From Panels With Love #23: Der Schwindler

Eine Wahrsagerin prophezeit einem Buchhalter aus St. Petersburg den großen Reichtum und während der russischen Revolution wird aus eben jenem Semjon Newsorow ein großer Schwindler.

Dieses Szenario entwarf Alexei Tolstoi für seinen Roman Ibykus (1924). Pascal Rabaté hat aus dieser Vorlage eine Graphic Novel gearbeitet, die sich in der Gesamtausgabe getrost Comicwälzer nennen darf.

Pascal Rabaté: Der Schwindler. Schreiber & Leser 2018 © Leonie Hohmann

 

Wenn die Welt in Feuer und Blut vergeht, wenn der Krieg in die Häuser der Menschen kommt, wenn der Bruder den Bruder tötet, wirst du reich sein. Du wirst unerhörte Abenteuer erleben und ungeheuer reich sein.

Diese Prophezeiung erhält der Buchhalter Semjon Newsorow im Februar 1917 in St. Petersburg.  Kein Wunder, dass sich der unbedeutende Newsorow nun nichts sehnlicher wünscht als dass die Welt um ihn herum im Chaos versinkt. Und er muss sich nicht lange gedulden: Mit der Februarrevolution beginnt für ihn ein Wanderleben, ganz so wie beim griechischen Dichter Ibykus, nach dem Tolstoi seinen Schwindler benennt. Eben jener Schwindler wird die folgenden Jahre an verschiedenen Orten und unter diversen Identitäten verleben und immer wieder versuchen, seinen Vorteil aus den chaotischen politischen Verhältnissen zu ziehen.

Ein Wiedergeborener

Bei all seiner List und Habgier ist Newsorow jedoch nur ein mäßig erfolgreicher Schwindler. Ohne Sinn und verstand verzockt er immer wieder sein Vermögen und setzt auch sein Leben aufs Spiel. Doch wieder und wieder gelingt es ihm, den Kopf aus der Schlinge zu ziehen und sich mit einem kleinen Startkapital für den nächsten Neuanfang abzusetzen.

Literatur in Literatur, Bild im Bild

Als Adaption einer Romanvorlage ist der 540 Seiten starke Schwindler aber kein großes Zitat. Auch wenn der Seitenumfang nah an die epische Breite herankommt, verwendet Rabaté wenig Sprache und noch weniger Zitate aus Tolstois Ibykus. Vielmehr erzählt der Comiczeichner mittles seiner schwarz-weißen Bilder und es entsteht ein rasantes Lesetempo mit Sogwirkung. Was an literarischen Zitaten nicht gegeben ist, bietet Rabaté in bildlichen Zitaten: Der sozialistische Realismus und die Stummfilmästhetik von Panzerkreuzer Potemkin finden sich in den schwarz-weiß gehaltenen Panels. Viele Bildmomente erinnern aber auch in den Elendsdarstellungen an Käthe Kollwitz und in den Partyszenen und in der Inszenierung des sprechenden Totenkopfes an Otto Dix.

Fazit

Rabatés Schwindler (im französischen Original Ibicus)  wurde bereits zwischen 1998 und 2001 in vier Einzelbändern veröffentlicht. Die Gesamtausgabe, mit Hardcover und hochwertigem Papier, ist kein handliches oder transportables Format. Doch wer einen Nachmittag mit Buch einrichten kann, wird den Wälzer im Nu durchgelesen haben: Die Geschichte spannend, die Fallhöhen tief und die Abgründe noch tiefer; erzählt in beeindruckenden Bilder, die ihre eigene düstere Sprache sprechen.

 

*Pascal Rabaté (Jahrgang 1961) veröffentlichte nach seinem Studium der bildenden Künste 1989 seinen ersten Comic und gehört bis heute zu den hochgeschätzten Zeichner*innen des französischen Bandes Dessinées.

Pascal Rabaté: Der Schwindler. Nach dem Roman Ibykus von Alexei Tolstoi. Aus dem Französischen von Resel Rebiersch. Schreiber & Leser 2018.

 

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Leonie Hohmann

„Kein Feuer, keine Kohle, kann brennen so heiß als […]“das Herz der gebürtigen Essenerin (Jahrgang ’94) für Literatur, Theater, Tanz, Musik und Großstadtluft. Nach dem Grundstudium in Bochum ereilte sie der Ruf nach Berlin, wo sie seit 2017 Angewandte Literaturwissenschaft studiert.

[Zitat entnommen: Volkslied, anonym, 18.Jh.]

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