Frankfurter Buchmesse 2020: Ganz viel Hoffnung und Zeit für Heldinnen

Aufgrund der Corona-Pandemie war in diesem Jahr alles anders. Anstatt durch die Frankfurter Messehallen von Veranstaltung zu Veranstaltung zu eilen, saßen wir auf unseren Berliner Sofas und streamten online die Buchmessetage. Es gab kein Gewusel, kein Messestand, keine Begegnungen! Trotzdem fiel die größte Buchmesse der Welt nicht aus, sondern sie konnte teilweise mit sehr wenig Publikum in Frankfurt stattfinden und wurde überwiegend von den Veranstalter*innen in den digitalen Raum verlegt. Die Litaffin-Redakteurinnen Meri und Eileen waren live von zuhause dabei!

Festhalle Signals of Hope Logo 2020 © Marc Jacquemin / Frankfurter Buchmesse

Graue Wolken zogen am Berliner Wohnzimmerfenster vorbei, der Regen klopfte an die Scheibe – ein Anflug von Melancholie befiel uns wohl alle in diesen Tagen, denn es war Oktober, es war Frankfurter Buchmesse und keine*r ging hin. Das Einzige, was in diesem Herbst bleibt, sind die tollen Neuerscheinungen, und die lassen sich in den Buchhandlungen echt sehen und entdecken.

Das Buch ist krisenfest und unabdingbarer Teil unserer Gesellschaft. Es liefert verlässliche Fakten, greift drängende Fragen auf und bietet Inspiration. Bücher können die Gesellschaft unterstützen, gerade jetzt in der Krise und beim Weg aus ihr heraus

Karin Schmidt Friedrichs auf der Eröffnungsfeier der Frankfurter Buchmesse 2020
Buchhandlung „Die gute Seite“ in Berlin-Neukölln

„Signals of Hope“ setzen

Zu Beginn der Planung der Frankfurter Buchmesse waren die Veranstalter*innen noch optimistisch und erhofften sich, mit einem guten Hygienekonzept und Abstandsregelungen ihre Tore für die vielen Aussteller*innen und Besucher*innen zu öffnen. Im September wurde jedoch das physische Messegeschehen abgesagt und digitale Formate wurden entwickelt und gestaltet. „Das Digitale wird uns helfen noch größere Kreise in die Welt hinauszuziehen“, sagte Juergen Boos, der Direktor der Frankfurter Buchmesse, während der liveübertragenen Eröffnungsfeier. Aber was nun während der Messe fehle, seien natürlich das kreative Chaos und die persönlichen Begegnungen, so Boos. In diesem Jahr bliebe uns allen nur „Signals of Hope“ zu setzen, das Motto, unter dem die Frankfurter Buchmesse stand.

Hoffnung auf eine diversere Gesellschaft und vielfältige Literatur verhieß das diesjährige Ehrengastland Kanada mit dem Motto „Singular Plurality“. Hierbei lasse sich nicht nur die englisch- und französischsprachige Literatur des kanadischen Raums entdecken, sondern auch Werke indigener Autor*innen seien bemerkenswert, plädierte Anabelle Assaf, die den Roman Washington Black von Esi Edugyan ins Deutsche übersetzte.

Das Programm Kanadas wurde von Catherine Hernandez, Jocelyn Saucier, Joshua Whitehead, David A. Robertson und weiteren Autor*innen vorgestellt. Aber das Sahnehäubchen auf dem Kuchen war ein 60-minütiges Exklusivgespräch mit Margaret Atwood, eine der bedeutendsten Schriftstellerinnen unserer Zeit und die Autorin von mehr als fünfzig Werken. Sie hat zahlreiche Auszeichnungen erhalten und Atwoods Roman The Handmaid’s Tale von 1985 wird mittlerweile als Klassiker wahrgenommen.

Übers Schreiben mit Magret Atwood

Im Interview fragte der kanadische Essay-Autor Charles Foran, ob die Stadt Toronto großen Einfluss auf ihren Schreibstil gehabt habe und ihr letztendlich dabei geholfen habe, den Roman Handmaid’s Tale zu schreiben. Daraufhin bejahte Atwood dies und beschrieb, wenn man in einer Kleinstadtgesellschaft aufwachse, dann kenne man jede*n, auch was die Leute so vorhaben und letztendlich kenne man die Meinung der Stadt über die Leute. Und wenn man den Blick von außen habe, dann frage man sich häufiger, warum verhalten die Leute sich dementsprechend so. Da Atwood ursprünglich nicht aus Toronto stamme, sondern in den Wäldern im Nordwesten von Quebec aufgewachsen sei, habe sie sich manchmal wie ein „Alien“ gefühlt und habe dadurch diesen Blickwinkel fürs Schreiben entwickeln können.

Beim Schreiben eines Romans ist es laut Atwood wichtig, dass man als Schriftsteller*in die Zweidimensionalität der Charaktere zeigen könne. Schließlich haben wir alle Emotionen, die kommen und gehen, die sich ständig verändern und deswegen können wir auch unterschiedliche Motive haben. Weitere Antworten auf die Fragen, ob man über die Pandemie jetzt schreiben muss und wie die Wahrnehmung von Musik und Visueller Kunst korrelieren, kann man sich in der Videoaufnahme anschauen.

Von Heldinnen und starken Frauen

Anne Weber erhält den Deutschen Buchpreis © vntr.media

Traditionell zur Frankfurter Buchmesse wurde der Deutsche Buchpreis 2020 im Kaisersaal des Römers verliehen. Per Livestream über die Webseite des Deutschen Börsenvereins konnten wir aus unseren Wohnzimmern mitfiebern, wen die Jury nun zur Gewinner*in wählte. Mit ihrem Roman „Annette, ein Heldinnenepos“ erhielt die Schriftstellerin Anne Weber die Auszeichnung und war sichtlich überrascht, sodass sie keine Dankesrede vorbereitet hatte. Stattdessen erzählte sie über die Heldin ihres Buches, die französische Widerstandskämpferin und Menschenretterin Anne Beaumanoir, und rückte somit das Leben dieser beeindruckenden Frau in den Vordergrund. Interessant, spannend und hat auf jeden Fall Lust auf mehr gemacht!

Stark war auch der Auftritt der Autorin und Kolumnistin Mely Kiyak, die auf dem blauen Sofa im Berliner ZDF Hauptstadtstudio ihr neues Buch Frausein präsentierte. Kiyak erzählt vom Aufwachsen als Tochter eines kurdischen Migranten in Deutschland. In ihrer Autofiktion beschäftigt sie sich mit den Fragen, was es bedeutet eine Frau zu sein und wie Frauwerdung funktioniert. „Es ist keine Autobiographie meines Lebens“, so Kiyak, denn Erinnerung tauge nie als Wahrheit. Es ist ein Buch übers Schreiben, Sex und Widerstand. Der Dreh- und Angelpunkt sei auch die Frage, wer bin ich in Sprache und als schreibende Frau.

Über das Leben gegen Diskriminierung in der Reihe „Streiterinnen“ sprachen die jungen Autorinnen Olivia Wenzel und Melisa Erkurt auf der ARD-Bühne. „Ich habe keine Werkzeuge in der Schule für mein Selbstbewusstsein als Migrantin mitbekommen“, erzählte Erkurt. Olivia Wenzel, deren Buch 1000 Serpentinen Angst auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2020 nominiert war, sagte: „Ich glaube, es wäre zum Beispiel ein schöner Ansatz zu sagen, wir begreifen die Sprache, die die Kinder mitbringen aus den Familien, nicht als Balast in ihrem Rucksack, sondern als Geschenk.“ In dieser anregenden Podiumsdiskussion stellen beide dar, dass es wichtig ist, „Innovation voranzutreiben“ und die Intersektionalität zu denken.

„Follow us into the Elevator“

Mit vollem Einsatz und exklusiv für Blogger*innen präsentierte das Presseteam des S. Fischer Verlags sein Frühjahrsprogramm im Aufzug des Frankfurter Verlaghauses. 40 Minuten lang pitchten sie leidenschaftlich die neuen Bücher. Für diese digitale Präsentation vervierfachten sie sich, hielten bunte Schilder mit Zitaten hoch oder präsentierten sogar kopfüber in der Handstandposition. Wir sind begeistert von den Büchern, die uns im Frühjahr 2021 bei S. Fischer erwarten und wünschen uns häufiger so eine kreative Programmvorstellung!

Wie gerne wären wir all diesen Autorinnen und noch vielen weiteren interessanten Menschen auf der Frankfurter Buchmesse begegnet! Während der digitalen Veranstaltungen fehlte uns das hysterische Stimmengewirr, das euphorische Erlebnis nah bei den Autor*innen sein zu können, der kreative Austausch unter Blogger*innen und natürlich die fulminanten Partys. Wir hoffen auf das nächste Jahr!

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Eileen Schüler
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