enhanced eBooks – nur angereichert oder auch bereichert?
Das „Schandweib“ im Test

Über den Begriff des enhanced eBooks ist schon viel diskutiert worden. Die Frage dabei ist immer wieder, wie dieser „enhanced content“, mit dem das Buch erweitert wird, aussehen kann und soll. Wo liegt die Grenze zwischen einem normalen und einem angereicherten eBook? Und noch viel wichtiger: Wann bietet dieser weitere Inhalt einen wirklichen Mehrwert? Wir haben uns den historischen Roman „Schandweib“ in der enhanced Version angeschaut.

Der historische Roman als Genre scheint erst einmal gut geeignet für eine mediale Anreicherung des Inhalts. Er spielt an einem bestimmten Ort in einer vergangenen Zeit und knüpft oftmals an reale Ereignisse an: drei Komponenten, die in über das gedruckte Buch hinausgehender Form beleuchtet werden und dem interessierten Leser Fragen beantworten können; Fragen, die auch durch die Zuhilfenahme anderer Bücher, des Internets oder kundiger Menschen geklärt werden könnten. Das angereicherte eBook bietet aber den Bequemlichkeitsfaktor. Ein kurzer Klick, und ich sehe eine Porträtzeichnung des Landvogts, ein zweiter Klick und ich bin wieder im Text. Kein Suchlauf bei Google, kein Eintippen bei Wikipedia, und erst recht kein Blättern im Lexikon

Die enhanced eBook-Version des „Schandweibs“ bietet diese Möglichkeiten. (Für einen Einblick in die Geschichte des im mittelalterlichen Hamburg angesiedelten Romans geht es hier zum Buchtrailer, der sich im eBook sicher auch gut gemacht hätte)  Als Hyperlink hervorgehobene Wörter im Text öffnen neue Buchseiten, auf denen im Mittelalter gebräuchliche Standesbezeichnungen und Floskeln erklärt, Abbildungen agierender Persönlichkeiten und historischer Schauplätze gezeigt werden oder die Möglichkeit zur Lokalisierung eines Ortes bei Google Maps geboten wird. Ein „Zurück“-Button führt danach wieder an meine Lesestelle. Gerade die Einbindung von Google Maps scheint mir ein wirklicher Mehrwert der elektronischen Buchform zu sein. Ein Medienwechsel bleibt mir erspart. Gleiches gilt für die Videos, die auf den Bonus-Seiten eingebunden sind. Die Autorin Claudia Weiss erklärt vor der heutigen Kulisse der in ihrem Roman wichtigen Orte Hamburgs, wie es sich um 1700 in der Hansestadt zugetragen hat. Teils doppelt sich das mit dem siebenseitigen Aufsatz zu „Hintergründen und Fakten des Schandweibs“ – zusätzlichem Inhalt, der auch im gedruckten Roman vorhanden sein könnte. Trotzdem bieten die Videos eine schöne Abwechslung für Augen und Ohren, obgleich sie einen höheren Anteil an Impressionen aus Hamburg gut hätten vertragen können.

Für die Augen sind auch die Slideshows „Historische Originaldokumente“ und „Bildmaterial zum Schandweib“ gedacht. Leider sind hier, zumindest auf meinem iPad aus dem Vorjahr, eher die Finger gefragt, die ständig versuchen, durch ein weiteres Schieben oder ein erneutes Öffnen der Seite zum versprochenen Inhalt zu gelangen. Besonders ärgerlich ist dieser technische Defekt bei der historischen und aktuellen Karte Hamburgs, die übereinanderliegend angezeigt werden und weitere Orientierung verschaffen sollen. Ohne ersichtliche Motivation erscheinen die Karten manchmal ganz in weiß, bis sie nach exzessivem Tippen und Ziehen langsam sichtbar werden, allerdings als einzelne Bilder auf zwei aufeinanderfolgenden Seiten. Auch die Darstellung des Glossars wirft Fragen der technischen Umsetzung auf. In gänzlich anderer Schriftart und -größe als der Roman und andere Bonus-Teile laufen einzelne Wörter der Definitionen und Erklärungen häufig aus der Seite heraus.

Das „Schandweib“ – ein sinnvolles enhanced eBook?

Diese Frage möchte ich in zwei Schritten beantworten. Die interaktiven Inhalte im Buch sind zwar eher spärlich, aber ein potenzieller Mehrwert durch das der elektronischen Fassung zugefügte Material ist erkennbar. Würde ich Bücher generell mithilfe elektronischer Geräte lesen (was ich zurzeit aufgrund der unregelmäßigen Laufweiten im Satz eher ungern tue, aber das ist eine andere Geschichte und wirft ganz andere (Format-)Fragen auf), würden mich die zusätzlichen Hintergrundinformationen, Bild- und Tonmaterial auf dem gleichen Gerät durchaus zum Kauf des enhanced eBooks motivieren. Allerdings demotiviert mich die technische Umsetzung, die mir die versprochenen Inhalte leider vorenthält. Ob das nun speziell an meinem Lesegerät liegt, vermag ich nicht zu sagen. In jedem Fall sollten aus dem Bild laufende Wörter und nicht anspringende Slideshows vermieden werden. Dafür Geld auszugeben ist ärgerlich.
Es hapert in diesem Fall meiner Meinung nach nicht an der Idee, sondern an der Umsetzung. Darüber, ob das an den finanziellen Möglichkeiten des Verlags oder technischen Grenzen des ePubs liegt, kann ich nur spekulieren. Eine gute Anwendung für Tablet-Computer ist zumeist teuer und kaum ein Verlag wird sich – so scheint es – im Stadium des Ausprobierens der vielfältigen neuen Möglichkeiten trauen, einen in der IT-Branche üblichen Betrag in die Hand zu nehmen.
Die Genrevoraussetzungen und die vorhandenen Materialien zum historischen Fall des „Schandweibs“ sprechen für einen sinnvollen Einsatz des enhanced-Formats. Die Umsetzung – von den technischen Fehlern abgesehen – ist solide und leistet, was ich erwarte. Überraschungen aber bietet sie, wie die meisten anderen elektronischen Umsetzungen von Büchern bisher, nicht.

Doch es gibt sie; die Beispiele, bei denen eine ansprechende Tablet-Anwendung eines Buches entstanden ist. Mein momentaner Favorit ist die interaktive Umsetzung von William Joyces „The Fantastic Flying Books of Morris Lessmore“

http://www.youtube.com/watch?v=z38EdtRHlnA

Film- und Spielelemente sind dort recht dominant, der Buch-Charakter regulierbar durch das optionale Ein- oder Ausblenden des Textes und des Sprechers, der diesen vorträgt. Dennoch: Es ist eine Geschichte, die Spaß macht und auf jeder Seite neue Gimmicks bereit hält. Ob sie sich auch zum abendlichen Vorlesen eignet und damit wirklichen Kinderbuchcharakter erhält und ob sich ähnlich ansprechende Umsetzungen für Erwachsenenliteratur finden lassen, muss die Praxis zeigen.

pixelstats trackingpixel

Lisa Heyse

Lisa Heyse ist nach ihrem Studium der Kulturwissenschaft und Germanistik in Bremen zu den Angewandten Literaturwissenschaftler und Litaffinen gestoßen. Nebenbei arbeitet sie als freie Lektorin, Gutachterin für Kinder- und Jugendbücher sowie Moderatorin und organisiert ein europäisches Literaturfestival in Kiel.

Ein Gedanke zu „enhanced eBooks – nur angereichert oder auch bereichert?
Das „Schandweib“ im Test

Kommentare sind geschlossen.