From Panels with Love #28: Mord und Kunst und Weihnachtszeit

Cassandra Darke ist eine kautzige und überhebliche Kunsthändlerin Anfang siebzig, die ihr Leben für die Kunst lebt. Sie wohnt in einer noblen Villa in London, ist am liebsten allein und eine echte Kennerin ihres Faches. Als dann herauskommt, dass sie unautorisierte Kopien von Kunstwerken verkauft hat, ist es vorbei mit Köchin, Job und unermesslichem Luxus. Stattdessen wartet das Gericht auf sie. Zu allem Überfluss findet Cassandra Darke auch noch eine Pistole in ihrer dreckigen Wäsche und wird plötzlich in einen Mordfall verwickelt. Posy Simmonds hat einen Graphic Novel mit detaillierter Geschichte und stimmungsvollen Bildern erschaffen, in denen auch der Textanteil nicht zu kurz kommt.

Cassandra Darke – ein Weihnachtskrimi. Foto: Karolin Kolbe

Es ist Weihnachtszeit und während die Londoner*innen voller Vorfreude im Einkaufszentrum dem Kapitalismus fröhnen, sieht Cassandra Darke auf diese „verblödeten Weihnachtsshopper“ herab. Sie verbringt ihr Leben in der Galerie Ihres Ex-Mannes und bei Größen und Kenner*innen der Kunstszene. Cassandras Leben verläuft in geordneten Bahnen, sie ist Einzelgängerin, lebt für die Kunst und beschäftigt mehrere Angestellte in ihrer Villa. Geld und Luxus hat sie genug. Das ändert sich, als ihr Betrug herauskommt und sie vor Gericht muss. Ab nun ernährt sie sich von Fertigessen und Wein und meidet den Kontakt zu Menschen.

Brief und Fertigessen. Foto: Karolin Kolbe

Der Brief meiner Schwester (E-Mails schreibt sie nicht) erreicht mich zu einer Zeit, da mein Leben wieder in geregelte Bahnen zurückgefunden hat – auch wenn sich nach jüngsten Turbulenzen einiges verändert hat. Die Schadensersatzzahlungen und die Anwalts- und Gerichtskosten haben mein Vermögen aufgefressen: Ich musste mein Haus in Frankreich verkaufen und meinen Fahrer und meine Haushälterin entlassen. Also habe ich Fast Food und den öffentlichen Nahverkehr für mich entdeckt. Aber… hätte es nicht alles noch viel schlimmer kommen können?

Der Brief ihrere Schwester ist eine Einladung zum Gedenkgottesdienst für ihren gerade verstorbenen Ex-Mann, der später der Mann ihrer Schwester wurde. Cassandra überwindet sich die Einladung anzunehmen und versteckt sich während der Feierlichkeit auf der Empore. Von oben entdeckt sie Nicki, verhinderte Künstlerin, Tochter ihres Ex-Mannes und ihre Nichte. Doch da wird auch sie erkannt.

Die Gedenkfeier. Foto Karolin Kolbe

Zeit zu gehen. Auf den Kirchenbänken stößt man sich gegenseitig an, und immer mehr Köpfe drehen sich nach oben. Darunter auch Nickis. Nicki, du falsche Schlange. Immerhin lässt sie sich bei der Gedenkveranstaltung für ihren Vater blicken.

Nach einem dicken Stück Kuchen und einigen Drinks in irgendeiner Bar fährt sie wieder nach Hause. Was sie dann zufällig findet, wirft ihr Leben durcheinander: eine Pistole im Dreckwäschekorb.

Was 2016 geschah

Posy Simmonds verführt jetzt einen Sprung zurück ins Jahr 2016, ein Jahr zuvor, in eine Zeit, in der noch alles gut war. Cassandra ist eine umworbene Kunsthändlerin mit Macht auf dem Markt und Nicki ihre persönliche Assistentin, der sie aufgrund von Nickis verzweifelter Geldnot diese Arbeit anbietet. Nicki erledigt alle Aufgaben, die Cassandra ihr aufträgt und versucht sich parallel mit ihren Kunst-Performances einen Namen zu machen. Sie lebt im Keller von Cassandras Haus in einer kleinen eigenen Wohnung, um ständig für ihre Tante verfügbar zu sein. Die beiden unterschiedlichen Frauen geraten des Öfteren aneinader und leben doch in einer sich bedingenden Symbiose zusammen. In den beiden Figuren zeigt sich ein Generationenkonflikt und ein gegenseitiges Unverständnis. Cassandra kann Nickis Kunst und ihren ständigen Kontakt zum Smartphone nicht verstehen. Nicki wiederum sieht in Cassandra nicht mehr als eine verbitterte Frau ohne Gefühle. Ab diesem Punkt geht die Geschichte in zwei Perspektiven weiter und die Leser*innen folgen einerseits Cassandra, andererseits aber auch Nicki. Das Dilemma beginnt, als Nicki auf einer Party kurz mit dem falschen Typen redet. Und damit in ein verbrecherisches Wespennest sticht, das sie ein Jahr später mit dem versteckten Revolver wieder einholt. Der Graphic Novel wird zur spannenden Kriminalgeschichte voller Rätsel, Gewalt und Verstrickungen.

Nickis Weihnachtsperformance. Foto Karolin Kolbe

Krimiartige Weihnachtsstimmung

Der Comic spielt auf verschiedenen Zeitebenen meist um Weihnachten herum. Es gibt Schnee, dicke Mützen, Weihnachtseinkäufe im vollen London und eine ständige Eiseskälte. Posy Simmonds Zeichnungen sind sehr stimmunsvoll, genau und bebildern den Comic mit einer großen Klarheit. Der hohe Textanteil, der erstaunlich wenig in Sprechblasen stattfindet, macht eine romanhafte Tiefe in der Geschichte möglich, die voller Spannung ist und zugleich die Einsamkeit illustriert, in der die Protagonistin lebt. Besonders die Bilder, auf denen Essen oder andere Details gezeigt werden, überzeugen, das Chicken-Tikka aus der Fertigbox kann man als Leser*in fast riechen. Genauso besonders sind die großen einseitigen Bilder, in denen es Simmonds gelingt, eine Stimmung mit einer Zeichnung ohne Text zu transportieren, wie zum Beispiel die anstrengenden Einkäufe der urbanen Londoner*innen, die am Handy hängen und sich durch die Massen drängen. Geschickt ist auch die Fokalisierung der unsympathischen Cassandra, für die gleichsam Mitleid empfunden wird. Das bringt die Leser*in immer wieder in einen Solidaritätskonflikt: bin ich für Cassandra oder gegen sie?

Londoner Weihnachtseinkäufe. Foto Karolin Kolbe

Vielschichtiger Comic

Der Comic ist vielschichtig, vereint Themen wie Familiendramen, Kapitalismus, Kriminalität, Gewalt gegen Frauen und Generationenkonflikte. Posy Simmonds ist eine erfahrene Zeichnerin und zeigt uns hier handwerklich fantastische Bilder, die jegliche Stimmung einfangen. Auch wenn Cassandra Darke keinesfalls eine klassische Weihnachts-Wohlfühl-Geschichte ist, passt sie wunderbar in die jetzt anstehende Zeit. Zu einfach will Posy Simmonds es uns mit der Gemütlichkeit eben nicht machen.

Posy Simmonds: Cassandra Darke, Reprodukt 2019.
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Karolin Kolbe

Karolin wohnt glücklich in einer großen WG mit Katze, rettet Lebensmittel, jodelt in einer Demogruppe und schreibt Jugendbücher. Lesen tut sie auch gerne, studierte erst "Filmwissenschaft" und "Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft" und seit 2018 "Angewandte Literaturwissenschaft" in Berlin.
Karolin Kolbe

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