Gruppe F | Land 2

Ich stieg in die Gondel, die Brust von den verschiedensten Empfindungen bewegt:  ein gewisses Bedauern, die Bleidächer verlassen zu müssen, wo ich viel gelitten, wo ich aber doch manchen und mancher mich lieb gewonnen hatte – die Freude, nach so langer Einsperrung mich in der freien Luft zu befinden, den Himmel und die Stadt und die Wasser, ohne jene unseligen Vierecke der Gitter, zu sehen, die Erinnerung an die fröhliche Gondel, die mich in viel glücklicherer Zeit über dieselbe Lagune getragen, an die Gondeln des Comersees und des Lago Maggiore, an die Barken des Po, an die auf der Rhone und Saone! Ach, die lachenden Jahre, auf immer sind sie dahin! Und wer auf der Welt war so glücklich gewesen als ich?

Geboren von den liebevollsten Eltern, in jener Lage aufgewachsen, die nicht Armut ist und die dir, weil sie zwischen Arm und Reich in der Mitte gelegen ist, die rechte Kenntnis beider Zustände leichter macht – eine Lage, welche ich, das Gemüt des Menschen zu bilden, für am geeignetsten halte – so war ich nach einer Kindheit, die mir unter der milden Fürsorge meiner Eltern still und heiter verflossen, nach Lyon zu einem alten Onkel von mütterlicher Seite gekommen, zu einem Manne, der sehr reich, aber ebenso sehr seines Reichtums würdig war, und hier hatte alles, was ein der Anmut und Liebe bedürfendes Herz entzücken kann, die erste Glut meiner Jugendjahre ergötzt: von dort nach Italien zurückgekehrt, hatte ich im Hause meiner Eltern zu Mailand meine Studien fortgesetzt, der Gesellschaft und meinen Büchern mich gewidmet und hatte nur treffliche Freunde und schmeichelhaften Beifall gefunden. Monti und Foscolo, obwohl damals miteinander in Streit, hatten mir in gleicher Weise ihr Wohlwollen geschenkt. Lebhafter fühlte ich mich zu dem letzteren hingezogen, und der sonst so heftige Mann, der durch sein schroffes Wesen so viele von sich abstieß, war gegen mich die Zärtlichkeit und Herzlichkeit selbst gewesen, und ich verehrte ihn auf das innigste. Die übrigen Literaten von Ruf liebten mich ebenfalls, sowie ich sie wieder liebte. Nie traf mich ein Angriff des Neides oder der Mißgunst, oder wenn es geschah, so ging dies wenigstens nur von so verrufenen Leuten aus, die mir nicht schaden konnten. Beim Sturze des Königreichs Italien hatte mein Vater mit den übrigen Mitgliedern unserer Familie seinen Wohnort wieder nach Turin verlegt, nur ich hatte es aufgeschoben, mich mit so geliebten Personen wieder zu vereinigen, und war schließlich in Mailand geblieben, wo so viel Glück mich umgab, daß ich mich nicht entschließen konnte, es zu verlassen.

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