Drehbuchautoren sind Handwerker


(c) Thomas Huber

Alexander Dydyna ist mit 26 Jahren vielleicht der jüngste Drehbuchautor fürs Kino. Mit seinem Debüt, dem von Literatur inspirierten Film Goethe!, den er zusammen mit Christoph Müller und Philipp Stölzl schrieb, schaffte er es von ‚zero to hero’. Grund genug für Litaffin, einmal nachzufragen.

Litaffin: Was braucht ein guter Kinofilm?

Alexander Dydyna: Wenn ich deutsche Filme schauen will, habe ich oft diese riesige Hemmschwelle, weil ich Angst habe, gelangweilt zu werden. Vielleicht habe ich auch Angst, dass der deutsche Filmemacher es sich zu einfach macht und sich zu sehr als Autor sieht: Man hat mehr das Gefühl, dass er das Handwerk vernachlässigt und dabei das Publikum vergisst, weil er Kunst schaffen will, seine eigene Weltsicht mitteilen möchte – und nicht unterhalten. Die Amerikaner machen das zuweilen wirklich gut. Also die sind ja so schlau, die sagen: Wir machen Entertainment, das einem so ein bisschen was mit auf den Weg gibt. Filme, die auf der emotionalen Ebene total gut funktionieren, schaut man sich lieber an.

Litaffin: Macht das bereits der Drehbuchautor? Schreibt er vor, wie etwas wirken soll bzw. muss?

Dydyna: Indirekt. Du kannst ja jetzt z.B. nicht einfach schreiben: „das wird jetzt total traurig“ oder „super lustig“. Das Gefühl muss beim Leser entstehen und genug Interpretationsfreiräume bieten. Die emotionalen Bögen müssen stimmen, das Gefühl, das sich aus den Szenen und Entwicklungen beim Lesen ergibt. Vom Drehbuch zum Film, das ist ja ein Riesenschritt mit einem Riesenfreiraum, was Interpretationen und Emotionen angeht, obwohl es so klar vorgezeichnet wirkt. Jeder kreiert über das Drehbuch sein eigenes Bild mit eigenen Gefühlen – das muss dir beim Schreiben bewusst sein und du musst versuchen, dieses irgendwie auf den Punkt zu bringen. Dabei kannst du Dir nie sicher sein, dass es auch wirklich den gewünschten Effekt hat.

Litaffin: Heißt das, man schreibt Drehbücher stellenweise in Stichwörtern?

Dydyna: Nee, also Stichworte sind das falsche Wort, aber man versucht auch, viel durch Aussparung zu erzählen. Also so Metaphernbilder wie: „Die Straße züngelt sich entlang, wie eine Orange, die gerade frisch gepellt ist“, muss man sich vielleicht verbieten als Drehbuchautor. So schreibst du dann vielleicht: „Es ist eine sehr lange Straße, serpentinenartig führt sie in ein Dorf, das in der Ferne im Nebel liegt.“ Du musst die Bilder relativ prägnant bringen und auf einer Metaebene eigene Gefühle und Interesse erzeugen – aus einer Mischung aus Beschreibung, Figurenentwicklung, Story und Freiraum für Interpretation.

Litaffin: Woher kannst du das?

Dydyna: Gute Frage… Wahrscheinlich vor allem aus eigener Erfahrung. Und ich habe früh angefangen, eigene Kurzfilme zu machen, viel gelesen, und dann war ich bei der Senator Film Produktion und bei Deutschfilm tätig, als Developer oder Creative Producer.

Litaffin: Ohne irgendetwas studiert zu haben?

Dydyna: Ohne studiert zu haben, aber mit großem Ego. Nach’m Abi hab ich erstmal angefangen, Theater zu spielen, und dachte, das wär das Richtige für mich und habe dann gemerkt, das ist es überhaupt nicht, weil ich jeden Abend tausend Tode sterbe.
Dann habe ich Luisa (Strömert) kennen gelernt, mit der ich dann diese schönen Kurzfilme gemacht habe, die dann auf ganz vielen Festivals liefen, und ich wurde dann ziemlich schnell auf einem Festival von Patrick Winczewski entdeckt, der ist lustigerweise neben Regisseur auch die Synchronstimme von Tom Cruise und Hugh Grant. Ich bin dann spontan mit nach Frankfurt gefahren, wo er gerade gedreht hat.
Dann fing ich an, mich bei Firmen zu bewerben, also alles was mit Film zu tun hat. Komischerweise gab es dann relativ viel Zuspruch für mich. Und dann bin ich zur Senator Film Produktion gegangen und habe da ganz klein angefangen, ich war der Praktikant von der Assistentin des Produzenten, also tiefer kannst du gar nicht starten. Da habe ich auch Christoph (Müller) kennen gelernt. Zuerst dachte er, ich sei so ein arty Typ, der sich für einen Schauspieler hält und Kunstkino mag und „Uä, mit dem kann ich ja überhaupt nichts anfangen.“ Und dann bin ich so die Projekte durchgegangen, die er machen wollte und die da so mehrere Jahre in der Schublade lagen und…da lag halt eben ein fünf Jahre altes Skript von „Goethe!“. Ich hab’s einfach ganz rock’n’roll-mäßig selbst in die Hand genommen und bin irgendwann mit einem Kaffee für ihn da reingelaufen und habe gesagt: „Das ist mehr ne coming of age Sache!“
Und er: „OK, du Schlausack, mach’s halt besser, wenn du dich wirklich so geil findest, du nimmst das Ding über’s Wochenende, bastelst daran ‚rum und zeigst es mir dann.“
Nach zwei Wochen meinte er: „Ist ja wirklich ganz geil, du kannst ja richtig schreiben!? Und damit gehen wir jetzt auf Regiesuche!“
Meine Ansicht vom Drehbuchschreiben ist ja sowieso, dass zwei Leute sich treffen, beide eine Meinung und Sicht haben, sich tierisch streiten und aus dem Streit etwas Besseres entsteht. Das ist für mich die perfekte Drehbucharbeit.

Litaffin: Also du findest den Austausch wichtig?

Dydyna: Das ist eine Sache, die den Drehbuchautor vom Romancier unterscheidet, dass er ein Handwerker ist und durch den Austausch und durch Streitgespräche immer mehr zur Geschichte kommt. Ich glaube, dass die Geschichte immer da ist. Aber um auf den Punkt zu kommen, braucht es kräftigen und auch argumentativen Austausch. Weil der Drehbuchautor jemand ist, der ein gutes Handwerk abliefern muss, damit diese ganze Maschinerie Film überhaupt läuft und ein guter Film am Ende rauskommt. Das ist eine riesen Verantwortung, da hängen Arbeitsplätze, Zeit und viel Geld dran. Der Romancier hat die Freiheiten zu sagen, das ist meine Sicht, das ist mein Gefühl, der kann wahnsinnig blumig erzählen, der kann die Figuren öffnen. Der liefert sein Werk ab und das war’s dann. Es steht da als eigenständiges Kunstwerk. Das kann der Drehbuchautor nicht, da er nicht nur Künstler, sondern hundertprozentig ein Handwerker ist, der verstehen muss, was er macht, und der durch den Austausch besser wird.

Litaffin: Glaubst du, man kann einen Roman auch so schreiben, zu dritt?

Dydyna: Glaube ich nicht. Weil ein Roman ja durch die einheitliche, gute Sprache lebt. Ein Drehbuch lebt davon, was du erzählst. Aber man könnte vielleicht den Plot und die Charaktere im Team entwickeln.

Litaffin: Wie sehr darf man bei einer historischen Figur die Fakten ändern? Für Goethe! gab’s diesbezüglich ja auch viel Kritik.

Dydyna: Man darf nicht vergessen, dass Film ein Medium ist, das ganz anders funktioniert als andere Stoffe. Und gerade wenn es um Historie geht, muss Film damit viel freier umgehen, um ein Film zu bleiben. Der Zuschauer möchte einen Film sehen, er möchte nicht historische Wahrheit sehen. Ein Film kann im seltensten Fall Wissen näher bringen, wie es ein Fachbuch kann. Es ist eben ein Unterhaltungsvehikel, genauso wie manche Bücher ja auch, aber Film kann selten Sachbuch sein und Film kann selten das geben, was eine lange Auseinandersetzung mit dem Thema bringt. Es kann immer nur eine Periode sein oder ein Fokus auf eine gewisse Zeit. Du siehst ein Kondensat, eine Übersetzung in ein anderes Medium. Du musst eben Film als eigenständiges Unterhaltungsmedium sehen, mit dem man natürlich auch Sachen beibringen kann und mit dem man sich natürlich auch Fakten nähern kann, aber eben auf eine unterhaltsame Art und Weise, glaube ich. Das muss das erklärte Ziel sein, das liegt in der Natur des Mediums.

Litaffin: Würdest du gerne mal ein Buch verfilmen?

Dydyna: Ja, ich find’s eine tolle Herausforderung, einen guten Roman zu nehmen und daraus einen tollen Film zu machen, das wär’ natürlich klasse. Aber bislang habe ich auch genug eigene Geschichten, oder mir werden auch tolle Geschichten zugetragen, die ich erstmal gerne machen möchte.

Das Interview führte Doreen Werner.

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10 Gedanken zu „Drehbuchautoren sind Handwerker

  • 16. Januar 2011 um 13:29
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    Schönes Interview!
    Es ist immer wieder erstaunlich, dass gerade bei historischen Stoffen der Film nicht mehr als das wahrgenommen wird, was er ja AUCH ist: ein künstlerisches Medium. Und das hat nun einmal nicht den Anspruch auf historische Genauigkeit, sondern übersetzt in erster Linie in eine eigene ästhetische Form. Auch beim Theater wird ja oft gebuht, wenn der Shakespeare mal wieder entweder mit Sex und Popmusik oder reduziert-assoziativ dargeboten wird. Aber genau die Variationsmöglichkeiten machen doch den Stoff erst großartig, egal ob beim Theater oder Film!

  • 16. Januar 2011 um 20:31
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    Dydyna sagt zwar: „Der Zuschauer möchte einen Film sehen, er möchte nicht historische Wahrheit sehen.“ Die Gefahr besteht meines Erachtens aber durchaus und sollte nicht bagatellisiert werden, insbesondere wenn mit der historischen Authenzität geworben wird. Siehe die Verharmlosung/ Ausblendung von Antisemitismus bei der Luther-Verfilmung oder die Darstellung des Wandels vom hochrangigen Stasi-Mitarbeiters zum guten Menschen bei „Das Leben der Anderen“. Die historische Verfilmung richtet dann womöglich mehr Schaden als Nutzen an.

  • 19. Januar 2011 um 20:43
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    Aber ist nicht genau das das Problem das Dydna angesprochen hat: In der Filmproduktion herrschen andere Umgebungsfaktoren als im Buchmarkt. Filme, die z.B. versuchen möglichst genau in historischen Details zu sein, funktionieren oft auf einer anderen Wahrnehmungsebene gar nicht, da sie es sich nicht immer erlauben können den Zeitrahmen von 90 -- 120 Minuten zu sprengen..
    Die Buddenbrooks Verflimung von Heinrich Breloer etwa lies mich vollkommen kalt, obwohl die Kostüme sicherlich haargenau passten.
    Mir gefallen Filmadaption dann, wenn sie sich vom Original (oder der Historie) lösen und die Idee/ das Gefühl dahinter neu inszenieren. Das man dabei nichts verharmlosen sollte, sehe ich ein, auch wenn das Bsp „Das Leben der Anderen“ vielleicht etwas unglücklich gewählt ist :-)

  • 20. Januar 2011 um 08:49
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    Ich denke, es ist wichtig, zwischen Buchverfilmung (Buddenbrooks, Hamlet) und der Verfilmung von historischen Stoffen (Luther, Goethe!) zu unterscheiden. Im ersten Fall ist die künstlerische Freiheit sicherlich größer (ähnlich einer Theaterinszenierung) und sollte auch ausgenutzt werden, um die Möglichkeiten des Film als Medium auszuloten. Im letzteren Fall ist dies nur eingeschränkt möglich; ansonsten droht Geschichtsrevisionismus.

  • 20. Januar 2011 um 10:13
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    Ich stimme dir voll und ganz zu, dass es problematisch ist, wenn ein Film sich mit einem historischen Stoff beschäftigt, den Anspruch auf Authentizität dabei in den Vordergrund stellt und dabei aber ein Kernelement (bewusst oder unbewusst ist natürlich schwer zu sagen) missachtet.
    Geschichtsrevisionismus ist ein ziemlich starker Begriff, wann und ob man ihn bei Literatur/ Film/ Kunst anwendet… diese Entscheidung traue ich mir auf die Schnelle nicht zu.

    Auf der anderen Seite: Ein Spielfilm, selbst wenn er mit historischen Stoffen arbeitet, ist ein fiktionalisierendes Medium und kein dokumentarisches. Ein Roman ist auch kein Sachbuch.
    Ich würde ja dafür plädieren, dass man eine Figur in einem Spielfilm ebenso in erster Linie als „filmische Figur“ betrachtet, wie man in einem Roman auch von „literarischen Figuren“ spricht.

    Antwort von Markus am 20. Jan 2011 um 10:41

    Da hast du auch wieder recht…

  • 20. Januar 2011 um 23:40
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    Um mich mal noch in die Diskussion einzuschalten: Wie Constantin schon sagte, ist es ziemlich schwer, einem Spielfilm Geschichtsrevisionismus vorzuwerfen. Und, um noch etwas entscheidendes hinzuzufügen: Man darf Filmrezipienten nicht für dümmer halten, als sie sind. Natürlich prägen Filme auch irgendwie unser Bild von historischen Ereignissen, aber wie das funktioniert ist weit aus komplexer, als man denkt.
    Ich hab in meiner Bachelorarbeit zusammen mit Kommilitonen eine empirische Studie zu „Das Leben der Anderen“ durchgeführt, weil wir wissen wollten, wie Menschen mit so einem Spielfilm über die jüngere deutsche Geschichte umgehen -- und dabei unglaublich viel gelernt, was das betrifft. Wir haben Menschen aus Ost- und Westdeutschland, die die DDR miterlebt haben, den Film gezeigt und anschließend befragt. Das wohl interessanteste Ergebnis: Wie man den Film versteht und was man für eine Botschaft daraus ableitet, kommt in erster Linie auf das jeweilige Weltbild und die eigene Biographie an. Unsere Befragten hatten auch erstaunlich vielfältige Ansichten, was an dem Film „realistisch“ ist.
    Es ist schwierig das in aller Kürze darzustellen, aber was ich sagen will ist: Medienwirkung funktioniert nicht immer so geradlinig wie man glaubt. Das einzige, was man z.B. Henkel-von-Donnersmarck vorwerfen könnte, ist, dass er in der Vorberichterstattung viel von der Authentizität und der Detailgetreuheit seines Films geschwärmt hat und wenig das schwierige Verhältnis von Spielfilm und historischer Vergangenheit thematisiert hat (das hattest du ja auch schon erwähnt, Markus).
    Was Alexander da sagt, „Film kann selten Sachbuch sein und Film kann selten das geben, was eine lange Auseinandersetzung mit dem Thema bringt“, trifft den Nagel auf den Kopf und würde ich auch vor dem Hintergrund der beschriebenen Studie unterschreiben.

  • 21. Januar 2011 um 12:53
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    Ja, Geschichtsrevisionismus ist sicherlich ein zu starkes Wort und das ich es verwendet habe, mag vielleicht der frühen Uhrzeit geschuldet sein. Es ging mir eher mit Franzis Worten um „das schwierige Verhältnis von Spielfilm und historischer Vergangenheit“. Dabei hatte ich in erster Linie „Das Leben der Anderen“, „Luther“ und „Die Passion Christi“ vor Augen, die allesamt mit historischer Authentizität geworben, letztendlich aber vieles im Film verbogen und verdreht haben.

    Antwort von Nina am 21. Jan 2011 um 20:58

    Nicht zu vergessen der Baader-Meinhof-Komplex von Bernd Eichinger. Das war ja auch so ein „Alles echt“-Theater. Nur weil es auf dem gleichnamigen SACHbuch von Stefan Aust basiert.

    Antwort von Doreen Werner am 22. Jan 2011 um 19:52

    Ja, das ist auch ein Beispiel, das Dydyna zur Unterstreichung seiner Postion angeführt hat: Er sagte: „Ich bleib da ja immer bei meinem Baader-Meinhof Beispiel: Du machst es dir nicht recht, wenn du wie auf einer Perlenkette die tatsächlichen Daten aufreihst und dazwischen so kleine Szenen baust, wie es dazu gekommen ist, oder das sogar ganz überspringst und nur so kleine Flashlights gibst. Man sieht dem Film an, dass er weder dokumentarisch noch dramatisch ist. Es ist ein Film, der wie so ein Bild ist, das du dir gerne anguckst, aber der in keiner Weise auf einer vernünftigen Dramaturgie basiert. Das macht es keinem gerecht, das hat es dem Publikum nicht gerecht gemacht, den Historikern auch nicht, weil dann doch nicht alle Sachen richtig waren und dann stehst du plötzlich da und hast keinen wirklichen Film, sondern irgendein dokumentarisch-fiktives Mischwesen, das interessant ist, und auch seine Daseinsberechtigung hat, aber nicht das ist, was ich gerne im Kino sehen möchte. Und ich finde es eben wichtiger zu sagen, man hat diesen abgesteckten historischen Rahmen und geht da rein und fragt, wie kann man da am besten was drin erzählen, fesseln, Emotionen hervorbringen, unterhalten, ohne dass man tatsächlich zu sehr verbiegt.“

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