„Es heißt immer, der Wedding kommt“

Von Corinna von Bodisco und Eva Schneider

Am Donnerstag startete in Moabit eine funkelnagelneue Literaturreihe: HAUSER UND TIGER. Randvoll war die Bar Kapitel 21 deshalb in der Lehrter Straße – übrigens nur zehn Minuten weiter wurde Kurt Tucholsky vor knapp 125 Jahren geboren. Bei Kürbis-Karotte-Ingwer-Suppe und dem fruchtigen, extra für die Literaturreihe kreierten Tucholsky-Gedenk-Cocktail, Kurt, fiel gar nicht auf, wie nervös die beiden Gastgeberinnen wirklich waren. Viktoria Hahn und Patricia Spies studieren Angewandte Literaturwissenschaft an der FU Berlin und erobern nebenbei gerne Inselbezirke. Für ihren HAUSER UND TIGER-Auftakt luden sie die Autoren Christine Koschmieder und Mikael Vogel ein.

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Tonschnipsel der Lesungen gibt es hier:

Kurt Tucholsky (alias Peter Panter): Die Grenze, gelesen von Lisa-Marie Schöttler

Mikael Vogel: Posttraumatisches Belastungsstörungsgedicht

Christine Koschmieder: Schweinesystem

Patricia Spies, Christine Koschmieder, Mikael Vogel und Viktoria Hahn beim H&T-Auftakt
Lauschige Wohnzimmer-Atmosphäre
beim Hauser und Tiger-Auftakt

Nach der Veranstaltung traf litaffin dann noch Viktoria und Patricia:

litaffin: War der heutige Abend so, wie ihr ihn euch vorgestellt habt? Wie ist euer Gefühl?

Viki: Ich bin total erleichtert, dass alles so gut über die Bühne ging, dass so viele Leute da waren, dass es so schön war. Es war zwar ein langer Abend, aber das lag auch an den spannenden Autoren. Da konnten wir uns mit Fragen nicht so gut zurück halten.

Patricia: Ja, ich bin auch super erleichtert. Es gab ein paar unvorhergesehene Dinge wie, dass die Suppe nicht rechtzeitig fertig war. Aber wir hatten ein ganz tolles Publikum, das super reagiert hat und dann haben wir einfach ein bisschen verspätet angefangen. Das hat bei mir das Herzklopfen noch verstärkt, aber letztendlich der Veranstaltung überhaupt keinen Abbruch getan.

Viki: Es heißt ja, man macht das so in Berlin. Man fängt immer ein bisschen später an. Da haben wir uns dran gehalten (lacht)!

Patricia: Genau, das meinte einer der Autoren, dass man in Berlin schon gar nicht pünktlich anfangen darf. Das bringt sonst Unglück.

Viktoria Hahn und Patricia Spies (v.l.n.r.) sind die Initiatorinnen
Die beiden Initiatorinnen Viktoria Hahn und Patricia Spies

Viki: Noch zum Thema Unglück und Glück – auf dem Buch von Mikael saß zu Beginn ein Marienkäfer. Ich glaube, dass das ein gutes Omen ist.

litaffin: Wie kamt ihr denn überhaupt auf die Idee, eine Literaturreihe ins Leben zu rufen?

Viki: Ich bin ein riesen Fan von Moabit und jetzt hierher gezogen. Es ist einfach noch ein extrem gemischter Bezirk. Hier gibt es alles und hier wohnen Berliner Familien neben vielen Migrantinnen und Migranten – und das ist cool! Trotzdem, unter meinen Freunden weiß niemand etwas über Moabit. Dann dachten wir, wir müssen irgendwas ins Leben rufen, das Leute hierher bringt. Moabit ist ja auch „die Insel“, also fast komplett von Wasser umschlossen und wir wollten einfach ein paar Leute auf diese Insel bringen. Das ist auf jeden Fall ein Grund für die Idee – plus – wir sind ja auch so relativ häufig auf Literaturveranstaltungen und die sind immer so trocken. Deshalb wollten wir einfach eine Veranstaltung machen, wie wir sie gern besuchen würden und an dem Ort, an dem wir sie gerne besuchen würden. Und das haben wir jetzt gemacht.

Lyriker Mikael Vogel
Lyriker Mikael Vogel

Patricia: Die Motivation war auch, dass wir selbst sehr gerne auf Lesungen gehen und sehr literaturinteressiert sind und dafür nicht ständig nach Kreuzberg oder Neukölln fahren wollten. Einfach mal aus der Haustür gehen können und einen schönen Abend haben, so stellen wir uns das vor. Es ist irgendwie unser Kiez und den wollen wir selber aktiv mitgestalten.

litaffin: Warum braucht Berlin noch eine Lesungsreihe?

Viki: Also Moabit braucht auf jeden Fall eine. 60.000 Menschen und überhaupt keine Literaturreihe – da stimmt ja irgend etwas nicht.

litaffin: Für was steht Moabit denn innerhalb Berlins? Und für was wollt ihr, dass der Bezirk in Zukunft steht?

Viki: Also gerade ist es total unbekannt. Es steht momentan noch für relativ faire Mieten in Anführungsstrichen, soweit das in Berlin möglich ist. Aber trotzdem hat es eine extrem gute Anbindung, es gehört zu Mitte und es ist extrem schön hier. Wir haben die Spree, die ganzen Kanäle. Es ist sehr, sehr lebenswert. Moabit sollte einfach noch mehr in den Fokus rücken. Es heißt immer der Wedding kommt, aber ich glaube Moabit kommt eben auch total.

Patricia: Ich bin 2013 hierher gezogen und in der Zeit, in der ich hier lebe, haben so viele Bars und nette Cafés aufgemacht. Hier die Straße runter gibt es jetzt sogar einen Second-Hand-Trödel-Laden. Für uns ist es ein bisschen der Szenebezirk 2020 – und wir sind eben jetzt schon da.

litaffin: Glaubt ihr, dass euch die Menschen, die hier schon seit 20 Jahren leben, mit offenen Armen empfangen oder sind euch Probleme begegnet? Und denkt ihr, dass die etlichen zuziehenden Studierenden dem Ganzen hier auch schaden können?

Christine Koschmieder las aus ihren Roman "Schweinesystem" © Sven Klages
Christine Koschmieder las aus ihrem Roman „Schweinesystem“
© Sven Klages

Viki: Es verändert sich natürlich, das merkt man. Aber es ist immer noch eine extrem bunte Mischung. Es gibt die Alteingesessenen, es gibt die neuen jungen Studierenden hier, es gibt viele Migrantinnen und Migranten. Ich finde, das ist einfach eine total schöne Mischung und von schaden würde ich da gar nicht sprechen. Wir haben ja auch Fördergelder bekommen vom Quartiersmanagement Moabit Ost. Die waren ganz begeistert, dass jetzt hier so etwas stattfindet.

litaffin: Wie rosig sieht die Zukunft von HAUSER UND TIGER aus bzw. wie schwer ist es, heutzutage noch Kulturförderung zu bekommen?

Patricia: Naja, wir sind in Berlin. Das ist schon sehr schwierig. Es gibt einfach sehr viele Leute mit ganz tollen Ideen, die sich alle um begrenzte Fördermittel bewerben.

Viki: Gleichzeitig sind wir in Moabit und wir machen was mit Literatur. Das ist eine Kombination, die noch nicht so häufig auftaucht auf den Tischen der Leute, die die Förderanträge bearbeiten. Deswegen hoffen wir natürlich, dass das klappt.

Patricia: Was fest steht, ist der nächste Termin, das ist der 15. Januar. Langfristig gesehen würden wir die Lesungen gerne alle zwei Monate machen, allerdings müssen wir noch sehen, ob wir das finanziert bekommen. Wir schreiben schon die nächsten Förderanträge und hoffen auf Unterstützung. Dieses Mal wurden wir nämlich nicht nur vom örtlichen Quartiersmanagement unterstützt, sondern auch von Think Big und dem Freundeskreis der Angewandten Literaturwissenschaft. Ohne diese Hilfe hätten wir unsere tollen Autoren nicht gebührend honorieren können. Mal schauen wie’s weiter geht.

Viki: Und ein Name, der schon bestätigt ist für Januar ist Olga Grjasnowa, auf die wir uns sehr, sehr freuen!

litaffin: Letzte Frage, wer war eigentlich der Kreateur des Kurt-Cocktails?

Viki: Das war der Wirt hier aus dem Kapitel 21, Asmir. Wir haben zu ihm gesagt, wir wollen unbedingt einen eigenen Kurt-Cocktail. Als wir seine Kreation probiert haben, waren wir sofort begeistert. Der schmeckt einfach großartig.

Vielen Dank für das Interview an Viktoria und Patricia und wir wünschen euch viel Erfolg!

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Eva Schneider

Eva Schneider

1989 in einem wirklich kleinen Dorf am schönen Main geboren, zog es sie gut 20 Jahre später an die ebenfalls ganz nette Lahn, wo Eva 'Deutsche Sprache und Literatur' studierte. In der Zwischenzeit spielte auch der Fluss Guádalquivir eine Rolle in ihrem Leben, bevor es sie Ende 2013 dann an die Spree verschlug. Ja, Eva orientiert sich gern am Wasser und träumt davon, dass aus dem Fluss neben der Haustür irgendwann in der Zukunft einmal ein Meer neben der Haustür wird.
Eva Schneider