EBF 14: Ist das 21. Jahrhundert DAS Jahrhundert des Lesens?

 

Gestern drehte sich alles um digitales Publizieren, digitales Lesen und digitales Kommunizieren bei der Electric Book Fair. Besonders sehenswert fanden wir die Veranstaltung „Lesen im 21. Jahrhundert“, bei der Elisabeth Ruge und Johannes Kleske auf dem Podium der Electric Enquete einen unverbindlichen Blick in die Zukunft des Lesens wagten und dazu viele interessante Fragen aufwarfen.

IMG_0514Bücher und lesen in der Zukunft? Da kommt dem ein oder anderen vielleicht ein düsteres Bild vor Augen. Bei all der Schnelllebigkeit, den Möglichkeiten, die das Internet bietet und wie wir unsere Freizeit gestalten können – wer liest da noch ein Buch? Doch geht es darum überhaupt? Nein, meinen Elisabeth Ruge und Johannes Kleske, denn das Lesen an sich könne man heute nicht mehr so traditionell betrachten. Auch wenn man es vielleicht nicht auf den ersten Blick erkenne, werde doch immer mehr gelesen, gerade eben im Internet, auf dem Tablet, auf dem Smartphone.

„Der einzige Weg vorwärts ist das Experiment“
Früher wurden große Romane gelesen, dicke Romane. Heute  und in der Zukunft ist eine Tendenz zu kürzeren Texten zu verzeichnen – so eine Annahme. Elisabeth Ruge ist jedoch skeptisch. Ähnlich wie zu Zeiten des Serienromans wollen die Leser vielleicht nicht in einem Atemzug lesen, aber sind dennoch an umfangreichen Geschichten interessiert. Leben wir also wirklich in einem Zeitalter der Fragmentierung?

Ein wichtiges Stichwort dazu ist Wattpad, eine weltweite writing community. Auch gerade hier steht die Serialisierung im Vordergrund. Viele Autoren, oft junge Erwachsene, Teenager, aber auch erfahrene Autoren unter Pseudonym schreiben hier Geschichten, die kapitelweise veröffentlicht werden. Via push notification wird die Community auf ihrem Smartphone über neue Kapitel ihrer Lieblingsautoren informiert und die Leser geben daraufhin Feedback. Ein fortlaufender, kreativer Prozess also, der auf Gegenseitigkeit beruht. Diese Formen von Autorschaft mögen teilweise belächelt werden, aber Johannes Kleske betont, dass, wie bei vielen neuen Entwicklungen, der einzige Weg vorwärts das Experiment sei.

Elisabeth Ruge und Johannes Kleske
Elisabeth Ruge und Johannes Kleske

„Der Geist in der Maschine“
Doch wie kreativ wird das Schreiben in Zukunft noch sein? Wie wird sich der Text an sich verändern? Ein neues Leseverhalten modifiziert auch den Text. Schon jetzt generieren Algorithmen Texte, etwa im Journalismus, die genauestens auf unseren Konsum abgestimmt sind. Das ist auch mit Romanen möglich. Doch Zukunftsbeobachter Johannes Kleske zweifelt an diesem „Geist in der Maschine“. Gäbe es nur noch Algorithmus-Romane in der Zukunft, wäre das ziemlich langweilig, oder? Und auch Elisabeth Ruge spricht sich gegen dieses Modell aus, das eigentlich einen Nerv bei uns treffen soll, uns das vorsetzen soll, das wir erwarten, erhoffen, uns sehnlichst wünschen. Wenn uns Texte immer genau das geben würden, was wir laut Algorithmus wollen, würden wir uns bald in einer „narzisstischen Echokammer“ befinden. Schließlich wollen wir uns doch überraschen lassen, das Unerwartbare spüren und daran auch einmal zerbrechen. Nur dann kann Kreativität unbegrenzt geschaffen und gelebt werden.

Das Smartphone als DAS Lesegerät der Zukunft
Kreative Prozesse – Schreiben, aber auch Lesen – werden zunehmend Teil eines Gemeinschaftsgefühls. Social reading und klassische Lesekreise sind Ausdruck dieses Bedürfnisses nach gemeinsamem Rezipieren. Ob Literaturfestival oder Internet-Community – verschiedenste Formate machen einen Austausch über Literatur möglich. Die digitalen Entwicklungen befördern dieses Interesse und die Möglichkeiten der Umsetzung scheinen grenzenlos. Spannend ist vor allem zu sehen, wann und wo Leser ihre Erfahrungen teilen wollen. Denn Leser wollen eher nicht einen Interaktionsprozess anderer Community-Mitglieder lesen, sondern sie wollen insbesondere teilen, was sie selbst gerade lesen und somit transparent machen, was sie an einem Text bewegt. Und wo ginge das besser, als auf dem Smartphone. Das erklären die Referenten schon jetzt zu DEM Lesegerät der Zukunft.

pixelstats trackingpixel
Sophie Gottschall

Sophie Gottschall

1990 geboren, Bachelor-Studium der Kulturwissenschaften (Germanistik und Psychologie), seit 2013 Studentin der Angewandten Literaturwissenschaft an der FU. Arbeitet nebenbei für den HIMBEER Verlag, der das Stadtmagazin für Leute mit Kindern herausgibt. Isst gern Sushi, liebt The National, guckt für ihr Leben gern Serien.
Sophie Gottschall

Letzte Artikel von Sophie Gottschall (Alle anzeigen)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.