From Panels with Love #27: Lena und Karolin über „Natürliche Schönheit“

Natürliche Schönheit ist der erste ins Deutsche übersetzte Comic-Band der schwedischen Zeichnerin Nanna Johansson. Das Buch ist bunt, lustig, themenreich und erinnert uns an eine ganz bestimmte schwedische Comic-Autorin. Lena und Karolin haben Natürliche Schönheit gelesen und sich darüber ausgetauscht.

Graphic Novel von Nanna Johansson Natürliche Schönheit © Lena Stöneberg

Karolin: Welches Bild, welcher Comic ist dir besonders im Kopf geblieben, wenn du jetzt an das Buch denkst?

Lena: Besonders sind bei mir die fingierten historischen Zeitschriftencover hängengeblieben, die das Frauenbild einer Epoche von der Steinzeit bis zum Wilden Westen darstellen – natürlich herrlich überspitzt und mit brüllend komischen Details, aber es zeigt so schön, wie absurd die Inhalte heutiger Frauenmagazine doch sind. Und vielleicht haben sich der Erwartungsdruck an Frauen tatsächlich nicht so sehr bis heute verändert?

Nanna Johansson verulkt Frauenzeitschriften © Lena Stöneberg

Hattest du einen Lieblings-Panel, eine Episode, die dich besonders gekriegt hat?

Karolin:  Mich hat auf jeden Fall der kleine Comic Fashion for Dummies gekriegt. Er beginnt damit, dass eine Frau einen Albatross auf dem Kopf trägt und eine andere Person das peinlich findet. Als dann aber immer mehr Leute Albatrosse als Kopfbedeckung tragen, findet die es doch cool und kauft sich ebenfalls einen. Kurz darauf kauft ihre Freundin sich eine Möwe als Kopfbedeckung, was die andere Person zunächst erneut verwundert. Wenige Zeit später ist die Möwe in und der Albatross out. Nanna Johansson zeigt hier beißend ironisch den nicht enden wollenden Kreislauf von kurzlebiger Mode. Da sie Vögel als Kopfbedeckungen wählt, gelingt es ihr charmant nicht einfach ein bestimmtes Kleidungsstück – einen Hut – zu verteufeln, sondern formt den Gedanken allgemeiner. Und, na klar, mit den Vögeln als Beispiel wirkt das Ganze natürlich noch absurder.

Haste nen Vogel?! Fashion for Dummies © Lena Stöneberg

 

Schön, dass Nanna Johansson so viele verschiedene Facetten von Schönheitsthemen wählt und sie so humorvoll kritisiert. Was hast du denn erwartet, als du den Titel gelesen hast?

Lena: Ich hatte eine ähnliche Herangehensweise an das Thema Schönheit erwartet, wie man es von Liv Strömquist kennt, also eine genauere historische Recherche, eine kritisch-parodistische Illustration über die Eckpfeiler wichtiger Persönlichkeiten. Nanna umkreist ihr Thema ja eher vage und collagiert einfach jede Menge absurder Einfälle, die sie damit assoziiert.

Karolin: Das Absurde fand ich auch herausragend! Das kenne ich schon auch von Liv Strömquist, aber da sind die historischen Fakten – natürlich überspitzt in Worten und Bilder gepackt – allein schon das Absurde. Nanna Johannson arbeitet zum Beispiel ja auch mit Zeichnungen, die sie auf Fotos setzt. Außerdem sind alle Zeichnungen farbig. Ehrlich gesagt hätte ich die Bilder auf den ersten Blick Liv Strömquist zugeordnet. Auf den zweiten Blick ist dann der sehr eigene Stil und die assoziative Annährung an die Themen erkennbar. Ich glaube, es ist ja auch nicht ganz verwunderlich, dass uns die Zeichnungen an die von Liv Strömquist erinnern, die beiden kennen sich und arbeiten ja auch miteinander. Was war hier denn neu für dich in dem ersten auf Deutsch übersetzten Nanna-Johanson-Comic, was hat dich überrascht?

Lena: Ein sehr simpler, aber für mich überraschender Gedanke, steckt in der Hamster-Episode zu gendergerechter Ästhetik. Diese Szene möchte ich mir als schlagfertige Antwort auf dämliche Sprüche merken, die eine androgüne Kleidungsweise oder anderweitig aus der Genderrollen-Norm fallendes Auftreten abkanzelt.

Hamster-Panel aus Nanna Johansson Natürliche Schönheit © Lena Stöneberg

Wirklich großartig fand ich aber auch die Comics, die die Leser*innen etwas ärgern sollten, weil sie einem vor Augen führen, dass wir alle nicht frei sind von den klasssichen Bewertungsmechanismen. Mut zur Hässlichkeit? Sympathie für Ekelhaftes? Gar nicht so leicht…

Wir haben es alle verinnerlicht: Das Schöne und das Gute sind eins. Nanna Johansson zeigt uns mit diesem Ungetüm unsere Grenzen in Sachen Toleranz. © Lena Stöneberg

Wie ging es dir denn in Bezug zu Liv Strömquist, Daria Bagdaska und anderen schwedischen Comics, die ins Deutsche übersetzt wurden und über die du für Litaffin schon geschrieben hast?

Karolin: Alle drei Frauen widmen sich den Themen Feminismus und Gleichberechtiung. Bei Liv Strömquist und Nanna Johansson geschieht dies in kurzen Comics oder Collagen. Humor mit genügend Ernsthaftigkeit und Historizität. Daria Bogdanska wiederum verarbeitet in ihrem Comic Von unten ja ihre eigenen Erfahrungen als Migrantin in Schweden in Bezug auf prekäres Arbeiten und ihre damalige rechtliche Lage in einem Graphic Novel. Den dreien gelingt es mithilfe eines gut konsumierbaren Mediums große Themen zu bearbeiten und dabei immer die Zuschreibung an Frauen aufzudecken. Auffällig, dass alle drei in Schweden leben. Letzte Frage an dich: wie würdest du denn die Stärken von Natürliche Schönheit beschreiben, wie ist dein Fazit?

Lena: Nanna liefert eine recht lose Sammlung von Episoden und einzelnen Szenen, die sie wild durcheinander collagiert und in grell-bunte Farben gießt. Eine Kartoffelkopf-Ästhetik, verschnitten mit Bildern aus Magazinen und der Werbung. Ihre klamaukige Herangehensweise reicht von Kalauer bis klug-beißender Ironie. Eine wirklich sehr eigensinnige Erzählweise, besonders da sie eigentlich an keiner Stelle deutlich sagt, was sie meint und worum es ihr genau geht, sondern es den Leser*innen überlässt, sich den Kontext selbst herauszuarbeiten.

Karolin: Absolut! Ich finde, Ironie ist hier eine ganz große Stärke und ein bisschen Mitdenken muss natürlich auch sein. Ich freue mich auf weitere Übersetzungen!

Nanna Johansson: Natürlich Schönheit, Avant 2019.
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Karolin Kolbe

Karolin wohnt glücklich in einer großen WG mit Katze, rettet Lebensmittel, jodelt in einer Demogruppe und schreibt Jugendbücher. Lesen tut sie auch gerne, studierte erst "Filmwissenschaft" und "Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft" und seit 2018 "Angewandte Literaturwissenschaft" in Berlin.
Karolin Kolbe

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