es vor zwei Jahren auf Platz 25 der Taschenbuch-Bestsellerliste von Spiegel Online. Lucy mit c von Markolf H. Niemz belegte als Neueinstieg Platz 13 der Taschenbuch-Bestsellerliste der Zeitschrift Gong, und der in Märchenform erzählte Ratgeber für Existenzgründer Die 7 Sünden beim Gründen von Reinhard Rossmann, Daniel Schandl und Thomas Fuchs landete auf Platz 17 der Wirtschafts-Bestsellerliste des Manager Magazins. Auch wenn dies erst kleine Erfolge auf dem deutschen Buchmarkt sind, ist es vorstellbar, dass bald auch hier der US-Trend der selbstverlegten Bücher ankommen wird.

Der Leser als Gatekeeper

Befürworter des Selbstverlegens würden es begrüßen, wenn mehr Autoren den Weg des Self-Publishing gingen. Angst vor Beliebigkeit und Qualitätsverlust von Büchern herrscht dabei nicht, dafür ist die Überzeugung, dass Qualität sich schon durchsetzen wird, zu stark. Und warum sollten nur Agenturen und Verlage als Gatekeeper fungieren und darüber entscheiden, was als Buch erscheint und was in der untersten Schreibtischschublade landet? Inzwischen, das deutet ja bereits Seth Godin an, gibt es sowieso ein anderes Gremium für Erfolgskontrolle: die Internet-Intellektuellen der regen und dynamischen Blogosphäre, die empfehlen, kommentieren und so digitale Mund-zu-Mund-Propaganda betreiben. Einige wagen sogar die Prognose, dass für den Autor in Zukunft der Verlag nur noch ein Partner unter vielen sein wird, und dass die Präsenz auf Blogs und die eigene Homepage eine zunehmend wichtige Rolle spielen werden. Denn die so dargestellte Authentizität des Autors sei für den Leser ein wichtiges Qualitätssiegel.

Ob und wenn ja, wann das tatsächlich so eintreffen wird, steht momentan noch in den Sternen. Dem vom Verlag frustrierten Schriftsteller oder dem bisher unverlegten Jungautor bietet der Selbstverlag jedenfalls eine Alternative, über die es nachzudenken lohnt. Eines haben selbstverlegte und im Verlag erscheinende Bücher aber ohnehin gemein: Eine Garantie für den Erfolg gibt es nicht.

Fotos: © Florian Mag

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Leonie Langer

Leonie Langer: hat in Münster Germanistik und Anglistik studiert und ist nach Aufenthalten in Paris und London zum Masterstudium nach Berlin gekommen. Was sie liest: am liebsten Romane, und da querbeet alles von Alfred Andersch bis Juli Zeh.

7 Gedanken zu „Do it yourself – Bücher selbst verlegen

  • 12. Februar 2011 um 22:26
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    Guter Artikel, Danke! Gerne möchte ich ergänzend auf die Möglichkeiten hinweisen, die das Internet Selbstverlegern bietet: Auf Plattformen wie XinXii.com kann jeder Autor die digitale Ausgabe seines Werkes selber kostenlos veröffentlichen und Käufern als Download anbieten. Der Autor bestimmt den Preis und bekommt pro Download 70% Provision.

  • 13. Februar 2011 um 11:50
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    Auch Verlage haben erkannt, dass sich unter den BoD die ein oder andere Perle befindet und schließlich ins Programm geholt. Erwähnenswert ist in diesen Zusammenhang http://www.neobooks.com/ -- eine von Droemer und Knaur initiierte Plattform, die es jedem ermöglicht, seine Texte hochzuladen und zur Diskussion zu stellen. Die Leser entscheiden, was interessant und empfehlenswert ist. Der Verlag sucht sich davon das Beste heraus. Ein raffinierte Schachzug, der sowohl positiv als auch negativ bewertet werden kann…

    Antwort von Leonie am 15. Feb 2011 um 14:12

    Vielen Dank für eure Ergänzungen!

    Markus, wie würdest du das Verfahren von neobooks denn bewerten? Am Ende ist es ja doch wieder der Verlag, der die Lorbeeren (sprich das Geld!) einheimst! Oder?

  • 15. Februar 2011 um 19:46
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    Na ja, ein bisschen Geld bekommt ja auch der Autor. Von daher ist es wohl eine win/win-situation. Obwohl natürlich zu bedenken gilt, dass, wenn der Autor nicht clever ist und von sich aus Rat bei einer Agentur sucht oder geschickt verhandelt, der Verlag miese Konditionen im Vertrag festsetzen kann.

    Ebenfalls problematisch finde ich, dass die Leser als gatekeeper benutzt werden, ohne diese dafür angemessen zu entlohnen. Das Punktesystem, um Top-Rezensent zu werden, erachte ich eher als scheinheilig…

  • 8. März 2011 um 09:32
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    Hallo! Ich finde euren Blog toll und hab diesen Artikel hier jetzt erst gelesen. Ich hätte da eine Ergänzung zum Thema Selbstverlegen vs. Verlag. Aus eigener Erfahrung weiß ich, es gibt Privatverlage, die sich intensiv mit einem Manuskript auseinander setzen und dem Autor eine ehrliche Einschätzung seines Textes geben. Man bekommt ein professionelles Gutachten zum eigenen Werk und Hilfe bei der Veröffentlichung sowie intensives Lektorat. Die Kontakte und Pressearbeit, die ein Verlag leisten kann, sind unschätzbar, das sollte man nicht vergessen. Denn ein gutes Buch möchte eben auch gelesen werden und im Alleingang ohne ein wenig Hilfe sowie ein wertvolles Netzwerk ist das sehr schwierig die Leser zu erreichen. Es ist keine Schande für gute Leistung auch zu bezahlen. Man sollte sich selbst eine Meinung bilden und bei einem traditionellen Verlag wie zum Beispiel Frieling (http://www.frieling.de) nachfragen. Allerdings gibt es auch hier keinen Garant für den Erfolg, den kann kein Verlag geben, das ist vollkommen klar. Liebe Grüße und weiter so!

  • 22. März 2012 um 17:35
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    Ich steck grad selber in dem Dilemma: Verlag oder selber verlegen?

    Dilemma deswegen, weil ich das Glück habe, dank Blog eine recht große Leserschaft zu haben (groß genug, um mein ebook mehr als 50x die Woche zu verkaufen), und entsprechend auch eine Printversion gute Chancen hat.
    Dazu habe ich aber ebenfalls ein Angebot eines in meinem Fachgebiet großen Verlags.

    Und nun die spannende Frage: welcher Weg ist denn wohl besser? Und wie würde man „besser“ überhaupt definieren? :)

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