Ein Wochenende voller Liebe @ #fil15

Weg mit dem Hass, her mit der Liebe, aber zackig! Frei nach dem Motto „Falling in Love“ fand am 28. und 29. November das 1. Orbanism Festival in Berlin sowie im Netz statt. In der ganzen Stadt wurden kleine Aktionen geplant und veranstaltet, die Berlin als Hauptstadt der offenen Kultur erfahrbar machten und für „Liebe und Offenheit statt Hatespeech und Fremdenfeindlichkeit“ plädierten. Auch im ocelot gabs einiges auf die Ohren!

2015-11-28 16.16.30-2
Ludwig liest aus Samuel Beckett.

Gefördert vom Haupstadtkulturfond Berlin setzten sich die Festivalköpfe Christiane Frohmann und Leander Wattig zum Ziel, „Menschen, Themen und Netzwerke an passenden Orten zusammenzubringen, um so positive Strömungen und Prozesse der Digitalisierung zu beobachten und zu verstärken.“ Für das Experiment #fil15 begeisterten sich die Betreiber allerlei Berliner Orte, darunter namenhafte Cafés und Restaurants, Clubs, Buchhandlungen und Galerien.

Liebe ist Kaffee und Keks.

Die Eröffnungsgala am Freitag organisierte der Katersalon im Kater Blau. Mit dem Credo – „Liebe“ ist nur ein Wort – präsentierte der LIEBE-Katersalon ein vielseitiges Programm aus performativen Lesungen, Vorträgen und einer anschließenden Clubnacht. An den folgenden zwei Tagen blieb jedem die Qual der Wahl. In der Art von Frei Gallery beispielsweise zeigte der Künstler Jens-Ole Remmers eine Wandskulptur in Form eines Herzens, im List-Café & Délicatessen gab es zur Feier des Tages den eigens kreierten #fil15 Cocktail, der einen dazu ermutigen konnte, anschließend im Berliner-Büchertisch heimliche Liebesbotschaften in den „Falling-in-Love-Zettelkasten zu werfen.

Im Kurt-Kurt, dem Geburtshaus von Kurt Tucholsky, lasen Autoren und Autorinnen zweisprachig aus ihren Texten (meist Deutsch/Arabisch) und im TIN TAN Taquería wurde anlässlich des Orbanism Festivals eine liebevoll gemischte Platte für zwei serviert. Auch im Aufbau Haus, im Club der polnischen Versager, in der Buch Box oder im Kulturkaufhaus Dussmann wurden individuelle Erfahrungsräume geschaffen, in denen die Liebe im Zentrum für eine offene und freundliche Kultur stand.

„Liebevolle Grundstimmung“ @ OCELOVE @ #fil15

Mich verschlug es an diesem verschneiten Samstag in den Buchladen ocelot in der Brunnenstraße. Im Herzen Berlins lauschte ich hier den Mitarbeitern Maria und Ludwig, die von 11 bis 17 Uhr zu jeder vollen Stunde aus ihren Lieblingsbüchern lasen. Zu Beginn hörten wir Gedichte aus dem Band „Feuer, bitte!“ – Berliner Gedichte über die Liebe (dahlemer verlagsanstalt), vorgelesen von Maria.

 

2015-11-28 15.03.57
Marias Lieblingslyrik.

„Die Stadt erwacht, wir ficken

setzen uns zusammen, frühstücken

geben uns weg dem Tag

der Freiheit der Presse

die uns in die Armbeugen starrt.

In unserer U-Bahn

  nimmst du den Schlafwagen.

Ich bin dir nah….“ 

(Rainer Stolz)       

                              

 

Anschließend erwartete mich im ocelot von Roland Barthes und Luhmann über Tomas Espedal und Anne Blume bis zu Erzählungen von Beckett eine prall gefüllte Wundertüte der schönsten Liebes-Literatur, zum Hören und Staunen.

… und zeigt damit, dass Liebe nicht nur eine Anomalie ist, sondern eine ganz normale Unwahrscheinlichkeit. (Niklas Luhmann: Liebe als Passion. Suhrkamp 1982)

In den Pausen schlürfte ich meinen heißen Kaffee, schaute durch das Schaufenster auf die Straße und beobachtete die vorbeiziehenden Gesichter, die ab und an einen interessierten Blick durch das Fenster wagten oder aus gegebenen Anlass in den Laden stolperten. Ich lauschte den Klängen von Bing Crosby und Beyonce sowie den beiden Mädels mir gegenüber sitzend. Gebannt hang die eine an den Lippen der anderen, sie schwärmten und schimpften von ihren vergangenen oder noch nicht begonnenen Liebelein. Aber dann verstummten Musik und Stimmen, denn Maria und Ludwig nahmen wieder ihre Plätze ein und lasen weiter. Diesmal rezitierten sie zusammen im Wechsel einen Auszug aus Tomas Espedals „Wider die Natur“, anmoderiert vom Festivalgründer Leander Wattig himself:

Einen Liebes-Büchertisch gab es selbstverständlich auch, darunter fand ich die schönsten Liebestexte der Weltliteratur, vorangestellt die Liebesgeschichte zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan, freilich die Lyrik von Rilke, Goethe oder Ernst Jandl, außerdem die Werke von Erich Fromm, F. Fitzgerald, Samuel Beckett – sozusagen alles was das Herz begehrt.

2015-11-28 13.47.44
Der Liebe-Büchertisch im ocelot!

In diesem Stall voller trockener und hohler Kuhfladen, die mit einem Seufzer in sich zusammensanken, wenn ich mit dem Finger hineinstach, musste ich mich zum ersten Mal in meinem Leben und, wie ich gerne sagen würde, wenn ich nur ein wenig Morphium zur Hand hätte, zum letzten Mal gegen ein Gefühl wehren, das sich nach und nach in meinem eisigen Geist den scheußlichen Namen Liebe zulegte. (Samuel Beckett: Erzählungen. Suhrkamp 1995)

Am Ende erwartet mich noch ein „Liebes-Battle“, ein Lyrik-Ping-Pong, zwischen Ludwig und Maria. Dort ging es flott zur Sache, ein Knaller jagte den nächsten.

Hach, was für ein schöner Samstag. Auch wenn von meiner Liebe keine Spur war, hatte mein in Romantik und Poesie sich suhlendes Herz wundervolle Momente, voller Literatur, Musik und Menschen, die alle auf der gleichen Suche waren an diesen tristen Berliner Tagen. Auf der Suche nach ein bisschen Liebe, nach dem bisschen Rot in all dem Grau.

Passend zu „Falling in Love“ möchte ich hier noch die bezaubernde Emily Wells erwähnen. Am Tag zuvor spielte sie ihr erstes Konzert der Tour im Musik & Frieden, welches meinen Freitagabend mehr als bereichert hat.

Was für eine großartige Künstlerin!

Als ich schließlich irgendwann nach Hause schlenderte, hatte ich das Gefühl, von Hass weit und breit nichts zu spüren. Für diesen wertvollen Tag danke ich dem ocelot Team und dir, liebes Orbanism Festival. Solche Tage sollten kein Experiment bleiben, ich habe mich doch heute in dich verliebt #fil15 und möchte dich so bald wie möglich wiedersehen. Also Hashtag fil15, lass mich nicht im Regen stehen und melde dich nächstes Jahr wieder. Ich bleibe solange online!

pixelstats trackingpixel
Luisa Kaiser

Luisa Kaiser

1988 in Halle/Saale geboren, verbrachte die kommenden Jahre in einem kleinen Ort nebenan als Landei bis es sie zum Studieren nach Dresden verschlug. Nach mehreren Jahren in diesem besinnlichen und behüteten Städtchen lockte dann doch der Ruf der Wildnis. Seit 2014 lebt Luisa in Berlin und studiert 'Angewandte Literaturwissenschaft'. Das Studium macht Spaß, sagt sie, jedoch falle es ihr immer noch schwer, knackige Kurzbiographien zu schreiben.
Luisa Kaiser